Kapitel 12

Icelot

Der Flug nach Icelot verzögerte sich um mehrere Tage. Die Handwerker die mit dem Wiederaufbau Drachenhorts beschäftigt waren, bestürmten ihren Burgherrn am nächsten Morgen mit unzähligen Fragen. Es gab so viele Unklarheiten wie die Gebäude auszusehen hatten, wo die Dienerschaft, die Knechte, Mägde und sonstiges Personal untergebracht werden sollte, ob in den Stallungen gleich ein paar größere Stellplätze, für Flugdrachen, vorgesehen werden sollten, wie und wo die Lagerräume angelegt sein sollten und hundert andere kleine und große Probleme. Davidudl blieb nicht anderes übrig als einige Tage all diese Dinge zu behandeln, denn sonst mußten die Arbeiten vorerst eingestellt werden. Die Handwerker konnten schließlich nicht frei nach ihren Geschmäckern und Launen irgend eine phantastische, aber nutzlose Burg bauen.

Nach vier Tagen bestiegen sie endlich ihre Tiere und flogen zur Insel Icelot. Ihre Schneeausrüstung lag zu großen Bündeln geschnürt hinter dem Sattel. Gegen Ende des mehrtägigen Fluges, als der Wind immer kälter und schneidender wurde, legten sogar Davidudl die dicken Pelzgefütterten Gewänder an und verzichtete sogar auf seinen Helm um sich die Pelzhaube aufzusetzen.

In Icelot angekommen stellten sie die Flugdrachen, wie beim ersten Mal, in der Lagerhalle des verlassenen Dorfes Alamen unter. Am Weg zur Höhle wurden sie diesmal von keinen Wölfen aufgehalten und die weißen Würmer ließen sich ebenfalls nicht blicken. In der riesigen Höhle riefen sie nach dem magischen Drachen, der den Eingang bewachen sollte. Ihre Rufe blieben aber ungehört, der magische Drache ließ sich nicht blicken. Er war anscheinend ausgeflogen, vielleicht zur Wolfsjagd oder so. Kardoc hatte magisches Licht gezaubert. Sie wagten sich vorsichtig weiter in die Höhle vor und versuchten sich so leise als möglich zu verhalten. Ihre Schritte hallten aber trotzdem aus allen Richtungen zurück, die Höhle mußte wahrhaft gewaltige Ausmaße haben. Über ihnen lag nur tiefschwarze Dunkelheit, sie drängten sich rund um Kardoc der im Zentrum des magischen Leuchtens stand. Im Umkreis von etwa dreißig Schritten schien die Welt im dunklen Nichts zu enden. Von der Decke war ebenfalls nichts zu sehen. Das magische Licht reichte nicht bis zur Höhlendecke. Der Höhleneingang war inzwischen auch aus dem Lichtkreis verschwunden. Sie gingen, von ungewisser Dunkelheit umgeben, vorwärts. Der glatte, gleichförmige Boden war die einzige Orientirungshilfe die sie noch hatten. Nach mehreren hundert Schritten tauchte endlich wieder die Felswand aus der Dunkelheit auf, vom Drachen oder einem weiterführenden Gang war aber nichts zu sehen. Sie begannen ihn zu rufen doch er war anscheinend wirklich ausgeflogen und ließ sich nicht blicken. Irgendwo hier sollte es angeblich zum Tempel der Deceber weitergehen. In den schroffen, zerklüfteten Wände gab es hunderte kleine Nischen und Einschnitte. Knepp fand nach einiger Zeit, hinter ein paar tiefen Rissen im Fels, tatsächlich einen schmalen Durchgang. Dahinter war ein glatter, halbrunder Gang aus dem Felsen geschlagen worden. Das Gestein war völlig glattpoliert, Quarzeinschlüsse funkelten wie Eiskristalle im magischen Licht und erzeugten ein eigentümliches Leuchten, fast so als ob rundherum unzählige Sterne leuchteten. Es war ein merkwürdiges Gefühl in diesen Jahrtausende alten Gängen zu wandeln. Immerhin waren sie vielleicht die ersten Zweibeiner hier, seit Decebers Lebzeiten. Solche alten Gänge hatten immer irgend etwas magisches, geisterhaftes. Kardoc hätte es nicht überrascht wenn plötzlich Decebers Geist aus dem Fels getreten währe. Der Geist erschien aber vorerst nicht, statt dessen erreichten sie eine Abzweigung. Links zweigte ein etwas breiterer Gang ab, der kurz danach in einem Kreuzgang mündete. Knepp meinte wenig begeistert von den vielen Richtungsmöglichkeiten: "Hoffentlich hat sich diese Deceber hier unten kein Labyrint eingerichtet."

Der Kreuzgang wurde vorerst außer Acht gelassen und sie gingen den geraden Gang weiter, der in die selbe Richtung führte aus der sie gekommen waren. Nach etwa dreißig Schritt erreichten sie einem schlichten viereckigen Raum der bis auf zwei Dinge völlig leer war. Eine gut erhaltene Truhe und ein unscheinbares Schwert. Die Gefährten ließen sich aber zu keinen übereilten Handlungen hinreißen und suchten den Boden und die Seitenwände sorgfältig nach Fallen ab. Erst als sie sicher waren, daß der Raum sauber war untersuchten sie die Truhe und das Schwert näher. Das Schwert war zwar eigenartigerweise gut erhalten und zeigte keinerlei Rostbefall, aber sonst schien es ein ganz normales Langschwert zu sein. Das Leder unterhalb des Heftes erschien ein wenig brüchig und die Klinge glänzte nur matt, aber ansonsten war es ein völlig makelloses Schwert. Knapp vor der Parierstange entdeckte Knepp eingravierte Runen auf der Klinge und zeigte sie Ibraha. Sie übersetzte die Inschrift: "Nur wer wahrlich würdig ist soll dieses Schwert führen."

Knepp hielt das Schwert, das um gut drei Handbreiten länger war als er selbst, abwägend in der linken Hand und meinte allen Ernstens: "Ja, also... da kann eigentlich nur ich gemeint sein. Na sicher, ich bin auf jeden Fall würdig."

Er schwang das Langschwert ein paarmal hin und her und überlegte dann wie er es am besten transportieren sollte. Der Waffengurt kam auf keinen Fall in Frage, er hätte das Schwert ständig über den Boden geschliffen. Fürs Erste begnügte er sich damit, es wie einen Knüppel über die Schulter zu legen. Davidudl dacht sich zwar, daß er eigentlich ein wenig würdiger war, zumindest von der Körpergröße her, aber er hatte sein Elis Tempelschwert und momentan eigentlich gar nichts dagegen, daß sich Knepp mit dem alten Schwert abschleppen mußte und nicht er. Während Knepp mit seinem Schwert herumstolzierte untersuchten Kardoc und Knapp die kleine Truhe nach Fallen. Nach erfolgloser Suche hoben sie vorsichtig den Deckel an. Der Anblick des Inhalts überraschte alle etwas, niemand hätte vermutet so etwas in der Höhle einer legendären Heldin zu finden. Die Truhe war randvoll mit Goldmünzen gefüllt. Auf jeder Münze war ein unbekanntes Frauenporträt geprägt. Sie hatten ein kleines Vermögen entdeckt, die ungewöhnlich dicken Goldmünzen hatten grob geschätzt mindestens einen Wert von Zehntausend Quillar. Knapp verwahrte die Münzen einstweilen mit leuchtenden Augen in seinem Ranzen. Kardoc sah teilnahmslos zu wie Knapp das Gold in seinen Ranzen stopfte. Auf so einen Schatz hatten sie früher immer gehofft, und nun wo er eigentlich nur zugreifen bräuchte interessierte ihn das Gold gar nicht mehr so sehr. Er wußte eigentlich gar nicht was er sich mit dem vielen Geld kaufen sollte. Er war mit einer hervorragenden Axt und einer Drachenschuppenrüstung ausgestattet. In Brilante hatte er ein Quartier und nach Zwergenbergen konnte er auch jederzeit zurück. In letzter Zeit hatten sich die Dinge verändert, die Zeiten wo sie kleine Monster und Banditen im Auftrag Anderer jagten waren vorbei. Für ihre Suche nach den Runensteine wurden sie von niemanden bezahlt, aber irgend ein Zufall hatte dafür gesorgt, daß sie die Dinge wieder ins Lot brachten. Sie konnten jetzt nicht mehr zurück, das Schicksal hatte nun einmal seine Wahl getroffen. Sie mußten die Runensteine und das Dimensionstor auf Mystika unbedingt finden. Wenn Moram recht hatte waren sie nicht unwesentlich an der Rettung der Welt beteiligt, sie konnten es sich im Grunde gar nicht leisten zu versagen, und das war irgendwie belastend. Aber vielleicht gab es irgendwann wieder einmal ruhigere Tage, in denen sie sich kleineren Aufgaben widmen konnten.

Knapp schloß zufrieden seinen Ranzen und Kardoc riß sich aus seinen Überlegungen. Die anderen waren schon beim Kreuzgang und versuchten Knepp von irgendetwas abzuhalten. Der Zwerg behauptete immer wieder, während er sein Schwert fest umklammert, daß er der einzig Würdige sei und drängte sich an den Anderen vorbei in die rechte Abzweigung des Gangs. Nachdem Kardoc auf der Kreuzung stand und sein magisches Licht die vier Gänge ausleuchtete wußte Knepp auch wofür er würdig war. Ein Gang endete nach ein paar Schritten vor einer Felswand. Der glattpolierte Stein zeigte nirgends Anzeichen einer Geheimtür, nur an der Seite waren, etwa eine Handbreit tief, die Umrisse eines Schwertes aus dem Stein gemeißelt worden. Ibraha versuchte eine verwitterte Inschrift in der Vertiefung zu entziffern. Knepp bestand weiterhin mit allem Nachdruck darauf, daß er würdig sei, egal für was auch immer, und wollte unbedingt sein großes Schwert in die Passform legen. Ehe es jemand verhindern konnte führte er sein Vorhaben aus und legte das Schwert in die Vertiefung. Es passte haargenau hinein.

