KAPITEL 13

Eduardo

Das Turnier hatte zur Folge, daß es in Brilante wie in einem Ameisenhaufen zuging. Die Besucher waren aus allen Teilen des Landes gekommen und kaum einer ließ sich die Gelegenheit entgehen die reich bestückte Händler von Brilante zu besuchen. Die Gefährten schlenderte ebenfalls durch die belebten Gassen und hielten nach hübschen und vor allem billigen Dingen Ausschau. Die Läden waren alle hoffnungslos überfüllt und auf den gepflasterten Wegen drängten und schoben die Zweibeiner in alle Richtungen. Viele der angebotenen Waren bekam man in den Provinzen nur sehr schwer, manche so gut wie gar nicht; dementsprechend war der Andrang. Auf Knapps drängen gaben sie ihre Kaufgelüste bald auf und besuchten eine Taverne. Dort drinnen ging es zwar ähnlich zu wie auf der Straße, aber sie ergatterten doch noch einen Tisch an dem alle Platz hatten. Während sie nichtsahnend auf ihre Trinkkrüge warteten versteifte sich Ibraha plötzlich und blickte starr ins Leere. Sie hatte wieder eine Vision. Der Eindringling in ihrem Kopf behauptete Siro Eduardo zu sein. Die Magierin konnte zwar nicht glauben was hier passierte aber sie wehrte sich nicht und ließ den vermeintlichen Toten weiter sprechen. Eduardo erzählt ihr, daß er so etwas ähnliches wie ein Geist und vor allem nicht tot sei. Allerdings hatte er nur kurze Zeit um den Gefährten seine Botschaft zu übermitteln, die Verbindung zu Ibraha war nur sehr schwer aufrecht zu erhalten. Eduardo brauchte dringend die Hilfe seiner Freunde. Sie sollten sich auf dem schnellsten Weg nach Fulda, am Unteren Ende von Mystia in der Nähe des Ibrahawaldes, zu seinem Bruder dem Dorfschmied begeben. Dieser wußte was weiter zu tun war und konnte ihnen weiterhelfen. Der Kontakt zu Eduardo wurde langsam schwächer, Ibraha konnte gerade noch ihr Schreibzeug aus dem Ranzen kramen und ein paar hastige Notizen mache die ihr Eduardo eingab. Eduardo lenkte ihre Hand und zeichnete eine eigenartige Zeichensprache auf. Es waren an die zwanzig Symbole und hatten irgend etwas mit Drachen zu tun. Bei einigen Symbolen konnte er noch die Bedeutung darunter schreiben, doch dann riß der Kontakt ab. Leider zu früh, bei einigen Symbolen fehlten noch die Erklärung. Die Bilder waren alle gleich groß und von kleine Kästchen gerahmt. Es waren meist recht einfache Darstellungen. Eines der Bilder zeigte offensichtlich drei stilisierte fliegende Vögel oder Drachen von vorne. Aber die meisten Symbole waren im Moment jedoch völlig unverständlich. Aus der allgemeinen Ratlosigkeit gab es eigentlich nur einen Ausweg: Eduardos Bruder war anscheinend der einzige der vielleicht etwas wissen konnte, also beschloß man ohne Verzögerung aufzubrechen. Nachdem sie ihre Sachen aus den Zimmern im Schloß geholt hatten eilten sie noch zu Andrus und Moram um ihnen von Eduardos Botschaft zu berichten. Andrus zögerte keinen Moment und schloß sich der Truppe sofort an. Er hatte tatsächlich rasch gepackt und gegen Mittag saßen sie sich bereits auf ihren Flugdrachen und flogen Richtung Fulda.

Nach wenigen Flugtagen, ohne Zwischenfälle, kam Fulda in Sicht. Die Stadt lag direkt am Meer und hatte zwei lange Landungsstege die weit ins Meer reichten. Zur Zeit lagen zwei große und mehrere kleine Segelschiffe vertäut. Neben den Stegen, am Strand, lagen etwa ein dutzend kleinere und größere Fischerboote. Fulda hatte zwar noch nicht die Größe einer Stadt, aber es ein Dorf zu nennen wäre eindeutig untertrieben gewesen. Rund um einen großen Hauptplatz scharten sich etwa ein Dutzend gemauerte Häuser, von denen einige sogar zweistöckig waren. Eine breite befestigte Straße führte vom Hauptplatz weg, mitten durch den Ort, und schlängelte sich in leichten Windungen nach Oben in Richtung Kardocsee. Alles in allem sah Fulda von Oben betrachtet eigentlich recht einladend aus. Eine interessante kleine Hafenstadt.

Die Gefährten landeten etwas außerhalb des Ortes und fanden ganz in der Nähe einen Viehzüchter der gegen einen angemessenen Preis die Flugdrachen einstweilen in seinen Stallungen versorgen konnte. Der Mann schien vertrauenswürdig, außerdem wurde vereinbart, daß er vorerst nur eine Anzahlung bekam, das restliche Gold gab´s erst bei Abholung der Tiere. Nachdem sie ihre Tiere in die Stallungen gebracht hatten und gut versorgt wußten, brach der kleine Trupp auf.

Ein ausgetretener Pfad führte über Wiesen und an Feldern vorbei zum Ortskern von Fulda. Knapp vor den ersten Gebäuden mündete der Pfad in die breite gepflasterte Hauptstraße. Es war nicht besonders viel los in Fulda, die Zweibeiner waren wahrscheinlich alle auf den Feldern oder am Meer. So marschierten sie mitten auf der leeren Straße und betrachteten die Häuserfront links und rechts. Viele Fensterläden waren geschlossen oder nur einen Spalt breit offen. Seltsam war, daß von den wenigen Leute die sie trafen fast niemand auf ihren Gruß reagierte geschweige denn eine Auskunft über den Dorfschmied gab. Die meisten verschwanden in Seitengassen oder Hauseingängen bevor sie nahe genug waren um angesprochen werden zu können. Die Gefährten wunderten sich zwar, aber sie befanden sich immerhin in der tiefsten Provinz, und da herrschten eben andere Sitten. So ein unfreundliches Dorf hatten sie allerdings noch nie betreten. Schließlich überraschten sie einen Mann der unvermutet aus einer Seitengasse auftauchte und fragten ihn nach dem Haus des Dorfschmieds. Der Mensch blickte sie finster an und murmelte irgend etwas unverständliches während er in eine bestimmte Richtung deutete. Dann machte er kehrt und verschwand wieder in der Gasse, bevor die Fremden eine zweite Frage stellen konnten. Wenigstens wußten sie jetzt die Richtung. Das Haus müßte sich eigentlich am Zunftzeichen erkennen lassen. Also gingen sie weiter in die beschriebene Richtung und fühlten sich dabei nicht besonders willkommen. Hin und wieder sahen sie versteckte Köpfe aus den Fenstern starren, aber sobald sie näher kamen verschwanden die Beobachter schleunigst. Etwa fünfhundert Schritt vor ihnen lag der Hauptplatz. Dort waren auch einige Zweibeiner unterwegs, soweit man sehen konnte. In der Mitte des Platzes befand sich ein Podest oder etwas ähnliches, auf dem sich einige Zweibeiner tummelten. Ihr Marsch zum Hauptplatz wurde jedoch unterbrochen, die Gefährten verlangsamten ihren Schritt. Eine dubiose Gruppe unterschiedlicher Personen kam ihnen plötzlich genau entgegen. Ein Gnom, zwei hagere drahtige Kerle, ein Muskelberg, zwei gut gerüstete Krieger und eine etwas unscheinbarere Figur in grauem Umhang. Die beiden Gruppen gingen genau aufeinander zu und blieben schließlich in kurzer Entfernung voreinander stehen. Es schien sich nicht um ein Empfangskomitee der Stadt zu handeln. Die Zweibeiner bauten sich mitten auf der Straße auf und versperrten ohne Zweifel absichtlich den Weg. Die Gefährten waren kampfbereit, diese Kerle wollten offensichtlich eine Auseinandersetzung provozieren. Der unscheinbare Mann schlug seinen Umhang zurück und stützte sich lässig auf seinen Schwertknauf: "Na was hat euch den in unser schönes Fulda verschlagen?"

Davidudl zischelte freudig erregt von hinten: "Los, jetzt machen wir sie nieder."

Aber die anderen wollten sich hier auf keinen Straßenkampf einlassen. Erstens waren sie hierher gekommen um Eduardo, auf welche Weise auch immer, zu helfen und außerdem konnte niemand abschätzen ob im Hintergrund nicht noch andere Angreifer lauerten. Also fragten sie bestimmt aber noch höflich nach dem Schmied des Dorfes. Bei der Erwähnung des Schmieds zuckte der Anführer der Bande leicht zusammen, hatte sich aber schnell wieder gefaßt. Er meinte, daß dies nicht so einfach sei, der Schmied hätte momentan nämlich keine Zeit für Besucher. Die Gefährten blicken sich verwundert an und werden langsam ungeduldig. Kardoc sprach den Anführer direkt an und sagt, daß sie weder Zeit noch Lust hätten sich mit den Bewohnern der Stadt anzulegen und nichts weiter wollen als den Schmied aufsuchen. Der Mensch im grauen Umhang sprach bedächtig und bestimmt: "Unser Schmied hat aber wirklich keine Zeit für euch, er hat im Moment ziemlich viel zu tun und sollte nicht gestört werden. Er muß seine Schulden bei mir abarbeiten und bevor er das nicht getan hat..."

Er zuckte bedauernd mit den Schultern. Langsam begriffen die Gefährten was hier ablief.. Fulda war anscheinend ein Diebesnest. Das würde auch die komische und teilweise sehr bunte Zusammenstellung der Gewänder der Bande erklären, lauter Erinnerungsstücke von Raubzügen und Einbrüchen. Die Bande kassierte wahrscheinlich Schutzgeld von den Bewohnern damit sie nicht überfallen wurden und der Schmied hatte zu zahlen verweigert. Kardoc meinte der Schmied schulde auch ihnen etwas (nämlich Auskünfte) und schlug vor doch gleich miteinander hinzugehen. Die Gefährten setzen sich in Bewegung und gingen an den Banditen vorbei. Der Anführer der Bande war offensichtlich etwas überrumpelt, er hatte nicht mit einer solchen Dreistigkeit gerechnet und folgt mit seinen Kumpanen in einiger Entfernung. Die Gefährten beachteten die Diebe anscheinend nicht weiter, waren aber innerlich auf einen Angriff von hinten gefaßt. In einer breiteren Seitengasse sahen sie endlich das Zunftschild des Schmieds. Die Bande hinter ihnen zog es vor draußen auf der Hauptstraße zu warten und zu nur beobachten was die Fremden beim Schmied wollten. Andrus klopfte an die Tür und kurz darauf dröhnte eine Stimme dahinter: "Wer da?"

Andrus sagte, daß Eduardo sie geschickt hätte und daß sie auf direktem Weg aus Brilante gekommen waren. Irgend etwas zwischen Riese und Mensch öffnete die Tür. Nun war auch klar warum die Diebesbande es vorgezogen hatte in gebührendem Abstand zu warten. Anaid blickte sich um und stellte fest, daß sie inzwischen ganz verschwunden waren. Nachdem sie der Schmied kurz mit finsterem Blick gemustert hatte schaute etwas freundlicher und gab die Tür frei. Die Gefährten traten einer nach dem anderen in einen halbdunklen Raum ein. Als alle drinnen waren schloß der Schmied die Tür wieder und legte einen schweren eisernen Riegel vor. Er ging an den Gefährten vorbei und meinte: "Ihr müßt mein eigenartiges Verhalten schon entschuldigen, aber es herrschen seltsame Zeiten in Fulda und ich muß vorsichtig sein. Bei einigen Leuten hier bin ich nicht sehr beliebt. Ich heiße übrigens Haron, der Dorfschmied."

Er führte sie in den hinteren Teil des Hauses, wo sich die Schmiede befand. Dort war es wesentlich heller. Ein großes, weit geöffnetes Tor gab den Blick auf einen kleinen Innenhof frei. Unter einer mächtigen Buche stand ein grober Holztisch mit ebenso groben Bänken aus halbierten Baumstämmen. Haron bot ihnen Platz an und holte einen Krug Wasser und ein paar Becher. Nachdem er Platz genommen hatte erzählte Ibraha von ihrer Vision und das Unglück mit dem Kartenspiel durch das Eduardo eigentlich gestorben war. Haron nickte wissend und meinte seufzend: "Ich habe Eduardo immer gesagt er soll etwas anständiges lernen, das konnte ja nicht gut gehen mit seiner Magie. Ich habe ihm immer prophezeit, daß er irgendwann an den Falschen gerät oder etwas unbedachtes tut. Und nun ist es wirklich passiert. Aber vielleicht gibt es tatsächlich noch eine Hoffnung, ich hatte ebenfalls eine Vision, oder eigentlich mehr einen Traum gehabt!"

