Weltengänger Vorwort Es gibt solche Bücher und solche Bücher. Manche kann man an jedem Kiosk erwerben, andere muß man in Spezialbibliotheken regelrecht ausgraben - und es gibt Bücher die unter Verschluß stehen. Geheimdienste und der Vatikan horten angeblich solch geheime Schriften. Nun, auch ich gelangte eines Tages in Besitz einer höchst mysteriösen Schrift. Die näheren Umstände wie und warum sie in meine Hände kam möchte ich euch lieber ersparen. Jedenfalls gelang es mir in jahrelanger Arbeit die völlig unbekannten Schriftzeichen zu entschlüsseln. Meiner Meinung nach handelt es sich um eine Art Reiseprospekt, der aber keinesfalls irdischen Ursprungs sein kann. Da ich mit meiner Entdeckung bei den zuständigen Stellen auf taube Ohren stieß entschloß ich mich zur Veröffentlichung. Nun könnt ihr euch selbst ein Urteil über meine Entdeckung machen und vielleicht Schlußfolgerungen oder sogar Konsequenzen daraus ziehen. ---------------------------------- Unterweisung für Weltengänger (Anfänger) Einleitung Wie allgemein bekannt ist gibt es ein Universum mit verschiedensten Galaxien und Sternenhaufen. In einem dieser Planetenansammlungen haust ein stupides Völkchen auf einer kleinen blauen Kugel. Sie nennen sich Menschen und sind der irrigen Ansicht es gäbe ein paar Sternenhaufen und Galaxien die zusammengefaßt das Universum bilden. Darüber hinaus meinen sie, könne es nichts mehr geben. Dies ist natürlich grundlegend falsch. Den Eingeborenen des Planeten Erde muß man zu Gute halten, daß sie noch nicht weit herumgekommen sind. Momentan sind sie damit beschäftigt hochkomplizierte Metallgebilde in den Weltraum zu schießen. Es gibt aber selbst bei dieser unterentwickelten Rasse einige Individuen die geradezu seherische Fähigkeiten an den Tag legen. Man nennt sie dort Fantasy- oder Sience Fiction Autoren. Diese Propheten und ihre geringe Anzahl wirklich gläubiger Anhänger haben erkannt, daß die Materie weit größere Ausdehnungen als ein lächerliches Universum hat. Sie haben, soweit ihre Vorstellungskraft es zuläßt, die Möglichkeit unzähligen Dimensionen erfaßt und sogar theoretische Verbindungen zwischen den Welten geschaffen, wie zum Beispiel die allseits bekannten Dimensionstore. Man sieht also es besteht noch Hoffnung für die Menschen eines Tages aus ihrem geistigen Dämmerzustand zu erwachen. Die Menschheit steht mit ihrer Ansicht aber nicht alleine da. Es handelt sich hierbei um ein weitverbreitetes Phänomen. In fast allen Dimensionen herrscht der Aberglaube, alleine auf der Welt zu sein. Sie haben diese Lektüre erworben um sich auf ihren ersten Dimensionswechsel vorzubereiten. Das ist äußerst vernünftig. Speziell wenn sie vorhaben zu primitiveren Kulturen zu wandern. Es ist leider schon des öfteren vorgekommen daß selbst erfahrene Weltengänger nicht mehr aus eigener Kraft zurückkehren konnten. Grundsätzlich kann ich ihnen empfehlen sich möglichst im Verborgenen zu halten und nur zu Beobachten. Der Kontakt mit Einheimischen kann furchtbar ins Auge gehen. Unter keinen Umständen sollten sie sich dazu hinreißen lassen irgendwelche großartige Heilsbotschaften oder Gebote auf ein unbedarftes Volk loszulassen. Viele Wanderer fanden dadurch ein jähes Ende, wurden auf Holzbalken genagelt und mußten heimgeholt werden. Um ihnen die Gefahren vor Augen zu führen, habe ich aus einer relativ unbekannten Dimension willkürlich eine Welt herausgegriffen. Es handelt sich nicht um eine der bekannten Kugelwelten sondern um eine Flach- oder Scheibenwelt. Die Eingeborenen haben mittleren Entwicklungsstand erreicht; sind also mit Vorsicht zu genießen. Insbesondere da sie magische Fähigkeiten entwickelt haben. Ansonsten gibt es über diese Welt nichts besonderes zu berichten; man stellt sich dort die obligate Frage nach dem Sinn des Lebens und kämpft wie üblich gegen das Böse. Anhand der nachfolgenden Erzählung eines Weltengängers der einige Zeit dort verbrachte möchte ich ihnen begreiflich machen was sie in fremden Welten erwarten kann. In dem Bericht wird eine Söldnertruppe auf ihren Weg begleitet. und ich bitte sie immer zu bedenken, daß sie auf zukünftigen Reisen jederzeit solchen Wesen begegnen könnten. Und sie müssen sich im klaren darüber werden; wenn sie diesen oder ähnlichen Lebensformen in die Hände fallen, - dann Gnade ihnen sonst wer. ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Kapitel 1 Die Ankunft Es ist früher Morgen. Ich bin vor kurzer Zeit hier eingetroffen. Der Dimensionswechsel erfolgte Problemlos. Ich benutzte ein unauffälliges Dimensionstor. Mein erster Eindruck war äußerst erfreulich. Anscheinend ist Mystia eine friedliche Welt. Es zeigten sich noch keine gröberen Abweichungen von den Regeln der Planetennatur. Ich befinde mich Momentan am Fuße des sogenannten Zwergengebirge. Vor mir schläft eine Gruppe Reisender. Es dürfte hier nichts zu befürchten geben denn sie liegen ohne irgendeine Schutzmaßnahme im Gras herum. Etwas irritiert hat mich ihre schwere Bewaffnung, aber vielleicht gehört es zur Kultur des Landes. Es könnte ein Symbol der Stärke darstellen. Ich habe -natürlich mit allem Anstand ein wenig in ihren Träumen geforscht und konnte einiges über sie in Erfahrung bringen. Es muß seit langer Zeit Frieden herrschen zwischen den verschiedenen Kreaturen des Landes. Hier, vor mir liegt auch gleich eine kleine Auswahl der Verschiedenen Lebensformen. Am häufigsten ist die Gattung Homo Sapiens vertreten. Einer heißt Davidudl, ziemlich kräftiger Kerl, er schläft in voller