KAPITEL 10 Schlacht bei Caster
Sie waren nicht mehr im Turm. Statt auf dem Steinboden des Turms standen sie jetzt auf einem weichen, sumpfigen Boden. Aus dem lichter werdenden Nebelschwaden drang dumpfes Waffenklirren und Schreie an ihre Ohren. Irgendwo schnaubte ein Pferd, Holz splitterte, wildes Knurren war überall rundherum zu hören. Davidudl hatte sie mitten ins Kampfgewühl teleportiert. Der Nebel lichtete sich völlig. Sie standen mitten auf einem zertrampelten Acker, umringt von einer Horde Orks die im Moment noch nicht begriffen wieso aus einem Nebel plötzlich weitere Feinde kommen konnten. Sie fassten sich aber rasch wieder und stürmten auf die Gefährten los. Andrus und Davidudl stellten sich ihnen mit ihren Langschwertern entgegen und hatten bald eine Bresche in ihre Reihen geschlagen. Im Hintergrund sahen sie eine kleine Truppe Ritter, die eine Einheit Orks von der Burgmauer wegdrängte. Rundum war das ganze Schlachtfeld ständig in Bewegung, es war im Moment unmöglich zu überblicken wer im Vorteil war. Die Angreifer waren allem Anschein nach ausschließlich Orks. Die Verteidiger waren größtenteils Menschen, angefangen vom Ritter bis zum einfachen Fußsoldat. Der Rauch der brennenden Burg trübte die Sicht hin und wieder und an manchen Stellen verstellten Gestrüppe oder große Steine den Blick über das Schlachtfeld. Die Schlacht schien schon dem Ende zu zugehen, unzählige Tote lagen am Boden, Verwundete versuchten davon zu kriechen um sich in Sicherheit zu bringen. Überall hatten sich kleinere Kampfherde gebildet und die Kämpfenden schlugen verbissen aufeinander ein. Irgend ein Oberkommando oder Militärische Führung gab es offensichtlich nicht mehr. Alle kämpfte nur mehr unkontrolliert und auf eigene Faust. Jeder versuchte so viele Gegner als möglich zu töten. Vom Glanz der Rüstungen war schon lange nichts mehr zu sehen. Die Menschen und Orks waren allesamt mit Blut und Dreck verschmiert. Außer den Gefährten natürlich, die eben erst angekommen waren. Irgendwer hatte Borodil den Auftrag erteilt: "Mach diese Orks nieder!" Und das tat er! Borodil war vielleicht beim Denken etwas benachteiligt, aber im Kampf zeigte er seine wahre Stärke. Er stand Davidudl sicher um nichts nach, nur mußte man ihm immer wieder neue Befehle erteilen. Ihm wäre nicht im Traum eingefallen irgendwelchen Orks aus eigenem Antrieb nachzulaufen. Knepp und Knapp dirigierten ihn und sicherten Anaid und Ibraha gegen Angriffe ab. Die beiden Frauen zauberten ununterbrochen, Anaid teilte an ihre Gefährten magische Schutzschilder aus und Ibraha legte auf jeden einzelnen einen Gewandtheitszauber der sie schneller reagieren ließ. Die Orks schienen schon etwas ermüdet zu sein denn sie wichen bald vor den Gefährten zurück. Davidudl entdeckte etwas weiter vorne ungefähr zwanzig Orks die eine kleine Schar Ritter schwer bedrängten. Er stürmte vorwärts, über zerbrochene Waffen und Leichen. Drei Orks stellten sich in den Weg, Davidudl mußte anhalten und erst diese Drei niedermachen. Andrus folgte ihm, der Schlamm spritze an seinen polierten Stiefeln hoch aber er bemerkte es nicht. Dies war seine erste richtige Schlacht und er hatte nicht vor die Orks wegen ein bißchen Schmutz zu enttäuschen. Er rannte zu Davidudl und wenige Momente später spritzte Orkblut über seine Rüstung. Andrus beachtete es nicht einmal. Kardoc hatte sich an den Rand des Schlachtfeldes durchgekämpft und griff eine Horde Orks von hinten an, die ein paar Krieger zwischen große Steinblöcke gedrängt hatten um sie abzuschlachten. Sein Knochenschinder brach einem nach dem anderen die Beine. Die Eingeschlossenen konnten sich langsam wieder frei kämpfen, Kardoc hatte gleich mehrere Orks von ihnen abgelenkt. Ibraha und Anaid ließen sich auf keinen Nahkampf ein. Ibrahas Blitze zuckten über den Boden und tauchte alles in helles weißes Licht. Anaids Pfeile hörte man ringsum mit dumpfen Knall die Lederrüstungen der Orks durchdringen. Borodil hatte alle Orks in seiner Nähe besiegt. Im Moment war niemand da der ihm einen neuen Auftrag erteilte. Die verwirrende und komplizierte Schlacht rund um ihn verstand er überhaupt nicht. Dauernd liefen flüchtenden Orks an ihm vorbei, manchmal waren Knapp oder Knepp einen kurzen Augenblick durch die Rauchschwaden zu erkennen, wie sie einzelnen Orks nachjagten und Kardoc konnte man zwischen den Beinen einer Schar Orks sehen. Sonst war niemand mehr in seiner Nähe. Borodil stand ruhig zwischen den erschlagenen Orks und wartete auf den nächsten Befehl. Davidudl schlug einem Ork das Schwert über den Schädel und rannte wieder vorwärts. Er hielt auf die hart umkämpfte Einheit, etwa fünfzig Schritte vor ihm zu. In ihrer Mitte sank soeben ein zerfetztes Banner zu Boden. Die Ritter kämpften verzweifelt gegen die Übermacht, die Orks schienen sich jetzt nur noch auf diesen Teil des Schlachtfelds zu konzentrieren. Davidudl stürzte sich förmlich auf die Orks und wütete dort mit seinem Schwert. Somit verschaffte er den Umzingelten wenigstens für kurze Zeit ein wenig Luft. Ibraha und Anaid kamen auch langsam vorwärts und griffen mit Feuerbällen und Pfeilen vereinzelte Orks an. Kardoc beschäftigte inzwischen schon eine andere Schar Orks. Andrus stapfte durch den tiefen, schlammigen Boden und versuchte sich zu Davidudl vorwärts zu kämpfen, er hatte das Banner ebenfalls gesehen und er kannte es. Er mußte den Rittern unbedingt zu Hilfe eilen, aber einige versprengte Orks hielten ihn immer wieder auf. Knepp beobachtete inzwischen etwas sonderbares. Vor ihm , am Rande eines Steinhaufens, kämpften die Orks untereinander. Ein etwas kleinerer und ein großgewachsener Ork standen Seite an Seite vor den Steinen und versuchten sich sechs andere Orks vom Leib zu halten. Knepp rannte vorwärts und eilte den beiden Bedrängten zu Hilfe und schlug von hinten zu. Irgendwo, weiter vorn, konzentrierte sich die Schlacht um einen einzigen Krieger. Davidudl hatte schon gut die Hälfte der Orks getötet und ein paar weitere schwer verletzt, oder zur Flucht gezwungen. Die Ritter waren alle bis auf einen verwundet oder tot zusammengebrochen. Dieser eine Letzte, war am Ende seiner Kraft und würde in wenigen Momenten fallen, der Ritter konnte sein Schwert kaum noch halten. Andrus kam nun ebenfalls näher. Er kämpfte verbissen gegen einen besonders zähen Ork. Andrus stolperte einen Schritt zurück. Dadurch machte der Ork endlich einen Fehler, er holte weit mit dem krummen Säbel aus, doch der Hieb wurde nicht mehr vollendet. Andrus nutzte die offene Deckung sofort und schlug ihm das Schwert in die Seite. Während der Ork stöhnend zusammenbrach rannte er schon vorwärts zu Davidudl, der gegen zwei Orks gleichzeitig kämpfte. Einem rannte Andrus das Schwert in den Rücken. Dies war zwar alles andere als ehrenhaft doch das war dem Prinzen momentan völlig egal. Er griff sofort den zweiten an und schrie zu Davidudl: "Schnell hinter dir!" Davidudl hatte freie Hand, Andrus drängte den Ork bereits auf die Seite. Wenige Schritte hinter ihm kämpfte der letzte Ritter bereits auf den Knien gegen drei Orks. Als Davidudl hinrannte schlugen sie dem Todgeweihten soeben das Schwert aus der kraftlosen Hand. Mit einem fürchterlichen Schrei rannte er den Orks entgegen. Davidudl hatte weit ausgeholt und der mächtige Schlag trennte einem Ork sofort den Kopf ab. Die beiden anderen ließen vom Ritter ab und versuchten dem blutverschmierten Langschwert auszuweichen. Einem Ork gelang die Flucht, der andere starb nachdem sein Säbel irgendwo im Schlamm gelandet war. Der Ritter stürzte zu Boden. Seine Rüstung war schwer beschädigt. Er blutete aus zahlreichen Wunden. Davidudl hob ihn aus dem Schlamm und lehnte ihn gegen einen der Toten. Der Ritter lebte noch. Andrus hatte seien Gegner niedergestreckt und lief ebenfalls herbei. Davidudl nahm soeben den Helm des Ritters ab. Es war König Marco von Brilante. Kardoc rannte quer über das Schlachtfeld. Die Orks auf seiner Seite waren geflüchtet Er hörte Knepp und Knapp schreien. Die Schlacht schien bis auf wenige Einzelkämpfe vorbei zu sein. Er sah nur flüchtende Orks und ein paar Krieger und Ritter die ihnen nachliefen. Kardoc stolperte über den weichen Boden zu Knepp und Knapp die soeben einem Ork hinterher jagten. Plötzlich entdeckte er Ibraha, sie stand vor zwei Orks und machte überhaupt keine Anstalten die beiden anzugreifen, im Gegenteil sie schien mit ihnen zu sprechen. Einer der beiden Orks hob plötzlich seine Hand und rief zu Kardoc: "Hallo, was machst du denn hier?" Die Stimme klang bekannt. Es gab nur einen Ork mit dem Kardoc bekannt war. Pipin! Es war Pipin. Der zweite Ork hieß Mollek. Die beiden war aus ihrem Heimatdorf geflüchtet; ein rotgekleideter Prediger hatte dort alle Orks in seinen Bann gezogen und machte mit ihnen was er wollte. Seit Wochen irrten Pipin und Mollek außerhalb des Orkgebirges umher und stießen heute zu dieser Schlacht. Sie hatten sich sofort auf die Seite der Ritter geschlagen, von glorreichen Kriegen der Orks gegen die anderen Zweibeiner hielten beide nicht sehr viel. Die Schlacht war nun endgültig vorbei, das Kriegsgeschrei und die Waffen waren verstummt. Anaids Pfeile fanden keine Ziel mehr. Knepp und Knapp gaben die Verfolgung der flüchtenden Orks auf. Gemeinsam mit Ibraha, Kardoc und den beiden Orks marschierten sie zum Burgtor wo sich die Überlebenden versammelt hatten. Das Tor war aus uralter Steineiche und hatte als einziges die Feuersbrunst überstanden. Mit lautem Rasseln öffnete sich das Fallgitter und die beiden Torflügel schwangen auf. In der Burg brannte es noch immer, aber die Feuer waren bereits am Erlöschen. Einige Unglückliche waren in den Flammen umgekommen aber der Großteil des Burggesindes und der Bauern hatten den Angriff heil überstanden. Die Bauernfamilien aus der Umgebung hatten sich vor einigen Tagen in die Burg geflüchtet, gerade rechtzeitig bevor die Orks ihre Höfe überfielen. Sie hatten während der letzten Stunden tausende Kübeln Wasser geschleppt um die Brände zu löschen und waren ziemlich am Ende ihrer Kräfte. Trotzdem schwärmten viele von ihnen über das Schlachtfeld aus um den Verwundeten zu helfen. Die Krieger vor dem Tor und umringten einen Mann auf einer Bahre. König Marco war schwer verletzt worden, aber er würde überleben. Man hatte ihm die Rüstung abgenommen und die ärgsten Blutungen gestillt. Andrus und Davidudl waren bei ihm. Der König versuchte trotz seiner Schmerzen gelassen zu erscheinen und lobte den Mut und die Tapferkeit der heldenhaften Verteidiger von Burg Caster. Die Gefährten kamen als letzte aus dem Schlachtfeld, in Begleitung zweier Orks. Als