Zunächst passierte gar nichts. Das Schwert wurde ein paar Augenblicken wie von Geisterhand am Fels gehalten und fiel dann klirrend zu Boden. Knepp hob es enttäuscht wieder auf. Langsam trat aber doch ein seltsames Phänomän ein, die Schwertspitze zeigte plötzlich auf das Ende des Gangs neben der Passform. Nicht der Zwerg selbst zeigte dorthin sondern vielmehr zog das Schwert in diese Richtung. Knepp ging ein paar Schritte zurück aber der Sog wurde immer Stärker. Er umklammerte das Heft mit der Linken und stemmte sich gegen die eigenartige Kraft. Irgendwer oder irgendwas wollte ihm sein Schwert wegnehmen. Er stand schräg nach hinten gelehnt und seine Füße rutschten langsam über den Boden. Bevor ihm das Schwert aus der Hand rutschte schlang er die kurze Kette seines Morgensterns um die Parierstange und hielt das Schwert nun mit beiden Händen. Davidudl und Kardoc packten ihn bei Schulter und Beinen, der Sog wurde immer stärker. Ibraha und Knapp hielten ihn jetzt auch an den Kleidern. Plötzlich kippte Knepp nach vorne, das Schwert fest mit der Kette und der ausgestreckten Hand umklammert. Davidudl erwischte ihn bei einem Bein, Kardoc hielt sein anderes Bain fest und stemmte sich mit einem Fuß in den Seitengang. Knepp schwebte, von Kardoc und Davidudl an den Beinen gehalten, waagrecht in der Luft, das Schwert vibrierte leicht und zog immer heftiger zur Wand. Ibraha rief, er solle jetzt endlich auslassen. Selbst Davidudl versuchte ihn zu überzeugen daß es sicher weit gesünder währe der Waffe ihre Freiheit zu geben. Aber Knepp war Zwerg, und daher von Geburt an mit einer gewissen Sturheit belastet. Je stärker der Sog wurde desto weniger war er bereit loszulassen, schließlich war er ja würdig, wie er vor kurzem erst festgestellt hatte. Davidudl fand keinen Halt am glatten Boden und mußte Stück für Stück nachgeben, Kardoc stützte sich zwar im Nebengang ab aber Knepps Bein rutschte ihm langsam aber sicher aus der Hand. Davidudl mußte loslassen. Obwohl er sich weit nach hinten lehnte rutschten seine Stiefel immer mehr über den Boden. Kardoc konnte die Zugkraft alleine unmöglich halten. Er ließ Knepp los und dieser flog wie ein Pfeil von der Sehne geschossen davon. Statt dem Aufprall an der Steinwand passierte aber etwas völlig unerwartetes. Die dunkle Felswand wurde, bevor sie Knepp mit seinem Dickschädel beschädigen konnte, kristallklar. Er flog wie durch einen dünnen Wasservorhang hindurch. Kaum war er drüben angelangt, erstarrte das Material zu festem Eis. Durch die leichten Verzerrungen der kristallklaren Eiswand sah man wie Knepp drüben am Boden landete. Das Schwert war anscheinend an seinem Ziel angelangt. Er richtete sich, soweit man sehen konnte, unverletzt wieder auf, das Schwert hielt er noch immer in der Hand. Die Gefährten drängten sich vor die durchsichtige Barriere und sahen verschwommen was sich im Inneren der etwa acht mal acht Schritt großen Kammer abspielte. Es schien keinen anderen Ausgang zu geben als diese Eiswand. An den Wänden rundherum glitzerten unzählige große Eiskristalle die in bizarren Formen aus der Wand ragten. An der Seite bewegte sich irgend etwas. Ein mehr oder weniger durchsichtiger Körper trat aus dem Eis und hinterließ dort ein Loch. Es bewegte sich auf den Zwerg zu. Das Wesen schien nur aus Kristallen zusammengefügt zu sein. Es war mindestens doppelt so groß wie Knepp und verbeugte sich soeben vor ihm, danach sprach es anscheinend mit dem Zwerg. Durch die Eismauer war kein Laut zu hören, aber es war eindeutig zu sehen, daß Knepp dem Kristallwesen heftig widersprach und mit einer Hand abwehrend winkte. Das magische Wesen verbeugte sich nochmals und nickte, wie dem Zwerg zum Trotz, mehrmals mit dem Kopf, sagte noch einen kurzen Satz und schlug dann mit der Faust nach Knepp. Er wurde nur um Haaresbreite verfehlt und sprang zur Seite. Das Kristallwesen Schritt ihm ohne Hast nach, Knepp konnte ihm ohnehin nicht entkommen. Draußen trommelten inzwischen die Anderen mit Fäusten, Äxten und Schwertgriffen gegen die scheinbar dünne Eiswand. Vergeblich, nicht einmal ein winziger Kratzer war zu sehen. Ibraha rief alle zurück und schickte einen Feuerball auf die Wand. Nach drei weiteren Feuerbällen gab sie auf, sie hatte nur erreicht, daß es im Gang ein wenig wärmer geworden war, die Eismauer stand noch immer völlig unbeschädigt zwischen ihnen und Knepp. Der eingeschlossene Zwerg rannte inzwischen um sein Leben. Manchmal schaffte er es sogar das unhandliche Langschwert zu heben und einen Faustschlag des Kristallwesens zumindest abzulenken. Knapp, Kardoc und Davidudl versuchten inzwischen wieder die Wand mit ihren Waffen zu zertrümmern. Ibraha hatte ihr Zauberbuch aus dem Ranzen geholt und suchte fieberhaft nach einem Zauberspruch, am besten einen gegen magische Eiswände. Knepp mußte einige schwere Schläge einstecken, er wurde durch den Raum geschleudert und getreten. Er war bereits völlig außer Atem und beinahe am Ende seiner Kräfte. Sein kristallener Gegner näherte sich langsam, fast bedächtig. Der Zwerg ließ das Schwert los, griff in seine Gürteltasche und fühlte beruhigt das dicke Kristallglas einer Phiole in der Hand, der Lebenstrank war heil geblieben. Er kippte den Inhalt in einem Zug hinunter und spürte sofort die Wirkung. Seine zerschlagenen Glieder und die schmerzenden Muskeln erholten sich binnen weniger Augenblicke. Als das kristallene Wesen wieder auf ihn einschlagen wollte, packte er das Schwert, rollte sich rasch zur Seite und lief zur anderen Seite der Kammer. Für kurze Zeit war er seinem Gegner entkommen, aber es war sein letzter Trank gewesen, wenn ihm seine Gefährten nicht bald zu Hilfe kamen, würde er am Ende doch noch in diesem Eisloch sterben. Ibraha blätterte wild in ihrem Buch hin und her, es gab keinen Zauberspruch gegen magische Eiswände. Endlich fand sie etwas das vielversprechend klang, ein neuer Spruch den sie von Eduardo abgeschrieben hatte. Durch die Silben wurden angeblich alle Möglichen magisch aufrecht erhaltene Zustände wieder aufgehoben. Sie zögerte keinen Augenblick, es war zumindest einen Versuch wert. Knepp flog gerade wieder quer durch den Raum. Ibraha warnte noch rasch die Anderen und versuchte sich auf die Wand zu konzentrieren während sie die Silben sprach. Kaum waren der Spruch verklungen begann die Eiswand abzufließen. Knepp stürzte sofort heraus, warf Davidudl das Schwert vor die Füße und rief: "Ich glaub der da drinnen gehört dir..."

Er lief noch einige Schitte weiter und beobachtete das weitere Geschehen in sicherer Entfernung. Der Kristallkrieger stand etwas unschlüssig im Raum, so ein Vorfall war bei seiner Erschaffung, anscheinend nicht vorgesehen gewesen. Davidudl hatte das matt glänzede Schwert aufgehoben und näherte sich vorsichtig dem Wesen. Als er die Kammer betrat wurde er mit einer Verbeugung und den Worten begrüßt: "Kämpft und erweist euch als würdig oder sterbt."

Davidudl schwang das Schwert erheblich besser als Knepp und das Kristallwesen hatte ihm nur seine bloßen Hände entgegenzusetzten. Die Waffe lag ungewöhnich gut in der Hand, besser noch als sein Tempelschwert. Bei jedem Treffer ging ein Splitterregen nieder und der glitzernde Gegner löste sich nach kurzem in einen Haufen winziger Kristallsplitter auf. Davidudl wurde nicht ein einziges Mal getroffen. Er betrachtete die unscheinbare Klinge und überlegte ernsthaft ob er nicht sein Tempelschwert gegen dieses Schwert auszutauschen sollte. Daraus wurde aber leider nichts. Davidudl hatte noch nicht einmal richtig zu Ende gedacht, als sich das Schwert ebenfalls in einen Haufen glänzender Splitter verwandelte. Kardoc wühlte währenddessen in den Resten des Kristallkriegers und fand ganz unten einen gläsernen Schlüssel, er mußte sich irgendwie aus den Resten des Kriegers zusammengesetzt haben. Die Anderen waren inzwischen zum Kreuzgang zurückgegangen und hatten eine andere Abzweigung erforscht. Davidudl ging voraus und spähte am Ende des kurzen Ganges um die Ecke. Nach wenigen Augenblicken wendete er sich wieder um sagte etwas säuerlich: "Da sind schon wieder diese Würmer drinnen, langsam habe ich genug von diesen Viechern !"

Er ging ein paar Schritte zurück und machte keine Anstalten irgend etwas zu unternehmen. Kardoc ging vor und besah sich was Davidudl an den Monstern auszusetzen hatte. Es waren keine der bekannten schleimigen Würmer die seit einigen Jahren den Untergrund Mystias unsicher machen. Diese beiden Figuren sahen Würmern zwar ähnlich aber sie schienen auch aus Kristallen zu bestehen, so wie der Krieger vorhin, und standen aufgerichtet, ähnlich wie eine Schlange, völlig regungslos links und rechts am Ende einer langgestreckten Kammer, so als ob sie dort jemand aufgestellt hätte. Vermutlich würden sie zum Leben erwachen wenn jemand den Raum betrat. Kardoc achtete genau darauf mit seinen Füßen nicht den Boden der Kammer zu berühren und dadurch etwas unvorhergesehenes auszulösen. Allerdings wollten Knepp und Knapp verhängnisvollerweise auch etwas sehen. Sie schoben und drängten vor dem Durchgang zur Kammer, bis endlich einer von ihnen einen Fuß in die Kammer setzte. Dies war das Signal für die Würmer zum Angriff über zu gehen. Sie setzten sich sofort in Bewegung und schossen magische Eiskugeln zum Eingang wo die Zwerge sich gegenseitig ziemlich lautstark die Schuld an der Erweckung der Würmer zuwiesen. Nachdem der erste Eiskugel knapp über ihren Köpfen an der Mauer zerschellte beschlossen sie schleunigst den Streit später auszutragen. Ibraha fand auf Anhieb das wirksamste Mittel gegen die Kristallwürmer. Ihre Feuerbälle zerstörten den ersten Wurm noch bevor er den Eingang erreichen konnte. Die Zwerge lauerten an der Ecke und fielen über den zweiten Wurm her als er seinen Schädel durch den Torbogen steckte. Er war der Übermacht kaum gewachsen und schlug nur einige Male wild um sich bevor er zersplitterte und sein magisches Leben aushauchte. Davidudl stand noch immer draußen im Gang in einiger Entfernung und betrachtete etwas gelangweilt den Kampf vor ihm, beim dem Torbogen. Er hatte momentan überhaupt keine Lust sich mit unberechenbaren magischen Wesen herum zu schlagen, eine Horde handfester Orks wäre ihm bedeutend lieber gewesen. Ehe er aber in Tagträumereien sinken konnte hörte er Ibraha laut in der Kammer rufen. Sie hatte etwas äußerst ungewöhnliches entdeckt. Ganz am Ende des Raumes, entstand auf einem Sockel langsam eine weibliche Figur wie aus dem Nichts. Es schien als ob aus der Umgebung winzige Eiskristalle auf sie zufliegen würden und der durchscheinenden Figur nach und nach Gestalt gaben. Als Davidudl herankam waren bereits alle um die Figur versammelt und diese begann mit einer weit entfernt klingenden Stimme zu sprechen: "Ich bin Deceber, und ihr seid erst am Anfang meiner Prüfungen! Aber fürchtet euch nicht wenn euer Verstand klar und euer Herz rein ist könnt ihr alle Proben bestehen. Meinen Stein werdet ihr hier nicht finden und um ihn zu erlangen braucht ihr zwei Schlüssel. Ihr müßt meinen Tempel in den Bergen finden."

Als die Gefährten dazu ansetzten Deceber mit Fragen zu überhäufen löste sie sich genau so wie sie erschienen war mit den Worten auf: "Sucht weiter und ihr werdet mich finden!"

Von der Figur war wenige Momente später nicht das Geringste zu entdecken. Kardoc holte den Kristallschlüssel hervor und meinte, daß sie die Hälfte fast schon geschafft hätten. Jetzt brauchten sie nur mehr den zweiten Schlüssel und Deceber zu finden. Der Zwerg schlug vor gleich hier mit der Suche zu beginnen, aber nach einer Weile verließen sie ohne Erfolg die Kammer. Hinter den glattpolierten Wände schien sich nichts mehr zu verbergen. Am Kreuzgang nahmen sie die letzte unerforschte Abzweigung und gingen einen langen geraden Gang entlang. Kardoc zauberte wieder einen Lichtspruch, denn die Wirkung des vorigen ließ schon etwas nach. Aber selbst bei bester Beleuchtung ließ sich an den glatten Wänden des Ganges nichts finden. Nach einigen hundert Schritten tauchte eine Tür aus der Dunkelheit vor ihnen auf. Die Zwerge untersuchten das Schloß und nach kurzem stellten sie fest, daß der Kristallschlüssel paßte. Nachdem der Schlüssel im Schloß gedreht war zerfiel er in winzige Splitter. Die Gefährten blickten enttäuscht auf die funkelnden Kristalle am Boden; nun standen sie wieder ganz am Anfang, ohne Schlüssel. Aber die Tür ließ sich wenigstens öffnen und dahinter lag eine kleine Kammer. Gegenüber der Tür stand eine weiße Statue der Deceber, ansonsten schien der Raum leer zu sein. Gerade als sie beginnen wollten die Wände abzutasten erwachte die Statue zum Leben und begann zu sprechen. Die Stimme klang wieder weit entfernt: "Der zweite Schlüssel wird in der Wolfsgruft gehütet. Vor der Höhle liegt ein großer Wald, betretet ihn und achtet auf die Wölfe!"

Sonst war der Statue nichts mehr zu entlocken. Kardoc versuchte ihr zu erklären, daß der erste Schlüssel kaputt gegangen war, aber die Statue sagte kein Wort mehr sondern lächelte nur freundlich und starr. Während aufgeregt über den Ersten aber inzwischen verlorenen Schlüssel diskutiert wurde untersuchte Knepp die Statue. Nach kurzem präsentierte er den Anderen einen großen Metallschlüssel den er in einem Geheimfach im Sockel gefunden hatte. Nach diesem Fund machten sich die Gefährten eiligst auf den Rückweg und standen bald wieder am Ausgang der Höhle. Draußen blies ein scharfer Wind und es schneite stark. Die Bärte der Zwerge waren nach wenigen Augenblicken mit einer dicken Eisschicht überzogen. Ibraha zog ihre dicke Stoffmütze tief ins Gesicht, schlang die Robe fest um sich und zog ihre Pelzhandschuhe an. Kardoc befestigte ein breites Pelzband am Helm das bis zu den Schultern reichte und verschloß seinen Fellumhang vorne. Die beiden anderen Zwerge machten ebenfalls ihre Jacken zu, setzten ihre Helme auf und stülpten sich ihre Pelzhauben noch oben drauf. Sie sahen nun zwar aus als ob sie Eierköpfe hätten und das kalte Metall drückte sowieso auf ihren Kopf, aber auf die Helme wollten sie keinesfalls verzichten. Davidudl war natürlich nicht so dumm wie die Zwerge und setzte sich zuerst die wärmende Pelzhaube auf und dann erst den Helm. Er drückten mit aller Kraft seinen Helm auf die Pelzmützen, wodurch diese wiederum fast bis über seine Augen rutschten. Sein Gesicht hatte dadurch einen irgendwie unintelligenten Ausdruck.