Rüstung und träumt soeben von der selben. Ein weiterer wird von den anderen mit Osak angesprochen, er träumt von unermeßlichen Reichtümern. Die dritte dieser Gattung ist weiblich und nennt sich Ibraha. Sie ist eindeutig Magisch begabt, sie träumt gerade von einem gewaltigen Feuerball, aber der Spruch ist so kompliziert das ich ihren Gedankengängen in der Eile noch nicht ganz folgen kann. Ein weiteres weibliches Wesen heißt Anaid, sie ist eine Elfe mit typisch spitzen Ohren. Ihre Leidenschaft scheint das Bogenschießen zu sein und noch irgend etwas anderes, daß ich aber noch nicht erkennen konnte. Der letzte ist auch das außergewöhnlichste Wesen, er ist etwa halb so groß wie die anderen, aber fast genauso breit. Sein Name ist Kardoc. Er sieht etwas gestaucht aus, als ob ihm etwas sehr schweres auf den Kopf gefallen währe. Die Beine sind auf jeden Fall viel zu kurz. Ich bin schon auf seine Gangart gespannt. Sein Gehirn muß auch etwas abbekommen haben, in seinem Träumen herrscht ein wüstes Durcheinander aller möglicher und unmöglicher Dinge. Er könnte fast ein lebendes Lexikon sein. Seßhaft scheinen diese fünf Eingeborenen nicht gerade zu sein. Sie dürften schon länger zusammen durchs Land ziehen. Nach ihren Träumen zu Urteilen befreien sie gegen Bezahlung die Kellergewölbe der Burgen und Schlössern von Ungeziefer, daß hier ziemlich groß geraten sein muß. Ich vermute sie werden nun bald erwachen. Es wird Zeit, daß ich meine körperliche Existenz auflöse. Um die Truppe zu begleiten habe ich einen etwas anstrengenden aber dafür sicheren Weg gewählt. Ich werde mich in das Unterbewußtsein des Zwerges nisten um so ungefährdet das Land aus der Sicht eines Bewohners zu entdecken. Sie haben, wie so viele Rassen, noch keinen Zugang zu diesem Bereich ihres Gehirns, er wird mich nicht bemerken. Mein Bericht wird ab jetzt durch die Erlebnisse der fünf Gefährten fortgesetzt. Erwachen Die Sonne blinzelte zwischen den Zweigen des lichten Waldes. Das Zwitschern der Vögel erklang. Allerlei Kleingetier huschte zwischen den mannshohen Steinen herum und hielt sicheren Abstand von einer Lichtung aus der fremdartige Geräusche tönten. Auf der Lichtung lagen die fünf Gefährten und schnarchten mehr oder weniger laut vor sich hin. Nur Anaid schlief ruhig an einen Baum gelehnt. Sie war eine Elfe. Und Elfen schnarchen nicht. Dafür haben sie einen sechsten Sinn, sie spüren wenn irgend etwas nicht stimmte. Anaid erwachte und schaute rings um die Lichtung, sie glaubte etwas bemerkt zu haben. Regungslos blieb sie in ihrer Stellung und weckte mit der Fußspitze Osak der mit dem Kopf auf seinem Ranzen schnarchte. Er drehte sich widerwillig zu ihr. Anaid flüsterte: "Ich glaube hier ist irgendwer!" Osak hob den Kopf und sah sich um. Dann meinte er zu Anaid gewendet: "Du hast recht, hier ist tatsächlich wer." Er deutete zu Ibraha: "Sieh mal, dort... Und da drüben liegt Kardoc, Davidudl ist auch noch da..." Grinsend sprang er auf und brachte sich vor den Füßen der Elfe in Sicherheit. Er ging zu Davidudl und hämmerte mit seinem Helm auf dessen Brustpanzer. Das blecherne Getöse weckte die restlichen Schläfer. Es war höchste Zeit aufzubrechen, denn der lange steinige Weg durch das Gebirge lag noch vor ihnen. Sie wollten noch heute Zwergenbergen erreichen. Die fünf Gefährten hockten sich im Kreis zusammen und verzehrten die letzten Reste ihres Proviants. Außer Kardoc der aus Zwergenbergen stammte hatte keiner der anderen je das Gebirge betreten. Ohne Ortskundigen Führer konnte man kaum eins der Zwergendörfer entdecken. Normalerweise verirrte sich auch niemand in die zerklüfteten Berge, aber die fünf hatten einen Grund Kardocs Heimatdorf aufzusuchen. Sie waren nun schon seit mehreren Jahren gemeinsam unterwegs und bekämpften im Auftrag von Burgherren das Ungeziefer in deren Kellergewölbe. Keine leichte Aufgabe, besonders für die Waffen, denn das Getier war meist groß und wehrhaft. Kardoc hatte als Zwerg natürlich gewisse Fertigkeit im Schmieden, doch auf den Reisen eine komplette Schmiedeausrüstung mitzuschleppen war unmöglich. Er konnte mit seinem leichte Reisehammer nur behelfsmäßig die gröbsten Scharten ausbessern. Da ihre Schwerter und Äxte ziemlich am Ende waren, hatten sie sich entschlossen ihr Arsenal in Zwergenbergen aufzufrischen. Das hätten sie zwar in jeder Waffenschmiede des Landes tun können, doch gute Waffen waren rar und vor allem sehr teuer. Der beste Stahl wurde ausnahmslos in Zwergenschmieden hergestellt. Sie hatten in den Jahrhunderten des Friedens als einzige die Kunst des richtigen Feuers und der Hammerschläge bewahrt und belieferten seit geraumer Zeit wieder das ganze Land. Nun hofften die fünf, daß ihnen bei Kardocs Verwandten nicht das letzte Hemd ausgezogen würde, denn als Vermögend konnte man sie gerade nicht bezeichnen. Am Beginn ihrer Karriere hatte sich ziemlich schnell herausgestellt, daß man als Kammerjäger garantiert nicht reich werden konnte. Die Burgherren handelten meist Stundenlang um den Preis der Säuberungsaktion. Und irgendwelche vergessenen Schätze in den Gewölben zu entdecken war mehr als unwahrscheinlich. Irgendwer mußte aber von Zeit zu Zeit in den unterirdischen Gängen aufräumen, sollte die Plage nicht überhand nehmen. Wie diese Kreaturen in die Keller gelangten wußte niemand. Sie waren immer über Nacht plötzlich da, und das ging nun schon einige Jahre so. Wenn die Gefährten eine Burg von den Bestien befreit hatten wurden sie schon zur nächsten gerufen die sie oft