die Krieger die vermeintlichen Feinde sahen sperrten sofort den Weg zum König ab und zogen ihre Waffen. Anaid klärte aber rasch auf welcher Seite Pipin und Mollek standen. Glücklicherweise konnten sich einige Krieger an die Beiden erinnern und bezeugten, daß sie tatsächlich gegen Orks gekämpft hatten. Die Krieger öffneten eine Gasse und ließen sie durch. König Marco richtete sich etwas auf seiner Bahre auf und begrüßte die Gefährten. Er war durch den Blutverlust ziemlich entkräftet. Außerdem hatten er und zwei Hundertschaften Ritter aus Brilante einen Gewaltritt von über einer Woche hinter sich. Der König erzählte was sich inzwischen zugetragen hatte. Als die Gefährten vor einigen Tagen von Brilante nach Icelot abgeflogen waren, hatten sie den Boten aus Schloß Caster nur um eine gute Stunde verpaßt. Er kam mit der erschreckenden Nachricht, daß sich ein Heer von Orks dem Schloß Caster näherte. Das war der erste massive Angriff seit Jahrhunderten. Dieses Fürstentum war eine wichtige Schlüsselstelle in der Verteidigung Mystias, Schloß Caster war die letzte größere Wehranlage vor Schloß Brilante. Wenn Caster fallen sollte, konnte jede Armee ungehindert bis zum Königreich Brilante vordringen. Der König machte sich nach dieser Botschaft sofort mit einem Teil seiner Ritter auf den Weg um den Casters im Kampf beizustehen. Sie jagten ihre Pferde über eine Woche durch die Ebenen von Brilante. Die Orks hielten sich inzwischen mit jedem kleinen Bauernhof auf und plünderten die ganze Umgebung bevor sie das Schloß angriffen. König Marco und seine Ritter kamen am zweiten Tag der Belagerung an. Ungefähr sechshundert Orks versuchten das Schloß zu stürmen. Sie beschossen es unentwegt mit Brandpfeilen um die Verteidiger auszuräuchern. Als der König in die Schlacht eingriff wagten die Casters einen Ausfall, die Feuer im Schloß waren kaum noch zu löschen. Aber der Ausgang der Schlacht war mehr als fragwürdig, denn die Ritter aus Brilante hatten einen schweren Ritt hinter sich, die Casters hatten lediglich hundert Krieger für die Verteidigung des Schlosses aufstellen können. Die Orks dagegen waren in der Überzahl und ausgeruht. Ohne den Einsatz der Gefährten wäre der Ausgang der Schlacht sicher nicht so glücklich verlaufen und außerdem war der König einem Krieger zu besonderem Dank verpflichtet. König Marco richtete sich stöhnend auf und ergriff Davidudls Arm während er sprach: "Dir aber gebührt die größte Ehre an diesem Tag. Allein deinem wagemutiger Einsatz ist es zu danken, daß diese Land noch einen König hat. Ohne dich hätte mein Kampf gegen das Böse hier auf dieser blutigen Erde ein Ende gefunden. Aber solange es Männer wie dich gibt, die ihr Leben für eine gerechte Sache einsetzen, werde ich immer Hoffnung für Mystia haben." Der König hob seinen Arm in Höhe und rief mit kraftloser Stimme: "Hoch lebe Davidudl, hoch, hoch!" Die Umstehenden riefen im Chor mit dem König und jubelten dem Helden des Tages zu. Davidudl war diese Situation furchtbar peinlich, es gab nichts was er mehr haßte als im Mittelpunkt zu stehen und sich begaffen zu lassen. Er fand dieses Jubelgeschrei höchst übertrieben; schließlich hatte er doch nur seine Pflicht getan und außerdem hat es Spaß gemacht wieder einmal so richtig hindreschen zu können. Davidudl grinste hilflos und überlegte wie er der jubelnden Menge entkommen könnte. Er sah sich um und stellte bald fest, daß es kein Entkommen gab, er war eingeschlossen. Es gab keine andere Möglichkeit als bis zum Ende durchzuhalten. Er lächelte krampfhaft weiter. Aber mit jedem Augenblick machte ihm die Menge rundherum eigentlich immer weniger aus. Im Gegenteil, wenn er zurückdachte hatte er heute ja tatsächlich hervorragend gekämpft. Die Jubelstimmung wurde wieder etwas gedämpft als ein Ritter an den König herantrat um die Verluste zu melden. Die Orks waren alle Tot, bis auf einige wenige denen die Flucht gelungen war. Von den Ritter aus Brilante war mehr als die Hälfte gefallen. Die Krieger von Caster hatten die schwersten Verluste hinnehmen müssen, von den etwa Hundert lebten nur noch Zwanzig, teils schwer verwundet. Das Fürstengeschlecht der Casters hatte es am schwersten getroffen; kein einziger hatte überlebt. Allesamt waren in der Schlacht gefallen. Sie hatten ihr Schloß im wahrsten Sinne des Wortes bis zum letzten Blutstropfen verteidigt. Die Orks hatten das Schloß zwar nicht erobert, aber der angerichtete Schaden war trotzdem sehr groß. Viele Bauerndörfer waren geplündert und zerstört worden. Das Fürstentum ohne Oberhaupt und das Schloß schwer beschädigt. König Marco ließ sich ermattet auf seine Bahre zurück sinken. Zwei Ritter trugen ihn zu einem Gebäude im Schloß das nicht mehr brannte. Anaid ging mit um seine Wunden zu versorgen, Andrus schloß sich ebenfalls an. Die Ritter und Krieger konnten endlich etwas ausrasten und zerstreuten sich um etwas Essbares aufzutreiben oder um sich einfach nur irgendwo hinzulegen. Pipin und Mollek ließen sich von den Gefährten mit den neuesten Geschichten unterhalten. Pipin war, wie damals bei der Suche nach dem magischen Orb im Plateau von Talmus, völlig gebannt von den Erzählungen. Die Geschichte mit dem blauen Drachen im Saurusgebirge fand er geradezu legendär. Sein Vetter Mollek hörte nur andächtig, mit offenen Maul zu und wagte nicht dazwischen zu reden. Kardoc fragte Pipin wie es ihm in der Zwischenzeit ergangene war. Pipin erzählte seufzend, daß es ihm momentan nicht besonders gut ging. Er war seit geraumer Zeit zu einem Einzelgängerdasein gezwungen. In sein Dorf konnte er nicht mehr zurück, dort herrschte der blanke Wahnsinn. Jeder der einen Säbel halten konnte wurde von den rotgekleideten Predigern rekrutiert und abgeholt. Bisher folgten alle Orks begeistert den Eroberungsplänen der Priester. Es ging angeblich noch immer um die Weltherrschaft der Orks. Pipin glaubte den roten Priestern kein Wort, er hatte sich Nachts mit seinem Flugdrachen und Mollek aus dem Dorf geflüchtet. Seither mußten sich beide verstecken, und zwar vor allen Zweibeinern. Mit den eigenen Leuten konnten sie nicht mehr zusammen kommen, sonst würden sie binnen kürzester Zeit in irgend einer Armee gegen den Rest der Welt kämpfen, und für alle anderen stellten sie "den Feind" schlechthin dar. Also blieb ihnen nichts weiter übrig als im Verborgenen zu leben und ein Gebiet zu suchen wo man noch nichts gegen Orks hatte. Andrus unterbrach ihr Gespräch. Er kam vom Schloßtor und ersuchte Ibraha um Feder und Papier. Im ausgebrannten Schloß war nichts dergleichen aufzutreiben. Kardoc erster Gedanke war ein Testament. Er fragte besorgt ob es dem König gut gehe. Andrus beruhigte ihn, dem König ging es schon wieder relativ gut. Anaid hatte seine Wunden geheilt, aber er war durch den Blutverlust trotzdem noch sehr schwach. Der König war nicht mehr der Jüngste und die Schlacht hatte seine ganze Kraft gekostet. Er brauchte jetzt vor allem viel Ruhe. Andrus ging mit Ibrahas Schreibzeug wieder ins Schloß. Pipin fragte die Gefährten wie ihre Pläne für die nächste Zeit aussahen. Er löste damit einige Verwirrung aus, denn über ihre Ziele herrschte völlige Unklarheit. Seit Tagen hetzten sie eigentlich nur mehr von einem Ereignis zum nächsten. Kardoc zählte mit den Fingern ihre begonnen Missionen auf und sagte: "Ich weiß nicht, irgendwie scheint es, haben wir unser Ziel verloren. Aufgebrochen sind wir um in Icelot einen Runenstein zu finden, dann wurden wir von Eduardo gerufen um ihn zu retten und nun sitzen wir hier in einem ausgebrannten Schloß. Ich bin schon gespannt was uns als nächstes dazwischen kommt." Davidudl deutete auf seinen Helm der sie hierher gebracht hatte: "Ja, ja, so läuft das eben. Da kann man gar nichts machen. Aber morgen werden wir ja ohnehin wieder zurückteleportiert in den Turm, dann sollten wir als erstes einmal Eduardo retten." Dies war tatsächlich ihr dringlichstes Ziel, doch im Moment konnten sie nur warten ob der Teleport Morgen tatsächlich stattfinden würde. Bis dahin konnte man kaum etwas nützliches anstellen und man beschloß sich noch etwas auszuruhen und Morgen mit frischen Kräften den Magier zu befreien. Bis auf Kardoc und Knapp suchten sich Alle einen gemütlichen Platz. Die beiden Zwerge tuschelten irgendetwas und entfernten sich zu einem der verkohlten Gebäude. Ibraha konnte nur einige Wortfetzen verstehen:"...die Pläne sind in Brilante...egal ich habe alles im Kopf..." Ibraha war zu müde um herauszufinden was die beiden ausheckten. Es wurde später Nachmittag. Die Gräber für die Gefallenen wurden am Rande eines Wäldchens ausgehoben. Die Casters wurden in der Familiengruft beigesetzt. Es gab keine Verwandten die in der Gruft trauerten, nur ein Teil der Gefährten und einige Ritter waren zugegen. Die Orks hatte man in einiger Entfernung der Schloßmauer auf einen Haufen aufgeschichtet um sie zu verbrennen. Nachdem die Trauerfeier für die Casters beendet war sahen Davidudl und die beiden Orks, Pipin und Molek von der Schloßmauer zu wie der Haufen Orks angezündet wurde. Knapp und Kardoc waren seit Stunden in der Schmiede und hämmerten dort pausenlos auf irgend etwas herum. Sie ließen jedoch niemanden heran und verscheuchten Neugierige sofort. Das Schlachtfeld leerte sich langsam. Die letzten Verwundeten wurden ins Schloß getragen und einige Bauern sammelten herumliegende Waffen und Rüstungsteile ein. Davidudl verließ die Mauer und ging mit Anaid rund um das Schloß um das Ausmaß des Schadens zu betrachten. Schloß Caster war sehr wehrhaft gebaut worden. Die starken Außenmauern hatten keinen Schaden erlitten. Aber alle Nebengebäude und die Stallungen waren aus Holz gewesen und bis auf ein paar verkohlte Reste völlig abgebrannt. Die Schindeldächer auf den steinernen Gebäuden hatten das Feuer ebenfalls nicht überstanden und die herabstürzenden Holzbalken hatten die Brände bis in die oberen Räume der steinernen Gebäude ausgeweitet. Nur die unteren Geschosse waren von den Flammen verschont geblieben. Die Beiden gingen an der mächtigen Mauer des Bergfrieds entlang. Vor dem rechteckigen Turm befand sich ein Richtplatz mit einem etwas erhöhten, steinernem Podest auf dem der Fürst Gesetzte an das Volk erließ oder Verbrecher verurteilte. Vom Bergfried führte eine schmale steinerne Treppe, aus etwa zehn Schritt Höhe, zu diesem Platz. Dies war der einzige Zugang zum Bergfried, außer eventueller Geheimtüren im Inneren des Turms natürlich. Prinz Andrus trat in diesem Augenblick aus der kleinen Tür und stieg, gefolgt von einem Trompeter, zum Richtplatz hinunter. Unten angelangt sorgte der Trompeter mit einer Fanfare für