Als sie endlich für den Schneesturm gerüstet waren gingen sie aus der Schlucht und begannen den Abstieg. Den Wald konnten sie bei diese Schneetreiben zwar nicht sehen aber er war kaum zu verfehlen denn er erstreckte sich über das ganze Tal. Sie beschlossen immer geradeaus zu gehen und es erst einmal mit Glück zu versuchen. Sie blieben dicht zusammen und erreichten bald die ersten Stämme. Im Wald ließ der Schneefall und der scharfe Wind etwas nach. Davidudl stapfte unermüdlich voran und trat eine breite Spur aus. An manchen Stellen versank er bis zu den Oberschenkeln im Schnee. Der Wald wurde immer dichter und sie mußten öfters niedrige Gehölze umgehen. Langsam aber sicher verloren sie im eintönigen Weiß die Orientierung. Als sie einer kleine Lichtung überquerten sprangen plötzlich zwischen den dunklen Stämmen vor ihnen einige Wölfe hervor. Die Gefährten konnten nicht schnell genug die Waffen ziehen und wichen stolpernd zurück. Sie bildeten einen Kreis und nahmen Ibraha in die Mitte. Die Wölfe griffen sofort mit gefletschten Zähnen an und versuchten nach den ungeschützten Gesichtern zu schnappen. Sie sprangen die Gruppe Zweibeiner an und versuchten sie zu Fall zu bringen. Im ersten Moment sah es fast so aus als ob sie die wankenden Gestalten wirklich niederreißen könnten. Als jedoch bereits mehrere Wölfe blutend am Boden lagen wurden ihre Angriffe schwächer und die Gefährten begannen den Wölfen nach zu jagen. Nach kurzer Zeit hatte sich das Blatt gewendet und die Wölfe gerieten schwer in Bedrängnis. Sie flohen jedoch nicht sondern kämpften bis zum letzten Atemzug weiter. Erst als nur mehr drei Wölfe übrig waren schienen sie genug zu haben und versuchten zu flüchten. Zwei liefen von Kardoc und Knapp weg, quer über die Lichtung und kreuzten dabei Davidudls Weg den sie noch ein letztes Mal anzuspringen versuchten. Sein Schwert streckte aber beide nach zwei gezielten Streichen nieder. Der letzte Wolf zog sich verletzt und knurrend von Knepp zurück. Ibraha kam plötzlich ein Gedanke. Deceber hatte gesagt sie sollten auf die Wölfe achten! Vielleicht hatte sie etwas anderes gemeint als sich vor den scharfen Zähnen der Tiere in acht zu nehmen. Doch ehe sie Knepp davon abhalten konnte erschlug er mit seinem Morgenstern den Wolf der sich bereits zur Flucht gewendet hatte. Das verletzte Tier hätte sie vielleicht direkt zum Tempel geführt, aber diese Möglichkeit war nun verspielt. Den letzten Anhaltspunkt den sie noch hatten um den Tempel rasch zu finden waren die Spuren der Tiere. Wenn sie die Fährten zurückverfolgten und die Wölfe tatsächlich manchmal beim Tempel lagerten konnten sie sich vielleicht Tage oder sogar Wochenlanges umherirren im Wald ersparen. Die Fährten der Wölfe waren noch halbwegs zu erkennen und der Schneefall hatte nun fast völlig aufgehört. Sie setzten ihren Marsch fort und gingen immer den frischesten Spuren nach, manchmal wechselten sie ihren Weg auf eine kreuzende Fährte, wobei sie sich hauptsächlich auf ihr Gefühl verließen. Sie stapften unermüdlich zwischen den hohen Nadelbäumen umher ohne auf die Anzeichen eines Tempels zu stoßen. Nach einem halben Tag auf den Wolfsfährten hatten sie sich vollständig im Wald verirrt und vom Tempel nicht die geringste Spur entdeckt. Alle waren müde vom anstrengenden Marschieren durch den Schnee und sie suchten eigentlich keine Fährten mehr sondern einen Platz an dem man ein Lagern aufschlagen konnte. Eine ganz frische Fährte mehrerer Wölfe spornte sie jedoch noch ein letztes Mal an. Diesmal hatten sie Glück, nach wenigen hundert Schritten entdeckten sie eine große Lichtung. Zwischen den Bäumen erkannten sie bereits ein Rudel Wölfe das argwöhnisch den Wald beobachtete. Die Wölfe liefen nervös auf und ab und knurrten. Die Tiere zogen sich jedoch immer weiter zurück je näher die Zweibeiner kamen. Und als sie aus dem Wald auf die Lichtung traten heulte einer der Wölfe und das Rudel zog sich in den Schutz des Waldes zurück. Vielleicht hatten sie das Blut der anderen Wölfe gerochen und waren geflüchtet. Mitten auf der Lichtung ragte ein schneebedeckter Hügel in die Höhe. Ein gemauerter Einschnitt in den Hügel führte zu einem Tor das beinahe bis zur Hälfte vom Schnee zu geweht war. Eilig hasteten sie über die schneebedeckte Lichtung. Kardoc und Davidudl sicherten ihre Rückendeckung falls doch noch Wölfe auftauchen sollten. Das Ziel schien tatsächlich erreicht zu sein, an den beiden Steinsäulen des Torrahmens waren gemeißelte Abbildungen von Wölfen zu erkennen. Die Gefährten gruben sich durch den Schnee und schaufelten mit bloßen Händen das dunkle Tor frei. Die eigenartigen Schnitzereien auf dem Holz ließen einen alten Tierkult vermuten. Einer der Torflügel hing etwas schief im Rahmen. Nachdem der meiste Schnee beiseite geschaffen war, ließen sie sich keuchend nieder und verschnauften ein wenig. Knepps Kopf sank innerhalb wenigen Augenblicken nach unten. Davidudl stand als erster wieder auf und versuchte das Tor zu öffnen. Erfolglos, das Holz war zwar verwittert aber steinhart und mit dem gemauerten Türrahmen wie verwachsen. Kardoc konnte nirgends ein Schloß oder einen anderen Öffnungsmechanismus entdecken. Davidud verlor langsam die Geduld. Durch das Sitzen war ihm wieder kalt geworden, er war müde und wollte sich windgeschützt und vor allem schneefrei ausrasten. Hinter dem Tor war es vielleicht auch etwas wärmer als hier draußen. Er schob Kardoc beiseite und stemmte sich gegen den schiefen Torflügel. Mit aller Kraft drückte er dagegen, er konnte dem Holz aber nur ein unwilliges Knarren entlocken, mehr nicht, der Torflügel bewegte sich keinen Fingerbreit. Davidudl wurde langsam ungehalten und warf sich mit der Schulter gegen das widerspenstige Tor. Nach vier Versuchen gab das Holz krachend nach und Davidudl stürzte samt dem Torflügel ins Innere. Knepp erlebte den Krach nicht mehr mit, er schlief tief und fest. Im Inneren des Hügels führte nach wenigen Schritten eine breite Treppe in die Dunkelheit hinab. Ibraha entzündete eine Fackel und steckte sie in eine Wandhalterung. Knepp wurde nach drinnen getragen und gegen das Tor gelehnt. Seine Pelzausrüstung sollte ihn fürs Erste warm halten. Ibraha zog ihm die Pelzmütze noch ein wenig tiefer ins Gesich und steckte seine Hand in den Fellumhang. Der Zwerg ließ sich durch nichts stören und schlief ungerührt weiter. Davidudl wuchtete den ausgebrochene Torflügel wieder auf und lehnte ihn gegen den Eingang damit von draußen niemand folgen konnte. Kardoc zauberte magisches Licht und ging ein paar Schritte die Treppe hinab. Die Stiegen waren ausgetreten und das Gemäuer schien uralt zu sein. Die Wände neigten sich schräg nach Oben und die Decke bestand aus riesigen Steinplatten. Zahlreiche Reliefs an den Wänden stellten stilisierte Tierszenen dar, dazwischen fanden sich unbekannte Symbole. Hinter Kardoc stieg Knapp und Ibraha die Treppe hinab, als letzter folgte Davidudl. Er hatte sicherheitshalber sein Schwert gezogen, er fühlte sich nicht wohl in diesem Keller. Obwohl diese Treppe seit undenklichen Zeiten sicher keiner mehr betreten hatten fühlten sie, daß hier irgend etwas nicht in Ordnung war. Vermutlich hauste hier irgend etwas nicht - Lebendiges. Zu hören war nichts, außer dem Nachhall ihrer Schritte.

Nach gut fünfzig Stufen mündete die Treppe in eine breite Halle. Von den Wänden starrten in Stein gemeißelte Wölfe auf die Eindringlinge. Sie waren in einer fremdartig anmuteten Form dargestellt, manche hatten fast die Gesichtszüge von Zweibeinern. Einige Wölfe waren aufrechtgehend dargestellt, beinahe wie normale Zweibeiner. Und die meisten sahen bedrohlich aus als ob sie jeden Moment aus der Wand springen würden. Die Zwerge zogen nun ebenfalls ihre Waffen und Ibraha zauberte den Kämpfern mehr Geschicklichkeit. Kaum hatte sie die Silben ausgesprochen als aus den Wänden zu beiden Seiten geisterhafte Erscheinungen schwebten. Es waren vier Wölfe die anscheinend aus Nebel bestanden der über die Körperoberfläche wallte. Sie bewegten sich zwar am Boden aber berührten in nicht, sondern glitten völlig geräuschlos darüber. Davidudl schwang bereits sein Schwert einem Geisterwolf entgegen der unhörbar die Zähne drohend fletschte. Das Schwert landete genau auf dem Hals des Wolfes und strich völlig wirkungslos hindurch. Davidudl stolperte durch die Wucht des Schlages einen Schritt seitlich und bekam gleich darauf die Zähne des Wolfes zu spüren. Die Rüstung und der dicke Pelzmantel stellten überhaupt kein Hindernis dar, er spürte genau wie sich die langen Fänge in seinen Fuß gruben. Sie verursachten zwar keine Wunde, aber er fühlte wie seine Lebenskraft wich. Kardoc und Knapp ging es nicht besser, die Wölfe blieben völlig unbeeindruckt von ihren Waffen und schnappten ständig nach Armen und Beinen. Nur Ibraha blieb vorerst verschont, sie hielt sich die Wölfe mit Feuerbällen vom Leib. Die magischen Flammen loderten um die nebligen Erscheinungen und schienen das einzig wirksame Mittel gegen die Geisterwölfe zu sein. Die Wölfe wichen immer weiter von Ibraha zurück und konzentrierten ihren Angriff auf Davidudl und die Zwerge. Kardoc schlug mit seiner Axt ein paarmal nutzlos durch die nebeligen Körper. Er ließ die Axt aber bald sinken und zauberte einen magischen Blitz. Der Spruch zeigte wesentlich mehr Wirkung als Knochenschinder. Die blauen Verästelungen des Blitzes warfen den Wolf einige Schritt zurück. Die neblige Oberfläche wallte so heftig, als ob sie sich jeden Moment auflösen würde. Nach zwei weiteren Blitzen löste sich der Wolf tatsächlich auf, der weiße Nebel verteilte sich rasch über den Boden und verschwand in den Ritzen zwischen den Steinen. Ibrahas Feuerbälle hatten ebenfalls zwei Wölfe aufgelöst. Der Letzte biß noch einmal kräftig in Knapps Bein bevor er von Kardocs Blitz tödlich getroffen wurde. Nach wenigen Momenten war auch der letzte Geisterwolf in den Ritzen des Bodens verschwunden. Es war niemand ernsthaft verletzt worden, die Wölfe hatten nur ein wenig ihrer Ausdauer abgezapft. Davidudl lehnte mit blassem Gesicht an der Wand und presste zwischen den Zähnen hervor: "Ich hasse Geister!"