erst vor kurzer Zeit gesäubert hatten und begannen dort von vorne. Um Aufträge brauchten sie sich jedenfalls keine Sorgen zu machen. Das einzige was ihnen Sorge machte war, daß die Biester von mal zu mal größer und gefährlicher wurden. Als Davidudl, Anaid und Kardoc vor sechs Jahren mit dieser harten Arbeit begonnen hatten, kamen ihnen höchstens ein paar entartete Ratten in die Quere. Aber jetzt krochen dort Viecher herum für die es noch nicht einmal Namen gab. Wenigstens hatten sich zahlreiche Herrscher endlich dazu entschlossen eigene Truppen aufzustellen um der Plage Herr zu werden, denn die fünf konnten ja nicht überall gleichzeitig sein. Waffenhändler waren überhaupt die einzigen die von der ganzen Sache wirklich profitierten. Bis vor wenigen Jahren konnte man bei ihnen herrlich verzierte Dölchlein oder blankpolierte Säbel erstehen die beim ersten Hieb zerbrachen. Heute verkauften sie alles, vom genagelten Knüppel bis zum Bihänder, der womöglich noch aus dem edelsten aller Metalle gefertigt war. - Aus Obrit. Davidudl hatte einmal eins dieser seltenen Stücke entdeckt. Als ihm der Händler den Preis nannte wurde er beinahe Wahnsinnig. Seine Gefährten hatten einige Mühe ihn daran zu hindern, daß er den ganzen Laden kurz und klein schlug. Insgeheim hoffte Davidudl in Zwergenbergen endlich an solch eine Klinge zu gelangen. Irgendwo im hintersten Winkel einer Zwergenschmiede wartete vielleicht eins der sagenumwobenen Schwerter auf ihn. Angeblich soll man sogar Steine damit spalten können. Davidudl starrte mit verklärtem Blick auf einen der Granitbrocken und stellte sich vor wie er ihn mit einem einzigen Schlag in zwei Teile spaltete. Anaid hatte ihren Bogen auf die Schulter geklemmt und schnippte mit den Fingern vor Davidudl's Gesicht: "Los komm jetzt, wir müssen weiter. Ich möchte die Nacht nicht im Gebirge verbringen." Davidudl hing sich seinen Beutel über die Schulter und sie folgten den Anderen die inzwischen die Lichtung verlassen hatten. Kardoc hatte die Führung übernommen. Zielstrebig folgte er einem Pfad den keiner außer ihm erkennen konnten. Er orientierte sich an Bäumen und markanten Steinen. Nach einiger Zeit lichtete sich der Wald und sie gingen auf losem Geröll. Vor ihnen türmten sich die ersten Gipfel des Zwergengebirges auf. Die schroffen Felswände waren äußerst spärlich bewachsen. Nur hie und da hatte ein verkrüppelter Baum Halt gefunden. Es schien unmöglich die Felsen zu bezwingen. Alle außer Kardoc hatten angehalten und betrachteten mißtrauisch das Gebirge. Osak rief dem unbeirrt voranschreitenden Zwerg nach: "Hee, Kardoc, du wirst uns doch da nicht hinaufhetzen wollen?" Er deutete ungläubig auf die beinahe senkrechten Felswände. Kardoc drehte sich um und winkte, daß sie ihm folgen sollen: "Kommt schon, es ist nicht mehr weit." Aber sie hörten ihm nicht mehr zu. Eine lautstarke Diskussion hatte begonnen und hallte in den Felswänden. Anaid meinte sie könne ihr Seil, daß sie immer mitführte, an einen Pfeil knüpfen und dann auf die Felsen zielen. Irgendwo würde sich der Pfeil schon verkeilen. Osak wiedersprach aufs heftigste. Seiner Meinung gab es nur eine Möglichkeit die Felsen zu bezwingen. Er selbst müsse in heldenhafter Art und Weise hinaufklettern und dann das Seil hinunterwerfen. Diese Lösung fand regen Zuspruch von Davidudl der Angesichts des metallischen Ballasts den er mit sich herumschleppte, die Variante mit dem dünnen Pfeil sehr unsicher vorkam. Ibraha durchstöberte ihre Zauberschriften und hatte endlich den einzig genialen Einfall. Sie hatte vor mit magischen Feuerbällen eine Treppe ins Gestein zu schlagen. Kardoc hatte inzwischen eine Handvoll Steine gesammelt und warf sie nach der Diskussionsrunde da sie ihm trotz seiner mehrmaligen Zurufen noch immer kein Gehör schenkten. Nach einigen Treffern verstummten sie und schauten sich nach dem Störenfried um. Kardoc stand einen Steinwurf oberhalb und fuchtelte mit den Händen: "Kommt ihr jetzt endlich. Der Gebirgsweg ist bei Nacht nicht besonders sicher!" Osak schaute noch einmal Wehmütig auf die Felswand die er mit Sicherheit bezwungen hätte und murmelte: "Ein Gebirgsweg? Das ist ja geradezu banal." Dann folgte er den Anderen die inzwischen Kardoc hinterher eilten. Am Fuße des Gebirges führte sie Kardoc in eine versteckte Schlucht. Dort hatten die Zwerge vor langer Zeit einen schmalen Weg in den Stein gehauen. Sie kamen rasch voran, keiner hatte Lust auf dem engen Steig eine Rast einzulegen. Am späten Nachmittag hatten sie einen Einschnitt im Felsen erreicht. Unter ihnen lag eine kleine bewaldete Ebene, umgeben von steilen Felswänden. Der Gebirgspfad führte entlang der Wände nach unten. Von einem Dorf war nichts zu sehen. Als sie am Ende des Pfades anlangten wurde Kardoc immer schneller, er schien genau zu wissen wohin er gehen mußte. Ibraha fragte zu Osak gewendet: "Sag, hausen Zwerge eigentlich unterirdisch?" Er zuckte mit den Schultern und meinte: "Schon möglich, große Löcher brauchen sie ja nicht zu graben." Aber sie schienen am richtigen Weg zu sein, denn nach einiger Zeit gelangten sie auf einen ausgetretenen Weg der zwischen den hohen Bäumen und durch die dicht wuchernden Büsche führte. Sie hatten den Talkessel fast durchquert als Kardoc endlich anhielt und nach vorne zeigte. Zwergenbergen war in der Tat sehr gut verborgen. Die Zwerge hatten nahe an der Felswand die Büsche gerodet und jede ihre Hütten rund um eine mächtigen Eiche gebaut. Das Dach aus langen Brettern lag spitz zum Stamm