Ruhe und Aufmerksamkeit. Danach trat er einen Schritt vor und kündigte eine Proklamation des Königshauses Brilante an. Noch vor Sonnenuntergang sollten sich alle, auch die Bauern, hier im großen Haupthof des Schlosses versammeln. Anaid und Davidudl gingen wieder zurück und verließen die Schloßmauer. Bald darauf hatte sich der Schloßhof mit einer ansehnlichen Anzahl Zweibeiner gefüllt. Ritter, Krieger, Bauern, Handwerker Mägde und einfache Knechte standen dichtgedrängt und schauten erwartungsvoll auf den Richtplatz. Die Gefährten und die beiden Orks, Pipin und Mollek, wurden von einem Ritter aus König Marcos Gefolgschaft aufgesucht. Auf Wusch Prinz Andrus sollten sie alle neben dem Podest Aufstellung nehmen. Der Prinz würde in wenigen Momenten eine offizielle Verkündigung vornehmen. Knapp und Kardoc kamen als letzte auf den Platz und drängten sich zum Podest. Sie waren dreckig, schwitzten und grinsten beide übers ganze Gesicht. Das Gemurmel der Menge verstummte als Prinz Andrus auf das Podest am Richtplatz trat. Diesmal spielten zwei Trompeter eine Fanfare bevor der Prinz sprach. Andrus hatte sich wieder herauspoliert. Er glänzte zwar nicht mehr so strahlend wie früher aber seine goldene Rüstung sah trotzdem noch sehr eindrucksvoll in der Abendsonne aus. Er eröffnete seine Rede mit einer Danksagung an die heldenhaften Kämpfer des heutigen Tages, an die Bauern und das Schloßgesinde die gegen die Flammen gekämpft hatten und an alle Anderen die irgendwie an dieser Schlacht teilgenommen hatten. Der König war sehr geschwächt, aber es bestand keine Lebensgefahr mehr. Aufgrund seines gesundheitlichen Zustandes würde König Marco für einige Wochen sein Amt nicht ausüben können. Für diese Zeitspanne wurden Prinz Andrus die Pflichten des Königs auferlegt. Seine erste Aufgabe war es nun, eine Proklamation des Königs zu verlesen die er heute nach der Schlacht aufgesetzt und niedergeschrieben hatte. Prinz Andrus nahm ein zusammengerolltes Pergament von einem Ritter der hinter ihm stand entgegen. Er rollte es auseinander und lächelte zu den Gefährten hinunter die neben dem Podest standen und erwartungsvoll, wie alle anderen Anwesenden, auf den Inhalt des Schreibens warteten. Hinter ihm hatten sich einige livrierte Angehörige des Schloßgesindes versammelt. Jeder trug etwas in Händen, es war aber nicht zu erkennen um was es sich handelte. Andrus las mit lauter und kräftiger Stimme. Zu Beginn zählte er die Ahnenreihe der Casters auf. Dieses Fürstengeschlecht war für sein Volk in den Tod gegangen und verdiente höchste Ehrerbietung. Es gab keinen Erbfolger, auch keinen weit entfernten Verwandten der Anspruch auf die Herrschaft über das Fürstentum Caster hatte. Aber es konnte nicht angehen, daß die Bauern und ihr Land von nun an schutzlos bleiben sollten. Der König hatte die Verpflichtung in solch einem Falle einen würdigen Nachfolger zu bestimmen. Deshalb hatte König Marco von Brilante vor wenigen Stunden einen neuen Herrn für Schloß Caster gewählt, der die Verantwortung über die umliegenden Ländereien übernehmen sollte. Prinz Andrus blickte von seinem Papier auf und sah in die Runder der gespannten Gesichter. Die Bauern reckten ihre Hälse um nicht zu überhören wer ihr zukünftiger Herr war. Andrus sah wieder auf sein Papier und las weiter. Der König hatte den zukünftige Herr über das Fürstentum nach reiflicher Überlegung bestimmt. Ein Mann mit allen Tugenden die ein Fürst brauchte, ein Mensch der seit Jahren in selbstlosem Einsatz sein Leben für Mystia einsetzte, kein Mann von Adel, ein einfacher Krieger sollte hier in diesem Schloß einen neue Ahnenreihe beginnen. Prinz Andrus wendete sich zu den Gefährten und steckte seine Hand hinunter: "Krieger Davidudl, tritt zu mir herauf um die Ehre und Gnade zu empfangen." Davidudls Kopf lief hochrot an: "Was... wer... ich, wieso? Halb von unten geschoben und halb von Andrus hinaufgezogen kletterte Davidudl auf das Podest. Er blickte auf die gaffende Menge hinunter und hatte mit einem Mal die schreckliche Erkenntnis: Die starren alle auf mich! Zum Glück sprach Andrus weiter und lenkte damit die Aufmerksamkeit des Volkes wieder auf sich. Davidudl verstand die Hälfte von Andrus Ansprache nicht, er konnte es nicht fassen, ein ganzes Fürstentum sollte ihm gehören! Er winkte Anaid zu sich herauf, schließlich war sie als seine Gattin auch davon betroffen. Nachdem die Elfe neben ihm stand konzentrierte er sich wieder auf die Ansprache. Andrus hob ihn nun formal in den Adelsstand eines Grafen und erklärte ihm seine Rechte und Pflichten die er mit dieser Würde übernahm. Die Vielzahl der Bestimmungen verstand Davidudl zwar nicht auf Anhieb aber das konnte ihm Andrus nachher sicher noch genauer erklären. Einige Dinge klangen allerdings wirklich sehr interessant, so durfte ein Graf zum Beispiel Steuern eintreiben...! Andrus rollte die Urkunde wieder zusammen und überreichte sie Graf Davidudl. Dieses Dokument sollte er irgendwo sicher aufbewahren, es war vom König persönlich unterzeichnet und damit ungeheuer Wertvoll. Danach trat ein livrierter Schloßdiener heran. Er hielt einen samtenen Polster in der Hand, auf dem ein Messingschlüssel in Form eines fliegenden Drachen lag, aus dessen Maul der Schlüsselbart ragte. Der Schlüssel sperrte alle Gemächer im Hauptgebäude und war das Symbol dafür, daß der Graf in alle Räume und Kammern des Schlosses ungehinderten Zutritt hatte. Davidudl nahm den Schlüssel entgegen und gleich darauf trat der nächste Livrierte vor den frisch ernannten Grafen. Er überreichte ein kleines steinernes Wappen. Dies symbolisierte das Recht eine eigene Armee aufstellen zu dürfen um sein Land verteidigen zu können. Nach dieser rituellen Übergabe des Schlosses wendete sich Andrus dem Volk zu und sprach zur Zweibeinermenge: "Und nun, ihr Volk, begrüßt euren neuen Herrn gebührend. Graf Davidudl tritt vom heutigen Tage an, die Herrschaft über dieses Land an. Er wird von nun an seine schützende Hand über auch halten, das Recht über euch sprechen und dafür sorgen, daß ihr in Frieden und Sicherheit leben könnt. Ihr Volk, könnt euch glücklich schätzen so einem so mutigen und heldenhaften Herrn zu dienen. Diesem Mann und seinen Gefährten ist es zu danken, daß die Schlacht gewonnen wurde und unser geliebter König noch lebt. Graf Davidudl lebe hoch, hoch,..." Die Menge stimmte begeistert in den Jubelruf ein. Davidudl wurde sich plötzlich der gaffenden Menge wieder bewußt und fragte Andrus verunsichert: "Muß ich jetzt was sagen?" Andrus beruhigte ihn: "Nein, nein. Es reicht fürs erste wenn du huldvoll winkst, das macht immer einen guten Eindruck. Sie her, so ungefähr..." Er winkte mit dem erhobenen Handrücken dem jubelnden Volk zu. Davidudl gab den Schlüssel und das Dokument an Anaid weiter. Er hob er das steinerne Wappen ihn die Höhen und tat es Prinz Andrus gleich. Davidudl hätte sich nicht träumen lassen, daß er eines Tages zum Grafen erhoben wurde und er fand sich hier oben völlig deplaziert. Bis heute stand er immer dort unten in der Menge und jubelte irgendwem zu, falls es überhaupt etwas zu Jubeln gab. An diese Massenaufläufe mußte er sich erst gewöhnen. Nachdem sich der Tumult etwas gelegt hatte stieg Graf Davidudl mit seiner Gemahlin vom Richtplatz und mischten sich unters Volk. Der Graf, seine Gräfin und die Gefährten machten einen ausgedehnten Rundgang durch das Schloß; schließlich bekommt man nicht jeden Tag so ein Gebäude geschenkt. Das Schloß war auf einer Anhöhe erbaut worden und hatte einen quadratischen Grundriß. Vom Haupttor führte ein breiter Gang ungefähr bis zur Mitte der Anlage, links und rechts durch hohe Mauern begrenzt, zum zweiten Tor das genauso wehrhaft wie das Haupttor war. Wenn ein Angreifer das äußere Tor aufbrach mußte er durch diese Gasse. Auf den Mauern rundum befanden sich zahlreiche Pechnasen und Schießscharten für die Bogenschützen, der Eindringling war in dieser Gasse praktisch gefangen. Das zweite Tor führte direkt zum Haupthof wo Davidudl zum Grafen ernannt worden war. Von diesem Hof gelangte man über die schmale Treppe in den Bergfried der sehr leicht verteidigt werden konnte. Es gab nur die kleine Tür etwa zehn Schritt über dem Boden und darüber eine Pechnase die unliebsame Eindringlinge verjagen würde. Vom Haupthof ging es links und rechts durch schwere Tore gesichert in zwei kleinere Höfe. Dort war das Gesindehaus und einige Vorratslager untergebracht. Von diesen beiden Höfen gelangte man jeweils wieder durch gut gesicherte Tore in zwei weitere Höfe. In einem hatten die Handwerker ihre Werkstätten und im anderen Hof befanden sich die Stallungen. Über den Kreuzungspunkten der Mauern ragten hohe Türme und sicherten jeden einzelnen Hof ab. Im Fall eines Angriffs konnte jeder Hof einzeln verteidigt werden, die Eindringlinge mußten sich gezwungenermaßen durch jedes der Tore durchkämpfen. Davidudl besah sich die hohen Ecktürme und die äußerst starken Mauern. Das war eher eine Wehrburg als ein Schloß. Und außerdem fehlte ein passender Name dafür. Burg Caster konnte man jetzt nicht mehr sagen und Burg Davidudl klang vielleicht etwas eigenartig. Ein klingender und eindrucksvoller Name mußte gefunden werden. Nach einigem hin und her Überlegen fand man schließlich einen Namen. Der Burgschlüssel lieferte den Ausschlag dafür. Der Drache an seinem Griffstück forderte den Namen regelrecht heraus. Anaid und Davidudl beschlossen, daß ihr zukünftiges Heim Burg Drachenhort heißen sollte. Prinz Andrus hatte noch eine angenehme Nachricht für die beiden Burgbesitzer, eine Gepflogenheit die zwar nicht im Dekret gestanden hatte die aber durchaus üblich war. Das ganze Vermögen der Casters, das unzweifelhaft in einem der Gebäude lagerte, fiel dem neuen Burgherrn zu. Tatsächlich fand Knepp kurz danach im Hauptgebäude, neben dem Bergfried, eine eiserne Truhe in der eine ansehnliche Anzahl Goldmünzen lagen. Genug jedenfalls um den Schaden an Burg Drachenhort reparieren zu lassen. Es wurde langsam Dunkel. Die Gefährten suchten sich ein halbwegs intaktes Gebäude um den Rest der Nacht auszuruhen. Morgen ging es wieder in den unsichtbaren Turm wo Eduardo auf sie wartete. Im Halbdunklen, beim schwachen Schein einer Fackel, richteten Davidudl und Anaid ihre neue Burg in Gedanken ein. Auf jeden Fall mußte ein großer und prächtiger Rittersaal im Hauptgebäude untergebracht werden, mit einer langen Eichentafel selbstverständlich. Und für jeden Gefährten wollten sie in einem Nebengebäude Quartiere herrichten lassen. Während die beiden von ihrer Burg und deren prächtiger Ausstattung schwärmten, eröffneten Kardoc und