Er belegte sämtliche Geisterwesen der Welt mit allen Flüchen die ihm im Moment einfielen und verfluchte außerdem Jeden der Umgang mit Geistern hatte, und ebenfalls all Jene die jemanden kannte der Umgang mit Geistern hatte. Ibraha und die Zwerge öffneten inzwischen ein Tor das aus der Halle weiter unter den Hügel führte und versuchten Davidudl zu überreden mit zu kommen. Er weigerte sich jedoch standhaft. Mit Geistern wollte er nicht mehr das Geringste zu tun haben. Das einzige was er hier unten noch machen würde war den Treppenaufgang zu bewachen, sonst gab es hier nichts mehr zu tun für ihn. Davidudl ließ sich durch nichts mehr umstimmen, also mußten die letzten drei Gefährten wohl oder übel alleine weitergehen. Kardoc steckte seine Axt in den Gürtel und trank einen Manatrank. Er rechnete fest damit, daß hinter dem Tor weitere Geister lauerten. Knapp drückte das Tor vorsichtig auf, die großen eisernen Angeln rumpelten unwillig in den steinerne Halterungen. Eine große langgestreckte Halle lag vor ihnen. Am Ende, fast völlig im Dunklen, befand sich eine mindestens vier Schritt hohe Statue deren Umrisse an ein sprungbereites Tier erinnerten. Die Wände links und rechts waren wie in der vorigen Halle mit gemeißelten Tiergestalten, meistens wolfsähnliche Wesen, verziert. Die Drei betraten langsam den Raum und warteten auf einen weiteren Angriff der Geisterwölfe. Als sie ein paar Schritte in die Halle vorgedrungen waren lösten sich tatsächlich wieder mehrere neblige Erscheinungen aus der Wand. Knapp wiegte seine Axt etwas unsicher in der Hand und zog sich etwas zurück während er seine Situation und seine Mittel überdachte. Nach wenigen Augenblicken trug er sich selbst die unglaublich wichtige Mission auf das Tor zu bewachen, - damit keiner der Geisterwölfe entkommen konnte. Ibraha und Kardoc gingen zuerst einige Schritt vorwärts, doch sie mußten bald zurückweichen. Sie wurden von acht Wölfen angegriffen und wehrten sich so gut sie konnten mit ihren Zaubersprüchen. Einige Bisse, die wieder an ihrere Lebenskraft zehrten, blieben ihnen aber nicht erspart. Langsam wendete sich aber das Kampflück, drei Wölfe waren schon verschwunden und auf die anderen schossen ohne Unterlaß Blitze und Feuerbälle nieder. Als sie wieder etwas Platz um sich geschaffen hatten löste sich plötzlich ganz hinten aus der Statue ein großer Schatten und kam rasch näher. Ein riesiger durchscheinender Wolfsgeist griff in das Geschehen ein und schlug Kardoc seine Pranke mitten durch das Gesicht. Ein eisiger Schmerz fuhr dem Zwerg in den Kopf und er taumelte einige Schritte zurück. Der große Wolfsgeist stellte sich auf die Hinterbeine. Sein Schädel hatte die Gesichtszüge eines Zweibeiners. Er stieg ein wenig unschlüssig zwischen Ibraha und Kardoc umher und drohte beiden mit seinem grausigen Gebiß, daß er bis weit über das Kiefer entblößte. Ibraha versuchte so rasch als möglich die kleinen und weit weniger gefährlichen Wölfe zu vernichten aber es waren immer noch drei übrig. Kardoc hatte sich wieder etwas gefangen und ließ einen Blitz auf den großen Wolf los. Dieser krümmte sich aber nur leicht und schlug sofort zurück. Diesmal bekam Ibraha seine Zähne zu spühren. Es sah fast so aus als ob er Ihr von Oben den Kopf abbeißen würde, aber er blieb zum Glück auf ihrem Hals. Ibraha blieb trotz des Schocks stehen und lenkte einen Feuerball auf einen der kleineren Wölfe der sich darauf hin auflöste. Kardoc erwischte einen zweiten der Ibraha gerade von hinten anfallen wollte. Als der große Wolf ein zweites mal Ibrahas Kopf verschlingen wollte wehrte sie ihn mit einem Feuerball ab. Der Wolf wendete sich unwillig wieder Kardoc zu und versuchte ihn diesmal in die Seite zu beißen. Kardoc konnte ohnehin nicht ausweichen und nahm den kalten Schmerz in Kauf, dafür trafen sein Blitz und Ibrahas Feuerball gleichzeitig auf den letzten kleinen Wolf. Während noch die Nebelschwaden zu Boden sanken gingen beide auf den großen Geisterwolf los. Diesmal wendete er den Kopf nur etwas seitlich, so als ob ein lästiger Wind von vorne wehen würde. Seine geisterhafte Erscheinung wurde durch die Zaubersprüche kaum beeinflußt. Ibraha und Kardoc standen nun nebeneinander und fühlten sich schon ziemlich ausgelaugt. Ibraha würde bald einen ihrer wertvollen Manatränke verbrauchen müssen und ein Lebenstrank schien bei beiden auch schon angebracht zu sein. Knapp näherte sich nun ebenfalls, er konnte zwar nichts gegen den Geist ausrichten aber er rechnete in wenigen Augenblicken mit einer überhasteten Flucht. Ibraha schoß einen Feuerball auf den Kopf des Geistes, aber er verenget nur die Augen zu schmalen Schlitzen um nicht geblendet zu werden. Eigenartigerweise saß er auf den Hinterbeinen, betrachtete die drei Helden nurmehr und machte keine Anstalten wieder anzugreifen. Ibraha und Kardoc ließen das sinnlose Zaubern sein und schonten ihre ohnehin fast völlig erschöpften Zauberkräfte. Der Geist senkte langsam den Kopf und schnüffelte in Richtung der Gefährten, dann machte er langsam kehrt und ging zur Statue zurück. Anscheinend hatte er die Lust am Kämpfen verloren. Die Zweibeiner folgten ihm in gebührlichem Abstand und beobachteten wie er mit der steinernen Wolfstatue eins wurde. Nachdem vom Geist nichts mehr zu sehen war öffnete sich im Sockel der Statue ein Fach. Knapp holte einen Schlüssel heraus, ähnlich wie der Erste den sie in der Höhle der Deceber gefunden hatten. Diese Probe schien abgeschlossen zu sein, die geisterhaften Wölfe hatten sie glücklich überstanden. Bevor sie sich zum Gehen wendeten griff Kardoc noch einmal in das Fach hinein, er hatte ganz hinten eine kleine Pergamentrolle entdeckt. Als er den Text gelesen hatte und die Wirkung begriff meinte er: "Den Zauberspruch hätten diese Tempelbrüder aber ruhig etwas weiter vorne verstecken können!"

Der Spruch präparierte normale Waffen in der Weise, daß man danach so gut wie alle Geisterwesen damit ganz normal verletzten konnte. Davidudl lehnte noch immer unverändert am Treppenaufgang und zuckte nur mit den Schultern als ihm Kardoc erklärte, daß er ihm seine Waffe nun für Geister präparieren konnte. Er hatte nicht vor jemals gegen Geister zu kämpfen, er fand das seit neuestem unehrenhaft und außerdem war ohnehin Jeder der sich nicht auf anständige Art und Weise seiner stählernen Klinge stellte ein Feigling und Versager. Kardoc widersprach und sagte: "Das war ein harter Kampf da drinnen, hast du wenigstens zugesehen?"

Davidudl murmelte nur irgend etwas unverständliches und stieg die Treppe hinauf. Geister waren für ihn ganz einfach kein Thema mehr. Oben angelangt legte er seinen Ranzen ab und machte es sich neben Knepp, der immer noch friedlich schlief, gemütlich. Die anderen taten es ihm gleich und packten noch ein wenig von ihrem Proviant aus. Nachdem sie die kalte Mahlzeit verzehrt hatten steckten sie noch eine neue Fackel in die Halterung und wenig später schliefen alle.

Am nächsten Tag wurden sie durch eigenartige Geräusche die durch den angelehnten Torflügel vor dem Hügel drangen geweckt. Die Sonne schien durch den Spalt zwischen den Torflügeln und die Gefährten rappelten sich rasch auf um zu sehen was da draußen vorging. Nach einigen Augenblicken erkannten sie das Geräusch jedoch und Davidudl entfernte rasch den demolierten Flügel. Draußen flatterten zwei Flugdrachen auf der Lichtung und suchten eine Stelle in der sie nicht zu tief im Schnee versanken. Von einem der Flugdrachen sprang soeben Anaid ab und rannte auf den Hügel zu, aus dem Davidudl kam. Vom zweiten Flugdrachen stieg anscheinend ein Ork, aber es war nicht Pippin. Der Ork kam langsam näher und blieb in einigen Schritt Entfernung stehen während sich die Gefährten begrüßten. Anaid hatte sich in Brilante gut erholt und war sobald als möglich aufgebrochen um ihre Gefährten zu suchen. Marok, den Ork, hatte sie auf dem Weg nach Brilante aufgelesen. Er war fast zugleich mit Pippins aus dem Dorf geflüchtet und hielt sich in Wäldern versteckt bis ihn der Konvoi des Königs aufstöberte. Anaid war zufällig dabei als ihn einige Ritter des Geleitschutzes schnappten. Da er offensichtlich nicht Natasbesessen und mit Pippin gut bekannt war bürgte sie beim König für ihn. In Brilante konnte sie ihn allerdings nicht allein zurücklassen, also hatte sie ihn mitgenommen. Sie waren heute morgen angekommen und hatten im Tiefflug den Wald überquert. Die Lichtung war Anaid wegen der zahlreichen Spuren aufgefallen, und weil sie wußte, daß ihre Gefährten meistens gedankenlos durch die Gegend trampelten lenkte sie ihren Flugdrachen herunter um nachzusehen.

Marok wurde ohne Bedenken von allen aufgenommen da sich Anaid für ihn verbürgte. Irgendwer fragteAnaid plötzlich wie es Eduardo ginge. Die Elfe wurde still und senkte den Kopf. Mit stockender Stimme sagte sie: "Er ist tot!"

Nach einem kurzen Schrecksmoment wurde sie mit Fragen überhäuft. Keiner konnte glauben, daß Eduardo Tot war. Als sich die Gefährten wieder etwas beruhigt hatten berichtete Anaid von Eduardos Schicksal. Als der Konvoi in Brilante angekommen war, nahm sich Moram sofort um Eduardo an und stellte fest, daß er tatsächlich von irgend etwas besessen war. Eduardo wurde in eine Kammer neben der Schloßkapelle gebracht und von Moram und seinen Helfern pausenlos mit verschiedensten Methoden behandelt. Im Laufe der ersten Tage stellte sich sogar ein merklicher Erfolg ein. Moram konnte ein Wesen oder einen Dämon feststelle der Eduardos Geist überlagerte. Es gelang sogar bis zu Eduardos Bewußtsein vorzudringen und geistige Verbindung mit ihm aufzunehmen. Eduardos Geist war nicht zerstört sonder hatte sich vor dem Eindringling abgekapselt. Mit Morams Hilfe schaffte es Eduardo sogar für kurze Momente wieder die Kontrolle über seinen Körper zu bekommen. Der Dämon wurde durch die magischen Behandlungen Morams nach und nach schwächer, es sah fast so aus als ob er gegen die beiden Magier auf die Dauer nicht bestehen konnte. Eines Abends dachte Moram es könnte gelingen Eduardo endgültig zu befreien. Ohne unterlaß zerrte Moram am Willen des Dämons und ließ keinen Moment locker. Der Widerstand begann immer schneller zu schwinden und das verfluchte Wesen schien sich nur noch wenige Augenblicke in Eduardos Körper halten zu können. Plötzlich gab der Dämon nach. Er wehrte sich nicht mehr und ließ sich ohne Gegenwehr aus Eduardo vertreiben.

Moram wußte nicht wo Dämonen existieren wenn sie nicht gerade in jemanden stecken. Vielleicht in einer Zwischenwelt, eine Existenzebene die irgendwo zwischen dem Jenseits und Diesseits lag. Jedenfalls wandelte sich die erste Freude Morams in eine schreckliche Erkenntnis, der Dämon hatte Eduardos Geist mit sich gerissen. Niemand würde je in der Lage sein ihm zu folgen. Eduardos Körper wurde sofort leblos, die Atmung hörte auf und sein Blick wurde starr. Wenig später war auch sein Körper kalt. Eduardo war tot. Die Gefährten waren fassungslos. Es erhob sich ein ziemliches Geschrei auf der Lichtung, Racheschwüre wurden ausgesprochen und der Natassekte der Untergang versprochen. Eduardos Tod war ein schwerer Verlust. Nicht nur, daß er im Lauf der letzten Monate ein teurer Freund geworden war, sondern auch seine Aufgabe als Wächter des Turms würde jetzt unerfüllt bleiben und nun gab es wahrscheinlich niemanden mehr der sie zu Ende bringen konnte. Die ganze Tragweite der Folgen konnte noch niemand absehen.

Anaid packte ihren Ranzen aus und verteilte Eduardos Habseeligkeiten, ein paar Manatränke, einige Lebenstränke, sein Zauberbuch und noch ein paar Kleinigkeiten. Nachdem sich die Gemüter wieder etwas beruhigt hatten packten sie ihre Sachen zusammen und machten sich auf den Rückweg in das verlassene Fischerdorf zu den Flugdrachen. Anaid flog, von Marok begleitet, inzwischen zu den Bergen um nach dem Tempel zu suchen. Gegen Abend sollten die Anderen das Dorf erreicht haben, bis dahin wollten Anaid die Berge absuchen. Nachdem die Flugdrachen aufgestiegen waren machten sich die Truppe schweigsam auf den Weg. Die Wölfe ließen sich während des ganzen Weges nicht mehr blicken und das war auch besser so, denn die Gefährten waren noch immer ziemlich wütend über Eduardos Schicksal. Noch vor Sonnenuntergang erreichten sie das Dorf. Anaid und Marok warteten bereits in der Fischhalle bei den Flugdrachen. Die Elfe hatte in den Bergen tatsächlich etwas entdeckt. Auf der linken Seite der Insel, an einem eiszerklüfteten Berghang gab es eine große Grotte. Wie weit sie ins Innere führte wollte sie aber erst morgen mit den Anderen untersuchen. Am nächsten Morgen machten sie sich beim ersten Sonnenlicht mit den Drachen auf den Weg. Sie hofften noch heute den Tempel zu finden und dann die kalte Insel verlassen zu können. Die eisige Luft steckte ihnen schon tief in den Knochen und die Vorräte gingen auch langsam zur Neige da sie die Flugdrachen mitfüttern mußten. Anaid hob als erstes ab und flog den Anderen voran in Richtung der Berge. Nach einem kurzen Flug landeten sie vor dem Eingang der Eisgrotte. Sie hatte tatsächlich gewaltige Ausmaße. Die Decke lag sicher dreißig Schritt über ihnen. Lange Eiszapfen hingen herunter und glitzerten im Licht der Sonne. Wenn es nicht so kalt gewesen wäre, hätten sie die kristallene Pracht sicher einige Zeit bewundert. So aber schritten sie rasch vorwärts und suchten nach Hinweisen die zum Tempel führen könnten. Ibraha entdeckte gut zwanzig Schritte nach dem Grotteneingang eine Inschrift. Auf einer großen Tafel aus poliertem Eis war ein mysteriöse Satz eingraviert: Links kommt vor Rechts!