zulaufend auf eine Mauerkranz aus roh behauenen Steinen. Von oben waren die Behausungen durch die breiten Baumkronen unmöglich zu entdecken. Kardoc ging auf das Dorf zu hielt aber nach einigen Schritten wieder an. Er hob die Hand und deutete den anderen sie sollen sich ruhig verhalten. Vorsichtig löste er seine Axt vom Gürtel und sagte gedämpft: "Hier stimmt was nicht." Anaid lauschte mit ihren empfindlichen Elfenohren und flüsterte: "Wie ausgestorben. Nichts regt sich." Leises metallisches Schleifen war zu hören als Davidudl sein Schwert zog und abwehrbereit vor sich hielt. Ibraha murmelte ein paar unverständliche Worte und vollführte mit der Hand eine kreisende Bewegung um sich. Um jeden der Gefährten legte sich eine durchscheinende Aura. Sie hatte einen Schutzzauber gesprochen. Osak hatte sich inzwischen zur ersten Hütte geschlichen, seine Wurfsterne hielt er in beiden Händen bereit. Er spähte durch die Ovale Fensteröffnung. In der Hütte war niemand zu sehen. Verneinend schüttelte er den Kopf in Richtung seiner Gefährten. Anaids Pfeil lag leicht gespannt in der Sehne und suchte die Gegend ab. Kardoc öffnete die nächste Hüttentür. Die Behausung war ebenfalls leer. Und so erging es ihnen in jeder Hütte. Die Zwerge waren ausgeflogen. Verwundert schlug Kardoc vor zur großen Versammlungshalle zu gehen. Das war der letzte Ort wo die Zwerge noch sein konnten. Er führte sie weiter durch den Wald bis sie an eine senkrecht in die Höhe ragende Felswand gelangten. Kardoc ging näher und drückte mit der Hand auf dem Stein herum. Plötzlich öffnete sich ein hohes doppelflügeliges steinernes Tor, daß vorher nicht zu erkennen war. Erstaunt blickten die Gefährten durch das offene Tor auf ungefähr zweihundert noch viel erstauntere Zwerge jeder Altersgruppe. Nachdem die Torflügel mit dumpfen Knall an die Seitenwände schlugen herrschte einige Momente angespannte Stille. Die Gefährten hielten ihre Waffen noch immer griffbereit. Ein alter weißbärtiger Zwerg löste sich aus der Versammlung und herrschte sie an: "Was soll das werden, ein Überfall?" Kardoc trat in das Tor und löste die angespannte Situation. Er hatte seine Axt wieder am Gürtel befestigt und ging auf seine Verwandten zu: "Warum versteckt ihr euch hier, was ist geschehen?" Der Zwerg wies lustlos in die Runde der Versammelten: "Wir verstecken uns nicht, sondern wir suchen einen Schuldigen. - Seit Stunden!" Jetzt kam wieder Leben in die Halle, die Zwerge begannen untereinander heftig gestikulierend zu sprechen. Einige sprachen sogar sehr laut. Der weißbärtige Zwerg beendete das Gezeter und schickte den plärrenden Haufen aus der Halle. Einige verschwanden in Seitengängen der Halle, der Rest drängte sich durch das Tor und marschierte in Richtung Zwergenbergen. Kardocs Familie hielt am Tor an und umringte den Herumstreuner und seine Gefährten. Nach dem Begrüßungsritual der Zwerge, als jeder seine dicke Nase an Kardocs Nase gerieben hatte, begannen sie ihn auszufragen, was er in den letzten Jahren erlebt hatte und wie es ihm ergangen war. Kardoc konnte die vielen Fragen unmöglich auf einmal beantworten und kam gar nicht dazu gar nicht dazu einen Satz fertig zu sprechen. Er wollte im Moment aber ohnenhin nur wissen was hier Geschehen war. Einer seiner Vetter deutete mißbilligend zu dem alten weißbärtigen Zwerg und meinte: "Torel muß verrückt sein. Er glaubt einer von uns wäre es gewesen." Bevor sein Vetter noch genaueres dazu sagen konnte wurden er und die restliche Familie von Torel aus der Halle gewiesen. Kardoc und seinen Gefährten winkte er in die Halle. Die Halle war so groß, daß selbst Riesen darin Platz gefunden hätten. In die Wände war ein in sich selbst verschlungenes, wurzelähnliches Muster gemeißelt, daß bis zur kuppelartigen Decke reichte. Überall glitzerten kristallenen Einschlüsse und tauchten die Halle in ein merkwürdiges undefinierbares Licht. Am höchsten Punkt der Kuppel trafen sich alle Verzweigungen und bildeten einen gigantischen Knoten. Plötzlich war metallisches Hämmern zu hören. Kardoc deutete zu einem der Nebengänge der Halle und erklärte seinen Gefährten, daß dort unten die Schmieden lagen. Tief unten in weitverzweigten Gängen brannten die Feuer in denen das Erz zu Stahl gewandelt wurde. Torel ließ sich auf einer der steinernen Bänken nieder und erklärte ihnen den Grund der außergewöhnlichen Versammlung. In der gestrigen Nacht hatte jemand die Reliquienkammer heimgesucht. Der Dieb hatte nur einen Gegenstand entwendet. Einen Schmiedehammer aus Obrit der dort seit Jahrhunderten aufbewahrt wurde. Bei dem Wort "Obrit" wurde Davidudl plötzlich sehr gesprächig. Er erzählte Torel wehmütig, daß er bei einem Händler fast ein Schwert aus Obrit gekauft hätte. Der alte Zwerg schmunzelte, strich sich durch den Bart und sagte zu Davidudl: "Mein lieber Freund, du bist einem Betrüger aufgesessen. Du weißt anscheinend nicht was Obrit ist." Die Gefährten blickten sich fragend an, jeder wußte was Obrit war. Das seltenste und edelste Metall. Torel sprach an allen gewendet weiter: "Ihr seid alle erfahrene Kämpfer wie ich vermute und ihr wißt mit euren Waffen umzugehen. Ihr beherrscht sie mehr oder weniger, kennt ihre Stärken und Schwächen. Die Elfe unter euch weiß den Winkel des Pfeilschusses abzuschätzen. Du Kardoc weißt in welchem Bogen die Axt schwingen muß um die gewünschte Stelle zu treffen. Für euch alle sind Waffen leblose Verlängerungen eurer Gliedmaßen und werden durch euren Willen gelenkt." Der Zwerg hatte sich erhoben