Eduardo hatte ihm die Ankunft der Gefährten angekündigt, deshalb hatte er sie überhaupt ins Haus gelassen. Haron sollte ihnen eine Kiste übergeben, die Eduardo vor langer Zeit hergebracht hatte, und eine Überfahrt zur Dracheninsel organisieren. Was sie dort tun sollten wußte Haron allerdings nicht. Die Kiste holte er gleich und öffnete sie vor den Gefährten. Es waren je zehn Fläschchen Mana und Heiltränke drinnen, Eduardo hatte offensichtlich etwas für schlechte Zeiten aufgespart. Die Überfahrt konnte Haron für Morgen Früh, bei einem der Fischer aushandeln. Heute war es schon zu spät, kein Zweibeiner würde sich bei Dunkelheit an die zerklüftete Dracheninsel wagen. Haron bot ihnen an heute bei ihm zu übernachten, die Gaststätten in Fulda konnte er ihnen überhaupt nicht empfehlen. Der Schmied erzählte, daß in Fulda wahrlich seltsames vor sich gehe. Fulda war immer schon ein beliebter Umschlagplatz für Diebe, wegen dem Hafen und der vielen Händlern die sich auf der Durchreise befanden. Die Gesinnung der Diebesgilde hatte sich in aber in letzter Zeit gewandelt. Ihr "nobler Grundsatz": nimm von den Reichen und gib es den Armen - hatte sich geändert in: nimm Alles von Jedem. Früher gab es fast so etwas wie eine stille Übereinkunft zwischen Händlern und Diebesgilde. Die Händler waren sicher nicht ganz zufrieden mit den "Abgaben" an die Gilde, aber Fulda war sicherer als so manche andere Hafenstadt. Wenigstens konnten sie sicher sein ohne Messerstiche und dergleichen davonzukommen. Jede Form der Gewaltanwendung war gegen die Grundsätze der Diebesgilde. Heutzutage aber liefen höchst eigenartige Kerle durch die Straßen, die nicht so aussahen als ob sie vor irgend etwas zurückschrecken würden. Auch beim Dorfschmied war vor einigen Wochen eine Abordnung der Diebe erschienen und hatte vorgeschlagen ihn und sein Haus gegen ein geringes Entgelt zu beschützen. Haron hatte ihnen eindringlich erklärt, daß er sehr gut auf sich selbst aufpassen konnte und empfohlen sich nie wieder in seiner Nähe blicken zu lassen. Einige der Diebe müssen noch heute ihre Schrammen behandeln... Er zeigte dabei auf seine geballte Faust. Bis heute hatte glücklicherweise noch niemand versucht sein Haus anzuzünden, davor hatten die Diebe noch abgesehen. Erstens würde dabei wahrscheinlich die halbe Stadt abbrennen und außerdem war er der einzige Schmied in der Umgebung. Die Bevölkerung hätte es sicher nicht gerne gesehen wenn sie plötzlich keinen Schmied mehr hätten, sondern statt dessen ein paar verkohlte Ruinen. Der Großteil der Einwohner war ohnehin übelgelaunt. Erstens schlich eine mysteriöse Krankheit seit einiger Zeit in der Stadt herum und die Diebesgilde wurde auch immer frecher.

Es wurde langsam Dunkel. Haron holte ein paar Fackeln aus dem Haus und tischte ein Mahl aus Brot und geräucherten Fischen auf. Während sie aßen erzählten die Gefährten im bekanntem Durcheinander von den Heldentaten Eduardos und von den Eigenen. Und es wurde gerätselt was sie auf der Dracheninsel wohl erwarten würde. Die Nacht beim Schmied verlief ruhig und ohne Zwischenfälle, man hatte offenbar wirklich großen Respekt vor Haron. In aller Frühe waren sie bereits unter Harons Führung am Weg zum Hafen. Der Weg führte nahe dem Hauptplatz vorbei wo bereits einige Zweibeiner unterwegs waren. Den Gefährten fielen einige vermummte Gestalten auf die zu einem hölzernen Podest in der Mitte des Platzes gingen. Eine einzelne, ebenfalls mit einem Kaputzenumhang verhüllte Gestalt, saß oben auf einem Stuhl und blickte anscheinend starr auf den Boden oder schlief. Haron erklärte, daß die Vermummten Kranke waren die aus der Umgebung angereist kämen um bei ein paar Wunderheilern, die auf dem Hauptplatz regelrechte Audienzen gaben, ihre Leiden behandeln zu lassen. Einmal hatte er einen Kranken aus der Nähe gesehen; er hatte eitrige Ausschläge und seltsame Beulen im Gesicht, kein schöner Anblick und es sah vor allem ansteckend aus. Haron ging den Kranken möglichst weit aus dem Weg und empfahl den Gefährten ebenfalls genügend Anstand zu halten.

Ibraha blickte im Vorbeigehen aus den Augenwinkeln auf das Podest wo die regungslose Gestalt saß und sprach halblaut aus, was die Anderen ebenfalls schon gemerkt hatten. Auf dem Podest saß ohne Zweifel ein Nataspriester! Seine Aura war nur schwach aber eindeutig zu spüren. Vielleicht war es nur ein schwacher Magier. Nun wurde auch klar weshalb sich in Fulda eigenartige Dinge zutrugen, alles war mit Sicherheit von den Nataspriestern eingefädelt worden. Im Moment war allerdings keine Zeit den Dingen hier genauer auf den Grund zu gehen. Eduardos Schicksal ging bevor, um Fulda konnte man sich später immer noch kümmern. Am Hafen hatte Haron sehr bald einen Fischer gefunden der bereit war sein Boot gegen ein paar Goldstücke zur Dracheninsel zu steuern. Bevor die Gefährten das Boot bestiegen verabschiedete sich Haron. Er konnte seine Schmiede auf keinen Fall unbeaufsichtigt lassen, aber er nahm ihnen das Versprechen ab sich gleich bei ihm zu melden wenn sie, mit hoffentlich guten Nachrichten über Eduardo, von der Insel zurückkehrten.

Der Fischer hatte rasch das Segel gesetzt und Haron stieß das Boot mit einer langen Stange vom Steg ab. Wenig später waren sie bereits auf hoher See. Das Boot bot bequem Platz für alle. Andrus, Anaid und Davidudl lehnten sich über die Bordwand und beobachteten das Wellenspiel. Ibraha saß auf einer verschlossenen Kiste und studierte in ihrem Magiebuch. Von den Zwergen saß nur Kardoc in der Nähe der Bordwand und versuchte sich halbwegs erfolgreich von den Wassermassen abzulenken, indem er zu ergründen versuchte warum Zwerge diese fast schon krankhafte Abneigung gegen Wasser, vor allem gegen so viel Wasser, hatten. Knepp hockte etwa in der Mitte des Bootes und versuchte ziemlich erfolgreich, sämtliche Gehirnaktivitäten einzustellen und vor allem nicht an Wasser zu denken. Knapp lehnte versteift, mit etwas geweiteten Augen und von vom beginnenden Irrsinn gezeichnet, am Mast und hielt sich mit verkrampften Fingern an einem Tau fest und flehte im Stillen alle Götter an, ihn nur dieses eine Mal noch überleben zu lassen.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel als die Dracheninsel in Sicht kam. Von weitem sah man nur vegetationslose, zerklüftete Bergmassive. Der Fischer lenkte sein Boot die Insel entlang und steuerte in eine Bucht, zu einem halbverfallenen Landungssteg. Nachdem seine Passagier, die Zwerge etwas überhastet, das Boot verlassen hatten, versprach er in einigen Tagen wieder hierher zu kommen und steuerte geschickt wieder aus der kleinen Bucht hinaus. Wenig später verschwand das Boot aus dem Blickfeld, nur das Segel tauchte noch einige Male zwischen den großen Steinblöcken auf.

Die Insel machte einen seltsamen trostlosen, aber doch interessanten Eindruck. Pflanzen gab es anscheinend überhaupt keine. Das Gestein hatte ein rötliche Färbung und sah überall schroff und scharfkantig aus. Auf dem roten Sandstrand lagen unzählige Trümmer abgebrochener Gesteinsbrocken herum, manche waren bis zu zwanzig Schritt hoch. Und in wenigen hundert Schritt Entfernung türmten sich bereits hohe Bergzacken auf. Zwischen den Trümmern verschwand ein schmaler ausgetretener Pfad in Richtung Landesinnere. Eduardo hatte leider überhaupt keinen Hinweis hinterlassen was sie hier tun sollten, also beschlossen sie fürs Erste dem Pfad zu folgen, irgendwo mußte er ja schließlich hinführen. Es gab keine zwanzig Schritt wo der Weg nicht einen Biegung um einen Felsblock machte, aber im Gesamten führte der Pfad, der stellenweise so eng war, daß sie oft hintereinander gehen mußten, zielstrebig ins Landesinnere. Die ganze Gegend machte einen toten Eindruck, keine Pflanze, kein Lebewesen war zu sehen oder zu hören. Nicht einmal Insekten gab es. Das Einzige was sie Stille durchschnitt war das dumpfe Geräusch ihrer Stiefel auf dem festgetretenen Weg. Die Gegend war wie geschaffen für einen Hinterhalt, aber außer ihnen gab es hier anscheinend wirklich keine Lebewesen.

Nach einiger Zeit gelangten sie auf eine schmale bewaldete Eben die zwischen den Bergen weiter in die Mitte der Insel führte. Anaid traf der Anblick des Waldes am härtesten. Es war tatsächlich ein Wald, allerdings ein ehemaliger! Die Bäume waren nicht umgestürzt und verfault sondern versteinert. Die Äste ragten fast blattlos, wie tote Finger in den Himmel. Es waren sehr hohe Bäume gewesen und hatten die schlanke Form von Nadelbäumen, vereinzelt hingen noch versteinerte Blätter an den Zweigen. Nach der Form der gezackten Blätter zu schließen war es eine unbekannte Art der Drachenbäume. Auf dem Festland wuchsen diese seltenen Pflanzen einzeln in unzugänglichen Gegenden und hatten eine breite, dicht belaubte Krone. Dies hier war einmal ein dichter Wald aus hohen, schlanken Drachenbäumen, vielleicht hieß die Insel deshalb Dracheninsel?

Der Pfad führte zwischen den dicken, hellgrauen Stämmen weiter ins Zentrum der Insel. Zu ihren Stiefeltritten mischte sich hin und wieder ein etwas beunruhigendes Geräusch. Der leichte Wind, der vom Meer her wehte, ließ die versteinerten Bäume manchmal leise knacken. Ab und zu sahen sie auch umgestürzte Baumgruppen die in unzählige Splitter zersprungen waren; glücklicherweise lange bevor sie hier angekommen waren. Trotzdem nur mehr die toten Stämme aufragten sahen sie nicht sehr weit; der Wald war einst sehr dicht gewesen. Der Pfad schlängelte sich zwischen den toten Bäumen immer weiter ins Landesinnere vor. Als die Sonne fast untergegangen war erreichten sie eine größere Lichtung und wären fast sofort wieder zurück in den Wald gelaufen. In einiger Entfernung, am Rande eines Gesteinmassivs, saß ein gewaltiger roter Drache am Boden. Er beobachtete die Eindringlinge zwar aufmerksam, aber rührte sich nicht von der Stelle. Nach einigem Zögern wagten sich die Gefährten näher heran, denn der Drachen beobachtete sie zwar, machte aber einen friedlichen Eindruck. Einen respektvollen Abstand wahrend, beobachteten sie das legendäre Wesen. Seine Rückenschuppen waren Feuerrot, die am Bauch etwas heller. Er war etwas kleiner als ein blauer Drache aber wirkte kräftiger und wendiger. Auf dem hornigen Drachenkopf saßen zwei riesige dunkle Augen, welche die winzigen Zweibeiner beobachteten. Er sah aber in ihnen anscheinend keine Gefahr. Als sich der Drache ein wenig bewegte bemerkte Ibraha ein großes Ei unter seinem Bauch. Das war anscheinend eine Drachendame die ein Ei ausbrütete. Andrus versuchte sie anzusprechen, aber sie reagierte nicht. Nach einer Weile zogen sie sich vorsichtig zurück und beschlossen zwischen den Gesteinstrümmern zu übernachten. Sie hatten hier zwar keine besondere Deckung aber es schien ihnen immer noch sicherer als im Wald zufällig von einem umstürzenden Baum begraben zu werden. Die Insel war ohnehin unbewohnt und Feuer konnten sie auch keines machen; steinerne Äste brannten schließlich nicht. Sie suchten sich eine halbwegs geschützte Stelle neben einem größerem Steinblock und packten ihre Rationen und Wasserschläuche aus.