Knapp dem verstümmelten Zwerg Knepp, daß sie eine Überraschung für ihn hätten. Sie gingen mit ihm in die Schmiede und schlossen die halbverbrannte Tür. Durch die Spalten hörte man kurz darauf Knepps Stimme: "Aua, das zwickt, nicht so fest..." Nach einer Weile hörte man einen Klicken und kurz darauf einen dumpfen Knall, gefolgt von Geschepper als ob jemand eine komplette Kücheneinrichtung zertrümmern würde. Danach wieder Kepps Stimme: "Ohh, toll..." Das Klicken und der dumpfe Knall wiederholten sich einige Male. Und immer folgte ein Geräusch das eindeutig auf Zerstörung hinwies. Endlich kamen die drei Zwerge aus der Schmiede. Knepp trug eine Prothese auf seiner abgetrennten Hand. Einen mehr als faustgroßen Morgenstern der auf einer kurzen Metallhülse steckte und zusätzlich mit einer kurzen Kette daran befestigt war. Die Hülse wurde mit starke Lederbänder am Unterarm gehalten. Knepp blickte sich suchend um und ging zu einem Holzbrett. Er hielt den Prothesenbestückten Arm gestreckt und drückte mit der Linken einen kleinen Knopf auf der Metallhülse. Plötzlich schoß der Morgenstern von der Hülse und zertrümmerte unter lautem Krachen das Brett. Die Kette verhinderte, daß ihm der Morgenstern davon rollte. Die Hülse verbarg eine dicke Spiralfeder welche den Morgenstern so wuchtig wegschnellen ließ. Knepp sah sich zufrieden den Schaden an und meinte zu den beiden Zwergen gewendet: "Gar nicht so schlech, da habt ihr zum ersten mal was nützliches gebastelt!" Er bückte sich und drückte mit der Hülse auf den Morgenstern am Boden. Er mußte sein ganzes Gewicht einsetzen, dann klickte es und die Waffe war wieder eingerastet. Knepp sah sich bereits nach einem weiteren Testobjekt um. Pipin kam um sich zu verabschieden. Er wollte weiter ziehen und seine Suche fortsetzen. Vielleicht gab es wirklich irgendwo einen Flecken wo er und andere Orks, die der Krieg nicht interessierte, ungestört Leben konnte. Die Gefährten wünschten ihm alles Gute für seine Suche und das waren nicht nur leere Worte. Der Ork hatte es wirklich verdient, daß er für sich und die anderen friedlichen Orks einen ruhigen Flecken Erde finden würde. Mollek war allerdings etwas unentschlossen er konnte sich nicht recht entscheiden ob er mit Pipin mitgehen sollte. Pipin hatte nämlich sogar davon gesprochen eventuell auf die Inseln rund um das Festland zu reisen und dazu mußte man über das Meer segeln. Anscheinend traute sich Mollek solche Reisen in fremde Länder nicht so ganz zu. Er kannte nur die vertrauten Steinhügel im Orkgebirge, schon alleine dieses herumirren in den Ebenen setzte ihm arg zu. Dabei konnte er von hier aus, bei klarem Wetter das Orkgebirge noch erkennen. Prinz Andrus erleichterte ihm schließlich die Entscheidung. Irgendwie fand Andrus den Ork sympathisch, obwohl er fürchterlich roch und von oben bis unten schmutzverkrustet war. Er machte Mollek das einmalige Angebot sein persönlicher Knappe zu werden. Der Prinz erwog allen ernstes dem Ork Manieren und etwas Sinn für Sauberkeit und Kultur beizubringen. Er sah es als eine höchst schwierige Aufgabe, dies konnte die größte Herausforderung seines Lebens werden. Sein Ziel war, den Ork gesellschaftsfähig zu machen und bei Hofe als leuchtendes Beispiel seiner Rasse vorzustellen. Dies konnte vielleicht einige Vorurteile gegen die Orks wieder abbauen. Mollek war einverstanden und nickte während er freudig grunzte. Er verstand zwar nicht was Andrus meinte mit dem Ausspruch: "Aus dir machen wir einen Paradeork" aber das war eher nebensächlich, Hauptsache es gab immer Futter. Andrus hielt sich die Nase zu und zog Mollek gleich beiseite um ihm die wichtigsten Tugenden eines Knappen zu erklären. Dazu gehörte vor allem das regelmäßige Waschen mit dem sie am besten sofort beginnen sollten. Andrus gab seinem Knappen den Auftrag: "Nimm ein Bad!" Mollek war begeistert, er durfte sich ein Bad nehmen! Freudig grinsend öffnete Mollek seinen Ranzen und hielt ihn Andrus entgegen damit er das Bad hineingeben konnte. Nachdem Andrus eine Weile verwirrt auf den Ranzen starrte fragte Mollek ungeduldig: "Wo mein Bad bleiben?" Er hatte das Wort "Bad" in seinem ganzen Leben noch nicht gehört und kannte seine fürchterliche Bedeutung nicht. Ein Bad war der perfekte Alptraum für einen Ork, mit einem Schlag wäre seine schützende Dreckschicht weg gewaschen und seine Haut schutzlos allen möglichen Parasiten ausgeliefert. Andrus hatte tatsächlich eine äußerst schwierige Aufgabe gewählt. Als die anderen schon längst schliefen redete er noch immer auf Mollek ein der sich standhaft weigerte auch nur einen Tropfen Wasser an seine Haut zu lassen und außerdem hatte er eine panische Angst vor Seife entwickelt, nachdem ihm Andrus erklärt hatte was sie in Verbindung mit Wasser anrichten konnte. Spät in der Nacht gab Andrus auf. Morgen war auch noch ein Tag um Mollek zu säubern. In der Burg Drachenhort war es still geworden, nur hin und wieder hörte man Knepp: Klick - Bumm Schepper! Er hatte inzwischen so gut wie jedem in der Burg seine neue Waffe vorgeführt. Die Zweibeiner schliefen seit vielen Tagen das erste mal wieder in Frieden und brauchten keine Orks zu fürchten. Eine Wache auf einem der Ecktürme beobachtete im hellen Mondlicht die Gegend. Der Blick des Wächters fiel auf das Schlachtfeld. Die Leichen hatte man alle weggeräumt, bald würde das Gras über die zerwühlte Erde und das vergossenen Blut wachsen. Er hatte heute dort unten mitten im größten Kampfgewühl gefochten und mehr als einmal dem Tod ins Auge geschaut. Nun lag das ganze Gelände leer und verlassen vor ihm; ein seltsamer Anblick. Doch Halt, dort unten war doch noch etwas. Mitten im Schlachtfeld stand ein einzelner Ritter starr und regungslos. Entweder war er tot und hatte sich irgendwie in der Rüstung verkeilt, so daß er nicht umfallen konnte, oder es hatte ihm noch niemand gesagt, daß die Schlacht vorbei war. Der Wächter konnte nicht wissen, daß Borodil unter der Rüstung steckte und noch immer auf seinen nächsten Auftrag wartete. Die Gefährten hatten ganz schlicht und einfach auf ihn vergessen. Borodil machte das nicht aus, er war langes Warten gewöhnt. Wenn es sein mußte würde er hier die nächsten paar Jahrhunderte warten. Graf Davidudl erwachte und sah durch die angesengten Fensterstöcke auf den großen Innenhof seiner Burg. Er stellte sich zur Fensteröffnung und sagte zufrieden zu sich selbst: "Graf Davidudl!" Nein, das konnte nicht richtig sein. Davidudl schüttelte den Kopf, der Titel war viel zu kurz. Graf Davidudl klang ja geradezu lächerlich kurz. Seine erste Amtshandlung würde die Findung eines würdigen Titels sein. Graf Davidudl, Edler von Drachenhort, klang schon viel besser aber es war eher ein nichtssagender Titel, Edler von Irgendwas konnte schließlich jeder sein. Drachentöter, war auch nicht schlecht, aber er hatte eigentlich nichts gegen Drachen. Im Gegenteil, seit er seinen Flugdrachen ritt, hatte er eine Vorliebe für die schuppigen Tiere entwickelt. Vielleicht hatten seine Gefährten eine gute Idee für einen klingenden Titel... Seine Gefährten erwachten einer nach dem anderen und leisteten mit Freude ihren Beitrag zu Davidudls schwieriger Aufgabe. Sie versorgten ihn fast den ganzen Vormittag mit mehr oder weniger schwachsinnigen Adelstitel. Andrus war mit Mollek in den Burghof gegangen und versuchte ihm Marnieren beizubringen. Er führte dem staunenden Ork verschiedene Höflichkeitsgesten vor, wie zum Beispiel Verbeugungen, oder wie man mit einer Dame durch eine Schloßgarten ging. Außerdem sprach Andrus dauernd von irgend einem Knappenvertrag den Mollek unterzeichnen sollte. Das war aber momentan nicht so wichtig, den Vertrag konnten sie später aufsetzten. Andrus hatte Ibrahas Schreibzeug schon wieder zurückgegeben und in Brilante gab es herrliche Zierformulare für derartige Verträge. Kardocs Feenaura kam wieder zu Tragen. Gestern in der Schlacht war sie irgendwie untergegangen. Das Blut und der Schlamm hatte die Aura nicht zur Wirkung kommen lassen. Aber heute tänzelte er schon wieder über den Burghof und merkte nicht wie ihn die Leute begafften und sich über den rosa schimmernden Zwerg lustig machten. Ein Bauer trat an Davidudl heran und ersuchte untertänigst um Gehör. Er hatte draußen auf dem Feld Schwierigkeiten mit einem Ritter der sich nicht von der Stelle bewegen ließ. Knepp und Ibraha gingen hinaus und holten Borodil ins Innere der Burg damit er nicht im Wege herum stand. Die Zeit des Teleports rückte näher, irgendwann zur Mittagszeit würden sie wieder verschwinden. Davidudl und Anaid gaben dem Schloßgesinde letzte Anweisungen für die wichtigsten Aufbauarbeiten der Burg. Andrus wollte unbedingt seinen Knappen Mollek mitnehmen und setzte sich den Ork huckepack auf den Rücken. So sollte es eigentlich funktionieren, meinte Andrus. Mollek konnte nicht vom Helm des Janarum zurückteleportiert werden da er ja nicht aus dem Turm gekommen war. Aber Andrus Kleidung, und alles was er sonst mit sich trug war von diesem Zauber betroffen, also logischerweise auch ein Ork auf dem Buckel. Die Gefährten versammelten sich bei Borodil im Burghof und warteten ob der Zauber wirklich eintrat. Nach einiger Zeit hüllte sich tatsächlich wieder dichter weißer Nebel um sie, die Umgebung verschwamm vor ihren Augen und ein paar Augenblicke später standen sie im Turm, genau an der Stelle wo gestern Davidudl den Zauberspruch gesprochen hatte. Mollek saß noch immer auf Andrus Rücken, der Zauberspruch hatte funktioniert. Alle waren wieder zurückgekehrt und Eduardos Rettung konnte nach der kleinen Unterbrechung von gestern wieder fortgesetzt werden. Durch das offene Portal in der Seitenwand der Turmkammer ging es weiter. Davidudl und Anaid warfen einen letzten Blick durch das Turmfenster auf ihr Anwesen und folgten den anderen die Stufen hinauf. Es ging wieder lange Zeit in schier endlosen Windungen nach Oben. Endlich erreichte sie den nächsten Raum. Nach einem offenen Durchgang erstreckte sich ein kurzer Gang und endete an einer verschlossenen Tür. Neben der Tür hing ein poliertes Metallschild auf dem etwas eingraviert war. Die Zwerge gingen voran um das Schloß zu untersuchen. Während Kardoc Knepp fachmännisch erklärte wo überall Fallen in einem Schloß verborgen sein konnten, bildete sich Knapp plötzlich ein lesen zu können. Er betrachtete angestrengt die Metalltafel neben der Tür und formulierte einzelne Buchstaben. Kardoc und Knepp ließen das Schloß außer Acht und lachten ihn aus, Knepp wußte doch nicht einmal wie Buchstaben aussahen. Davidudl und Mollek drängten sich ebenfalls vor die Tafel und versuchten zu