Niemand konnte sich momentan erklären was das bedeuten könnte und es wurden eifrig Theorien aufgestellt. Alle standen etwa im ersten Drittel der Eisgrotte und diskutierten lautstark über Sinn oder Unsinn dieses Hinweises. Dadurch hörten sie das leise Knacksen über ihnen nicht. Sie plärrten weiter herum und hörten dadurch auch nicht das etwas lautere Knacken als sich der erste Eiszapfen von der Decke löste. Erst als er mitten unter ihnen einschlug und in unzählige Trümmer zerbarst wurden sie aufmerksam. Mehrer eisige Geschoße rasten auf den erschrockenen Haufen zu. Zwischen den herunterdonnernden Eiszapfen rannten sie zur Grottenwand wo es weniger gefährlich war und verhielten sich still. Glücklicherweise wurde niemand verletzt und nach dem die Decke wieder stabil zu sein schien gingen sie leise weiter in die Grotte vor. Licht brauchten sie keines entzünden, denn das Eis reflektierte das Licht bis weit nach hinten. Selbst am Ende, als sich die Grotte zu einem schmalen Gang verjüngte, gab es noch genügend Licht. Nach wenigen Schritten standen sie vor einer Abzweigung. Nun stellte sich die Frage ob sie Links oder Rechts gehen sollten und nach einiger Zeit erinnerte sich tatsächlich einer an den Hinweis beim Eingang: Links kommt vor Rechts! Dies konnte nur bedeuten, daß sie zuerst die linke Abzweigung und bei der nächsten Gabelung die rechte Abzweigung nehmen sollten. Andernfalls könnten sie möglicherweise tagelang in einem eisigen Labyrint herumirren. Ihre Vermutung bestätigte sich wenig später. Ein gewundener Gang führte ein paar hundert Schritt bis zu einer zweiten Abzweigung. Diesmal nahmen sie den rechten Weg und hofften den Hinweis richtig verstanden zu haben. Nachdem sie viele hundert Schritt den gewundenen Gang entlang gegangen waren und schon glaubten bald am anderen Ende des Berges angelangt zu sein, öffnete sich nach einer Biegung des Ganges plötzlich ein riesiges Tal mitten im Berg. Die vereiste Fläche maß sicher tausend Schritt im Umkreis. Die Wände hingen schräg, wie ein riesiges Zelt, ins Tal hinein und das Loch oben war mit einer riesigen Eiskappe geschlossen durch die das Tageslicht schimmerte. Das ganze Tal war in dämmriges, bläuliches Licht getaucht. In der Mitte, auf einer kleinen Anhöhe thronte ein weiß schillernder Tempel. Ein rechteckiges Gebäude mit einem Kuppeldach, umgeben von einem Säulengang und breiten Freitreppen an allen Seiten. Dies mußte der Tempel der Dezeber sein, sie hatten ihr Ziel endlich erreicht. Nun brauchten sie nur mehr den Runenstein holen und dann, - auf die Flugdrachen und ab nach Brilante. Nachdem sie den Tempel erreicht hatten stellten sie fest, daß es vielleicht doch nicht so einfach sein würde. Der Tempel bestand aus Eis und das Schloß am Eingangs Tor erwies sich als äußerst kompliziert. Kardoc stocherte mit steifen Fingern darin herum, aber er hatte kein Glück, sein Sperrzeug war für magische Eisschlösser anscheinend nicht so sehr geeignet. Ibraha und Anaid erörterten inzwischen andere Möglichkeiten in den Tempel vor zu dringen. Anzünden war einer der ersten Vorschläge, sie erkannten aber bald scharfsinnig, daß Wasser nicht brennt. Eine andere Idee war mit Feuerbällen ein Loch zu schmelzen, das Eis erwies sich aber als sehr widerstandsfähig, wahrscheinlich war es magisch behandelt worden. Als ihnen nichts mehr einfiel, kamen Sachen zu Tage wie etwa auf eine wärme Zeiten zu warten und ähnlicher Schwachsinn. Während ihnen Davidudl mehr oder weniger interessiert zuhörte beobachtete er Knepp und Knapp die Marok dazu bringen wollten eine weggeworfene Fackel wieder zu bringen. Sie versuchten es mehrmals, warfen die Fackel einige Schritt weit weg und redeten dann eindringlich auf Marok ein: "Hol das Stöckcken!"

Marok wollte aber nicht und grunzte nur unwillig. Bevor Marok das Kunstück erlernen konnte öffnete Kardoc durch einen glücklichen Handgriff doch noch das Schloß. Die beiden Torflügel öffneten sich sogleich geräuschlos. Wenige Augenblicke danach ertönte eine geisterhafte Stimme, gleich darauf eine Zweite und etwas versetzt noch ein paar Weitere. Die Stimmen schienen aus dem Nichts zu kommen, fast so als ob sie in den Köpfen der Gefährten entstehen würden. Alle warnten vor dem Betreten des Tempels: "Geht nicht,... bleibt fern,... es wird euren Untergang bedeuten..."

Eine der Stimmen behauptete sie seien jene verstorbenen Abenteurer welche die Prüfungen der Deceber nicht bestanden hätten und falls die Eindringlinge nicht kehrt machen sollten, würden sie noch an diesem Abend mit den anderen Geistern für immer in diesem Tal gefangen schweben und in ihren traurigen Gesang mit einstimmen. Die Gefährten achteten natürlich nicht auf diese Warnungen und bereiteten sich auf einen Kampf vor. Ibraha ging mit den Worten: "Lasset uns aufrüsten!" - an ihre Aufgabe Gewandtheitszauber und Schutzschilder auszuteilen. Kardoc belegte alle Waffen mit seinem neuen Geisterzauber aus dem Wolfstempel. Davidudl meinte zwar Anfangs es wäre unter seiner Würde mit Geistern zu kämpfen, aber er tat es schließlich doch seinen Gefährten zuliebe die ihm erklärten, daß sie ohne ihn völlig hilflos seien. Er ging sogar voran und betrat als Erster das Innere des Tempels. In einer großen Vorhalle erwarteten sie bereits sechs Geister. Man konnte die durchscheinenden Gestalten ziemlich deutlich erkennen. Zwei Menschen in Roben, wahrscheinlich ehemalige Magier; zwei Gnome die ohne Zweifel ebenfalls zaubern würden und zwei kräftig aussehende Krieger. Langsam drängten die Gefährten in die Halle ein und stellten sich den Geistern gegenüber. Knepp deutete auf die Gnome und wisperte zu den Anderen: "Zuerst auf die Schwachen und Wehrlosen!"

Die "wehrlosen" Gnome eröffneten daraufhin ein wahres Feuerwerk und schossen ständig magische Flammen auf die Eindringlinge. Davidudl, Knepp, Knapp und Maroc stürmten vorwärts auf die Magier zu. Kardoc zauberte Blitze auf einen der Gnome. Sie schienen die gefährlichsten Gegner zu sein. Ibraha nahm sich den zweiten Gnom vor und Anaid schoß ihre Pleile auf die menschlichen Magier. In der Halle war binnen weniger Momente ein gewaltiger Tumult entstanden. Die Waffen erwiesen sich Dank Kardocs Zauberspruch als äußerst wirkungsvoll und drangen wie in blankes Fleisch. Die beiden Geisterkrieger konnten nur kurze Zeit standhalten und lösten sich in Nebel auf. Die Magier waren aber weitaus gefährlicher. Die beiden Gnome zauberten so rasch hintereinander Feuerbälle und Eiskugeln, daß es beinahe so aussah als ob die lebenden Zweibeiner bald unterliegen würden. Nach einem gelungenen Feuerball von Ibraha zerfloß endlich der erste Gnom in milchig weiße Schwaden. Den zweiten besiegte Kardoc der das Zaubern aufgegeben hatte und inzwischen mit der Axt weiterkämpfte. Als die Gnome verschwunden waren schien der Sieg gewiß zu sein. Die beiden menschlichen Magier konnten der Übermacht nur noch kurze Zeit standhalten. Da es nun bedeutend leiser war hörte man auch ein Seufzen als sie vergingen und ein gehauchtes Wort das wie "Danke" klang.

Die Zwerge gingen bereits weiter und betraten eine hohen Gang der aus der Vorhalle weiter ins Innere des Tempels führte. Nach etwa zwanzig Schritten hielten sie bei zwei Türen die links und rechts abzweigten. Ibraha ging weiter und stand kurz danach vor zwei Gittertüren die kurz hintereinander den Gang versperrte. Jedes der Tore hatte ein auffällig großes Schloß. Ibraha versuchte kurz zu rütteln aber das Tor war natürlich verschlossen und das zweite ohne Zweifel auch. Als der Rest der Truppe ankam, waren die Zwerge bereits mitten in der Untersuchung der seitlichen Türen am Gang. Die Anderen sahen dem wohlbekannten Gefummle der Zwerge zu. Anscheinend gab es wieder Schwierigkeiten mit den eisigen Schlösser, denn die die Zwerge konnten nicht erkennen ob eine Falle eingebaut war. Marok verlor als erster die Geduld und fragte Kardoc: "Du, schon was gefunden?"

Kardoc wendete sich, noch in die Untersuchung versunken, um und erwiderte: "Ja, ich bin mir sicher, daß es ein Tür mit Schloß ist!"

Davidudl schloß daraus, daß der Zwerg nichts gefunden hatte und sperrte mit dem Schlüssel aus dem Wolfstempel ohne viel nachzudenken die Tür auf. Kaum war die Tür halb geöffnet wurde er schon von einem Geist angegriffen. Davidudl hatte sein Schwert noch in der Rechten und erlöste den Geist mit einigen kräftigen Schwertstreichen. Hinter dem ersten drangen aber noch zwei Geister aus der Kammer und Davidudl nörgelte während er auf die Erscheinungen einschlug. Er wollte nicht mehr gegen Geister kämpfen es war kein richtiger Kampf nach seinem Geschmack. Diese nebeligen Gestalten brachten noch nicht einmal anständige Todesschrei heraus sondern vergingen mit einem gehauchtem Dankeswort. Das war kein Kampf sondern eine Erlösungszeremonie. Nachdem sich die Nebelschwaden verflüchtigt hatten, entdeckten sie eine eigenartige Vorrichtung in der kleinen Kammer. An der rückwärtigen Wand, auf einer kurzen Säule, klappte eine etwa kopfgroße Muschel rasch auf und zu. Im Inneren sah man deutlich einen Schlüssel. Es war nicht festzustellen durch was die Muschel angetrieben wurde, es konnte aber eigentlich nur magische Gründe haben. Das Auf und Ab der beiden Muschenhälften ging so schnell, daß nicht einmal Anaid Aussichten hatte den Schlüssel rasch heraus zu holen. Ibraha versuchte eine Fackel zwischen die Hälften zu stecken, doch das Holz zersplitterte sofort und die Muschel schnappte ungerührt weiter auf und zu. Knapp schlug Knepp vor mit seiner gesunden Hand hinein zu greifen, dafür versprach er ihm eine zweite Morgensternhand. Knepp weigerte sich natürlich und drohte ihm beim der nächsten dummen Einfall sein Gesicht mit einem Morgensternmuster zu verzieren. Während sich die beiden Zwerge gegenseitig ärgerten, versuchte Ibraha einen Antimagiespruch auf die Muschel und tatsächlich verlangsamte sich die Bewegung merklich. Kardoc kramte ein eisernes Steigeisen aus seinem Ranzen steckte es zwischen die Muschelhälften. Das Eisen wurde zwar etwas gestaucht aber es hielt dem Druck stand. Es wagte allerdings keiner hinein zu greifen, denn das Eisen knirschte und ächzte, es konnte jeden Moment brechen. Marok wurde wieder ungeduldig und drängte sich nach vorn zur Säule, er griff ohne viel nach zu denken hinein und holte den Schlüssel heraus. Wenige Momente nachdem er den Schlüssel in der Hand hielt krachte das Eisen und die Muschel schnappte wieder heftig nach Allem was sich näherte. Marok merkte dies allerdings gar nicht mehr, denn sein Interesse war bereits wieder auf ein anderes Ereignis gelenkt worden. Knapp hatte in der Wand hinter der Säule einen losen Stein entdeckt und versuchte ihn vorsichtig zu entfernen. Der Ork verstand überhaupt nicht warum die anderen Zweibeiner immer so viele Umstände machten. Hier war ein loser Stein und der gehörte weg, so einfach war das. Er griff über Knapps Kopf hinweg nach dem bereits gelockerten Stein und zog ihn mit einem Ruck aus der Wand. Marok mußte sich kurz darauf eine umfassende Belehrung der Zwerge über Fallen und ähnliche Dinge anhören, die er aber im Großen und Ganzen überhaupt nicht verstand. Um keinen Unfrieden aufkommen zu lassen nickte er zu dem Wortschwall aber eifrig und gab sich sehr einsichtig. Nachdem sich die Zwerge wieder beruhigt hatten wurde das Loch hinter dem Stein untersucht. Es maß etwa zwei Handbreit im Durchmesser und knickte nach einer Armlänge scharf nach oben. Kardoc nahm seinen alten Priesterstab vom Rücken und band Ibrahas Spiegel, den sie irgendwo einmal gefunden oder bekommen hatte, ans Ende um nach zu sehen was sich hinter dem Knick befand. Kaum befand sich die Konstruktion unter der aufsteigenden Röhre, strömte ein Schwall Säure herunter. Der Priesterstab war bis zur Hälfte weggeäzt und vom Spiegel war ebenfalls nichts mehr zu sehen. Ibraha versuchte mit einem Antimagiespruch die Säure zu bannen und sprach die magischen Silben ins Loch. Kardoc steckte den verschmorten Priesterstab hinein und diesmal passierte nichts, die Falle schien gebannt zu sein. Nachdem Kardoc die Ränder des Lochs untersucht hatte, erhielt Marok die ehrenvolle Aufgabe das Loch eigenhändig bis in den letzten Winkel zu untersuchen. Das Loch war anscheinend nur geschaffen worden um herumstreifende Abenteurer zu ärgern, denn es war absolut leer.