Die Nacht wurde sternklar und hell. In diesem Licht sah der Wald noch gespenstischer als bei Tage aus. Die Stämme reflektierten das Licht leicht und hatten fast einen silbrigen Glanz. Das Licht reichte sogar aus um Ibrahas Symbole, die ihr von Eduardo eingegeben wurden, noch einmal zu studieren. Während Davidudl und Knepp die Gegend im Auge behielten zerbrachen sich die Anderen die Köpfe über die Bedeutung der Zeichen. Andrus sah als erster das dunkle Etwas in der Luft, daß sich im taumelnden Hin und Her auf die Lichtung zu bewegte. Es konnte nur ein Drache sein, für einen Vogel war es zu groß. Nach einem krächzenden, verängstigten Schrei war gewiß, daß es ein Flugdrachen war. Aus der dunklen Silhouetten der Berge hob sich der Grund für die Angst der Drachens; er wurde verfolgt von einem viel größeren Drachen. Durch die langsamen, mächtigen Flügelschläge erkannten die Gefährten, daß es mindestens ein blauer Drache sein mußte. Der Flugdrache landete inzwischen bei der Lagerstätte und tänzelte aufgeregt vor Anaid auf und ab. Sie mußten hier schleunigst weg, wenn sie der Blaue Drache hier im ungeschützten Gelände entdeckten sollte, hatte er ein leicht zu fangendes Abendmahl gefunden. Anaid nahm ihren Drachen an den Zügeln und rannten den Anderen hinterher unter den Schutz der steinerne Bäume. Sie versuchten sich so gut wie möglich hinter den Stämmen zu verbergen und hofften, daß der Drache nicht auf die Idee kam ihnen in den Wald zu folgen. Anaids Flugdrache war kaum zu beruhigen, aber die Elfe schaffte es schließlich, daß er sich ruhig verhielt und im Schatten eines breiten Stammes stehen blieb. Der blaue Drache erreichte wenig später die Lichtung und zog ein paar Kreise, dicht am Wald vorbei. Er landete aber nicht sondern verschwand im Tiefflug wieder in der Dunkelheit der zerklüfteten Berge. Vielleicht war ihm die Suche im Wald doch zu mühsam und ließ deshalb sein Futter lieber entkommen. Oder er hatte sich irgendwo verborgen und wartete bis sie sich wieder herauswagten.

Der Mond hatte schon fast die Hälfte seines Weges zurückgelegt und Anaids Flugdrache war wieder ganz ruhig. Es hatte während der ganzen Zeit nicht das geringste Zeichen gegeben, daß der blaue Drache noch auf sie lauerte. In der Nähe konnte er jedenfalls nicht sein, der Flugdrache hätte ihn gewittert. Sie schlichen Vorsichtig zwischen den Bäumen hervor und beobachteten aufmerksam den Himmel. Anaid folgte als letzte mit ihrem Drachen. Es blieb alles ruhig. Sie schlugen ihr Lager wieder auf, aber diesmal in Nähe des Waldes um schnell flüchten zu können. Sie ließen den Himmel nicht aus den Augen und beratschlagt was sie nun machen sollten. In Fulda mußte irgend etwas mit den Flugdrachen passiert sein. Anaids Drache war sicher nicht einfach so davongeflogen. Irgendwer mußte auf jeden Fall zurückfliegen und nachsehen was sich in Fulda passiert war. Nach kurzer Zeit wurde ein Entschluß gefaßt. Der Flugdrache konnte Anaid, Davidudl und Kardoc die Strecke übers Meer gerade noch tragen. Die anderen Vier sollten einstweilen hierbleiben, die Symbole enträtseln und die Insel etwas weiter erforschen.

Anaids Drache schien sich wieder einigermaßen erholt zu haben und es war noch Zeit bis zum Sonnenaufgang. In der Dunkelheit waren ihre Chancen sicher größer die Dracheninsel unbemerkt zu verlassen. Die Drei nahmen nur die notwendigsten Sachen mit und stiegen auf den Rücken des Drachens. Nach einem langen Anlauf hob sich der Drache schwerfällig in die Luft. Er mußte heftig mit seinen Schwingen schlagen um das Gewicht zu tragen. Sie flogen ziemlich dicht über dem Wald, und erreichten unbemerkt das offene Meer. Gerade als sie sich schon in Sicherheit glaubten hörten sie einen heiseren Schrei hinter sich. Der blaue Drache hatte sie doch noch entdeckt und die Verfolgung aufgenommen. Er rückte langsam aber sicher näher, Anaid versuchte erst gar nicht ihren Drachen mehr anzutreiben. Sie spürte seine Angst und wußte, daß er ohnehin das Letzte aus sich heraus holte. Die Dracheninsel wurde rasch kleiner und sie schossen dicht über dem Meeresspiegel Richtung Festland davon. Der blaue Drache verlor glücklicherweise nach einer Weile wieder das Interesse und flog zur Insel zurück. Anaids Drache verminderte aber deswegen kaum sein Tempo und sie erreichten noch vor dem Morgengrauen Fulda.

Der Drache landete völlig erschöpft auf einer Wiese vor dem Stall wo die anderen Tiere untergebracht waren. Die Stallungen waren allerdings komplett leer. Davidudl und Kardoc stürmten sofort zum Haupthaus des Viehzüchters und stellten ihn zur Rede. Der Mann war völlig verängstigt und stammelte irgend etwas von Dieben die ihn angeblich überfallen hatten. Jetzt erst bemerkten die beiden, daß der Viehzüchter ziemlich arg zugerichtet war. Er hatte mehrere Blutergüsse im Gesicht und trug einen Arm in einer Schlinge. Sein Haus sah auch ein wenig mitgenommen aus. Es war anscheinend knapp einem Brandanschlag entgangen; einige Holzplanken der Außenverkleidung des Hauses waren halbverbrannt und es lagen überall Kübel und andere Gefäße herum mit denen offensichtlich der Brand gelöscht worden war. Seine Familie spähte jetzt ebenfalls ängstlich durch die Tür. Anaid hatte inzwischen ihren Drachen wieder in den Stall gebracht und mit Wasser und Futter versorgt. Als sie zum Haupthaus kam erzählte der Mann gerade was heute Nacht passiert war. Er hatte heute Abend so wie jeden Tag, seine Tiere und natürlich auch die Flugdrache versorgt. Auf seinem abendlichen Rundgang um seinen Besitz war ihm auch nichts Außergewöhnliches aufgefallen. Einer seiner Söhne oder er selbst hielt immer Wache in der Nacht seit die Diebe so unverschämt geworden waren, und so auch heute Nacht. Irgendwann, mitten in dieser Nacht, wurde er durch eigenartigen Geräuschen wach. Holzstämme polterten zu Boden, irgendwer machte sich offensichtlich an den Koppeln zu schaffen. Er rannte hinaus und fand seinen Sohn bewußtlos am Boden liegen, sein Haus hatte bereits an einer Ecke Feuer gefangen und sein ganzes Vieh mitsamt den Flugdrachen wurde soeben davon getrieben. Er alarmierte sofort das ganze Haus und sie konnten den Brand noch mit Mühe unter Kontrolle bringen, während sich die Diebe in aller Ruhe mit seinem Vieh und den Flugdrache davonmachten. Als der Brand gelöscht war versuchte er die Diebe zu verfolgen und geriet aber noch bevor er sie erwischte in einen Hinterhalt und wurde schlimm zusammengeschlagen. Er konnte in der Dunkelheit zwar niemanden erkennen, aber er war sich sicher, daß es welche von den zwielichtigen Burschen aus der Stadt waren.

Der Mann wirkte ziemlich zerknirscht. Er wußte wie wertvoll die Tiere waren und wußte auch, daß er sie unmöglich ersetzten konnte. Die Gefährten kamen aber gar nicht auf die Idee irgend etwas von ihm zu fordern sondern überlegten sich bereits wie sie ihre Drachen am schnellsten wieder zurückholen konnten. Anaid vertraute dem Viehzüchter ohne zu zögern ihren Flugdrachen wieder an; es war kaum zu erwarten, daß die Diebe noch einmal zurückkehrten. Nachdem der Viehzüchter mehrmals versicherte, daß er den letzten Drachen ständig bewachen lassen würde, brachen sie sofort auf und folgten der Spur der Herde. Die Hufabdrücke waren nicht zu übersehen, und auch die Krallenabdrücke der Flugdrachen sah man deutlich im hellen Mondlicht. Die Diebe waren nach Oben, in Richtung Kardocsee gezogen. Die Spur der Flugdrachen verschwand jedoch bald, wahrscheinlich war jemand mit ihnen davongeflogen. Den Tieren des Viehzüchters zu folgen hatte wenig Sinn, die Flugdrachen waren wahrscheinlich woanders hingebracht worden. Sie beschlossen als erstes Haron, den Schmied aufsuchend, vielleicht hatte er irgend etwas bemerkt.

In der Stadt war alles ruhig, niemand trieb sich herum. Es war inzwischen hell geworden. Haron öffnete nach langem Pochen die Tür und blickte verwundert auf Eduardos Freunde. Kardoc erzählte rasch was sich beim Viehzüchter zugetragen hatte. Haron hatte nichts bemerkt, er hatte tief und fest geschlafen. Den einzigen Hinweis den er hatte, war eine Taverne die der Treffpunkt der Diebesgilde war. Dort ließ sich unter Umständen etwas über die Flugdrachen erfahren; manche Diebe waren immer ein wenig gesprächiger als sie eigentlich sein sollten.

Die Taverne hatte trotz des frühen Morgens schon geöffnet und an den Tischen saßen bereits, -oder noch immer, einige zwielichtige Gestalten. Die Drei griffen instinktiv nach ihren Goldbeuteln und versuchten sie so gut als möglich in ihren Gewändern zu verbergen. An einem größeren Tisch aßen acht Männer die sich über irgend etwas prächtig amüsierten. Es war gut möglich, daß sie sich soeben über den armen Viehzüchter lustig machten. Die Gefährten prüften nochmals ob alles gut verschnürt war, was das Interesse der Diebe wecken konnte und gingen langsam auf den Tisch zu. Nun wäre die Zeit reif gewesen für einen ausgeklügelten Plan oder ein paar listige Fragen um unauffällig an Informationen über die Drachen zu kommen. In den drei Köpfen herrschte im Moment leider nur gähnende Leere. Als sie vor dem Tisch haltmachten und einige aus der Runde bereits aufmerksam wurden, stammelten sie vorerst nur Belangloses, was die Diebe sichtlich mißtrauisch machte. Einige hatten die Hand bald an ihren Dolchgriffen. Nach einigen plumpen Anspielungen auf den Viehzüchter und die Flugdrachen waren die Gefährten ziemlich sicher, daß diese Diebe genau wußten was sich heute Nacht beim Viehzüchter zugetragen hatte. Die Bande ließ sich aber nicht aus der Reserve locken und gab nur zweideutige Antworten. Ein grobschlächtiger Kerl schien zu ahnen auf was die drei hinauswollten und brachte das Gespräch auf den Anführer der Diebesgilde: "Wenn ihr euch so brennend für unsere Arbeit interessiert könnte ich euch unter Umständen einen Empfang an höherer Stelle organisieren. Unser ehrenwertes Gildenoberhaupt hat immer ein offenes Ohr für fähige Abenteurer."

Der Mann schien zu glauben es handle sich um Rekruten für die Diebesgilde und die Gefährten ließen ihn auch in dem Glauben. Nachdem sie, nicht allzu überschwenglich, zugestimmt hatten, sprach der Mann weiter: "Es ist aber nicht ganz so einfach, unser Gildenoberhaupt ist ein vielbeschäftigter Mann und wir müssen schon eine gewisse Auslese treffen. Ihr werdet verstehen, daß nicht jedermann zu ihm spazieren kann um seine Wünsche zu äußern. Wir haben vor solchen Empfänge ein paar Proben für die Kandidaten vorbereitet um zu sehen ob wirklich ernsthaftes Interesse an unserer Tätigkeit besteht. Wenn ihr sie besteht, steht einem Zusammentreffen nichts mehr im Wege."