lesen was darauf stand. Davidudl war schließlich ein Graf, und Grafen konnten ganz einfach lesen. Mollek las aus reiner Begeisterung und Nachahmungstrieb, er versuchte nur das nachzumachen was die erfahrenen Abenteurer taten. Drängend und stoßend standen die Zwerge, Davidudl und Mollek vor dem Metallschild und stammelte ununterbrochen sinnlose Wörter die sie angeblich von der Tafel ablasen. Anaid sah über den wüsten Haufen drüber und stellte belustigt fest: "Da steht aber überhaupt nichts!" Auf der Tafel waren symbolisch ein Paar Flammen eingraviert. Nach dieser Blamage wendete sich jeder wieder seinem Spezialgebiet zu. Mollek und Davidudl machten sich kampfbereit falls hinter der Tür Feinde lauerten und die Zwerge widmeten sich wieder dem Schloß. Die Tür war unversperrt und ohne Fallen. Knepp drückte sie langsam auf. Dahinter lag eine große und absolut leere Halle. Kardoc untersuchte den Boden hinter der Türschwelle. Eine leere Halle war immer verdächtig, kein normaler Zweibeiner baut eine leere Halle in einen Turm. Den Auslösemechanismus für die Falle konnte Kardoc aber nicht entdecken, denn der Mechanismus war magisch vor seinem Spürsinn geschützt. Ein kleiner Schritt zu weit vorwärts löste die Falle aus. Kardoc stand plötzlich für kurze Zeit in einer magischen Flammensäule. Das Feuer verletzte ihn aber nicht offensichtlich, es durchdrang den ganzen Körper und brachte ihn praktisch von innen zum kochen. Kardoc kam mit dem Schrecken davon, die Flamme war nicht übermäßig heiß. Für ein paar Augenblicke konnte man das Feuer überstehen. Er taumelte einen Schritte seitwärts und löste gleich die nächste Falle aus. Wieder hüllte ihn kurz eine magische Flamme ein. Mit hochrotem Kopf stürzte er aus der Tür und rief: "Uhh,.. Ahh,..Das ist, als ob man mit glühenden Kohlen gefüttert wird!" Eine Feuerhalle also! Die Magier in früherer Zeit hatte anscheinend eine Vorliebe für solche hinterhältigen Feuerfallen. Irgendwie mußten sie einen Weg durch die Halle finden, aber dazu hätte einer von ihnen in der Halle herumspazieren müssen um die Auslöser für die Fallen zu finden. Knepp und Knapp untersuchten die Wände im Gang, doch nirgends war ein versteckter Knopf oder ein anderer Mechanismus zu finden der die Flammen ausgeschaltet hätte. Es gab anscheinend nur einen Weg und der führte durch die Halle des Feuers. Hier war wieder einmal ein echter Held gefragt der einen sicheren Weg durch die Halle erkundete, aber auch nach längerer Diskussion war kein Freiwilliger zu finden. Endlich kam jemand auf eine glorreiche Idee. - Borodil sollte einen Weg durch die Halle suchen. Wenige Augenblicke später stand er auch schon in der Halle und bekam den ersten Flammenstoß ab. Die Gefährten hatten sich alle in den Türrahmen gequetscht und versuchten Borodil durch den Raum zu lenken. Da jeder fest davon überzeugt war den richtigen Weg zu kennen schrieen alle gleichzeitig die widersprüchlichsten Kommandos in die Halle: "Borodil, geh nach rechts! - Nein weiter zurück! - Weiter hinüber, hinüber! - Nicht auf diese Seite, geh zur Wand! - Nein nicht dorthin, komm wieder hierher!" Borodil taumelte praktisch unkontrolliert durch die Halle und wurde mehrfach von den magischen Flammen versengt. Nach einiger Zeit gelangte er eher zufällig auf die andere Seite der Halle, dort war aber nichts, außer wieder einer Wand. Kein Knopf, kein Hebel. Nichts! Ibraha hatte klugerweise die Position der Flammen auf einem Stück Papier mitgezeichnet, dadurch konnten alle in die Halle gehen ohne von den Flammen geröstet zu werden. Die glatten Steinblöcke der Wände fügten sich fast nahtlos aneinander, es gab nicht das geringste Anzeichen wie es hier weitergehen sollte. Es herrschte Ratlosigkeit, das hier war ein echtes Rätsel. An den Stellen wo keine Fallen waren untersuchten sie die Wände, Boden und Decke; jedoch ohne Erfolg. Es mußte aber einen zweiten Ausgang aus der Halle geben, irgendetwas hatten sie übersehen. Nochmals untersuchten sie alles ganz genau, aber weder im Gang noch in der Halle war irgend ein Mechanismus zu entdecken. Ibraha sah sich noch einmal ihren Plan der Feuerfallen an. Etwas eigenartiges fiel ihr dabei auf. Vielleicht nur ein Zufall, aber man konnte ja nicht wissen... Es waren genau acht Flammen. Und sie waren insgesamt acht Personen! Der Vorschlag klang zwar irrsinnig aber Augenblicklich hatte niemand eine bessere Idee: Wenn alle gleichzeitig in die Flammen traten könnte vielleicht irgend etwas passieren. Die Gefährten nahmen nach Ibrahas Anweisungen vor den Flammenfallen Aufstellung. Auf ein Kommando traten sie gleichzeitig in die Fallen. Gleich darauf waren ihre Schmerzensrufe zu hören, die Flammen hüllten alle ein. Eine kurzen Moment lang spürten sie das magische Feuer in sich, dann ließ die Hitze schlagartig wieder nach. Sie hatten das Rätsel gelöst, auf der gegenüberliegenden Wand des Eingangs war ein Durchgang entstanden. Die Steine hatten sich einfach aufgelöst. Hinter dem Durchgang erwarteten sie die Treppe zur nächsten Etage. Wieder ging es endlos hinauf. Die Wächter des Turms waren zu bedauern. Man stelle sich vor ein Wächter kommt bis hierher und dann fällt ihm ein, daß er vergessen hat das Eingangstor ganz unten zuzusperren. Der Arme würde unweigerlich dem Wahnsinn anheim fallen. Nach langer Zeit und brennenden Muskeln in den Oberschenkeln erreichten sie das nächste Stockwerk. Die "Halle der Schatten", stand über dem Torbogen in Stein gemeißelt. Ein offenes Portal führte hinein und an der gegenüberliegenden Wand sah man durch einen steinernen Türrahmen in einen weiteren Raum. Neben dem Eingangsportal befand sich ein weiterer Torbogen, der aber mit einem eigenartigen dunklen Stein verschlossen war. Knapp ging voran, in den kleinen Nebenraum und rief die anderen herein, er hatte einen Brunnen gefunden. Ein großes steinernes Becken nahm die ganze seitliche Wand des Raums ein. Man konnte den Grund des Beckens nicht erkennen, das Wasser schien aber klar und sauber zu sein. Andrus steckte einen Finger hinein und roch ob das Wasser in Ordnung war. Es war kühl und allem Anschein nach nicht vergiftet. Aber wozu stellte man hier einen Brunnen auf? Als kleine Erfrischung für Treppensteiger etwa? Mit diesem Brunnen konnte irgend etwas nicht stimmen, außerdem war das Wasser sicher schon abgestanden und schmeckte entsetzlich. Während die Gefährten neben der großen Steinwanne über den Sinn dieses Wassers rätselten erlitt Mollek einen Anfall von Größenwahn. Er ging etwas zurück und nahm einen kurzen Anlauf. Ehe es jemand verhindern konnte sprang er in das Becken und klatschte laut auf dem Wasser auf. Die Wellen schlug über seinem Kopf zusammen und er tauchte für kurze Zeit unter. Hustend und spuckend kam er wieder an die Wasseroberfläche. Andrus zerrte ihn an seiner Lederrüstung heraus und schüttelte ihn kräftig während er ihm eine Standpauke hielt. Man springt nicht einfach in unbekannte Brunnen! Wenn das Wasser vergiftet gewesen wäre, oder wenn ihn eine magische Untiefe hinab gezogen hätte, - nicht Auszudenken! Es hätte sein Tod sein können. Knepp deutet auf die Wellen und meinte: "Das Wasser können wir jedenfalls vergessen. Das ist jetzt sicher gebrochen." Mollek war nichts passiert, außer daß er völlig durchnäßt war. Obwohl, bei genauerer Betrachtung schien er etwas doch etwas verändert zu sein, irgendwie frischer. Aber das lag wahrscheinlich daran, daß dies sein erstes Bad seit dem letzten Regen war. In der Halle draußen war nichts Auffälliges zu entdecken. Der dunkle Stein im Torbogen verschloß höchstwahrscheinlich die Treppe zum nächsten Stockwerk. Es sah aus, als ob sie hier wieder ihre Köpfe benutzen mußten. Diese Halle verbarg wieder irgend ein mysteriöses Rätsel. Gemeinsam untersuchten sie wieder Wände, Boden und Decke. Ohne Erfolg. Sie waren, wie schon vorhin ein Stockwerk tiefer, völlig Ratlos wo sie mit der Auflösung des Rätsels beginnen sollten. Der einzige Hinweis den sie hatten war die Inschrift beim Eingang. - Halle der Schatten. Das magische Licht in dieser Fensterlosen Halle erzeugte aber nicht einen einzigen Schatten. Das Licht war überall gleich stark und leuchtete bis in die hintersten Winkel. Das einzige auffällige Objekt war dieser Brunnen im Nebenraum. Davidudl interessierte diese Etage seit geraumer Zeit nicht mehr. Diese ewigen Rätsel langweilten ihn zu Tode. Er setzte sich in eine Ecke und beschäftigte sich lieber mit seinem Schleifstein. Die Anderen rätselten indessen weiter und zerbrachen sich die Köpfe, aber es kam kein einziger vernünftiger Einfall zustande. Davidudl prüfte schon zum wiederholten Male die Schärfe seiner Klinge als Andrus doch etwas entdeckte. In die Wand über dem Brunnen war ein breites Bild in den Stein gemeißelt. Durch kunstvoll geschwungene Rahmen getrennt, waren verschiedene Jagdszenen und Zweibeinerprozessionen zu sehen, Zwischen den Mustern und Ornamenten fand Andrus eine Szene die er schon in irgend einem Buch gesehen hatte. Zwei junge Menschen füllten aus riesigen Hörnern Wasser ein Becken, in dem Greise badeten. Ein Jungbrunnen! Das würde auch erklären warum Mollek noch immer so eigenartig erfrischt aussah. Andrus wagte den Versuch und trank einen Schluck aus der hohlen Hand. Das Wasser schmeckte angenehm kühl und erfrischend. Die Muskeln entspannten sich, die Strapazen des Treppensteigens waren wie weggeblasen. Andrus fühlte sich plötzlich ausgeruht und voller Kraft. Ihm war als ob er ein Jahr jünger geworden währe. Nachdem Andrus den angenehmen Effekt des Wasser beschrieb tranken alle bis auf Mollek einen Schluck aus dem Brunnen. Der Ork hatte für die nächste Zukunft genug vom Wasser. Knepp hatte den fatalen Einfall gleich ein zweites Mal von der Quelle zu trinken. Das war ein Fehler, Knepp fühlte wie die Wirkung des Wassers sofort nachließ und seine Beine wieder schmerzten. Er fühlte sich irgendwie matt und müde als ob er plötzlich um Zehn Jahre gealtert währe. Knepp ließ es dabei bewenden, er wollte lieber nicht ausprobieren was passieren würde wenn er noch einen Schluck trank. Indem alle aus dem Brunnen getrunken hatten war das Rätsel dieser Halle gelöst. Aus dem dunklen Stein im Torbogen traten mehrere schattenhafte Wesen hervor und griffen sofort an. Man konnte nur Konturen der säbelschwingenden Kriegern sehen, wie bei einem Schattenspiel. Aber ihre Waffen verhielten sich wie echte aus Stahl. Außer Anaid, Ibraha und Borodil hatten alle ihre Waffen gezogen und versuchten die Schattenkrieger abzuwehren. Davidudl parierte die Säbel der Angreifer ohne größere Probleme, etwas anderes bereitete ihm aber sehr große