Der Schlüssel aus der Muschel sperrte das erste Gittertor auf. Hinter dem Zweiten, das ebenfalls versperrt war erkannte man bereits eine Statue, ähnlich jener in der Eishöhle. Sie mußten wieder zurück und den zweiten Schlüssel holen. Die Zwerge versammelten sich wieder um die Tür am Gang und begannen ihre Fallenuntersuchung. Ibraha ging nicht mit, sie erlitt gerade einen Anfall von Größenwahn. Sie stand noch immer beim Gittertor und fummelte völlig unfachmännisch mit einer Haarnadel im Schloß herum. Plötzlich klackte es und das Gitter schwang auf. Ibraha konnte es im ersten Moment zwar selbst nicht fassen, aber das Schloß war tatsächlich eigenhändig von ihr geöffnet worde. Während sie sich über ihre Leistung noch wunderte, sah sie in Gedanken schon die Zwerge vor sich. Diese Schande für die angeblichen Schlösserspezialisten mußte sie unbedingt ein wenig auskosten. Sie rief mit freudigem Unterton nach den Anderen: "Ihr könnt dann kommen! Auch die Zwerge!"

Wenige Augenblicke später waren die Zwerge heftig diskutierend um das Gittertor versammelt und beschuldigten sich zuerst gegenseitig und danach irgendwelche übernatürlichen Mächte die schuld daran waren, daß Ibraha, natürlich zufällig, das Schloß geöffnet hatte. Es dauerte eine ganze Weile bis sich die Zwerge wieder abregten und Ibraha genoß das Schauspiel sichtlich. Sie erklärte sich auch bereit Lehrstunden für die Zwerge abzuhalten, gratis natürlich. Den Zwergen war es furchtbar peinlich von einer Dilettantin derartig bloßgestellt zu werden und waren froh als in der Kammer hinter der Gittertür ein Ereignis von ihrer Schlappe ablenkte. Die Statue der Deceber erwachte zum Leben und sie war offensichtlich verwirrt. Erstens konnte sie sich ebenfalls nicht erklären wie Ibraha das Schloß geöffnet hatte und zweitens beachtete sie niemand der Anwesenden sonderlich. Es herrschte allgemeine Verwirrung auf beiden Seiten und die Geschichte nahm wieder einmal nicht den Lauf den sie normalerweise nehme sollte. Aber schließlich konnte die Geschichte nicht vorhersehen, daß genau dieser unberechenbare Haufen aufkreuzen würde. Nach und nach versammelten sich die Gefährten um die Statue und bedrängten sie mit allerlei Fragen. Decebers Geist gab aber nur ausweichende Antworten und versuchte einen Ausweg aus dieser verfahrenen Situation zu finden. Normalerweise sollte nun die letzte Probe statt finden. Die Helden mußten noch den Geist der Deceber überwältigen um an den Runenstein zu gelangen, doch sie war inzwischen in eine eher zwanglose Plauderei mit den Helden verwickelt und es schien irgendwie unpassend jetzt einen Kampf zu beginnen. Sie versuchte den Gefährten zu erklären, daß es nun aber doch an der Zeit wäre den Endkampf zu beginnen, was diese wiederum strikte ablehnten weil es sich als Gäste in diesem Tempel einfach nicht gehörte einen Kampf anzuzetteln, wo man doch gerade so nett beisammen war. Deceber bestand aber immer nachdrücklicher auf ihrer Forderung nach dem Endkampf. Die Gefährten versuchten noch etwas Zeit zu schinden um sich zu erholen und schlugen vor den Kampf doch wenigstens auf morgen zu verschieben, doch Deceber gab nicht nach. Sie räumte allerdings ein nicht ihre ganze Macht auszuspielen, schließlich sollte das hier nur eine Probe sein ob die Gefährten würdig sind den Runenstein zu erlangen.

Deceber wurde besiegt! Der Kampf ist allerdings kaum als solcher zu bezeichnen. Nachdem sie Deceber, die so gut wie keine Gegenwehr leistete, ein paar mal leicht mit den Waffen berührten wurde gab sie auf und erklärte, daß die Probe nun bestanden sei. Deceber holte aus einem geheimen Wandfach den Runenstein, die dazugehörige Schriftrolle und legte die beiden Relikte vertrauensvoll in die Hände ihrer Bezwinger. Sie hatte gemerkt, daß dieser seltsame Trupp zwar etwas respektlos, naiv und vielleicht ein wenig wahnsinnig war, aber eindeutig auf der Seites des Guten kämpfte. Sie wünschte den Gefährten Glück und richtete an jeden Einzelnen noch ein paar freundliche Worte. Danach wurde sie wieder zur leblosen Statue, Deceber hatte die ihr vor langer Zeit auferlegte Bestimmung nun, etwas abgeändert aber doch, erfüllt und konnte in Frieden Ruhen. Ibraha verstaute den Runenstein und die Schriftrolle in ihrem Ranzen. Sie waren ihrem Ziel wieder ein Stück näher, Moram würde sich freuen! Bei dem Gedanken an Moram dachten sie wieder an Siro Eduardo der in gewissen Sinne sein Leben für diesen Stein geopfert hatte. Der Magier war viel zu früh gestorben. In den wenigen Wochen ihrer Bekanntschaft erwies er sich immer als treuer Freund der jederzeit sein Leben für seine Gefährten einsetzte. Es wußte zwar niemand genaueres über sein Leben, das nach wie vor unter einer geheimnisvollen Decke lag, doch alle hatten vollständiges Vertrauen zu ihm gehabt. Um so schwere war nun der Verlust.

Sie verließen den eisigen Tempel und marschierten in Richtung der Höhle. Kardoc ging in Gedanken versunken neben Knepp und grübelte wer wohl das nächste Opfer ihrer Mission sein würde. Früher hätte ihn der Tod eines Gefährten zwar genau so getroffen, aber nun war mit jedem Einzelnen das Schicksal der Welt verknüpft und sie hatten schon zwei schwere Verluste. Osak war noch nicht lange Tod und es hatte sich noch niemand Gedanken über ein würdiges Grab für ihn gemacht. Er lag unter einem Erdhügel, von wenigen Steinen geschützt und kaum jemand wußte von seinen Heldentaten. Kardoc schwebte plötzlich eine Osak-Gedenkstätte vor, kein pompöses aber doch Ehrfurcht gebietendes Gebäude. Ein kleines Mausoleum über dem Grabhügel vor der Burg um sein Andenken zu bewahren. Außerdem mußten seine herausragenden Fähigkeiten in Stein gemeißelt werden. Und das Wichtigste war, daß die Geschichte des Helden Osak in Erzählungen weiterlebte. Kardoc beschloß sofort damit zu beginnen und erzählte Knepp aus dem abenteuerlichen Leben des verwegenen Schwertkämpfers Osak, von seiner sagenhaften Fähigkeit des doppelten Schwerkampfes, den halsbrecherischen Luftsprüngen und anderen üppig ausgeschmückten Tatsachen. Am Weg nach Brilante veranstaltete Kardoc außerdem noch eine Sammelaktion für den Bau des Mausoleums und lockte den anderen so viel Gold als möglich aus der Tasche. Doch selbst mit seinem eigenen nicht unbeträchtlichen Anteil reichte das Gold bei weitem nicht aus um ein derartiges Bauwerk zu finanzieren. Kardoc machte sich über die Goldmittel aber weniger Sorgen, er kannte jemanden in Brilante der alles andere als unvermögend war. Prinz Andrus würde bei einigem gutem Zureden sicher die restliche Summe beisteuern.

Nach ein paar Flugtagen erreichten sie wohlbehalten Schloß Brilante. Die anfliegen Herde Drachen erregte wieder einiges Aufsehen als sie vor den Stallungen im weitläufigen Schloßgelände landeten und noch ehe die Drachen abgeschirrt waren versammelte sich Schaulustige aus dem Schloß beim Stall und bestaunten die seltenen Tiere. Während sich die Drachen über die frisch gefüllten Futtertröge stürzten gingen die Gefährten ins Schloß und suchten Moram auf. Marok, den Ork, nahmen sie in ihre Mitte und da sie im Schloß bereits ziemlich bekannt waren, hielt sie auch niemand auf. Die Wachen blickten zwar etwas schräg auf den Ork verwehrten ihnen aber nirgends den Zutritt.

In den Straßen von Brilante war ziemlich viel los. Fahrende Händler hatten an allen Ecken ihre Stände aufgestellt, Zweibeiner aus allen Teilen der Welt waren unterwegs, Krieger steuerten zielstrebig in Gastwirtschaften, oder verließen sie weitaus weniger zielstrebig auf wackeligen Beinen. Magier in aufwendig gestickte Roben untersuchten das Angebot der Händler.

Beim Tor zum inneren Schloß fragten sie die Wache was hier los sei. Der aufpolierte Ritter wies zu einem Gebäude neben der Schloßmauer vor dem sich eine Zweibeinermenge drängte und sagte: "König Marco hat ein großes Turnier aller Kriegskünste ausgerufen, und dort unten könnt ihr euch für einen oder mehrere Bewerbe anmelden."

Davidudl wollte sich sofort anmelden gehen, ein Turnier war eine höchst willkommene Abwechslung. Endlich ein richtiger Zweikampf bei dem es sicher auch etwas zu Gewinnen gab. Auch für die Anderen war klar, daß man so eine Gelegenheit nicht auslassen durfte, aber zuerst sollte man doch noch zu Moram gehen um ihm von der erfolgreichen Mission zu berichten. Der alte Weise hatte bereits von ihrer Ankunft erfahren. Er kam ihnen in der Vorhalle des Schlosses entgegen und geleitete sie in seine Gemächer. Der Runenstein und die Schriftrolle wanderte, nachdem er sich von der Echheit überzeugt hatte, in ein Geheimfach zu den anderen Runensteinen. Während die Gefährten von der Reise berichteten erschien auch Prinz Andrus und begrüßte sie mit ernster Mine. Er verhielt sich eher schweigsam und berichtete nur, daß der König bereits wesentlich besser ging. Kardoc konnte sich denken warum die Stimmung so getrübt war, es galt nicht nur für Osak ein Grabmal zu errichten. Für Eduardo war sicher im Schloßfriedhof ein Platz bereit gemacht worden. Prinz Andrus löste allgemeine Verwunderung aus als er verkündetet, daß Edurado vorerst gar nicht beigesetzt werde. Er ging auf die erstaunten Fragen der Gefährten nicht ein, sondern sagte sie sollen mitkommen, er wollte ihnen Siro Eduardo zeigen. Moram nickte und ging voran in einen der Nebenräume. Es war ein heller Raum, durch die großen Fenster schien Sonnenlicht auf eine hölzerne Liege. Zwei in Roben gehüllte Gestalten saßen am Kopfende der Liege und erhoben sich als Moram den Raum betrat. Eduardo lag auf dem Rücken und war mit einem weißen Tuch zugedeckt. Sein Gesicht war nicht verhüllt, wie es bei Toten sonst üblich war. Der alte Weise ging zur Liege und murmelte irgend etwas zu den beiden Dienern. Sie schüttelten nur den Kopf und gingen einige Schritte zurück um Platz zu machen. Moram wies auf Eduardo: "Er ist jetzt seit mehreren Tagen tot, sein Körper ist kalt und es ist nicht das geringste Lebenszeichen festzustellen. Aber dennoch, ich bin mir nicht sicher ob er im herkömmlichen Sinne tot ist, denn er zeigt bis heute nicht die normalen Verfallserscheinungen des Körpers, er befindet sich noch immer im Zustand einer Leiche die erst kurze Zeit tot ist. Wir wissen nicht welche Mächte hier am Werk sind, aber irgend etwas scheint ihn zu konservieren. Und solange sich sein Zustand nicht ändert werden wir ihn keinesfalls beerdigen."