Dieses Angebot kam sehr gelegen. Sie könnten dem Gildenoberhaupt dann nämlich das Messer an die Gurgel setzen und fragen was er mit den Flugdrachen gemacht hat. Nachdem die Gefährten zugestimmt hatten gingen sie mit den Dieben in eine schmale, dunkle Gasse. Es sah fast so als ob das Ganze nur ein Hinterhalt werden sollte und als nächstes ein schlichter Raubüberfall geplant war. Doch die Diebe hatten anscheinend noch einen Rest ihrer Ehre bewahrt. Durch einen Hintereingang eines gemauerten Hauses gelangten sie in eine kleine unmöblierte Kammer. Einer der Diebe fummelte an der Wand herum und kurze Zeit später öffnete sich eine Geheimtür. Eine enge Steintreppe führte in die Dunkelheit nach unten. Einer der Diebe erklärten die Regel. Im Keller warteten einige Prüfungen und am Ende würden sie entweder im hohen Bogen aus Fulda rausgeschmissen oder zum Gildenoberhaupt gelangen. Argwöhnisch betrachteten die Drei die dunkle Treppe und zögerten eine Weile. Es war so offensichtlich eine Falle, daß jeder normale Zweibeiner sofort kehrt gemacht hätte. Schließlich entschlossen sie sich doch zu gehen, es ging ja immerhin um ihre Flugdrachen. Sie stiegen hintereinander die dunkle Treppe hinab. Hinter ihnen schloß sich knirschend die Geheimtür.

Es war stockfinster. Kardoc wisperte. "Luce Mane" und die Umgebung begann diffus zu leuchten. Die Treppe führte ins Untergeschoß und endetet nach einem kurzen Gang vor einer massiven Holztür. Sie war unversperrt und quietschte fürchterlich beim Öffnen. Dahinter lag ein etwa zwanzig Schritt langer und ziemlich breiter Gang. Links und rechts, knapp vor den seitlichen Mauern, erstreckte sich je eine Säulenreihe bis zum anderen Ende Raums. Kardoc trat vorsichtig hinein und untersuchte den Boden nach versteckten Trittplatten oder anderen Fallen. Es war nichts zu entdecken. Gebeugt, den Boden untersuchend, ging er weiter und winkte den anderen zu, daß sie im folgen sollten. Nach einem weiteren Schritten Kardocs lösten sich aber plötzlich von der Decke ein paar Steine und krachten auf den Rücken des Zwerges. Also doch eine Falle! Irgend ein undurchschaubarer Mechanismus löste an gewissen Stellen eine kleine Geröllawine aus. Nach einiger Zeit gab Kardoc den Versuch den Mechanismus zu entschärfen auf, hielt sich sein Schild über den Kopf und suchte einen sicheren Weg durch das Labyrint. Anaid und Davidudl folgten ihm in einiger Entfernung. Immer wenn sich eine Steinlawine löste stand der Zwerg in einer dichten Staubwolke und setzte dann niesend und schnaufend seinen steinigen Weg fort. Schließlich erreichte er völlig verstaubt die gegenüberliegende Seite des Raumes. Durch eine unversperrte Holztür gelangten sie in den nächsten Prüfungsraum. Die erste Prüfung hatten sie also mehr oder weniger erfolgreich hinter sich gebracht. Davidudl klopfte Kardoc mit der flachen Hand den Staub von den Schultern und meinte Kopfschüttelnd. "Tz, Tz, diese Zwerge! Und in dieser Aufmachung willst du einem Gildenoberhaupt gegenübertreten?"

Gleich darauf blies ihm Kardoc eine Ladung Staub von seinem Ärmel ins Gesicht und Davidudls Grinsen ging nahtlos in eine Hustenanfall über. Während Davidudl und Kardoc miteinander beschäftigt waren, sah sich Anaid um. Der Raum war quadratisch und völlig kahl, bis auf zwei Türen. Die Eine, durch die sie eben gekommen waren, und eine Zweite an der rechten Mauer davon. Diese zweite Tür war allerdings versperrt. Nun war anscheinend das Geschick im Einbruch gefragt. Während Kardoc sich daran machte das Schloß zu untersuchen, suchten Anaid und Davidudl die Wände ab. Anaid fand tatsächlich nach kurzem einen losen Stein. Sie drückte darauf und vor ihr öffnete sich ein Durchgang. Dahinter befand sich ein weiterer kleiner Raum der mit einer kompletten Schmiedeausrüstung ausgestattet war. Auf einem Holzbrett hingen Dutzende Schlüsselrohlinge mit unbehandeltem Bart. Eine klare Sache; ein passender Schlüssel für das Schloß mußte geschmiedet werden. Bevor Kardoc ans Werk gehen konnte drängte ihn Davidudl zur Seite und meinte tatendurstig. "Laß mich das machen. Ich hab schon einmal zugeschaut wie ein Schmied einen Schlüssel gemacht hat. Und ich hab mir alles genau gemerkt. Das geht ganz leicht."

Ehe Kardoc aus fachmännischer Sicht noch Einwände erheben konnte, hämmerte Davidudl schon ohne Sinn und Verstand auf irgend einem Schlüsselrohling herum. Nach kurzer Zeit hob er ein verbogenes Stück Eisen in Augenhöhe und betrachtete es zufrieden. Kopfschüttelnd beobachtete ihn Kardoc als er zur Tür ging und den "Schlüssel" ins Loch steckte. Unglaublicherweise passte er tatsächlich ins Loch, aber es sollte noch besser kommen. In den folgenden Momenten brach für Kardoc eine Welt zusammen. Sein ganzes Können und Geschick im Umgang mit Sperrmechanismen und Schlössern schien plötzlich in Frage gestellt. Dieser absolute Dilettant drehte seine verbogene Eisenstange im Schloß und sperrte die Tür auf. Mit offen Mund starrte Kardoc auf die Tür. Davidudl zog den Schlüssel ab, drückte ihn dem fassungslosen Zwerg in die Hand und sagte: "Da haben wir heute aber wieder ganz schön was dazugelernt! Gell?"

Es konnte nur eine Erklärung geben: das Schloß war eine Attrappe! Wahrscheinlich ließ es sich mit jedem beliebigen Holzstöckchen öffnen. Sicherheitshalber untersuchte Kardoc, daß Schloß aber nicht mehr genauer und folgte den anderen in den nächsten Raum.

Dort standen zwei etwa zwergengroße, völlig identische Statuen auf je einem Sockel. Eine knapp vor ihnen und die Zweite in der Nähe des gegenüberliegenden Ausganges. Die beiden Statuen waren gut zehn Schritt voneinander entfernt. Der einzige Unterschied war, daß die Statue vor ihnen ein faustgroße Kugel in der ausgestreckten Hand hielt. Kardoc untersuchte die Hand der Statue und stellte bald fest, daß die Kugel nur lose darauf lag und sich darunter irgend ein Mechanismus befand, der wer weiß was auslösen konnte. Wenn man die Kugel wegnahm würde garantiert irgend etwas passieren. Er schickte Anaid und Davidudl sicherheitshalber in der vorigen Raum zurück und tastete konzentriert die Kugel ab. Ganz langsam und vorsichtig hob er sie auf. In der Mitte der Handinnenfläche der Statue konnte er bereits einen kleinen Bolzen erkennen der sich mit der Kugel hob. Um einen Hauch zu spät ließ er die Kugel wieder sinken. Der Bolzen klickte leise. Plötzlich begann irgend etwas laut zu rattern. Es hörte sich wie die Kette einer Zugbrücke an. Kardoc schaute zur anderen Statue und sah, daß an der Wand dahinter die Tür nach oben gezogen wurde. "Das ist aber eine leichte Prüfung!" dachte er. Er hatte die Kugel inzwischen ganz von der Hand der Statue genommen. Die Tür war ganz im Mauerwerk verschwunden und es herrschte wieder Stille. Die Kugel war aus Stein aber ungewöhnlich leicht. Sie war anscheinend hohl. Kardoc hielt sie ans Ohr und schüttelte sie leicht. Es schellte leise drinnen, - und im selben Moment rumpelte die Tür am anderen Ende wieder von oben herunter und versperrte den Ausgang. Kardoc ging zur zweiten Statue und untersuchte sie. In der ausgestreckte Hand befand sich der gleiche Bolzen. Nun war alles klar, die Kugel mußte geräuschlos von der einen Statue zur anderen getragen werden. Er legte die Kugel wieder auf die erste Statue, nahm sie dann vorsichtig herunter und die Ausgangstür öffnete sich. Unendlich langsam und bedächtig machte er sich auf den Weg zur anderen Statue. Er verursachte nicht das kleinste Geräusch. Nach drei Schritten rumpelte die Tür beim Ausgang wieder herunter. Jetzt wurde Anaid das ganze zu langweilig und sie nahm Kardoc die Kugel weg, legte sie wieder in die Ausgangspositon und versuchte mit elfischer Gewandtheit so schnell und geräuschlos wie möglich die Kugel zur zweiten Statue zu bringen. Nach dem dritten Versuch schaffte sie es; die Ausganstür blieb offen.

Dahinter lag ein schmaler Gang der nach wenigen Schritten nach Rechts führte. Und genau gegenüber, vor ihnen, sahen sie die nächste Tür. Sie war wie zu erwarten versperrt. Bei der Untersuchung des Schlosses wurde Kardoc schwindlig. Es war das komplizierteste Schloß das er jemals gesehen hatte. Ohne Spezialwerkzeug ging hier überhaupt nichts. Mit seinen normalen Dietrichen würde er wahrscheinlich Tage dafür brauchen. Die Drei suchten zuerst den schmalen Gang ab und hofften eine Geheimtür zu finden. Statt einer Geheimtür entdeckten sie bald ein loses Brett unter dem Staub am Fußboden. Auf der Rückseite des Brettes war die mysteriöse Inschrift: "Ihr seid auf dem richtigen Weg" eingeritzt. Ratlos blickten sie sich an und gingen weiter. Nach einer weiteren Biegung des Ganges endete dieser in einer kleinen Kammer. In einer Ecke stand einsam und verlassen eine Truhe am Boden. Kardoc untersuchte sie zuerst nach Fallen und öffnete sie dann. Drinnen befand sich ausschließlich gähnende Leere. Nein, nicht ganz. Am Boden war anscheinend irgend etwas eingeritzt. Kardoc wollte schon seinen Kopf in die Truhe stecken schreckte aber plötzlich zurück. Die Truhe mit dem aufgeklappten Deckel hatte irgendwie Ähnlichkeit mit dem Rachen einer Bestie die ihm dem Kopf abbeißen wollte. Er sah wissend zu den anderen und sagte mit erhobenen Zeigefinger. "Oh nein, nicht mit mir. Da drückt sicher irgendwer, irgendwo auf einen Knopf und mir fehlt der Kopf!"

Er kramte seinen Hammer aus dem Ranzen und schlug die Bolzen der Deckelscharniere heraus. Nachdem er den Truhendeckel entfernt und somit das Maul der Bestie entschärft hatte, beugte er sich tief hinunter und las laut und verwundert die Zeile am Boden der Truhe: "Du hast mich gefunden."

Davidudl meinte verärgert. "Was soll das? Sollen wir vielleicht alle drei in die Truhe kriechen und warten bis uns wer hinausträgt?"

Nach genauerer Untersuchung stellte sich heraus daß ein Brett am Boden der Truhe lose war und darunter ein Dietrich lag. Kardoc betrachtete das Stück bewundernd. Es war kein normaler Dietrich sondern ein wahres Meisterstück. Der Bart war durch eine geniale Mechanik in jede beliebige Form und Größe zu verstellen. Mit diesem Werkzeug müßte auch das Schloß an der versperrten Tür zu knacken sein. Kardoc machte sich sofort ans Werk und nach kurzer Zeit öffnete er tatsächlich das Schloß. Knarrend öffnete sich die Tür. Fackellicht erhellte das Zimmer dahinter. Acht Mitglieder der Diebesgilde standen links und rechts der Tür und musterten die Prüflinge. Hinter einem großen Tisch erhob sich ein Mann, gekleidet in eine reich bestickte Robe. Offensichtlich das Oberhaupt der Gilde. Er deutete ihnen näher zu treten und hieß sie willkommen. Der Mann war bereits ziemlich ergraut und hatte etwas Ehrwürdiges an sich. Seine Kleidung und sein Äußeres waren für einen Dieb sehr gepflegt. Er paßte irgendwie nicht zu den Vorfällen in der Stadt und beim Viehzüchter. Außerdem war seine Ausdrucksweise wesentlich gepflegter als die seiner Gildenmitglieder in der Taverne.