Probleme. Sein Schwert verletzte die Schattenkrieger nicht. Die Klinge strich einfach hindurch als ob dort nur Luft wäre. Ebenso erging es Kardoc, Knepp, Andrus und Mollek. Ihre Waffen waren gegen die dunklen Körper völlig wirkungslos. Knepps neue Waffe wurde ihm fast zum Verhängnis, er drückte den Knopf, der Morgenstern schnellte mit ungeheurer Wucht nach vorne und traf aber auf kein Hindernis. Der Zwerg wurde von den Beinen gerissen und stürzte mit gestrecktem Arm einige Schritt vorwärts. Kardoc und Davidudl wehrten die Schattenkrieger ab bis er wieder auf den Beinen war. Nur Knapp traf die Schattenkrieger. Wenn seine Axt auf der dunklen Oberfläche aufschlug hörte man einen dumpfen Knall und der Schattenkrieger wich etwas zurück. Es war völlig unverständlich warum gerade Knapps Axt Schaden anrichtete. Sicher war nur, daß es Knapp alleine niemals schaffen konnte. Ein einzelner Zwerg wurde mit diesen Kriegern nicht fertig. Ein weiteres Problem tauchte auf. Neben dem dunklen Stein materialisierte ein Nataspriester aus dem Nichts. Er schien überrascht zu sein, wahrscheinlich hatte er nicht damit gerechnet, daß jemand bis hierher vordringen konnte. Er griff nach einem kurzen zögernden Augenblick mit magischen Blitzen an. Anaid und Kardoc zauberten magische Schutzschilder um sich selbst, und ihre Gefährten. Ibraha hatte erfolglos Feuerbälle und magische Blitze auf die Schattenkrieger geworfen. Sie reagierten nicht auf ihre Magie. Die Magierin deckte stattdessen den Nataspriester mit verschiedenen Angriffssprüchen ein. Er hatte alle Hände voll zu tun um die Feuerbälle und Eiskugeln abzuwehren. Dadurch konnte er Davidudl und Andrus, die ganz vorne standen, nicht mehr wirkungsvoll Angreifen. Anaid schoß ihre Pfeile ebenfalls auf den Nataspriester, denn die Schattenkrieger reagierten auch auf diese Waffe nicht. Als Anaid ein wenig seitwärts blickte, um einen neuen Pfeil aus dem Köcher zu nehmen sah sie wie Boroldil teilnahmslos auf das Getümmel starrte und gab ihm einen Auftrag der das Kampfgeschehen schlagartig änderte: "Borodil, vernichte die Schattenwesen." Borodil ging nach vorne und schlug einen nach den anderen nieder. Sein Schwert verhielt sich genauso wie Knapps Axt. Die Körper der Schattenwesen zuckten bei jedem Treffer zusammen. Davidudl ließ von den dezimierten Schattenkriegern ab und sprang zum Nataspriester der ihn mit einem magischen Blitz empfing. Davidudl taumelte durch die Wucht des Einschlags einen Schritt zurück, der Zauberspruch war aber nicht besonders stark, denn der rotgekleidete Priester mußte jetzt auch noch auf Kardocs Zaubersprüche achten. Der Zwerg probierte seinen neuen Lähmungsspruch. Nach zwei mißlungenen Versuchen gelang der Zauber. Kardoc konzentrierte sich und drang in jede Körperfaser des Priesters. Nur durch seinen Willen hielt er sämtliche Lebensabläufe an und zwang ihn zur absoluten Untätigkeit. Der Körper des Priesters lehnte sich dagegen auf aber Kardoc hielt ihn fest in seiner geistigen Umklammerung. Für einige Herzschläge war der Nataspriester paralysiert. Davidudl nutzte diese Gelegenheit und schlug mit dem Schwert auf ihn ein. Der Priester hatte ein magisches Schutzschild um sich gelegt, doch es hielt der Klinge nicht lange stand und die Paralyse verhinderte, daß er den Zauber erneuerte. Noch bevor Kardocs Paralysezauber nachließ verletzte ihn Davidudl tödlich. Der Nataspriester brach mit durchstochener Brust zu Boden. Borodil und Knapp streckten im gleichen Moment den letzten Schattenkrieger nieder. Nachdem sich der dunkle Körper in durchscheinenden Schwaden aufgelöst hatte, verschwand auch der dunkle Stein im Torbogen. Dahinter war die Treppe nach oben zu erkennen. Der Weg war frei. Bevor sie sich auf den beschwerlichen Weg machten untersuchten Andrus und Davidudl die Leiche des Priesters. Unter der Robe war aber nur mehr ein kleiner Haufen Asche, der Nataspriester war unerklärlicher Weise verbrannt, seine Robe jedoch nicht. Vielmehr als der eingeäscherte Nataspriester interessierte Kardoc warum seine Axt gegen die Schattenwesen wirkungslos geblieben war. Er nahm Knapp die Axt aus der Hand und verglich sie mit seinem Knochenschinder. Es war unbegreiflich was an Knapps Axt so besonders war. Borodils Schwert zeigte auf den ersten Blick auch keine Besonderheit, außer einer kleinen Inschrift auf der Klinge. Ibraha sah sich die Runen an und übersetzte sie. "Schwert der Schatten" stand dort geschrieben. Jetzt war klar warum die Schattenkrieger durch diese Klinge verletzt wurden, aber Knapps Axt gab noch immer ein Rätsel auf. Die Zeit drängte. Das Rätsel um Knapps Axt konnten sie auch noch lösen wenn Eduardo befreit war, sie hatten ohnehin schon viel zuviel Zeit verloren. Sie gingen die Treppe hoch zum nächsten Stockwerk. Diesmal schienen die Windungen überhaupt kein Ende nehmen zu wollen. Zweimal mußten sie eine kurze Rast einlegen. Knepp war fast am Ende seiner Kräfte. Andrus keuchte die Treppe hinauf und verfluchte dabei jede einzelne Stufe. Die Zwerge krochen seit einiger Zeit auf allen Vieren über die Stufen. Außer Kardoc natürlich. Der rosa schimmernde Zwerg kroch nicht, sondern hüpfte scheinbar gazellengleich die Treppe hinauf. Die einzigen die noch halbwegs zügig vorankamen waren Mollek, Borodil und Davidudl. Anaid hatte sich bei Davidudl eingehackt und ließ sich hinaufziehen. Ibraha benutze Borodil als Zugpferd; sie hing hinter ihm, an seinem Waffengurt. Je weiter sie hinauf stiegen desto unwohler wurde ihnen zumute. Eine bösartige Aura wurde langsam aber sicher immer deutlicher. Nach Stunden erreichten sie endlich ein Portal. Der breite Steinbogen führte in einen kurzen Gang. Gleich links nach dem Bogen hielten sie vor einem überbreiten Durchgang der durch eine magische Wand versperrt war. Durch den blauen Schleier sah man in eine Bibliothek. In hohen Regalen standen unzählige Bücher und Schriftrollen. Hier konnte man sicher Jahrelang durchlesen ohne zu einem Ende zu kommen. Anscheinend waren das die Bücher von denen Eduardo immer erzählte. Knapp drückte Versuchsweise gegen die magische Wand. Sie bewegte sich aber nicht im geringsten. Die Wand war äußerst mächtig und mit normalen Mitteln sicher nicht zu überwinden. Anaid ging den Gang weiter nach vorne. Nach einer Biegung des Ganges fand sie eine unversperrte Tür, dahinter lag eine kleine spartanisch eingerichtete Kammer. Nur eine kleine Kommode, ein Tisch, ein Stuhl und ein einfaches Bett standen darin. An einem Hacken an der Wand hing eine dunkle Robe die mit silbernen Runen bestickt war, auf dem Tisch lagen Bücher, Schreibzeug und ein paar leere Papierblätter. Eine erloschene Kerze lag auf dem Boden, gleich neben einem einzelnen Stiefel. Anaid wollte den Raum schon wieder verlassen, aber ein quieken hielt sie davon ab. Auf dem Bett saß eine kleine Ratte. Es war Equinus! Die Ratte schaute neugierig auf die bekannten Gesichter in der Tür. Dies mußte Eduardos Kammer sein und Equinus wartete hier auf ihn. Die Gefährten untersuchten die Kammer von oben bis unten es war jedoch keine Hinweis auf Eduardos Verbleib zu finden. Ihr Ziel konnte aber nicht mehr weit sein. Seit sie in diesem Geschoß waren spürten sie die beklemmende Aura überdeutlich. So ähnlich hatten sie sich im Turm des Schlosses Gelea gefühlt. Die Kreaturen des Bösen waren mit Bestimmtheit hier irgendwo in der Nähe. Nach Eduardos Kammer führte der Gang etwa dreißig Schritte gerade aus. Ziemlich am Ende, an der rechten Seite war eine Tür zu erkennen. An der linken Seite wenige Schritte vor den Gefährten zweigte eine schmale Treppe vom Gang ab. Die Stiegen gingen steil aufwärts und ein schwacher Luftzug wehte von oben herunter. Einer nach dem anderen stiegen sie leise hinauf. Nach ein paar Windungen erreichten sie das Ende der Treppe. Sie führte ins Freie. Auf der letzten Treppe stockte Kardoc und fand keine Worte: "Boahhh..." Das Ende des Turms war erreicht. Sie standen auf einer dreißig Schritt breiten Plattform und sahen Mystia aus einer Perspektive wie sie kaum ein anderer Zweibeiner je gesehen hatte. Das ganze Festland konnte man von hier aus überblicken. Die großen Gebirgszüge waren deutlich auszumachen. Andrus lehnte an der Brüstung und zeigte auf einen winzigen blauen Fleck inmitten eines saftiggrünen Landstrichs, es war der Mani-Tu See an dem Schloß Brilante lag. Kardoc konnte deutlich das Zwergengebirge erkennen. Anaid beugte sich ganz nach vorne und wagte einen Blick über die breite Brüstung nach unten. Sie befanden sich in einer unglaublichen Höhe, der Kardocsee war von hier oben nur noch als winziger dunkelblauer Ring um den Turm zu sehen. Auf der rechten Seite der Welt sah es etwas anders aus als in den grünen Ebenen bei Schloß Brilante. Die Landschaft wirkte irgendwie grau und trübe, es sah jedenfalls nicht sehr einladend aus. Das Meer rund um Mystia war ebenfalls deutlich zu erkennen. Sogar ein paar größere Inseln waren auszumachen. Das Ende der Welt verhüllte sich irgendwo weit draußen auf dem Meer in einem diffusen Schleier. Es war unmöglich abzuschätzen wo das Wasser mit der Luftkuppel zusammentraf. Die Luftkuppel selbst konnte man aber rundum deutlich sehen denn die Sonne spiegelte sich darin wie in einer Käseglocke. Genau über ihnen schien sie zu greifen nahe zu sein, es waren sicher nicht mehr als fünfzig Schritte die sie von der schützenden Hülle trennten. Sogar ein paar Sterne konnte man von hier aus erkennen obwohl es heller Tag war. In der Mitte der Plattform stand eine schlanke glatte Säule die bis zur Luftkuppel hinauf reichte, oder vielleicht sogar darüber hinaus ragte. Die Gefährten rissen sich vom Ausblick über die Welt los, Eduardo mußte gerettet werden. Davidudl zog Andrus in die Höhe. Der Prinz hatte sich auf den Boden gesetzt und wollte noch etwas ausrasten, die Treppen hatten ihn völlig fertiggemacht. Stöhnend erhob er sich doch noch einmal und folgte den anderen. Leise schlichen sie wieder hinunter und gingen den Gang weiter. Die bösartige Aura war hier unten überwältigend. Anaid und Kardoc zauberten jedem ein magisches Schild und Ibraha belegte jeden mit einem Gewandtheitszauber. Jeder Vorteil konnte entscheidend sein, hier oben kam es mit Sicherheit gleich zum Endkampf. Der Gang war sehr schmal, sie konnten nur zu zweit neben einander gehen. Die kleine Tür rückte immer näher und ein mulmiges Gefühl breitete sich aus. Die Luft knisterte beinahe, die grauenhafte Aura war viel stärker als damals in Gelea. Sie erreichten ungehindert die Tür, es waren keine Geräusche zu hören, aber jeder fühlte, daß ihr Gegner dahinter lauerte. Die Zwerge standen vor