und schritt vor den verdutzten Gefährten auf und ab. Plötzlich blieb er stehen und zeigte auf Davidudl: "Könntest du dir vorstellen daß dein Arm um zwei Armlängen weiter wachsen würde. Kein normaler Arm sondern einer mit Knochen härter als jeder Stahl, das Fleisch währe glühende Magma, deine Haut so zäh daß selbst das heißeste Feuer einer Zwergenschmiede ihr nichts anhaben könnte. Stell dir vor dieser Arm hätte kein spürbares Gewicht und du könntest ihn direkt durch deine Gedanken lenken, wie jedes normale Gliedmaß. Du könntest den Luftzug beim Ausholen bis in die äußerste Spitze spüren. Wenn du einen Stein spalten wolltest könntest du allein durch einen kurzen Gedanken das Magma so heiß werden lassen, daß der Stein verdampft bevor du ihn überhaupt berührt hast. Dies alles würdest du erleben wenn du ein Schwert aus Obrit in Händen hieltest." Davidudl stand der Mund offen und er schaute auf seine Hand mit der er Schwerthiebe in der Luft andeutete. Der Zwerg beendete das Gefuchtel indem er ihm beim Handgelenk faste und weitersprach: "Glaube mir, solch ein Schwert kannst du bei keinem Händler kaufen. Denn dieser wundersame Arm muß dir tatsächlich im gewissen Sinne wachsen. Du darfst nicht glauben Obrit sei ein spezielles Material, es ist ganz normaler Stahl." Jetzt hatte der alte Zwerg einige Verwirrung gestiftet, alle auch Kardoc, hatten angenommen Obrit sei ein höchst seltenes Erz. Der Zwerg entfernte sich einige Schritte. Er blieb kurz vor der rückwärtigen Wand der Halle stehen und drehte sich wieder um: "Ihr habt gewisse Berühmtheit erlangt. Selbst bei uns haben sich eure Taten herumgesprochen. Ihr seid ein paar der wenigen Zweibeiner die gegen das aufkommende Übel ankämpfen. Ich glaube ihr solltet wissen was es mit Obrit auf sich hat. Ich werde euch jetzt in etwas einweihen daß sonst nur die alten Meisterschmiede erfahren. Kommt mit." Er drehte sich zur Wand und vollführte ein paar rasche Handbewegungen auf dem Gestein. Plötzlich teilte sich das steinerne Geflecht und gab einen Zugang frei. Der Zwerg verschwand darin. Die ratlosen Blicke richteten sich auf Kardoc. Er meinte Achselzuckend: "Ich war noch nie in der Reliquienkammer." Dann ging er den anderen voraus in Richtung des Durchgangs. Der alte Zwerg entzündete gerade die Fackeln in der Kammer. Als sie eintraten blieben sie wie angewurzelt stehen. Die Reliquienkammer als Kammer zu bezeichnen war eine schlichte Untertreibung. Sie war rund und durchmaß etwa vierzig Schritt. Der Boden war aus einem Stein, ohne irgendwelche Fugen oder Ritzen und völlig glatt. Die Wände gingen senkrecht nach oben. Im flackernden Licht der Fackeln sah man schemenhaft den geflochtenen Stein der mit unzähligen Mustern und Reliefs übersät war. Wie in einem endlosen Turm verschwanden die steinernen Wurzeln über ihnen in der Dunkelheit. In der Mitte des Raums stand ein bläulich schimmernder Amboß. Daneben eine erloschene Feuerstelle auf der Holzscheite und Kohle aufgeschichtet waren. Seitlich der Feuerstelle lag ein gewaltiger Blasebalg. Sonst war nur noch ein niedriges Wasserfaß und ein Gestell mit einigen Zangen zu sehen. Der alte Zwerg ging zu dem Amboß, legte seine Hand darauf und verkündete feierlich: "Das ist Obrit!" Osak hatten die Ausführungen des Zwerges in der Halle ebenfalls sehr beeindruckt. Er klopfte mit beiden Händen auf die schmalen Scheiden seiner seitlich hängenden Schwerter und meinte: "Könnte man aus diesem Amboß nicht zwei solche Dinger machen?" Torel strich mit der Hand über die glänzende Oberfläche: "Nein, es gibt niemanden mehr der so etwas zustande brächte. Vom letzten Zwerg der Stahl zu Obrit gewandelt hat existieren nur noch Sagen. Viele haben es versucht, auch ich, aber bisher ist es keinem gelungen." Ibraha ging näher und berührte den Amboß. Erschrocken riß sie ihre Hand wieder zurück und stammelte: "Ich habe einen... Moment geglaubt... daß er... lebendig ist." Torel beruhigte sie: "Das ist er auch. Der Geist des Zwerges der ihn einst geschmiedet hat lebt noch immer darin. Er hat sich bei seinem Werk völlig darin versenkt und gab dem Stahl Leben. Dieser Amboß wurde vor vielen Jahrtausenden hergestellt. Zu einer Zeit wo die Zwerge noch solche Meisterwerke vollbrachten, sie konnten sich geistig mit dem Erz vereinen und schmiedeten die wundersamsten Dinge. Wir haben dieses Wissen verloren. Aber selbst wenn es unter uns einen geben würde der diese alte Kunst wieder beherrschte könnte er nichts Schmieden. Obrit kann nur mit Obrit geschmiedet werden und der Hammer wurde gestohlen." Torel ging bedrückt zum Ausgang und sagte: "Das war der Grund der Versammlung." Davidudl konnte es sich nicht verkneifen zum Amboß zu gehen um die Qualität zu prüfen. Er schlenderte rundherum und kratzte in einem unbeobachteten Moment mit seinem eisenbeschlagenen Stiefeln am Sockel. Gleich darauf bekam er das Eigenleben des Amboß zu spüren. Das bläuliche Leuchten wurde plötzlich grell weiß und Davidudl riß sich unter schmerzlichen Stöhnen den Stiefel vom Fuß. Der Amboß hatte die Eisenbeschläge seiner Stiefel zur Rotglut gebracht und vom Leder stiegen schwarze Rauchwolken auf. Hastig lief er mit seinem qualmenden Stiefel in der Hand zum Ausgang. Torel schloß hinter ihm die Wand und betrachtete grinsend den entblößten Fuß Davidudls. Er konnte das Lachen kaum unterdrücken und sagte: "Der Amboß scheint dich nicht besonders zu mögen." Davidudl zerknirschte einen Fluch zwischen den Zähnen und schloß sich den Gefährten an. Kardoc deutete