Er eröffnete den Ankömmlingen feierlich, daß sie die Probe bestanden hätten und würdig seien in die Gilde der Diebe aufgenommen zu werden. Gönnerhaft erklärte er nun den Ablauf der Aufnahmezeremonie. Als erstes ersuchte er die drei sich ihrer Rüstungen zu entledigen und die Gildenroben anzulegen die einer der Diebe inzwischen aus einem Schrank geholt hatte. Die Gefährten zögerten, sahen sich Stirnrunzeln an und dachten nicht daran ihre Waffen und Rüstungen abzulegen. Das Gildenoberaupt wurde langsam etwas ungeduldig und sagte: "Würdet ihr jetzt freundlicherweise eure Rüstungen und Waffen beiseite legen, damit wir mit der Zeremonie beginnen könne."

Davidudl murmelte: "Der spinnt ja. Ich stell mich doch nicht nackt vor diese Bande von Halsabschneidern."

Davidudl war unter seiner Rüstung natürlich nicht nackt sondern trug lederne Beinkleider und ein grobes Stoffhemd aber sobald er keine Blechteile mehr an sich hatte fühlte er sich völlig nackt. Kardoc war die Situation ebenfalls nicht geheuer, immerhin befanden sich neun, zweifellos bewaffnete, Personen in diesem Raum. Er versuchte einen Kompromiß auszuhandeln: "Also hört mal guter Mann, wahrscheinlich habt ihr schon bemerkt, daß ich eine sündhaft teure Drachenschuppenrüstung trage. - Die legt man nicht so einfach beiseite. Wir könnten uns doch die Roben von hinten über die Rüstung legen, das sieht doch sicher auch recht hübsch aus."

Das Oberhaupt der Diebesgilde stützte sich mit beiden Händen auf die Tischplatte und seufzte: "Jetzt hört mir genau zu. Zuerst legt ihr eure Rüstungen und Waffen ab, dann zieht ihr die Roben über und danach dürft ihr den heiligen Schwur der Diebesgilde leisten."

Die drei Gefährten protestierten heftig gegen diesen Ablauf der Zeremonie. Außerdem hatte vorher niemand etwas von einem Schwur erwähnt. Die Diebe tasteten bereits nervös an ihren Waffengürteln. Kardoc erklärte klipp und klar, daß ein Schwur überhaupt nicht in Frage käme. Er hatte bereits einen Schwur geleistet, es war ihm unmöglich Whuosa und einer Diebesgilde gleichzeitig dienen. Er schlug deshalb vor die ganze Sache mit dem Beitritt zur Diebesgilde abzublasen, außerdem wollten sie ja sowieso nur zu ihm um Auskünfte über die Flugdrachen einzuholen. Das Gilderoberhaupt war nun schon äußerst gereizt und erwiderte, daß es unmöglich sei die Aufnahme in die Gilde jetzt einfach abzublasen. Immerhin kannten sie jetzt die geheimen Räume der Gilde und ihr Oberhaupt. Niemand konnte diesen Raum verlassen ohne den Schwur zu leisten. Die Situation war absolut verfahren. Die drei Gefährten waren längst kampfbereit als vom Gildenmeister das Zeichen zum Angriff kam. Die acht Diebe stürzten sich sofort auf sie. Zwei zogen sich jedoch sofort wieder vor Schmerz aufbrüllend zurück. Sie hatten unangenehme Bekanntschaft mit Davidudls Schwert gemacht. Der Ausgang des Kampfes war bald klar, die leicht bewaffneten Diebe konnten den Dreien kaum etwas anhaben. Mit ihren Messern kamen sie nicht einmal in die Nähe von Davidudl. Der Krieger war voll in seinem Element und schrie den zwei Verletzten zu sie sollen gefälligst wieder herkommen und weiter kämpfen. Kardoc und Anaid versuchten sich in dem Tumult zum Gildenoberhaupt durchzukämpfen. Kardoc befürchtete er könnte sich durch irgendeine Geheimtür davonmachen ohne den Verbleib der Flugdrachen verraten zu haben. Ein Bücherschrank an der rechten Wand sah nämlich höchst verdächtig aus. Zudem drängten die Diebe alle in diese Richtung. Tatsächlich schob kurz darauf einer den Schrank beiseite und verschwand in einem Durchgang dahinter. Anaid versuchte sich, so schnell es ging, zum Gildenoberhaupt vor zu kämpfen. Kardoc ließ die flüchtenden Diebe außer Acht und konzentrierte sich auf einen "Altern Zauberspruch". Davidudl schrie zu Kardoc er solle die verdammten Feiglinge doch endlich aufhalten. Kardoc hatte aber momentan keine Zeit für den Kampfrausch des verzweifelten Kriegers. Er ließ seine magischen Kräfte soeben auf das Gildenoberhaupt nieder, während die Flüchtenden über ihn hinweg sprangen. Davidudl stand kurz vor einem Wutanfall. Es sah so aus als ob allen die Flucht gelingen würde und er war mit seiner Rüstung viel zu langsam um sie zu verfolgen. Inzwischen fiel dem Gildenoberhaupt, der sich plötzlich wie ein Greis fühlte, kraftlos das Kurzschwert aus der Hand. An eine Flucht brauchte er nicht einmal mehr zu Denken. Anaid hatte ihn schnell überwältigt und drückte ihn in seinen Sessel. Davidudl rannte inzwischen fluchend den Dieben durch die Geheimtür in einen kurzen Gang nach. Er sah gerade noch wie der letzte Dieb wenige Schritte vor ihm eine schwere Steintür zuschlug. Es brauchte einige Zeit bevor er aufhörte fluchend und schreiend gegen den Stein zu treten und zu schlagen. Schwer enttäuscht ging er wieder zurück und beschwerte sich beim Gildenoberhaupt über diese Versager und Feiglinge. Anaid und Kardoc beachteten ihn nicht weiter und redeten auf das Gildenoberhaupt ein. Der Mann war eigentlich recht sympathisch, nur hatte er eigenartige Vorstellungen vom Ablauf verschiedener Dinge. Es war sehr bald klar, daß er unter dem Einfluß von Natasanhängern stand. Diese sogenannten "Norak Priester" hatten ihm lauter Unfug aufgeschwatzt und seltsame Wertvorstellungen eingetrichtert. Das Gildenoberhaupt war völlig überzeugt, daß die Norakpriestern nur das Wohl der Leute im Sinn hatten. Anaid und Kardoc erzählten ihm ausführlich von der hinterhältigen Taktik der Natas Priester. Sie wollten angeblich immer das Beste für die Leute und brachten sie dabei am Ende auf irgendeine Art und Weise um. Die eigenartige Krankheit, welche kurz vor dem Auftauchen der Priester ausbrach, war sicher nicht zufällig entstanden. Und die wenigen wunderbaren Heilungen dienten sicher nur als Vorwand, um den Leuten eine vage Hoffnung zu geben.

Je länger die beiden auf ihn einredeten desto nachdenklicher wurde er. Der Zauberspruch hatte inzwischen völlig nachgelassen und das Gildenoberhaupt saß unversehrt und grübelnd in seinem Sessel. Er hatte geglaubt die Norak Priester währen die einzige Rettung für Fulda und hatte sie nach besten Kräften unterstützt. Jede ihrer Anweisungen schien ihm bis jetzt sinnvoll und notwendig, auch wenn sie den Gildenregeln widersprach. Jetzt plagten ihn schwere Zweifel an ihren guten Absichten. Schließlich erhob er sich und sagte seufzend: "Ich weiß nicht mehr was ich glauben soll. Alles was ihr sagt erscheint irgendwie logisch und ich kann einfach nicht verstehen wie sie uns so lange täuschen konnten. Ich weiß nur eines sicher: ihr Drei könnt unbehelligt weiterziehen. Kein Mitglied meiner Gilde wird sich euch in den Weg stellen. Im Gegenteil wenn wir etwas für euch tun können, dann laßt es mich wissen."

Kardoc hatte nur eine einzige Frage: "Wo sind die Flugdrachen?"

Das Gildenoberhaupt gestand, daß die Tiere von den Dieben aus dem Stall geholt worden waren und danach gleich den Norak Priestern übergeben wurden. Diese flogen dann in Richtung Ibrahawald davon. Ein Tier konnte sich aber befreien, warf seinen Reiter ab und flüchtete. Das war alles was er über das Schicksal der Flugdrachen wußte. Wohin sie genau geflogen waren wußte er nicht. Die Norak Priester waren meistens äußerst wortkarg und erteilten ihm nur knappe Befehle. Er stutzte kurz und überdachte seine letzten Worte. Er hatte es genau richtig formuliert, es lief eigentlich immer gleich ab. Ein Norak Priester erschien bei ihm erteilte einen kurzen präzisen Befehl und er gehorchte wie ein geprügelter Hund. Anaid erklärte dem Gildenoberhaupt, daß er sich über sein Verhalten nicht wundern brauchte, denn die Natas Priester üben bei fast allen Zweibeinern unbemerkt magischen Einfluß aus. Jeder der mit ihnen zu tun hatte stand über kurz oder lang in ihrem Bann. Davidudl hatte sich inzwischen wieder beruhigt und murmelte irgend etwas von "Natas Priester" und "zerfetzen". Anaid setzte sich zu ihm und lobte seinen Heldenhaften Einsatz im Kampf gegen die Diebe. Davidudl war sich allerdings nicht ganz sicher ob sie die leicht übertriebenen Lobeshymnen ernst meinte, oder ob er wieder einmal auf der Schaufel stand. Der Gildenmeister und Kardoc waren zu einem hochinteressanten Gespräch über Schlösser, Fallen und ähnlichen Dingen übergegangen. Der Gildenmeister war ein wahrhaftiger Könner seines Fachs und verriet Kardoc einige seiner Tricks und Geheimnisse. Einige Zeit später verabschiedeten sich die Gefährten vom Gildenmeister. Davidudl ermahnte ihn vorwurfsvoll seinen Dieben etwas mehr Kampfesmut beizubringen. Der Gildenmeister antwortete entschuldigend. "Nun, wahrscheinlich wollten sie einfach nur noch einige Zeit weiterleben."

Dann ersuchte er Kardoc um den Spezialdietrich. Schweren Herzens gab Kardoc das Prunkstück zurück, er hatte insgeheim gehofft der Gildenmeister würde darauf vergessen. Der Gildenmeister drehte den Dietrich einige Male nachdenklich in der Hand und gab ihn schließlich Kardoc mit den Worten zurück. "Was soll´s, nehmt ihn als Andenken. Vielleicht kann er euch eines Tages im Kampf gegen das Böse nützlich sein."

Freudestrahlend nahm der Zwerg das Geschenk entgegen und bedankte sich. Bevor die Drei den Gildenmeister verließen ersuchten sie ihn noch um einen letzten Gefallen. Anaids Flugdrache brauchte einen zuverlässigen Beschützer, den Ibrahawald wollten sie lieber zu Fuß durchsuchen. Der Gildenmeister versprach ihnen feierlich mit seinem Leben für das Wohl des Drachen zu sorgen und außerdem stellte er ihnen drei Pferde zur Verfügung die sie zumindest bis zum Rand des Waldes bringen konnten. Gemeinsam mit dem geläuterten Diebesoberhaupt verließen sie die unterirdische Kammer und machten sich gleich auf den Weg. Bevor sie aus der Stadt ritten besuchten sie noch Haron und erzählten ihm rasch, daß sie in Richtung Ibrahawald unterwegs waren, falls die Anderen inzwischen von der Insel zurückkehren sollten.

Die Pferde waren frisch und ausgeruht und nach zwei Tagen kamen sie bereits an die Ränder des Ibrahawaldes. Die Pferde ließen sie abgeschirrt auf einer großen Lichtung zurück. Falls sie die Flugdrache finden und nicht mehr hierher zurückkehren sollten, konnten die Pferde sich alleine auf den Heimweg machen. Der Gildenmeister hatte gemeint, daß sie ihren Stall schon finden würden.

Der Wald war üppig gewachsen und von allen möglichen Tieren bewohnt. Sie benutzten die zahlreichen Wildwechsel um besser voranzukommen. Streckenweise mußten sie sich aber doch durch dichtes Unterholz oder sumpfiges Waldmoor kämpfen. Sie wußten nicht genau wohin sie gingen aber irgend ein Gefühl trieb sie in eine bestimmte Richtung. Bei größeren Lichtungen orientierten sie sich an der Sonne um nicht zu weit von ihrer Richtung abzukommen. Die erste Nacht verlief ruhig. Es raschelte zwar rings umher, aber das waren nur die Geräusche der Nachttiere.