der Tür, die größeren Zweibeiner drängten sich hinter ihnen und an beiden Seiten. Die Tür hatte kein Schloß. Kardoc nahm den großen Eisenring am Türblatt und sah sich fragend um ob alle bereit waren. Knepp flüsterte: "Na los, mach schon auf." Kardoc stieß die Tür mit einem Ruck auf. In einem ungefähr sechs mal sechs Schritte großen Raum standen fünf Nataskrieger zusammen und wendeten sich langsam der Tür zu. Ihre Waffen steckten in den Scheiden. Sie konnten das plötzliche Eindringen der Gefährten anscheinend nicht so schnell verarbeiten. Am anderen Ende des Raums befand sich noch eine Kammer aus der in kurzen Abständen verhaltenes Stöhnen zu hören war. Es klang wie Eduardos Stimme. Der kleine Raum bot keinen Platz für einen normalen Kampf, die fünf Nataskrieger alleine nahmen schon mehr als die Hälfte der Kammer in Anspruch. An einen Schwertkampf dort drinnen war nicht zu denken. Kardoc sah einen einmalige Gelegenheit wie sie die Krieger schnell besiegen konnten. Sein Paralysespruch wirkte auch auf mehrere Personen wenn sie nahe genug beieinander standen. Und diese Nataskrieger standen sehr nahe zusammen. Wenige Momente nachdem die Tür aufgeschwungen war sprach Kardoc die magische Formel und hatte auf Anhieb Erfolg. Die Krieger verharren mitten in der Bewegung. Zwei hatten ihr Schwert schon gezogen, einer machte gerade einen Schritt auf die Tür zu und die letzten zwei wollten soeben ihre Waffe ziehen. Nun standen sie wie versteinert da und wurden wenige Augenblicke später von Ibrahas magischen Blitzen getroffen. Andrus lehnte draußen an der Wand und gähnte. Er stand ganz hinten und sah gar nicht was da drinnen vor sich ging, aber Ibraha und Kardoc hatten anscheinend alles im Griff. Davidudl und Mollek setzten dazu an, zwischen Ibrahas Feuerbällen durch die Tür zu springen um die Nataskrieger mit ihren Schwertern anzugreifen. Sie ließen es aber dann lieber doch bleiben. Eduardos Schmerzensrufe waren verstummt und aus der Tür gegenüber trat ein sehr ungemütlich aussehendes Wesen. Es war nackt und ungefähr so groß und muskulös wie ein Oger. Die haarlose dunkelrote Haut schien zu brennen. Der Kopf sah aus wie eine Mischung aus einem Stierkopf mit einem Krokodilsrachen. Das war kein Zweibeiner, das war ein ausgewachsener Dämon. Er blieb in der Tür stehen und betrachtete das Schauspiel. Kardoc konnte nichts tun, er mußte den Paralysespruch aufrecht erhalten. Anaid schoß einen Pfeil ab, aber der verletzte den Dämon nicht. Der Pfeil fiel zu Boden als ob er gegen eine Steinwand geprallt währe. Knapp konnte nicht an Kardoc vorbei und Knepp versuchte erst gar nicht dem riesigen Dämon gegenüber zu treten. Mollek hatte ebenfalls schwerste Bedenken und blieb lieber in der zweiten Reihe, draußen am Gang. Ibraha versuchte den Dämon mit Feuerbällen, Eiskugeln und Blitzen zu verletzen. Er war gegen diese Magie aber völlig immun. Es sah fast so aus als ob er die Situation genoß. Der Dämon lehnte am Türrahmen und schien sich über die Nataskrieger, die Gefährten, die lächerlichen Waffen und die Zaubersprüche lustig zu machen. Anaid ließ den Bogen sinken und zauberte einen magischen Blitz. Der Blitz sah zwar genauso wie Ibrahas Blitz aus aber er unterschied sich in seiner Wirkung erheblich. Der Dämon zuckte leicht zusammen. Dieser Whuosageweihte Blitz störte in doch etwas, - aber auch nicht mehr. Das grelle Leuchten das den nächsten magischen Blitzes begleitete, beobachtete er bereits mit zusammengekniffenen und bösartig funkelnden Augen. Er mochte diese Blitze anscheinend überhaupt nicht und kam wutschnaubend langsam näher. Die Blitze waren viel zu schwach um ihn zu Verletzen sie machten ihn nur Wütend. Es sah gar nicht gut aus. Kardocs Konzentration ließ bereits etwas nach, wenn der Dämon noch ein Stück näher kam konnte er seinen Paralysespruch nicht mehr aufrecht erhalten und die Nataskrieger waren auch noch frei. Davidudl riß sich plötzlich den Ranzen vom Rücken und rief: "Ich weiß was, wartet, ich hab was für den Dämon!" Er zog drei Phiolen aus seinem Ranzen. Das geweihte Wasser aus der Kapelle in Brilante konnte den Dämon möglicherweise mehr beeindrucken als die Blitze. Davidudl beugte sich über Kardoc und sprengte dem Dämon ein paar Tropfen des Wassers entgegen. die Wirkung war tatsächlich immens. Mit einem gequälten Aufschrei zog sich der Dämon ein paar Schritte zurück. Das Wasser hatte dunkle, qualmende Löcher in seine Haut gebrannt. Dieses geweihte Wasser war anscheinend das einzig wirksame Mittel gegen den Dämon. Anaid zog ihren Dolch und schnitt sich einen Streifen Stoff aus ihrem Hemd unter der Lederjacke. Dann hielt sie Davidudl einen Pfeil entgegen und sagte: "Schnell, binde Eine an." Davidudl verstand sofort was sie vor hatte. Er nahm den Stoffstreifen und band eine der gläsernen Phiolen an den Pfeil. Nach wenigen Augenblicken zielte Anaid auf die Brust des Dämons. Der Schuß mußte auf Anhieb sitzen, eine zweite Möglichkeit gab es sicher nicht. Der Pfeil war vorne viel zu schwer und Anaid versuchte den Schußwinkel so genau als möglich einzuschätzen. Sie verließ sich auf ihren Elfeninstinkt und ließ die Sehne los. Der Peil beschrieb einen leichte Bogen und die Phiole zerplatzte mitten auf der Brust des Dämons. Der Dämon starrte erschrocken auf die rasend schnell größer werdenden Löcher in seinem Leib. Das geweihte Wasser fraß sich wie eine Säure in den brennenden Körper. Mit leisen Wimmern sank der Dämon zu einer formlosen Masse zusammen. Er starb an einer Überdosis geweihtem Whuosawasser. Kardoc hielt die Nataskrieger noch immer mit seinem Paralysespruch gefangen. Ibraha hatte bereits zwei der magischen Krieger erledigt. Aus den leeren Rüstungen dampfte noch etwas roter Rauch. Vereint mit Anaids Blitzen machte die Magierin den restlichen drei Kriegern rasch den Garaus. Nach kurzer Zeit lagen nur noch die leeren Hüllen herum. Kardoc beendete erschöpft seinem Zauberspruch, viel länger hätte er nicht mehr durch gehalten. Davidudl wurde von allen Seiten zu seinem brillanten Einfall gratuliert und Knepp meinte: "Und ich dachte schon dieser Impezil ist dein perfektes Ebenbild. Von der geistigen Verfassung her meinte ich..." Knepp konnte dem Faustschlag auf seinen Kopf nicht mehr ausweichen, sein Helm rutschte ihm bis zu den Augenbrauen hinunter. Davidudl tippte sich mit dem Finger der anderen Hand auf die Stirn und meinte lächelnd: "Ja, ja, da ist ganz schön was drunter..." Davidudl drohte weiterhin mit der Faust; er mußte sich aber trotzdem noch ein paar Bemerkungen über sein angeblich nicht vorhandenes Gehirn gefallen lassen, bevor sich seine lieben Gefährten wieder interessanteren Dingen zuwendeten. Knepp fiel plötzlich auf, daß Andrus gar nicht mehr hier war. Der Zwerg, Davidudl und Mollek gingen den Gang zurück und stießen auf Borodil der einige Schritte vor der Treppe zur Plattform mit dem Gesicht zur Wand stand. Wahrscheinlich hatte er vorhin zu wenig Platz gehabt bei dem Gedränge vor der Tür. Nach der Biegung des Ganges hörten sie verdächtige Geräusche aus Eduardos Kammer. Sie traten durch die Tür und fanden Prinz Andrus. - Lang ausgestreckt und schnarchend. Es war unfaßbar, dieser Wahnsinnige schlummerte hier friedlich während sie gegen Dämonen kämpften. Er war auch nicht wach zu kriegen, Prinz Andrus schlief tief und fest. Ibraha stöberte inzwischen in den Rüstungen der Nataskrieger um irgendwelche Hinweise auf deren magischen Inhalt zu finden. Knapp war ebenfalls in der kleinen Kammer und untersuchte eine höchst merkwürdige Konstruktion in der Ecke. Ungefähr einen Schritt von der Mauerecke entfernt stand eine Säule auf der eigenartige Runen eingemeißelt waren. Die Säule begrenzte ein quadratisches Loch in der Ecke im Boden. Er hielt sich an der Säule fest und blickte hinunter. Es war ein abgrundtiefes Loch. Das magische Licht leuchtete auch in diesem Schacht, aber es war kein Ende zu sehen. Irgendwo, in vielen hundert Schritten Tiefe, verjüngte sich der Schacht zu einem Punkt. Es war ein furchterregender Anblick. Kardoc stand noch immer im Türrahmen, von wo aus er die Nataskrieger paralysiert hatte. Er fühlte sich matt und ausgelaugt. Er sah Borodil, teilnahmslos wie immer, weit hinten im Gang stehen. Wer ihm wohl den Auftrag gegeben hatte die Wand so anzustarren? Dahinter regten sich Knepp, Davidudl und Mollek über irgendetwas auf. Anaid ging gerade zu ihnen, wahrscheinlich um zu erfahren was dort hinten los war. Kardoc wendete den Blick in die Kammer wo noch ein paar Reste des Dämons dampften. Ibraha stocherte mit einem Holzstab in den Rüstungenteilen der Nataskrieger herum und roch gerade an einem Eisenstiefel. Knapp stand im selben Raum in der Ecke. Er hielt sich an einer Säule fest, starrte auf den Boden und stammelte dauernd: "Uhh,... Ohh,.. so tief,..." Hier war irgend etwas ganz und gar nicht richtig! Nach wenigen Augenblicken kam die Erleuchtung. Eduardo! Bei allen guten Geistern, wie konnten sie ihn nur vergessen! Kardoc ging eilig zur gegenüberliegenden Tür und steckte den Kopf durch den Türrahmen. Da lag er ja! Auf einer sehr massiv ausgeführten Folterbank, gefesselt und mit einer Folterbirne mundtot gemacht lag Eduardo. Er hatte einen eigenartig wütenden Blick. Kardoc schnitt seine Fesseln durch und und schraubte die Birne wieder zurück. Nach ein paar Umdrehungen konnte sie Eduardo aus dem Mund nehmen. Er hatte das Folterinstrument anscheinend schon längere Zeit im Mund, denn seine aufgeregten Worte waren durch eine leichte Maulsperre nur sehr schwer zu verstehen: "Ech haw euch eenau eehört! Ehr aabt aa drauchen eelacht und aabt euch anüsiert wäheend ech iier unter Chmerchen iiegen muchte. Ehr cheid eine werrohte Bannn,... nnn,... Bande..." Eduardo beruhigte sich schnell wieder. Er wußte, daß sich seine Gefährten manchmal etwas eigenartig verhielten. Aber wenn er mit ihnen unterwegs war benahm er sich eigentlich genau so seltsam. Kardoc meinte entschuldigend: "Wir hätten doch niemals auf dich vergessen. Das war nur dieser Dämon, der hat alle irgendwie verwirrt. Vielleicht hat er irgend einen Verdummungszauber gesprochen bevor er starb..." Eduardo murmelte: "Der Dämon hat euch alle wahrccheinlich cchon bei der Geburt heimgechucht..." Kardoc erkundigte sich ob ihn der Dämon verletzt hatte. Der Magier massierte seine gemarterten Kinnladen und schüttelte den Kopf. Der Dämon hatte gerade mit der peinlichen Befragung begonnen. Er setzte magisches Feuer ein mit dem er Eduardos Innereien nach und nach aufheizen wollte, aber er hatte noch keinen Schaden davongetragen. Seine Rettung war wirklich im letzten Moment erfolgt, eine Stunde