Moram zeigte auf die beiden Diener Whuosas und erklärte, daß Eduardo Tag und Nacht beobachtet wurde. Vielleicht bestand ja doch noch eine winzige Hoffnung, daß sein Geist wieder zurückfinden würde. Die Gefährten drängten sich um die Liege und betasteten den Leichnam. Eduardo sah zwar blaß aus aber die Anzeichen einer normalen Leiche hatte er tatsächlich nicht und wie eine mehrere Tage alte Leiche aussah wußten alle ziemlich genau. Moram scheuchte sie wieder hinaus bevor sie auf die Idee kamen Eduardo mit Wiederbelebungsversuchen endgültig den Garaus zu machen und schlug vor, sie sollten sich jetzt erst einmal beim König blicken lassen. Nachdem alle die Kammer verlassen hatten führte sie Andrus in eins der oberen Stockwerke wo sie König Marco in seine Privatgemächern auf einer bequemen Liege empfing. Die unbeholfenen Verbeugungen und Knickse amüsierten den König sichtlich. Er wies seine Diener an, Erfrischungen für die Gäste zu bringen und wenig später saßen die Gefährten im Halbkreis vor dem König und erzählten wie immer wild durcheinander ihre Erlebnisse. Dazu lümmelten sie auf kleinen Tischen welche herangetragen wurden und verschlangen schmatzend, ohne das geringste Feingefühl, erlesenen und feine Speisen die aufgetragen wurden. Prinz Andrus stand daneben und hörte den Erzählungen zu, er war ebenfalls bereits so verroht, daß er das unmögliche Benehmen des wüsten Haufens nicht einmal bemerkte. Nachdem Alle satt waren und alles erzählt war machte König Marco auf das morgige Turnier aufmerksam und ließ einen Diener die Wünsche der Gefährten notieren und zur Anmeldung tragen. Es sollte ein prächtiges Fest werden, aus den entferntesten Winkeln der Welt waren die Wettkämpfer und Kämpferinnen eingetroffen. Es gab viele verschiedene Disziplinen, angefangen vom Kampf zu Pferde bis zu den magischen Künsten. Für jeden war eine oder sogar mehrere Sparten geeignet in denen sie ihre Fähigkeiten messen konnten.

Der König war nach dem Mal etwas ermüdet und entließ seine Gäste. Die Gefährten zogen in ihre Quartiere und beschlossen den Rest des Tages die Händler und Kneipen Brilantes unsicher zu machen. Gegen Abend hatten alle irgendwelchen unnötigen Krempel gekauft den sie sicher nie brauchen würden, aber es gab so viel exotisches zu sehen und kaufen, daß man einfach nicht widerstehen konnte.

Am nächsten Morgen bliesen in aller Frühe bereits die Fanfaren und kündigten den Beginn des Turniertages an. Rasch legen sie Ihre Rüstungen und Kleidung an und setzten sich im Rittersaal zu einer kleinen Malzeit zusammen. Selbst Knapp, der ansonsten nichts ausließ, aß nur wenig um nicht mit vollem Magen kämpfen zu müssen. Wenig später machten sie sich auf den Weg zum Turnierplatz. Auf den Straßen herrschte bereits dichtes Gedränge, die Schaulustigen drängten in Scharen aus Brilante hinaus zur Turnierwiese. Außerhalb des Schloßparkes war eine große ebene Rasenfläche eingezäunt worden. An mehreren Stelle waren Tribünen für den Adel aufgestellt worden und das gemeine Volk drängte sich um die Absperrungen. Die Wettkämpfer waren in einem eigenen Bereich untergebracht wo sie dem Spektakel zusehen, oder sich in Ruhe auf den Kampf vorbereiten konnten. Die Königstribüne stand an der Längsseite des Kampfplatzes, von dort hatte man den besten Überblick. Die Zweibeinermassen schoben hin und her, jeder versuchte einen möglichst günstigen Platz zu ergattern, Kinder wurde auf die Schultern gehoben oder drängten sich zwischen den Beinen der Großen ganz nach vorn. Alles wartete ungeduldig, daß der König die Wettkämpfe eröffnete. Nachdem die Tribünen besetzt waren hob König Marco endlich seinen Arm und es wurde binnen weniger Augenblicke relativ ruhig. Er hielt eine kurze Ansprache über ehrenhaftes Verhalten und ähnliche Tugenden und erläuterte die Regeln. Am Ende seiner Rede; das Volk wurde bereits wieder etwas unruhig; zog er sein Schwert und stieß es vor sich in den Holzboden der Tribüne. Das Turnier war damit offiziell eröffnet.

Als erstes waren die Zweikämpfe zu Fuß in verschiedenen Waffengattungen vorgesehen. Es wurden gleich mehrere Kämpfe gleichzeitig abgehalten. Dazu war ein Platz mit Holzstämmen in mehrere kleine Bereiche unterteilt worden damit sich nicht die falschen Gegner in die Quere kamen. Knepp war einer der Ersten die auf den Platz traten. Sein Gegner, ein ziemlich großer Krieger der einen wuchtigen Morgenstern schwang, wirkte äußerst siegesgewiß. Es war bei Turnieren üblich, daß man keine tödlichen Treffer zu landen versuchte sondern den Gegner zum Aufgeben zwang. Der Verlierer hatte nur eine einzige Möglichkeit ehrenvoll den Platz zu verlassen: nämlich aufzugeben und die Niederlage einzugestehen bevor man bewußtlos geschlagen wurde. Knepp und der Krieger gingen langsam im Kreis und schätzten einander ab. Der Krieger hatte eine weitaus längere Reichweite als Knepp mit seiner Morgensternhand, allerdings wußte er nicht, daß Knepp seine Kugel abschießen konnte. Die ersten Schläge sollten das Geschick des Gegners ausloten und wurden von beiden mühelos pariert. Der Krieger schien sich eher auf seine Kraft und Ausdauer zu verlassen, denn er versuchte keine Finten sondern schlug einfach und gerade zu. Knepp stieß ein paarmal, wie bei einem Faustschlag, die Morgensternhand nach vorne. Der Krieger wich einen halben Schritt zurück und versuchte dann einen Gegentreffer zu landen. Knepp freute sich schon auf das Gesicht des Kriegers wenn er den Morgenstern abschoß. Der Zwerg streckte seine Hand wieder nach vorne und drückte diesmal auf den Auslöser. Der Morgenstern schoß nach vorn aber statt in der Magengegend des Kriegers zu landen flog er an diesem vorbei und riß Knepp mit sich. Diesmal war der Krieger nämlich zur Seite ausgewichen. Knepp taumelte einige Schritte vorwärts, gleich darauf krachte ihm der Morgenstern des Gegners auf seinen Rücken. Die Wucht warf ihn fast zu Boden und er konnte sich gerade noch umdrehen um den nächsten Schlag abzuwehren. Knepp mußte noch mehrere schwere Treffer einstecken und der Ausgang des Zweikampfes wurde immer klarer. Knepp hatte kaum noch Kraft seinen Morgenstern an der Kette zu schwingen, aber er dachte nicht im geringsten ans Aufgeben. Der Krieger wich inzwischen nur mehr den kraftlosen Schlägen aus und war sich seines Sieges schon gewiß. Er schlug auch nicht mehr mit voller Wucht zu und wartetet, daß der Zwerg endlich aufgab. Doch Knepp dachte nicht daran und schlug immer wieder keuchend daneben. Dem Krieger blieb schließlich keine andere Wahl als Knepp mit einem leichten Schlag aus Haupt ruhig zu stellen. Unter Buhrufen ging Knepp schließlich zu Boden. Gleich darauf erschienen zwei Träger mit einer Bahre um den bewußtlosen Zwerg abzutransportieren.

Knapp war kurz darauf an der Reihe und stand plötzlich einem riesigem dunkelhäutigen Hünen gegenüber der ihn freundlich anlächelte. Der Riese schwang einen Kriegshammer als ob es sich um einen Kochlöffel handelte. Das ungleiche Paar lockte zahlreiche Schaulustige an die sich um die Absperrung drängten. Es wurde ein äußerst eigenartiger Kampf, Knapp versuchte mit unmöglichen Verrenkungen dem Hammer auszuweichen und hatte kaum eine Gelegenheit seine Axt einzusetzen. Nachdem er dreimal vom Hammer getroffen wurde gab er auf und verließ zerknirscht den Platz. Die Leute jubelten ihm zwar zu, weil er länger durchgehalten hatte als alle Anderen die vorher gegen den Hünen angetreten waren, aber das konnte ihm auch nicht über diese Niederlage hinwegtrösten.

Kardoc hatte etwas mehr Glück bei der Auslosung seines Gegners. Es war ein Mensch, bewaffnet mit einem Kurzschwert und nicht so übermächtig wie die Gegner der anderen Zwerge. Gleich zu Beginn des Kampfes konnte ihn Kardoc mit zwei guten Treffen in Bedrängnis bringen. Der Schwertkämpfer erholte sich aber rasch von den Treffern und wich Kardocs Axt immer wieder flink aus. Er durchschaute alle Finten und wehrte die Angriffe geschickt ab, oder ließ die Axt ins Leere treffen. Die vielen nutzlosen Hiebe wirkten sich auch bald aus; Kardoc wurde langsam schwächer. Die Taktik des Menschen schien aufzugehen. Das Schwert traf immer öfter auf Kardocs Drachenschuppenrüstung. Der Mensch keuchte zwar auch schon heftig aber er bewegte sich trotzdem geschmeidig zwischen Kardocs Axthieben hin und her. Der Zwerg versuchte den Mensch mit einem vorgetäuschten Hieb nieder zu rempeln, doch der Stoß ging ins Leere und Kardoc landete am Boden. Er richtete sich stolpernd wieder auf die Beine und sah sich schwer atmend um. Genau in diesem Augenblick knallte ihm der Mensch die Breitseite seines Schwertes auf den Rücken worauf Kardoc wieder am Boden lag. Es war erniedrigend. Der Mensch stellte ein Bein auf seinen Rücken, damit war der Ausgang des Kampfes, zumindest fürs Puplikum, entschieden. Der Zwerg zog sich enttäuscht vom Rummel zurück und stieß kurz darauf auf Knepp und Knapp die im Schatten eines Baumes hockte und sich gegenseitig bedauerten. Nach kurzem waren die drei Zwerge in eine Diskussion über Rassentrennung bei Turnieren vertieft. Das ganze Theater war nur ein Diskriminierung der Zwergenrasse, sonst gar nichts. Darüber waren sich alle Drei einig.

Davidudl war voll in seinem Element. Seinen ersten Kampf trug er gegen Grani Eitel aus. Es war eine Augenweide diese zwei geübten Schwertkämpfer zu zusehen. Um die Absperrung drängte sich eine ansehnliche Mengen Zweibeiner und gab lautstark ihrer Begeisterung Ausdruck. Es wogte ständig ein Ahhh, Ohhh und Uhhh in der Menge hin und her, zeitweise von schrillen oder erschrockenen Ausrufen unterbrochen. Grani hatte zum ersten Mal, seit dem Tod seiner Geliebten, sein Schloß verlassen. Die Renovierungsarbeiten waren größtenteils abgeschlossen und das Gebäude wieder halbwegs bewohnbar. Seinen Schmerz merkte man aber noch immer. Grani hatte die Gefährten noch vor dem Beginn des Turniers getroffen, aber er war die ganze Zeit über ernst und etwas verschlossen. Den Schwertkampf hatte er anscheinend in letzter Zeit etwas vernachlässigt, denn Davidudl mußte nach einiger Zeit aufpassen, daß er Grani nicht ernsthaft verletzte. Der Burgherr ermüdetet ziemlich rasch und hielt das Schwert eher kraftlos in seinen Händen. Grani gab auf bevor er zu Boden ging und senkte sein Schwert, Davidudl merkte deutlich, daß er nur mit halbem Herzen bei der Sache war.

Marok kämpfte mit der unvergleichlichen Eleganz eines Orks gegen einen unbekannte Recken. Eleganz bedeutet, daß er mit einer eisenverstärkten Keule solange auf den Gegner einschlug bis dieser aufgab. Von Finten oder speziellen Tricks hielt Marok nicht besonders viel, oder er hatte noch nie davon gehört. Die schlichte Methode des Orks verfehlte ihre Wirkung nicht. Maroks Gegner bemühte sich zwar den knüppelnden Ork nieder zu ringen, aber er mußte schließlich einsehen, daß er gegen diese rohe Gewalt nicht bestehen konnte. Marok und Davidudl waren somit die einzigen der Gefährten die sich für die zweite Runde qualifiziert hatten.

Beim zweiten Gegner hatte Marok etwas Pech. Er stand vor dem freundlichen Hünen gegen den Knapp verloren hatte. Der Kampf dauerte auch hier nicht lange. Marok konnte zwar einen ernsthaften Schlag in die Seite des Kriegers landen, aber danach machte sein Gegner kurzen Prozeß mit ihm. Maroks unkomplizierte Methode mit der Keule scheiterte hier kläglich.

Von den Kämpfern war nur noch Davidudl im Turnier und besiegte ohne größere Anstrengung einen Gegner nach dem anderen.

Ibraha trat nacheinander gegen zwei Magier an und gewann überlegen. Beim Magierduellen sind nur aufsehenerregende Sprüche erwünscht wie zum Beispiel Feuerbälle oder Blitze. Ein Paralysespruch oder ähnliches ist zwar nicht verboten aber bei einem Duell verpönt. Ein stumpfsinnig dreinblickender Magier der willenlos in der Gegend herumsteht ist nicht gerade eine Augenweide und das Puplikum möchte schließlich unterhalten werden.