Zeitig am Morgen machten sie sich wieder auf den Weg. Der Wald veränderte sein Gesicht kaum, Nadel und Laubbäume wuchsen bunt gemischt, umgeben von Sträuchern und Gestrüpp, umgestürzten moosigen Bäumen und manchmal auch großen Steinblöcken. Die Moore waren zwar etwas hinderlich aber nie so ausgedehnt, daß sie sich darin verirren konnten. Vor Einbruch der Dunkelheit fanden sie einen geeigneten Lagerplatz auf einer kleinen, bewaldeten Hügelkuppe. Nachdem sie trockenes Holz für ein kleines Feuer gesammelt hatten und ihre Wasserschläuche an einem nahen Bach gefüllt hatten, aßen sie etwas von ihrem Proviant. Zum Jagen hatte keiner mehr Lust, außerdem war es ohnehin schon zu finster. Sie beschlossen trotz der anscheinenden Ruhe abwechselnd zu wachen, irgendwo mußten sich die Nataspriester schließlich in diesem Wald herumtreiben. Anaid übernahm die erste Wache und suchte sich einen nicht allzu bequemen Felsblock, umgeben von ein paar niedrigen Sträuchern, von dem sie den Hügel gut überblicken konnte. Davidudl und Kardoc löschten das Feuer und wickelten sich in ihre Decken. Die Ohren der Elfin lauschten in die Nacht. Es war eine mondhelle Nacht. Man hörte das untergründige Rauschen der hohen Nadelbäume, das Rascheln der Tiere im Unterholz, hin und wieder der Ruf von Nachtvögel. Alles schien so wie in einem friedlichen Wald zu sein. Der Mond Whuosa hatte noch längst nicht die Mitte seiner Bahn überschritten als Anaid eigenartige, klappernde Geräusche hörte. Sie weckte die beiden Schläfer. Wenige Momente später erschien der Wald weit weniger friedlich und sie wußten, daß sie auf der richtigen Spur waren. Aus der Dunkelheit des Waldes näherten sich mehrere Skelette. Ihre bleichen Knochen schimmerten im Mondlicht; man konnte sie kaum übersehen. Anaid weckte die Anderen, kletterte mit ihrem Bogen auf den nächsten Baum und schoß auf die Köpfe der Untoten. Davidudl und Kardoc standen Rücken an Rücken am Hügel und erwarteten die Feinde. Es waren etwa fünfzehn und sie sahen nicht sonderlich agil aus. Anaid schoß einigen den wackligen Kopf vom Rückrad. Die beiden Kämpfer hatten ziemlich leichtes Spiel. Die Skelette standen sich die meiste Zeit selbst im Weg und so konnten Davidudl und Kardoc einen nach dem anderen in Ruhe zertrümmern. Einige Zeit hallte der Hügel von splitternden Knochen wider. Die Skelette konnten mit ihren Waffen, von denen die meisten schon halb weggerostet waren, kaum umgehen und klappten nach wenigen Hieben ohne einen Laut von sich zu geben in sich zusammen.

Bald herrschte wieder Ruhe auf der Lichtung. Es war ein leichter Sieg gewesen. Dieser Angriff zeigte, daß sie in der richtigen Richtung unterwegs waren. Die Skelettkrieger konnten nur von Nataspriestern erschaffen worden sein. Trotz der unterbrochenen Nachtruhe zogen sie ein Stück weiter und suchten sich eine verborgene Stelle im Unterholz, wo sie nicht leicht entdeckt werden konnten. Davidudl übernahm die nächste Wache. Er war nun doppelt so aufmerksam, aber es passierte nichts mehr. Die weitere Nacht verlief ruhig. Die nächsten Tage und Nächte vergingen ebenfalls ohne Zwischenfälle und sie drangen immer tiefer in den Wald ein. Am fünften Tag fiel ihnen etwas merkwürdiges auf. Die Tiere versteckte sich entweder vor ihnen oder mieden diesen Teil des Waldes. Jedenfalls war kaum noch Wild zu sehen oder zu hören. Die Gefährten schlichen vorsichtiger voran, aber der Wald blieb eigenartig ruhig und leblos. Gegen Abend wurden sie jedoch fündig! Schon aus einiger Entfernung hallten derbe Geräusche durch den Wald: Orks! Die Gefährten schlichen geduckt im dichtesten Gestrüpp den Geräuschen entgegen. Unbemerkt erreichten sie den Waldrand einer großen Lichtung. Es dämmerte bereits als sie unter einem dichtbelaubten Busch liegend und auf die Anlage vor ihnen spähten. Es war offenbar ein Tempel, uralt und bereits etwas verwittert. Ein hohes Steingebäude von etwa fünfzig mal dreißig Schritt Seitenlänge. An den Wänden ragten in regelmäßigen Abständen Steinpfeiler aus der Mauer und stützten das anscheinend noch intakte Dach. Zwischen den Pfeilern waren steinerne Reliefe in die Mauer gemeißelt. Was sie darstellten konnte man in der Dunkelheit allerdings nicht mehr erkennen. Eingangstor war keines zu entdecken, wahrscheinlich befanden sie sich auf der Rückseite des Gebäudes. Die Lichtung selbst war mindestens noch einmal so groß wie der Tempel. Auf der freien Wiesenfläche vor dem Gebäude brannte ein großes Feuer. Von dort kam auch der Lärm. Einige Orks hatten sich um das Feuer versammelt und verhielten sich wie Orks: laut und unaufmerksam. Um das Gebäude herum patrouillierten einige Wachen. Sie zogen in gleichmäßigem Abstand ihre Runden. Insgesamt zählten die Gefährten sechs Orks die stumpfsinnig und ohne einen Blick zur Seite zu wenden um das Gebäude gingen. Die Drei krochen weiter im Unterholz rund um die Anlage und spähten immer wieder vorsichtig aus den Gebüschen. Auf der anderen Seite des Tempels befand sich wie vermutet der Haupteingang. Dort einzudringen war aber unmöglich. Erstens brannte das Lagerfeuer der lärmenden Orks davor und außerdem standen zwei weitere Wache links und rechts des Tores. Auf der nächsten Seite des Tempels bot sich dann aber eine Möglichkeit an, unbemerkt ins Innere zu gelangen. Ein kleines unbewachtes Portal war im Halbschatten neben einem der Pfeiler zu erkennen. Es blieb nun noch die Schwierigkeit ungesehen die etwa vierzig Schritt bis zur Tempelmauer zu überwinden. Die Lücken zwischen den patrouillierenden Orks war nicht sehr groß, es blieben nur wenige Momente um die Pforte zu erreichen. Anaid schlug vor, daß Kardoc als erster den Versuch wagen sollte. Es war anzunehmen daß die Tür versperrt war. Sie selbst könnte zwar schnell genug hinüber aber wahrscheinlich nur um festzustellen, daß abgeschlossen war. Kardoc nickte und nahm seinen neuen Dietrich zur Hand. Er wartete auf eine Lücke zwischen der Orkpatrouille und rannte er so schnell er konnte geduckt über das Gras. Seine kurzen Beine huschten schon fast Elfengleich über den Boden und scheiterten aber dann doch an einem kleinen Erdhügel. Der Zwerg stürzte der Länge nach auf den Boden und rutschte ein Stück über das Gras. Seine Rüstung schepperte dabei verräterisch. Als sich der Zwerg hastig erhob erschien schon die Fackel der nächsten Patrouille. Dessen Vordermann schien aber auch etwas gehört zu haben, denn dieser kam nun ebenfalls aus der anderen Richtung wieder zurück. Kardoc hastete zurück in den Wald, es war so dunkel, daß die Orks ihn wahrscheinlich nicht gesehen hatten, aber auf jeden Fall hatten sie ihn gehört. Sie näherten sich auch zielstrebig der Stelle wo Kardoc ins Gebüsch gesprungen war und zogen ihre Waffen. Die beiden Orks drangen Seite an Seite in den Wald ein und machten kurz darauf mit Davidudls Schwertknauf Bekanntschaft. Sie sanken bewußtlos zu Boden, Anaid löscht die Fackeln keinen Moment zu früh; die nächste Patrouille bog soeben um die Ecke. Die Drei lauschten ob jemand Alarm geben würde, doch die fehlenden Orks waren anscheinend noch nicht bemerkt worden. Die große Lücke die durch die zwei fehlenden Wachen entstanden war störte im Moment anscheinend noch niemanden. Jetzt bot sich eine günstige Gelegenheit, Kardoc nützte die Lücke und rannte nochmals zur Tür. Sie war wie zu erwarten versperrt. Mit Hilfe seines Dietrichs hatte er das Schloß jedoch nach wenigen Handgriffen geknackt. Bevor der nächste Ork um die Ecke bog war Kardoc schon lautlos hinter der Tür verschwunden und schloß sie leise.

Er stand ziemlich in der Mitte eines langen Ganges und sah, glücklicherweise von hinten, einen alten Bekannten. In etwa zehn Schritt Entfernung schimmerte die breite Plattenrüstung eines Nataskriegers im Fackelschein. Es gab keine Deckungsmöglichkeit, Kardoc sah sich hastig nach einem Ausweg um. Links stapfte der Nataskrieger noch wenige Schritte auf eine Tür zu und machte dort wahrscheinlich kehrt. Rechts verlor sich der Gang in der düsteren Fackelbeleuchtung. Alleine gegen einen Nataskrieger war eine langwierige Sache und der Kampflärm konnte noch andere herbeilocken. Während Kardoc fieberhaft überlegte nutzten Anaid und Davidudl die nächste Lücke der Patrouille und erreichten unbemerkt das Tor. Gerade als der Nataskrieger kehrt machte sprangen sie in den Gang und schlossen die Pforte. Ohne lange zu überlegen rannten sie den Gang entlang und stürzten sich auf den Nataskrieger. Nach wenigen Schwertstreichen wollte der Nataskrieger anscheinend flüchten um zur Tür zu gelangen und Verstärkung zu holen, doch Kardoc hielt ihn mit einem Zauberspruch fest. Anaids magischer Pfeil gab dem angeschlagenen Krieger den Rest und er zerfiel scheppernd in seine Bestandteile. Die dünnen roten Rauchwolken schwebten noch ein wenig über den Boden, bevor sie sich endgültig verflüchtigten. Unter den Resten fand Kardoc einen Schlüsselbund und hing ihn an seinen Gürtel.

Offenbar war niemand auf den kurzen Kampf aufmerksam geworden, denn es blieb alles ruhig. Sie gingen den Gang wieder ein Stück zurück und untersuchten dabei die Wände. Etwa in der Mitte, in der Nähe des Portals, fanden sie einige Gucklöcher in der Wand. Ein Blick durch die engen Ritzen zeigte eine abscheuliche Szene. Mehrere vermummte Gestalten zelebrierten soeben irgendeine unheilige Messe. Die Gestalten hatten die selben Kutten an wie die Wunderheiler in Fulda und waren gerade im Begriff ein Blutopfer zu bringen. Auf dem Altar lag ein Mann auf dem Rücken der anscheinend schon tot war. Ein breiter Blutstrom rann in eine Schale vom Altar herunter. Hier waren mit Sicherheit Nataspriester am Werk. Während des Kampfes war ihnen die Aura nicht aufgefallen, aber nun spürten sie die bösartige Ausstrahlung deutlich. Es waren etwa zwanzig Priester in der Halle und alle waren so weggetreten, daß sie von dem Kampf vorhin offensichtlich nichts bemerkt hatten. So einer Ansammlung von Magiern waren sie kaum gewachsen. Kardoc meinte man müßte sie irgendwie einzeln erwischen, in ihre Zeremonie zu platzen wäre reiner Selbstmord.