später hätten sie wahrscheinlich nur mehr verbrannten Überreste auf der Folterbank vorgefunden. Während Eduardo die Fesseln von den Hand und Fußgelenken entfernte betrachtete er Kardoc und fragte: "Wer hat dir denn das angetan?" Kardoc sah ihn verwundert an: "Was?" "Na diese peinliche Aura." Eduardo sprach ein paar Silben und löste den rosa Schein um Kardoc wieder auf. Nachdem er dem Zwerg sein feenhaftes Aussehen abgenommen hatte, sprang er von der Folterbank und sah schon wesentlich besser aufgelegt zur Tür: "Und, wo bleibt der Rest meiner wahnsinnigen Befreier?" Nach und nach kamen alle, außer Andrus der tief schlief und Borodil der es so und so nicht verstanden hätte, in die Folterkammer und sahen erleichtert, daß Eduardo noch lebte. Nachdem er sich seinen zweiten Stiefel und die Robe aus der Kammer geholt hatte führte er seine hundemüden Befreier durch diese oberste Etage des Turms. Knapp fragte ihn wozu dieses Loch im Vorraum der Folterkammer gut war. Eduardo ging mit ihm zu der Säule, in der Ecke und zeigte auf ein paar kleine Runen die sich verdrehen ließen. Das Loch war ein Aufzug, und mit den Runen stellte man ein, in welcher Etage man landete. Knepp viel ein Stein vom Herzen. Seit er den zweiten Schluck vom Jungbrunnen getrunken hatte fühlte er sich etwas schlaff und der Abstieg über die vielen Tausend Stufen währe eine Qual für ihn gewesen. Während Eduardo seinen Ranzen durchsuchte um nachzusehen ob noch alles da war, fragte er seine Gefährten ob sie alle Zaubertränke verbraucht hatten die Borodil bei sich trug. Als er in die verwunderten und nichtsahnenden Gesichter rundherum blickte wußte er Bescheid. Sie hatten seine Nachrichten irgendwo verschlampt, oder die Zetteln hatten sie eben einfach nicht besonders interessiert. Borodil trug acht Heiltränke, zwei Manatränke, sowie einige Essensrationen mit sich. Aber das war ihnen wieder einmal völlig entgangen, obwohl es klar und deutlich in seiner ersten Nachricht gestanden hatte. Eduardo hatte längst resigniert und fragte nicht mehr warum sie die Tränke nicht genommen hatten. Er nahm aus Borodils Gürteltasche die Zaubertränke und Rationen, um sie unter den Gefährten zu verteilen. Wenigstens hatten sie jetzt etwas in Reserve. Um von ihrer peinlichen Geistesschwäche abzulenken erzählten sie Eduardo ausführlich von den gestrigen Ereignissen. Der Magier staunte tatsächlich nicht schlecht als er hörte, daß Davidudl und Anaid seit gestern dem hohen Adel angehörten. Und das Wohl des Königs lag ihm offensichtlich sehr am Herzen denn er schlug vor dem König gleich einen Besuch abzustatten. Der Turm mußte wohl oder übel wieder eine Weile ohne ihn auskommen. Sie weckten mit einiger Mühe Prinz Andrus und begaben sich zum magischen Aufzug. Eduardo drehte an den Runen herum und plötzlich erschien eine leuchtend blaue Plattform. Einer nach dem anderen stieg auf die leuchtende Platte und verschwand mit derselben nachdem Eduardo eine Rune in die Säule drückte. Der Magier und Borodil betraten als letztes den Aufzug und kamen nach wenigen Augenblicken ganz unten in der Eingangshalle des Turms an. Borodil nahm seinen Platz in der kleinen Kammer neben dem Eingang wieder ein, und verharrte dort genau so wie ihn Davidudl vor zwei Tagen gefunden hatte. Die anderen hatten inzwischen schon die Leichen der Orks und der vier Krieger ins Freie geschafft. Anaid brachte die Flugdrachen aus dem nahegelegenen Wald, Eduardos Drache war ebenfalls dabei. Nachdem das Tor geschlossen und magisch versiegelt war stiegen sie auf die Tiere und machten sich auf den kurzen Weg zur Burg Drachenhort. Mollek war der Flugdrache zwar nicht ganz geheuer, aber bevor er alleine auf der Insel zurückblieb stieg er lieber doch auf. Sie flogen in ungefähr fünfzig Schritt Höhe über das tiefblaue Wasser des Kardocsees. Mollek saß bei Andrus und blickte immer wieder mit Entsetzen hinunter in das grauenhafte Naß. Er konnte sich nichts schlimmeres vorstellen als hier abzustürzen und stundenlang im Wasser schwimmen zu müssen. Sie stürzten nicht ab, sondern erreichten wohlbehalten die niedergebrannte Burg. Davidudl und Anaid flogen ein paar Runden über ihr Anwesen ehe sie vor dem Burgtor landeten. Die Aufräumungsarbeiten gingen zügig voran, vor dem Tor lag ein großer Haufen des verkohlten Holzes das von den alten Gebäuden übrig geblieben war. Neben dem Tor lag bereits ein Stapel gefällter Bäume aus dem nahen Wald die teilweise schon gespalten und zu Brettern verarbeitet waren. König Marco saß im Haupthof und diskutierte soeben mit einigen umstehenden Rittern. Er bestand nämlich darauf mit allen Fahnen und Standarten geschmückt die Heimreise nach Brilante anzutreten und zwar auf seinem Pferd. Die Ritter waren geteilter Meinung, einige hielten es nach diesem Sieg wirklich für angebracht in einem Triumphzug nach Brilante zurückzukehren. Allerdings rieten sie dem König aufgrund seiner körperlichen Verfassung eher zu einer Sänfte, ein Ritt war viel zu gefährlich. Die anderen Ritter wollten in einem getarnten Konvoi zum Schloß fahren. Ein paar Ochsenkarren würden jeden glauben lassen eine harmlose Handelskarawane wäre auf den Weg. Kurz vor dem Schloß könnte man ja immer noch einen Triumphzug veranstalten. Diese Lösung schien auch Prinz Andrus vernünftiger zu sein und er überredete seinen Vater vorerst mit ein paar Ochsenkarren vorlieb zu nehmen. Andrus machte sich gleich daran die Wagen zu organisieren, er wollte schon Morgen Früh abreisen. Sein Knappe Mollek sollte ihn ebenfalls begleiten, in Brilante gab es weit bessere Möglichkeiten um dem Ork etwas Kultur beizubringen. Während sich Andrus um die Wagen kümmerte zerstreuten sich die Gefährten im Schloß. Anaid und Davidudl begaben sich auf einen Rundgang um den Fortschritt der Arbeiten zu inspizieren. Ibraha hatte in einer, vom Feuer verschonten, Kammer einige Decken gefunden und döste bereits darunter. Knepp und Knapp waren auch auf der Suche nach einem geeignetem Lager. Kardoc und Eduardo hockten in einer Ecke des Burghofes zusammen und unterhielten sich. Der Zwerg wollte, daß Eduardo seine Axt genau untersuchte. Es mußte eine Erklärung für das Versagen bei den Schattenkriegern geben. Eduardo brauchte die Axt aber nicht näher untersuchen, er konnte sich bereits denken wieso nur Knapps Waffe gegen die Schattenwesen wirkte. Es war jene Axt die Knapp von Kardoc als Geschenk erhalten hatte als er seinen Knochenschinder fand. Und Kardocs alte Axt stammte aus einer Zwergenschmiede. Die Schattenkrieger konnten nur von Zwergenwaffen verletzt werden. Borodils Schwert und die Streitaxt aus Zwergenbergen waren die einzigen Waffen die von Zwergenhand gefertigt waren. Auch Anaid hatte gestern bei der Schlacht all ihre Pfeile aus Zwergenbergen verschlossen und sich nachher aus der Waffenkammer Drachenhorts neue besorgt. Die zwei merkten gar nicht, daß es immer dunkler wurde und sprachen bis tief in die Nacht über unsichtbare Türme, die Magie, Impezils und über die Weltscheibe an und für sich. Eduardo meinte, daß die Turmrätsel höchstwahrscheinlich von diesem bösartigen Dämon manipuliert worden waren. Und wie dieser überhaupt in den Turm gelangen konnte schien sehr rätselhaft. Alleine war er dazu kaum in der Lage, die Schutzzauber des Turms waren zu mächtig für ihn. Irgendwer mußte nachgeholfen haben und die Natasbrut mit ihrem Dämon hineingelassen haben. Eduardo konnte sich aber nicht vorstellen wer solche Macht besaß. Außerdem mußte derjenige umfassende Kenntnis vom Turm gehabt haben, denn Borodil war nur einer von vielen Impezils gewesen die den Turm bewachten. Gemeinsam hätten sie den Turm gegen die Eindringlinge verteidigen können, aber irgendwer wußte ihre genauen Standorte und setzte sie vorher einzeln außer Gefecht. Eduardo hatte bei seiner Ankunft im Turm nur mehr Borodil unversehrt vorgefunden. Die anderen Impezils waren höchstwahrscheinlich alle umgekommen. Borodil war somit der letzte Krieger aus der Anfangszeit des Turms. Sein Alter war unmöglich abzuschätzen aber er konnte leicht schon viele Tausend Jahre alt sein. Die Impezils bewachten seit jeher den Turm, sie waren Nachkommen der Zwerge die den Turm erbaut hatten und nach der Fertigstellung nicht weiterzogen. Sie wollten in ihrem Turm bleiben und unterzogen sich einer magischen Prozedur bei der sie zu Impezils mutierten. Ihr Körper konnte danach sehr lange Zeit in absolutem Stillstand verharren. Sie brauchten in diesem Zustand weder Nahrung noch sonst irgend etwas. Ihr Herz hörte zu schlagen auf und ihre Geist wurde gelähmt. In dieser totenähnlichen Starre warteten sie, bis ein Ereignis passierte das ein Erwachen erforderte. Meist wurden vom Wächter des Turms geweckt falls es notwendig war. Dann kam ihr Körper langsam wieder in Schwung. Die unbedingt lebensnotwendigen Funktionen und das Kampfgeschick setzten sofort wieder ein. Die anderen Dinge des Lebens, wie Essen Trinken, das Gegenteil davon, oder das Denken normalisierten sich erst nach und nach wieder. Nach einer gewissen Zeit wurden sie zu fast normalen Zweibeinern, aber so lange wurden ihre Dienste kaum beansprucht. Sie versanken meist noch lange bevor ihr Gehirn wieder richtig arbeitete wieder in ihren endlosen Schlaf. Für Kardoc war es zwar immer noch unvorstellbar, daß die großgewachsenen Impezils von Zwergen abstammen sollten, aber von Mutationen verstand er so gut wie nichts. Außerdem war er todmüde und wollte heute auch nichts mehr über Mutationen lernen. Er gähnte Eduardo ins Gesicht und wünschte ihm eine ruhige Nacht. Kardoc machte sich auf die Suche nach einer Schlafstelle und fand nach wenigen Schritten einen kleinen Heuschober der für die Pferde hereingeschafft worden war. Eduardo sah noch einmal zum sternenübersähten Himmel hoch. Whuosa leuchtete strahlend hell und tauchte den Burghof in sein blau schimmerndes Licht. Irgendwer holte noch einen Kübel Wasser aus dem überdachten Ziehbrunnen in der Mitte des Hofs. Aus den erhellten Fenstern des Gesindehauses hörte man hin und wieder Gelächter, es schien als ob dort eine Feier in Gang war. Einige Pferde der Ritter aus Brilante standen bei einer Tränke und ließen sich von den Stallknechten striegeln. Von Waffen und Rüstungen war nichts mehr zu sehen, man hatte für diese Nacht alles in die Waffenkammer getragen. Wenn die zerstörten Holzgebäude und die abgedeckten Dächer nicht gewesen wären hätte man meinen können, es herrsche tiefster Friede. Nur der rote Fleck am Himmel störte die Idylle. Der unheilverkündende Mond war wieder etwas größer geworden, er hatte jetzt ungefähr die Größe einer geballten Faust. © Andreas Bartl |