auf den rauchenden Stiefel und meinte mit ernster Miene: "Du solltest dir vielleicht doch öfter die Füße waschen." Während Davidudl mit seinem Stiefel Kardocs Helm bearbeitete und die anderen in Gelächter ausbrachen schloß Torel die Versammlungshalle. Danach ging er den Gefährten voran nach Zwergenbergen zurück. Als sie dort ankamen hatten die letzten Sonnenstrahlen den Talkessel schon verlassen. Fackellicht schien aus den runden Steinhäusern und erhellte das geschäftige Treiben im Dorf. Torel verabschiedete sich und verschwand in seiner Hütte. Die Gefährten gingen zu Kardocs Familie und ließen sich anständig bewirten. Da die ganze Gesellschaft beim besten Willen nicht in die Zwergenhütte gepaßt hätte, beschloß man das Mahl vor der Hütte im moosigen Waldboden zu sich zu nehmen. Davidudl zog seinen inzwischen abgekühlten Stiefeln wieder an und begann von den unglaublichen Abenteuern zu berichten die sie im Flachland erlebt hatten. Zwerge nennen jeden Landstrich außerhalb des Gebirges Flachland und sind außerdem sehr neugierig. Nach kurzer Zeit hatte sich eine ansehnliche Zahl Zwerge um den Platz vor der Hütte versammelt und lauschten den reichlich ausgeschmückten Geschichten der Gefährten von riesigen Bestien, wundersamen Dingen und unglaublichen Abenteuern. Erst spät in der Nacht verließ der letzte Zwerg zufrieden den Platz. Kardoc ging in die Hütte, die anderen suchten sich draußen einen geeigneten Schlafplatz. Ibraha blieb gleich vor der Hütte liegen, Osak kletterte auf eine der Eichen und legte sich in eine große Astgabel. Davidudel und Anaid entfernten sich in die Büsche. Die letzte Fackel wurde gelöscht und dann war es still in Zwergenbergen. Kardoc lag auf der Bank und starrte auf die dunklen Dachbretter über ihm. Er konnte nicht einschlafen. Der gestohlene Hammer und Torels Worte gingen ihm ständig durch den Kopf. Torel war der beste Schmied den er kannte, und dieser hatte ihm heute eröffnet daß selbst er, als Meisteschmied, nur ein Schatten war, im Vergleich zu den alten Schmieden aus grauer Vorzeit. Stahl in Obrit zu wandeln mußte etwas wunderbares sein. Kardoc hatte einen herrlichen Einfall. Vielleicht war sogar er selbst der zukünftige Meister dem das erste mal seit Jahrtausenden das unglaubliche wieder gelang. Ruhelos stand er auf und blickte beim Fenster hinaus. Er war zwar nur ein mittelmäßiger Schmied aber er zählte erst sechsundvierzig Winter und hatte mindestens weitere hundert vor sich. Genug Zeit also um zu lernen und das Geheimnis von Obrit zu ergründen. Versonnen schaute er auf zum sternenübersähten Himmel der zwischen den Blättern glitzerte. Der große silberblaue Mond schimmerte durch die Baumkronen. Kardoc hatte es versäumt den Amboß zu berühren, er hätte zu gern gewußt ob er auch etwas gespürt hätte. Nachdem er sich eine Weile schlaflos auf seinem Lager herumgewälzt hatte hielt er es nicht mehr länger aus. Er befestigte die Axt am Gürtel und schlich sich aus der Hütte. Ibraha lag zusammengerollt vor ihm, sie schlief tief und fest. Leise schlich er zwischen den Hütten und ging den Weg entlang zur Versammlungshalle. Aus einem dichten Busch hoben sich lautlos zwei Köpfe und beobachteten wie der Zwerg in der Dunkelheit verschwand. Kardoc ging unbeirrt weiter, von den zwei Gestalten die ihm folgten merkte er nichts. An der Felswand angelangt, strich er wieder über das Gestein. Das Tor öffnete sich. Als es mit dumpfen Knall an den Seiten anschlug schaute er sich aufmerksam um. Es war niemand zu sehen. Langsam ging er zur rückwärtigen Wand, seine Schritte hallten leise. In den kristallenen Einschlüssen des Felsens reflektierte sich schwach das Sternenlicht. Mit beiden Händen streifte er über die Stelle wo Torel den Durchgang geöffnet hatte. Er konzentrierte sich auf jede noch so kleine Unebenheit. Eine Stimme dröhnte plötzlich schrecklich laut in der Halle: "Haben wir dich! Elendicher Dieb." Kardoc fuhr erschrocken zusammen. Im Tor standen zwei große schwarze Gestalten. Sie kamen näher, einer zog sein Schwert. Kardoc hatte sich vom ersten Schreck erholt und sagte verärgert: "Schrei nicht so herum Davidudl, mir währe fast das Herz stehen geblieben." Davidudl und Anaid kamen rasch näher. Als sie Kardoc erkannten glitt das Schwert wieder in die Scheide und Anaid fragte was er hier mitten in der Nacht treibe. Kardoc erklärte ihnen, daß er sich nur in Ruhe noch einmal umsehen wollte. Die beiden beobachteten interessiert wie er wieder über die Wand tastete. Nach einiger Zeit schien er endlich etwas gefunden zu haben. Sie hörten ein leises Knacken und der Durchgang öffnete sich. Verwundert schaute Kardoc auf die Öffnung, er hatte das Schloß in der Wand noch gar nicht gefunden, die Felsentür war von sebst aufgesprungen. Drinnen schimmerte der Amboß und erhellte den Boden ringsum. Kardoc ging hinein, gefolgt von Anaid.Davidudl ging als letzter hinein und beobachtete aus sicherer Entfernung den Ambos. Plötzlich überraschte sie eine Stimme: "Habt ihr etwas vergessen?" Es war Torel. Er stand neben dem Durchgang, versteckt zwischen dem Steingeflecht strich er einigemale in verschiedenen Richtungen über den Fels. Der Durchgang schloß sich. Die Gefährten beteuerten, daß sie sich nur umsehen wollten. Torel ging auf sie zu und sagte, daß er das gleiche vorhatte. Er konnte keinen Schlaf finden und versuchte irgendwelche Spuren zu finden. Davidudl fragte verwundert ob das im Dunklen sinnvoll sei. Torel schwieg einige Momente und sprach dann auf den Amboß blickend: "Der Dieb hat keine offensichtlichen Spuren hinterlassen. Aber - Er stand während dessen hier." Er zeigte auf den blau schimmernden Amboß: "Ich hatte gehofft durch ihn etwas herauszufinden." Davidudl stand noch immer in der Nähe des Ausgangs und fragte ungläubig: "Kann er etwa sprechen auch noch?" "Nein, selbstverständlich nicht. Aber er ist kein totes Material, er muß gemerkt haben wie der Hammer verschwand." Kardoc näherte sich dem blauen Leuchten und berührte vorsichtig mit den Fingerspitzen den Amboß. Er fühlte sich ganz normal und kühl an. Langsam lies er seine Handinnenfläche über den blauen Schimmer gleiten. Plötzlich verspürte er Wärme, die Aura fing leicht zu pulsieren an, die Wärme pflanzte sich über seinen Arm fort und drang in seinen Kopf. Irgendetwas manifestierte sich in seinem Gehirn und versuchte Verbindung mit ihm aufzunehmen. Torel kam näher und fragte aufgeregt ob er etwas erkennen könne. Kardoc blickte ihn starr an, er versuchte sich auf das Unbekannte in seinem Kopf zu konzentrieren. Anaid war inzwischen ebenfalls herangekommen und legte ihre Hände auf den Amboß. Sie spürte sofort die warme Strahlung die von ihm ausging. In ihrem Geist erschien schemenhaft ein rufender Zwerg. Seine Worte blieben aber unhörbar als ob eine gläserne Wand zwischen ihnen wäre. Die Aura begann stark zu pulsieren. Ein Ruck ging durch den schweren Amboß, er bewegte sich. Langsam und geräuschlos drehte er sich zur Seite. Darunter wurde ein dunkles Loch im Boden sichtbar. Torel lief zur Wand und entzündete eine Fackel. Davidudl wagte sich nun auch näher, gemeinsam spähten sie in das dunkle Loch. Torel kam mit der Fackel und leuchtete hinunter. Vier Schritte unter ihnen lag ein in den Stein gehauener Gang. Anaid und Kardoc blickten sich fragend an. Kardoc nickte und die Elfe ließ sich in das Loch gleiten. Davidudl fragte Torel ob er mitkommen wolle. Ohne Zögern entschloß er sich den Erkundungsgang mitzumachen. Davidudl packte den Zwerg bei den Handgelenken und versenkte ihn im Loch, dann stieg er ebenfalls hinein. Kardoc hatte noch einige Fackeln eingesammelt und stieg als letzter hinunter. Kein Luftzug war zu spüren und es roch faulig. Sie gingen ein Stück vorwärts. Bald wurde das Gestein lockerer, halbverfaulte Balken stützten notdürftig den Gang. Vorsichtig gingen sie weiter. Torel meinte es könnte eine vergessene Mine sein. Seltsam war nur, daß sie noch keine Abzweigungen gefunden hatten, Zwergenminen waren normalerweise ein Gewirr von Gängen und Schächten. Sie gingen jetzt sicherheitshalber hintereinander um nirgends anzustoßen, denn bei jedem ihrer Schritte rieselte feiner Staub von der Decke. Anaid die voraus ging hielt plötzlich an. Sie hatte ein Loch in der Wand entdeckt. Es war so groß daß gerade ein Kopf hinein paßte. Wohin es führte war nicht zu erkennen. Sie gingen weiter und fanden mehrere solcher Löcher. Torel stieß einen heiseren Schrei aus: "Da!" Er wies auf ein Loch aus dem weißer Schleim tropfte. Kardoc stöhnte auf: "Verdammte Biester, jetzt sind sie also in den Bergen auch schon." Er nahm seine Axt und stellte sich vor Anaid die gerade den ersten Pfeil in die Sehne legte. Davidudl hatte das Schwert gezogen und sicherte ihnen den Rücken. Torel stand in der Mitte, geschützt von erfahrenen Monsterjägern. Angespannt horchte Anaid in die Stille. Sie konnte die Empfindlichkeit ihrer Ohren beeinflussen. Selbst die Herzschläge der anderen konnte sie in diesem Moment hören. Unter das knacken der Balken und das Aufschlagen der Staubkörnchen mischte sich schleifende Geräusche aus verschiedenen Richtungen. Sie wies Kardoc an weiter zu gehen und sagte: "Es sind mehrere, sie kriechen in den Löchern und sie kommen näher. Ich glaube sie haben uns entdeckt." Auf einen plötzlichen Angriff vorbereitet gingen sie weiter. Sie ließen keines der Löcher aus den Augen. Torel sah wie aus einem Loch neben ihm vermehrt Schleim floß. Bevor er noch einen Warnruf ausstoßen konnte wand sich ein Augenloser weißer Wurmschädel aus dem Loch und riß sein Maul weit auf. Der weiße Schleim zog lange Fäden von den dreieckigen flachen Zähnen. Torel roch bereits den stinkenden Atem des Monsters als er seinen kleinen Dolch zog, dann fiel der Kopf des Wurms mit einem schmatzenden Geräusch zu Boden. Davidudl hatte dem Wurm mit einem Schlag enthauptet. Jetzt tauchte neben Anaid ein Wurm auf. Ein Sprung nach vorne rettete sie vor den scharfen Zähnen. Sie schoß sofort auf einen weiteren Wurm der einige Schritt vor ihr herauskam. Als der Pfeil seinen Schädel durchschlug hatte sie schon den nächsten gezogen und spannte ihn im Bogen. Der zweite Pfeil lies den Wurmkopf zerplatzen. Kardoc hatte inzwischen dem Wurm der neben Anaid aufgetaucht war den Kopf bis zum Oberkiefer gespalten und wich vor einem zweiten zurück der vollständig aus dem Loch gekrochen war. Der Wurm bäumte sich vor ihm fast bis zur Decke auf, Kardoc hieb ihm in den Leib, aus dem sofort ein Schwall weißer Flüssigkeit floß. Der häßliche Kopf zuckte wild herum und versuchte den zurückweichenden Zwerg zu schnappen. Plötzlich ließ der Wurm von Kardoc ab und versuchte sich umzudrehen, Davidudl hackte ihn gerade von hinten in Scheiben. Als der geifernde Schädel in annehmbarer Höhe war trennte ihn Kardoc vom verstümmelten Rumpf. Anaid hatte noch eine Bestie vor ihr erlegt und drehte sich um. Über Torel streckte sich noch einer aus seinem Loch. Gleichzeitig mit Anaids Pfeil schlug Davidudl wieder zu. Der abgeschlagene Kopf stürzte, durchbohrt mit