Sie gingen zur Tür zurück, die der Nataskrieger vorhin erreichen wollte und lauschen. Es waren leise blecherne Klänge zu hören; es klang eindeutig nach Rüstung und Waffen. Die Drei zauberten sich Schildsprüchen und schärften magisch ihre Sinne. Kardoc überprüfte das Schloß. Es war unversperrt. Sie rissen die Tür auf, stürmten in den Raum und überraschten drei weitere Nataskrieger. Die Kammer war eigentlich viel zu eng für einen Kampf und so konnten die Nataskrieger ihre Stärke kaum einsetzen sondern standen sich mehr selbst im Weg. Kardoc besetzte sofort den zweiten Ausgang des Raumes und nach einem kurzem aber heftigen Gemetzel war von den drei Nataskriegern nur noch roter Rauch übrig. In der Kammer fanden sie außer einigen unbrauchbaren Waffen ein paar schwarze Roben. Anaid hatte beim Anblick der dunklen Roben einen Einfall. Sie schlug vor, daß man sich verkleiden könnte um so unbemerkt die Nataspriester zu überwältigen. Anaid überlegte nicht lange und legte die Robe an. Sie sah mit übergezogener Kaputze tatsächlich wie ein Nataspriester aus. Ihre Waffen und der Ranzen ließen sich leicht unter dem dunklen, weiten Stoff verbergen. Kardoc sah in der Robe zwar etwas unförmig und zu kurz aus, aber von weitem war nichts besonders auffälliges zu bemerken. Davidudls Verkleidungsversuch ging voll daneben. Vielleicht hätte er ohne Waffen und Rüstung gerade noch in die Kutte gepaßt, doch er war nicht im geringsten bereit auch nur einen einzigen Teil seiner Ausrüstung hier zu lassen. Die einzige Lösung die ihm einfiel war, daß Anaid aus zwei Kutten eine Übergroße zusammen nähen sollte. Es wäre sicher ein imposanter Anblick gewesen wenn er als übermenschlich großer und wuchtiger Nataspriester durch die Gänge gegangen wäre, seinen Helm des Julano wollte er nämlich keinesfalls abnehmen. Doch leider hatte Anaid kein Nähzeug mit. Nachdem Anaid und Kardoc alle logischen und unlogischen Argumente ausgegangen, und an der Sturheit von Davidudl gescheitert waren, beschlossen sie wieder auf den Gang hinauszugehen und einen anderen Weg zu suchen. Sie gingen den Weg wieder zurück und fanden am anderen Ende des Ganges tatsächlich einen weiteren Abgang. Am unteren Ende der Treppe tauchte plötzlich ein überraschter Ork aus dem Halbdunkel auf. Sie konnten ihn gerade noch rechtzeitig überwältigen bevor er Alarm schlagen konnte und schliffen ihn in ein finsteres Eck unter der Treppe. Sie befanden sich in einem kleinen spärlich beleuchteten Raum. Die einzige Fackel an der Wand war schon fast zur Gänze abgebrannt und flackerte nur noch schwach. Außer einer eisenbeschlagenen Holztür war in dem Raum nichts auffälliges zu entdecken. Die großen, roh behauenen Steinblöcke paßten fast fugenlos aneinander. Nur an manchen Stellen, wo kleinere Brocken aus dem Gemäuer fehlten merkte man das Alter des Tempels. Während Anaid und Davidudl die Treppe sicherten untersuchte Kardoc die massive Holztür. Das Schloß war unversperrt, aber durch das Schlüsselloch sah Kardoc etwas weniger erfreuliches: Nataskrieger gingen in regelmäßigen Abständen vor der Tür vorbei, anscheinend wurde hier etwas wichtiges bewacht! Vielleicht Flugdrachen? Es gab nicht mehr viel zu überlegen, sie mußten jetzt weiter. Die Drei zauberten sich wieder magische Schilde und schärften die Sinne, dann stürmte sie auf den Gang. Wenige Momente später waren sie von vier Nataskriegern eingekeilt. Glücklicherweise war der Gang so eng daß, die schweren und behäbigen Krieger ihre Stärke nicht so recht ausspielen konnten. Sie hatten kaum zu zweit nebeneinander Platz. Aber trotzdem teilten sie ordentliche Schläge aus und wenn die magischen Schilde nicht gewesen wären, hätten die Drei bald ein unrühmliches Ende gefunden. Kardoc bemerkte, daß die Nataskrieger in diesem Tempel stärker waren, als jene die sie schon aus den Elfengebirge kannten. Oder es waren es waren nur die Waffen von denen eine unangenehme Aura ausging. Plötzlich schepperte es bei Davidudls Rüstung, eine Schulterplatte auf seinem Kettenhemd hatte sich durch die wuchtigen Schläge der Nataskrieger gelöst und hing nur mehr von einem Lederband gehalten herunter. Kardoc rief ihm ermunternd zu: "So, mein Alter. Jetzt wirst du endgültig verschrottet!"

Irgend etwas seltsames ging in Davidudl vor. Sein Blick war starr auf seine beschädigte Rüstung gerichtet. Er reagierte nicht mehr auf die Angriffe der Chaoskrieger und blickte abwechselnd auf Kardoc und dann wieder auf die lose Schulterplatte. Sein magisches Schild hielt die scharfen Schneiden der Schwerter zwar ab, aber dafür wirkten die Hiebe wie Knüppelschläge. Davidudl schien das aber komplett zu ignorieren. Mit einem leicht irrsinnigen Lächeln sagte er: "Jetzt bist du dran, verdammter Zwerg". Er holte aus und schlug auf Kardoc ein. Das magische Schild fing die größte Wucht ab. Kardoc und Anaid schauten sich kurz verwundert an. Während die Nataskrieger gnadenlos weiter kämpften schlug Davidudl immer wieder auf Kardoc ein, während er selbst Prügel bezog. Kardoc konnte sich kaum noch gegen die Nataskrieger wehren und überlegte fieberhaft was jetzt geschehen sollte. Wenn sich Davidudl nicht bald beruhigte waren sie alle verloren. Anaid konnte sich auch nicht mehr richtig auf den Kampf konzentrieren und meinte zu Davidudl deutend: "Das Böse hat ihn übermannt, wir werden hier unten alle sterben."

Kardoc der gerade einen schweren Treffer von Davidudl einstecken mußte meinte sauer: "Den hat nicht das Böse, sondern das Blöde übermannt."

Er sah nur mehr einen Ausweg, Davidudl mußte vorerst ruhig gestellt werden und sprach einen "Aldum Perum" auf den völlig ausgerasteten Kämpfer. Wenige Momente später konnte Davidudl das Schwert kaum noch halten und schlug mit den Fäusten auf Kardoc ein während auf seinem Rücken die Nataskrieger an seinem magischen Schild verzweifelten. Nach einem langen und zähen Kampf hatten Anaid und Kardoc die Chaoskrieger endlich doch niedergerungen. Davidudl war nach wie vor vom Wahnsinn gezeichnet, aber seine Gedanken schienen schon etwas klarer zu werden. Er verhielt sich zumindest nicht mehr aggressiv. Aber für lange Diskussionen war jetzt keinesfalls Zeit. Die eigenartige Situation von vorhin drückte aber auf die Stimmung der Gefährten. Sie liefen weiter, der Kampflärm konnte möglicherweise weitere Krieger angelockt haben. Der Gang führte rund um einen großen viereckigen Raum der etwa in der Mitte der Tempelhalle liegen mußte. Von irgendwo hörten sie Orkgeschrei, wahrscheinlich war ihr Eindringen jetzt bemerkt worden. Sie liefen an einigen vergitterten Zellen vorbei und sahen mit Entsetzen, daß hinter den Gittertüren Dutzende Skelette unruhig auf und ab gingen. Nach einer Biegung des Gangs entdeckten sie die Flugdrachen. Sie waren alle in einer einzigen Zelle zusammengepfercht. Kardoc holte den Schlüsselbund den sie dem Chaoskrieger abgenommen hatten. Einer der Schlüßel paßte tatsächlich. Anaid ging hinein, beruhigte die Tiere und stellte erschrocken fest, daß eines fehlte. Kardoc hatte inzwischen eine große doppelflügelige Tür, die in den Raum unter dem Altar führte aufgesperrt und aufgestoßen. Der fehlende Flugdrache lag gefesselt auf dem gleichen Altar auf dem kurz zuvor noch der todgeweihte Mann gelegen hatte. Der ganze Altar samt zwei Schritt Boden rundherum war ein Aufzug, und das nächste Opfer für die blutrünstigen Nataspriester, die eine Etage höher warteten, sollte anscheinend der Flugdrache sein. Ein Nataskrieger trat aus einer finsteren Ecke und machte sich daran einen Hebel an der Wand zu legen. Kardoc stürmte zu ihm und schlug sofort auf ihn ein. Anaid betrat nun ebenfalls den Raum und lief zu dem gefesselten Flugdrache. Mit wenigen schnellen Schnitten hatte sie die ledernen Fesseln durchtrennt. Der Nataskrieger hatte inzwischen den Hebel gelegt, der Flugdrache konnte aber noch rechtzeitig vom Altar springen. Bevor der Altar das Loch in der Decke schloß, sahen sie noch kurz das verwunderte Gesicht eines blutverschmierten Nataspriesters. Davidudl ging es anscheinend schon etwas besser denn er baute sich vor dem Nataskrieger auf und schlug ohne Gnade auf ihn ein. Der befreite Flugdrache griff den Nataskrieger mit seinen scharfen Krallen an und nach wenigen Momenten schepperte die Rüstung zu Boden.

Jetzt mußte alles sehr schnell gehen, inzwischen war sicher die ganze Besatzung des Tempels alarmiert worden. Neben dem Käfig der Flugdrachen führte eine breite Treppe nach oben und endete vor einem riesigen Tor. Kardoc gab Anaid den Schlüsselbund und sie lief so schnell sie konnte zum Tor. Einer der Schlüssel paßte. Draußen hörte sie schon die Wachen, eilige Schritte und barsche Befehle. Kardoc und Davidudl führten die Drachen leise zur Treppe und sprangen kurz vor dem Tor auf die Rücken ihrer Tiere. Anaid kam ihnen entgegen und saß ebenfalls auf. Sie beugte sich nach vorne und flüsterte ihrem Drachen nur zwei Worte zu: "Raus hier"

Der Drache hatte anscheinend jedes Wort genau verstanden und stürmte gemeinsam zum Tor. Die beiden Torflügel sprangen krachend auseinander, ein paar Orks vor dem Tor wurden von den Drachen einfach überrannt. Nach wenigen Momenten befand sich die ganze Herde in der Luft, ein paar Pfeile der Orks flogen noch hinterher doch sie richteten keinen Schaden mehr an. Das Brüllen und Toben der überrumpelten Wächter wurde immer leiser und bald war das Feuer vor dem Tempel nur noch ein kleiner heller Punkt.

Sie lenkten die ganze Herde geradewegs in Richtung Dracheninsel. Das Meer zog ruhig und silbrig unter ihnen dahin. Die Dracheninsel kam in Sicht und sie hofften, daß der blaue Drache tief und fest schlief. Es war zwar noch Dunkel aber sie kannten inzwischen halbwegs das Gelände der Küste und lenkten die äußerst nervösen Flugdrachen an einen sicheren Landeplatz. Die erschöpften Tiere witterten sicher den blauen Drachen und versteckten sich sofort zwischen den mächtigen steinernen Baumstämmen. Die Drei fanden kurz darauf das Lager der zurückgebliebenen Gefährten. Knepp hatte gerade Wache und schnarchte friedlich. Sie weckten Alle und erzählten von ihrer erfolgreichen Mission. Die Anderen hatten inzwischen die rätselhafte Botschaft Eduardos entschlüsselt. Es handelte sich anscheinend um eine Bilder- Kurzgeschichte über die Drachen. Es mußte vor langer Zeit einen Krieg zwischen den Drachenrassen gegeben haben. Es gab Blaue, Rote, Weiße, Grüne und Bernsteindrachen. Wer mit wem verbündet oder verfeindet war ging aus der Geschichte nicht ganz hervor, aber Eduardos Botschaft enthielt eindeutig den Hinweis die Bernsteindrachen zu aufzusuchen. Nun hatten sie wenigstens ein Ziel vor Augen!

Sie beschlossen den Rest der Nacht noch auszuruhen und teilten Wachen ein. Von Davidudls seltsamen Anfall wurde weder von Anaid noch Kardoc etwas erwähnten, denn er schien inzwischen wieder völlig normal zu sein. Insgeheim beschloß Kardoc aber trotzdem ab jetzt immer ein Fläschchen Lebenstrank in Reserve zu halten; - für alle Fälle!

Zeitig am Morgen machten sie sich auf den Weg und folgten dem verschlungenen Weg zwischen den Steinbäumen. Die Flugdrachen führte jeder an den Zügeln. Es roch direkt nach Gefahr. Bei manchen regten sich leise Zweifel ob es wirklich eine gute Idee war auf die Insel zu kommen, wenn da irgendwo ein blauer Drache lauerte könnte er sie alle mit einem Feuerstoß rösten. Vorsichtig und leise gingen sie weiter. Plötzlich standen sie tatsächlich vor einem Drachen. Er stand auf seinen Hinterbeinen, hinter einer dichten Steinbaumgruppe, und blickte von oben auf sie herab. Er war bei weitem nicht so groß wie ein blauer Drache. Seine Schuppen waren schneeweiß und er öffnete sein Maul. Statt des erwarteten Feuerstoßes sprach in akzentfreier Umgangssprache: "Was führt euch Zweibeiner hierher? Eure Anwesenheit ist äußerst ungewöhnlich auf dieser Insel!"