Die Zwerge hockten noch immer niedergeschlagen unter dem Baum. Sie hatten kläglich versagt, keiner hat es in die zweite Runde geschafft. Es wurden ernsthaft überlegt einen Gegenveranstaltung zu starten bei der ausschließlich Zwerge zugelassen waren. Es tauchte allerdings der Einwand auf ob ein Turnier mit drei Zwergen den gewünschten Erfolg beim Publikum haben würde. Es waren zwar noch einige andere Zwerge am Turnier beteiligt, aber ob die mitmachen würden war eher unwahrscheinlich. Es gab nämlich ein kleines Problem mit den Preise für die Sieger: wer sollte sie stiften? Sie konnten sich schließlich nicht gegenseitig beschenken, das würde den Sinn der ganzen Sache untergraben. Die Idee mit dem Zwergenturnier wurde bald fallengelassen, dafür wurde eine andere eigenartige Idee von Knepp und Kardoc geboren. Nachdem Kardoc eine kurze Geschichte von den unglaublichen Heldentaten Osaks erzählt hatte, stellte man Überlegungen an Wallfahrten zu Osaks Grabmahl zu organisieren. An der Grabstätte könnte man dann kleine Osak Tonfiguren, eventuell sogar von innen beleuchtet, verkaufen. Das Grabmahl müßte natürlich schon etwas auffälliger ausgeführt sein, ein schlichter Grabstein würde nicht reichen.

Während die Zwerge mehr oder weniger sinnlose Diskussionen führten, absolvierte Davidudl mehrere Kämpfe. Er war jedoch nicht der einzige der ständig am Kampfplatz war. Es wurde immer klarer wer Davidudls Finalgegner sein würde. Haro Zweischlag besiegte mit ähnlicher Leichtigkeit einen Gegner nach dem anderen. Gegen Mittag standen sich die Meisterkämpfer endlich gegenüber. Das schwindende Interesse an den Fußkämpfen flammte kurzfristig wieder auf, die meisten Zweibeiner waren inzwischen zu den wesentlich aufregenderen Magierduellen gewandert. Dieser Kampf jedoch versprach eine Interessante Sache zu werden. Zwei gleichwertige und erfahrene Gegner die ein ungeahntes Spektakel versprachen.

Es wurde aber der langweiligste Kampf aller Zeiten. Die beiden Hünen standen sich ohne einen Schritt zurückzuweichen gegenüber und schlugen aufeinander ein. Es war zwar anfangs imposant anzusehen wie die Schwerter kunstvoll geschwungen wurden, doch mit der Zeit wiederholten sich irgendwie alles, ohne daß sich irgendeine Veränderung abzeichnete. Es sah aus als ob die beiden erst durch die Dunkelheit gezwungen sein würden den Kampf abzubrechen.

Die meisten Zuschauer hatten längst den Kampfplatz verlassen und sich zu interessanteren Wettkämpfen vertrollt. Nur ein kleiner verbliebener Rest des Publikums hielt die Stellung. Es schien allerdings nicht die Begeisterung am Kampfgeschehen zu sein der sie hielt, sondern die Auswirkung hochgeistiger Getränke. Einigen Zweibeinern war es offensichtlich unmöglich sich noch irgendwo hinzubegeben. Wer noch in der Lage dazu war stimmte in wüsten Gesänge ein die zeitweise aufflammten. Zwischendurch prosteten die lustige Gesellschaft den beiden Kämpfern zu und rief: "Haut euch, haut euch!"

Als es selbst diesem harten Kern zu langweilig wurde riefen sie immer wieder: "Rüstung runter, Rüstung runter!"

Schließlich beugten sich Haro und Davidudl dem Puplikum und ließen die blechernen Hüllen fallen, steckten ihre Schwerter in die Scheide und schlugen damit weiter aufeinander ein. Dieses Spektakel lockte nach und nach Zuschauer an und nach einiger Zeit herrschte wieder eine Bombenstimmung in der Kampfarena. Die beiden leicht geschürzten Ritter wurden zu einer regelrechten Attraktion. Nach ein paar schweren Treffer von Haro mußte Davidudl zähneknirschend aufgeben. Seine teuren Freunde waren natürlich auch alle anwesend, auch die Zwerge, und jubelten ihm trotz seiner Niederlage lauthals zu als er niedergeschlagen die Arena verließ. Der Jubel erschien Davidudl allerdings etwas zu übertrieben, er war sich nicht ganz sicher ob sie jubelten weil er so tapfer gekämpft hatte oder weil er ordentlich verhaut worden war.

Kurz nach Davidudls Debakel wurde das Finale der Magier angekündigt. Die Massen strömten sofort zum Schauplatz, eine Arena von etwa hundert mal fünfzig Schritt. Ibraha trat gegen einen gewissen David Kupferfeld an. Die beiden Magier warfen sich pausenlos Feuerbälle, Eiskugeln und Blitze entgegen und sorgen für ein atemberaubendes Schauspiel. Feuerbälle prallten an die magischen Schutzschilde und zerstoben in hunderte kleine Flammen, gleich darauf schlugt eine Eiskugel in das magische Feuer und verwandelt sich in eine Dampfwolke die den Magier fast völlig einhüllt. Kupferfeld schickt während dessen eine Serie von Blitzen über Ibraha. Das grandiose Feuerwerk hielt eine ganze Weile an, doch schließlich mußte Ibraha wegen totaler Erschöpfung aufgeben. David Kupferfeld hatte die körperliche Anstrengung besser verkraftet. Er nahm Ibraha beim Arm und geleitete sie unter den begeisterten Jubelrufen des Publikums vom Platz.

Anaid hatte sich im Bogenschießen, wie zu erwarten, ohne Mühe ins Finale geschossen. Ihr letzter Gegner war ein gutaussehenden Mann in grünen Strumpfhosen. Sein Hut, den eine lange Feder zierte, gab ihm etwas verwegenes. Der Mann war ohne Zweifel ein ausgezeichneter Schütze, fast jeder Pfeil hatte bisher genau in die Mitte der Scheibe getroffen. Zehn Pfeile auf eine kleine Zielscheibe waren für den letzten Wettkampf vorgesehen. Vor jedem Schuß herrschte atemlose Stille. Abwechselnd stellten sich die beiden Bogenschützen auf und schossen ihre Pfeile genau in die Mitte der Scheibe. Es sah fast so aus als ob noch ein weitere Durchgang notwendig wäre. Anaid nahm ihren letzten Pfeil und konzentrierte sich auf das Ziel. Hunderte Augen starrten atemlos auf die Elfe. Anaid spürte direkt wie sie beobachtet wurde, ihre Hände begannen zu schwitzen. Ihre linke Hand, die den Bogen hielt, zitterte unmerklich als sie die Sehne losließ. Eine winzige Abweichung war die Folge, der Pfeil traf zwar die Scheibe, aber nur am Rand. Ihr Gegner folgte ebenfalls mit dem letzen Pfeil und ließ sich aber nicht nervös machen. Sein Pfeil steckte wenige Momente später genau in der Mitte der Scheibe.

Mit diesem Wettbewerb ging das Turnier zu Ende. Die Sieger wurden ausgiebig gefeiert und erhielten ihre Preise. Die Gefährten waren ziemlich enttäuscht, mit etwas mehr Glück hätte wenigstens einer von ihnen heute irgendwo gewinnen können. Die Enttäuschung dauerte allerdings nicht allzu lange an, denn das Turnier war nahtlos in ein Volksfest übergegangen. Der König hatte dafür gesorgt, daß es genug zu Essen und trinken für alle gab. Auf großen Feuern brieten seit dem Morgen ganze Ochsen, Fässer wurden angeschlagen, jeder konnte sich nach Herzenslust bedienen. Die Gefährten feierten bald kräftig mit und unterhielten eine größere Versammlung mit unglaublichen Erzählungen ihrer Abenteuer. Mit Einbruch der Dunkelheit war das fröhliche Treiben keineswegs zu Ende. Große Fackelbäume wurden auf der Turnierwiese verteilt und erhellten die dunklen Lücken zwischen den riesigen Kochfeuern. Spielleute, Akrobaten und sonstige Unterhaltungskünstler warben um die Gunst des Publikums. Die Gefährten hatten sich ein wenig vom größten Trubel zurückgezogen und machten sich über eine Platte voller Speisen her. Knapp ein kleines Faß besorgt und schenkte soeben die Krüge randvoll ein.

Aus der Dunkelheit näherten sich einige Gestalten und blieben vor den Gefährten stehen. Es waren die Elfen aus Anaids Dorf. Sie hatten festliche Kleidung angelegt und wirkten irgendwie angespannt. Einer der sieben ehrwürdigen Elfen sprach Anaid an. Er meinte wohlwollend, daß sie Anaid seit längerer Zeit beobachtet hatten, nicht nur heute beim Turnier. Ihr Geschick im Kampf für den Elfenwald und die übrige Welt, ihre ehrenhafte Gesinnung und ihr selbstloser Einsatz gegen das Böse hatte die Elfen überzeugt, daß Anaid würdig war ein altes Relikt an sich zu nehmen. Die Gefährten waren inzwischen aufgestanden und stellten sich neugierig hinter Anaid auf. Zwei der Elfen traten vor. Sie hielten eine längliche Glasvitrine auf einem Holzsockel in der ein Pfeil lag. Der Sprecher der Elfen eröffnete Anaid, daß sie vom Rat der Elfen für würdig befunden worden war den legendären Pfeil an sich zu nehmen, oder zumindest den Versuch wagen dürfe den Pfeil zu nehmen. Es war ein durch und durch magischer Pfeil, seine Spitze aus Obrit, der Schaft aus mysteriösem Lollimariolil, und die Feder stammte von einem der sagenumwobenen Schwäne die alle Geheimnisse dieser Welt kannten. Von den sagenumwobenen Schwänen hatte Anaid zwar noch nichts gehört aber sie glaubte den Elfen jedes Wort, schließlich waren sie schon ziemlich alt und wissender als die meisten Zweibeiner auf dieser Welt. Die Elfen fragten Anaid ob sie bereit sei die Prüfung zu wagen und warnten sie aber auch vor den unabsehbaren Folgen die eine Berührung des Pfeils nach sich ziehen könnte. Zwar wurde ihres Wissens noch niemand bei der Probe getötet, aber der Pfeil hat auf jeden Fall ein Eigenleben. Er machte nachhaltig darauf aufmerksam wenn er einen Besitz nicht leiden konnte; meistens durch glühende Hitze oder magische Blitze. Seit Äonen hatte niemand mehr den Pfeil verwenden dürfen. Die beiden Elfen stellten die Vitrine vorsichtig auf den Boden und öffneten den gläsernen Deckel. Dann zogen sie sich mit den anderen Elfen ein Stück zurück. Anaid war nicht ganz klar ob sie jetzt aus Ehrfurcht, oder aus Sicherheitsgründen zurückgewichen waren. Aber das war ihr gar nicht so wichtig, der Pfeil hatte eine magische Aura, das konnte sie deutlich fühlen. Sein Spitze glänzte matt und makellos im Schein des Feuers. Der Schaft war etwas dicker als bei einem normalen Pfeil und mit geschnitzten Runen verziert. Die geteilte Feder war breit und leuchtet selbst im rötlichen Licht der Feuer schneeweiß. Zögernd streckte Anaid ihre Hand aus, die Gefährten wichen jetzt ebenfalls ein Stück zurück. Sie konnte unmöglich zurück, irgend etwas in ihr wußte, daß sie den Pfeil nehmen durfte. Als sie den Pfeil berührte herrscht einen kurzen Moment atemlose Stille, dann brachen die Elfen und alle andern Zuschauer in Jubel aus. Es war nichts passiert, der Pfeil hatte Anaid als Besitzer akzeptiert. Die Elfen waren ergriffen, nicht einmal ihren Vorfahren war es vergönnt gewesen so ein Ereignis mit zu erleben. Über den letzten Besitzer des Pfeils existierten nur noch Legenden. Anaid wog den Pfeil in ihrer Hand und suchte nach einem passenden Ziel um einen Probeschuß zu versuchen. In einiger Entfernung bot sich eine Strohpuppe, mit der die Ritter geübt hatten, als Ziel an. Anaid nahm ihren Bogen und visierte die Puppe an. Der Pfeil flog mit einem hohen surrenden Geräusch der Puppe entgegen. Das Stroh dieser Übungspuppen war üblicherweise sehr dicht gepackt und fest, ein Pfeil konnte ihn eigentlich nicht durchdringen. Dieser jedoch durchschlug das Stroh, flog noch ein Stück weiter und verschwand in der Dunkelheit. Ehe Anaid sich in Bewegung setzen konnte um den Pfeil zu suchen, flimmerte die Luft um ihre Hand. Der Pfeil tauchte wie aus dem Nichts wieder in ihrer Hand auf. Nach einem weiteren Versuch stand fest, daß der Pfeil tatsächlich nach jedem Schuß zu Anaid zurückkehrte.

Anaid war höchst erbaut von dieser praktischen Magie und experimentierte noch eine Weile mit dem Pfeil herum. Und der Rest der Gefährten feierte mehr oder weniger maßlos den Ausgang des Turniers weiter, obwohl es eigentlich gar nichts zu feiern gab. Sogar die Zwerge waren einigermaßen zufrieden mit dem Turnier, - sie trösteten sich damit, daß sie ja nicht die einzigen Verlierer des heutigen Tages waren. Die anderen Gefährten hatten schlußendlich auch alle Versagt.

© Andreas Bartl

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