einem Pfeil direkt in Torels aufrichteten Dolch. Die Wucht riß ihn samt dem Wurmkopf zu Boden. Die Gefahr schien vorerst vorbei zu sein. Es lies sich kein weiterer Wurm mehr blicken. Torel saß am Boden, in der rechten hielt er den Dolch fest umklammert auf dem der Kopf stak. Unter anerkennenden Beifall für seine Trophäe, stellten sie ihn wieder auf die Beine und klopften ihm den Schmutz von den Kleidern. Nachdem sie ihre Waffen vom Schleim halbwegs gesäubert hatten gingen sie rasch weiter. Nach einer Weile gelangten sie an das Ende des Ganges. Eine lange Leiter führte in einem breiten Schacht nach oben. Der Ausgang war durch einen großen Stein verschlossen. Davidudl meinte er werde hinaufklettern und den Stein beiseite schieben. Er setzte den Fuß auf die erste Sprosse. Sein zweiter Fuß erreichte sie jedoch nicht mehr. Das morsche Holz krachte und er stand wieder mit beiden Beinen am Boden. Als nächste versuchte es Anaid. Sie zog sich an einem Holm der Leiter hoch und erreichte tatsächlich die Steinplatte. Den Stein konnte sie aber unmöglich bewegen, also grub sie mit einer Hand das lockere Erdreich am Rande des Schachts ab. Bald hatte sie einen schmalen Durchschlupf ins Freie geschaffen, kroch hinaus und warf ihr Seil hinunter. Kardoc kletterte hinauf und schob gemeinsam mit Anaid den Stein beiseite. Als alle oben waren sahen sie sich um. Es war zwar noch Nacht aber der Mond sorgte für ausreichendes Licht. Der Gang hatte in einen engen Talkessel geführt der anscheinend sonst keinen Zugang hatte. Es wuchsen nur niedrige Büsche zwischen den verstreuten Gesteinsbrocken. Nach kurzem hatten sie den Talkessel umrundet und nichts entdeckt, er schien unberührt. Sie mußten irgendetwas übersehen haben, der Gang war sicher nicht wegen der idyllischen Lage der Gegend errichtet worden. Also gingen sie noch eine Runde und schauten sich genau um, auch die hohen Felswände wurden nicht außer acht gelassen. Die Büsche wuchsen teilweise bis an die steilen Felswände heran und führten ein karges Leben. Ihre knorrigen Wurzeln standen stellenweise wie gekrümmte Buckel aus der Erde. Kardoc ging in drei Schritt Entfernung die Wand entlang und beobachtete peinlichst genau die Felsen über ihm. Die Hände hatte er hinten, zwischen Gürtel und Kettenhemd gesteckt. Und - Zwerge haben kurze Beine. Kurz genug um an einer der hervorstehenden Wurzeln hängenzubleiben. Die Hände im Gürtel eingeklemmt stürzte er mit einem langgezogenem "Uhhhaaaa" dem Boden entgegen. Während des Falls konnte er noch eine Hand befreien und versuchte sich an einem langstieligen Busch der an der Felswand wuchs abzufangen. Der dünne Stengel war jedoch viel zu schwach für sein Gewicht. Mit dem geknickten Busch in der Hand schlug er am Boden auf. Die anderen waren vor ihm gegangen und drehten sich aufgrund der seltsamen Geräusche hinter ihnen um. Im ersten Moment glaubten sie unter dem Busch käme soeben ein fluchender, spuckender Erdgeist hervor. Der Sand war Kardoc bis wischen die Zähne geraten, einige Zweige und Blätter hatten sich in seinem Bart und dem Kettenhemd verfangen. Davidudl fragte ihn hochinteressiert: "Und - hast du da unten etwas interessantes gefunden?" Als Antwort bekam er den Busch auf den Kopf geworfen. Torel hatte inzwischen etwas entdeckt und machte die Gefährten auf eine große runde Steinplatte aufmerksam, die Kardoc freigelegt hatte als er den Busch ausgerissen hatte. In der Mitte war ein verwittertes Symbol eingemeißelt. Was es einmal dargestellt hatte war nicht mehr zu erkennen. Anaid meinte es erinnere sie irgendwie an einen Drachen. Kardoc und Davidudl versuchte inzwischen die Scheibe wegzurollen, sie schien einen Eingang im Felsen zu versperren. Trotz größter Mühe bewegte sie sich aber nicht einmal einen Fingerbreit. Die Scheibe war etwas größer als Davidudl und eine Armlänge dick. Sie lag schräg und völlig plan an die Wand gelehnt. Ohne geeignetes Werkzeug war hier nichts auszurichten. Unverrichteter Dinge machten sie sich auf den Rückweg. Im Gang blieb ihnen eine weitere Begegnung mit den Würmern erspart und sie erreichten unbeschadet die Reliquienkammer. Am Weg nach Zwergenbergen beschlossen sie bis zum Morgen noch zu Schlafen und dann gemeinsam mit Ibraha, Osak und einer starken Eisenstange wieder zur Steinscheibe zurückzugehen. Im Dorf schlief noch alles, Ibraha lag unverändert vor der Hütte und Osak war auch nirgends zu sehen. Davidudl und Anaid schlugen sich wieder in die Büsche und Kardoc ging leise in die Hütte. Ermüdet vom nächtlichen Ausflug schliefen sie ein. Während die fünf Gefährten schliefen entstanden in den unterirdischen Gängen und Kellern des Landes wieder die monströsen Wesen. Es gab nur wenige Bewohner in Mystia die sich über dieses Phänomen Gedanken machten. Die meisten träumten ihren Traum von der heilen Welt weiter. Von einer Welt die keine Probleme kannte und wo sich die kleinen Hindernisse des Lebens mit Magie beheben ließen. Eine Welt wo die Herrscher keine Armeen brauchten um das Volk im Zaum zu halten. Jeder war zufrieden und wartete nur auf die Annehmlichkeiten des nächsten Tages. Sie kannten nur einen Glauben; den Glauben daß es ewig so weiterging. In dieser Nacht wurde dem ersten Bewohner Mystias ein neuer Glaube aufgezwungen. Ein Glaube der ein einziges Ziel verfolgte. Er sollte die Existenz Mystias beenden. Die Wesen in den Kellern waren die Vorboten, denen nun die dunklen Horden folgen sollten. Dies war die Nacht in der das erste Siegel brach. © Andreas Bartl |