Nachdem er sich vorgestellt hatte wurde er sofort von den Zweibeinern bedrängt einen Weg zum Bernsteindrachen zu zeigen. Der weiße Drache blickte sorgenvoll auf den Pfad der sich zwischen den steinernen Bäumen schlängelte und sagte: "Der Weg ist schon der Richtige aber,... es führt leider kein Weg an - Ihm - vorbei!"

Jeder wußte, daß der blaue Drache gemeint war. Einige der Gefährten hatten schon Erfahrung mit blauen Drachen gesammelt und wollten lieber nicht versuchen ob sie noch einmal solches Glück hätten. Sie versuchten den weißen Drachen zu überreden ob er nicht bei der roten Drachendame auf der Lichtung intervenieren könnte. Einen roten Drachen beim Kampf auf der Seite zu haben konnte recht hilfreich sein. Der weiße Drache mußte sie aber enttäuschen, es war unmöglich einen brütenden Drachen von seinem Ei wegzubekommen. Aber er bot dafür seine Hilfe beim Kampf an und sagte zuversichtlich: "Ihr werdet schon sehen, sie wird kommen wenn sich das Blatt zugunsten des blauen Drachen wendet."

Und etwas Gedankenverloren fügte er hinzu: "Sie sind immer gekommen!"

Die Gefährten überlegten nicht lange. Wenigstens brauchten sie nicht mehr alleine gegen das fürchterliche Untier antreten. Sie schlichen zwischen den Bäumen weiter und gelangten bald zu einer großen Lichtung. Auf der gegenüberliegenden Seite, am Fuß eines hohen Bergmassives sahen sie eine kleine Holztür und daneben lag ein gewaltiger blauer Drache. Ibraha wollte es mit magischen Eisbällen versuchen, die anderen sollten ihn unterdessen ablenken und verwirren. Nachdem jeder, auch der weiße Drache einen magischen Schild erhalten hatten, rannten alle bis auf Ibraha in verschiedene Richtungen über die Lichtung. Der blaue Drache ließ sich tatsächlich verwirren. Er konnte sich nicht so recht entscheiden wenn er mit seinen Flammen beglücken sollte und blies ein paar ungefährliche Feuerstöße über die Lichtung. Ibraha und der weiße Drache deckten ihn während dessen mit magischen Eisbällen ein. Aber es schien nur eine Frage der Zeit zu sein bis sich der blaue Drache zu einem gezielten Angriff entschlossen hatte. Den magischen Eisbällen konnte er anscheinend noch lange standhalten. Gerade als er sich erhoben hatte und seine Kraft auf ein bestimmtes Ziel konzentrieren wollte erfüllte ein gewaltiges Rauschen die Luft. Ehe der Blaue reagieren konnte landete ein roter Drache und verwandelte die halbe Lichtung in ein Flammenmeer. Der rote Drache war zwar um einiges kleiner als der Blaue, aber eindeutig der wahre Herr des Feuers. Pausenlos schossen riesige Flammenbündel aus seinem Maul die verheerenden Schaden anrichteten. Es stank nach verbranntem Fleisch. Das Kampfglück schien sich zu wenden, von vorne schossen unablässig magische Eisbälle auf den Kopf des Drachen und in seiner Flanke wütete der Feuerdrache. Die Zweibeiner brachten sich nach und nach vor dem Inferno in Sicherheit, nur Kardoc war von dem Anblick so überwältigt, daß er in einem Anfall von Größenwahn in Richtung des Feuerdrachen lief um ihm unnötigerweise magischen Rüstungsschutz zu verpassen. Noch bevor der Zwerg aber sein Ziel erreichte landete ein weiterer Drache auf der inzwischen etwas überfüllten Lichtung. Ein grüner Drache griff ins Geschehen ein. Kardoc wurde nun doch etwas nachdenklich, die Situation erschien ihm plötzlich irgendwie übermächtig. Er war eingekreist von kämpfenden und tobenden Drachen von denen der kleinste noch immer acht mal so groß war wie er. Der Zwerg war stehengeblieben und hatte mit einem mal heftiges Magendrücken. Noch bevor er irgend etwas überlegen konnte, ließ der grüne Drache einen Schwall Säure auf ihn nieder. Kardoc war wie versteinert, er hatte ihn einen kurzen Moment gesehen, - den Sensenmann. Sein magische Schild verhinderte den größten Schaden, aber ein Teil der Säure war bereits durchgedrungen und verätzte die Rüstung. Die Drachenschuppen hielten zwar stand aber die Metallteile dampften bereits leicht, - einige häßliche Löcher würden sicher zurückbleiben. Wer nun behauptete Zwerge hätten kurze Beine und könnten nicht schnell Laufen wurde eines besseren belehrt. In wahnwitzigen Tempo und mit rauchender Rüstung lief Kardoc über das Schlachtfeld zum rettenden Wald. Mit einem Hechtsprung verschwand er hinter seinen Gefährten zwischen den steinernen Bäumen. Der Rest der Zweibeiner wich ebenfalls etwas hinter die Bäume zurück. In diesem Kampfgetümmel auf der Lichtung währen sie wahrscheinlich unbemerkt zertrampelt worden. Der blaue Drache versuchte den Roten gegen die Felsen zu drücken und mit seinem Feuer auf den Kopf des Roten die Orientierung zu nehmen. Währenddessen bekämpften sich der Weiße und der Grüne Drache am anderen Ende der Lichtung. Dieser Kampf wendete sich bald zugunsten des Grünen Drachen. Er war um einiges stärker als der Weiße und die Säure machte dem kleineren Drachen schwer zu schaffen. Ibraha, Anaid und Kardoc griffen mit Eisbällen und magischen Blitzen in diesen ungleichen Kampf ein. Die Zaubersprüche verfehlten ihre Wirkung nicht und nach kurzer Zeit hatte sich das Blatt gewendet, der Weiße Drache hatte wieder die Oberhand gewonnen. Ibraha wendete sich mit ihren Eisbällen wieder dem blauen Drachen zu, der bereits schwere Wunden von den Krallen des roten Drachen davongetragen hatte. Als sich das Ende des blauen Drachen abzeichnete wurden jene Helden, die nicht mit dem grünen Drachen beschäftigt waren, plötzlich sehr mutig. Andrus, Knepp und Knapp stürmten mit gezückten Waffen vorwärts und schlugen, völlig nutzlos und ohne bemerkenswerten Schaden anzurichten, auf den bereits verendenden blauen Drachen ein. Sie waren einstimmig der Meinung nun als Drachentöter zu gelten, also quasi als legendäre Helden in die Geschichte eingehen würden. Der zweite Kampf, mit dem grüne Drachen nahm ein glücklicheres Ende. Der Grüne stellte seine Angriffe ein und ergab sich. Die beiden Drachen wechselten einige Worte in einer für die Zweibeiner unverständlichen Sprache und kurz darauf flog der Grüne davon. Der weiße Drache blickte ihm nach und meinte dann: "Er hatte eine alte Schuld bei dem Blauen zu begleichen, doch nun ist er frei! Die Schuld ist für immer getilgt!"

Kurz darauf flog auch der rote Drache von der Lichtung. Er wechselte vorher nur einen kurzen Blick mit dem Weißen und verständigte sich anscheinend Wortlos mit ihm. Der weiße Drache ging, gefolgt von den Zweibeinern, zum Kadaver des blauen Drachen. Er wirkte irgendwie bedrückt und meinte: "Die roten Drachen sind den Zweibeinern immer wohl gesonnen gewesen, aber sie sprechen nicht mit Euch da sie meinen ihr seid der Anlaß für den großen Krieg der Drachen. Ich weiß nicht ob es so ist, wahrscheinlich gibt es mehrere Gründe für diesen Krieg der schließlich zu Untergang der Drachen geführt hatte. Aber die Bernsteindrachen können euch diese Geschichet sicher besser erklären!"

Er deutete auf die Holztür in der Bergwand und gab einen seltsamen Laut von sich. Wenig später hatten sich die Flugdrachen der Gefährten um ihn geschart. Sie schienen ihm vollständig zu vertrauen. Er versprach inzwischen auf die Drachen acht zu geben und sie an einem sicheren Ort in der Nähe des Landungssteges zu verbergen. Nachdem sich die Gefährten sich dankend verabschiedet hatten, traten sie durch die unversperrte Tür ins Innere des Berges. Nach etwa zwanzig Schritten mündete der Mannshohe Gang in einen sehr viel größeren Quergang. Von der Rechte Seite stank es eigenartig und nach wenigen Schritten wußten sie auch woher! An der Decke hingen unzählige Fledermäuse und am Boden klebte knöcheltief Fledermauskacke. Die andere Seite des Ganges roch zwar bedeutend besser aber dafür sah die Decke verdächtig lose aus. Andrus, Knepp und Knapp wählten aus Profilierungsgründen die Fledermauskacke. Die Anderen untersuchen inzwischen den einsturzgefährdeten Gang. Andrus und die beiden Zwerge stiegen todesverachtend in die weiche Masse. Durch die Feuchtigkeit in der Höhle hielten sich die Fledermausexkremente erstaunlich frisch. Andrus wagte seine Blicke nicht zu Boden zu senken und folgte mit dem Gedanken an neue Stiefel dem Licht der Fackeln welche die Zwergen vor ihm trugen. Nach etwa fünfzig Schritten hatten sie wieder festen Boden unter den Füßen und vor ihnen schimmerte eine Wasseroberfläche. Die Höhle wurde hier etwas breiter und in der Mitte hatte sich ein kleiner See gebildet. Er schien nicht allzu tief zu sein, denn in der Mitte des Sees sahen sie irgend etwas metallisches am Grund schimmern. Nach dem See wurde die Höhle wieder etwas enger und endete schließlich in einer nahezu runden, hohen Kammer. Aus einer Ecke erhob sich plötzlich ein Skelett in halbvermoderten Gewand, daß sich offensichtlich in seiner letzten Ruhe gestört fühlte. Die Drei hatten das Skelett nach wenigen Momenten überwältigt und stiegen über die verstreuten Knochen zum Rückwärtigen Teil der Höhle. Sie fanden nur die wenigen und völlig unbrauchbaren Habseligkeiten des Skelettes. Wahrscheinlich irgend ein ehemaliger Abenteurer der hier vor langer Zeit ums Leben gekommen war. Sonst ließ sich in der Höhle nichts entdecken und sie machten sich auf den Rückweg. Bei dem kleinen See stürzte sich Knepp geradezu heldenhaft in die hüfttiefen Fluten um den Gegenstand aus der Mitte zu bergen. Er ging vorsichtig bis zu der Stelle und tauchte ohne lang zu zögern unter. Die Füße des Zwerges strampelten kurze Zeit in der Luft, er ruderte wie wahnsinnig mit den Händen um den Gegenstand möglichst rasch zu erwischen. Endlich bekam er das Ding zu fassen und fuhr mit einem gurgelnden Aufschrei mit dem Kopf wieder aus dem Wasser. Nicht weil der Gegenstand so schrecklich war sondern weil er seiner zwergische Abneigung gegen Wasser nicht länger unterdrücken konnte und so schnell wie möglich aus dem See wollte. Wenige Momente später stand er triefend naß am Ufer und untersuchte gemeinsam mit Anderen seinen Fund. Es war eine kleine metallene Schatulle. Sie hatte kein Schloß, aber nachdem die kundigen Finger der Zwerge die Schatulle abgetastet hatten fanden sie einen versteckten Knopf mit dem sich der Deckel öffnen ließ. Ein kleiner, eigenartiger Anhänger aus Eisen lag einsam und verlassen in der Schatulle. Knepp untersuchte ihn näher und stellte fest, daß er nicht einmal besonders Wertvoll war. Nur die meisterhafte Arbeit war auffällig. Auf einem unbekanntem Symbol war ein gehörnte Schädel eines Dämons aufgenietet. Der Schädel sah ziemlich lebensecht und irgendwie bedrohlich aus. Knepp hängte sich seine Beute um den Hals und folgte den anderen Beiden, die das Interesse an dem Fund bereits verloren hatten und sich auf den Rückweg gemacht hatten. Der Rest der Truppe war noch nicht weit gekommen und Andrus und die Zwerge hatten sie bald eingeholt. Nachdem Knapp, Knepp und Andrus von den Heerscharen untoter Krieger erzählt hatten, von denen sie schlußendlich das wertvolle Amulett erbeuteten, machten sich Alle gemeinsam weiter auf den Weg. Irgendwie machte die Geschichte mit den vielen Untoten bei den Anderen nicht den gewünschten Eindruck.

Dieser Teil der Höhle war weitaus gefährlicher. Bei jedem Schritt lösten sich Gesteinsbrocken und je weiter sie in den Gang vordrangen desto gefährlicher wurde jeder Schritt. Schließlich stolperte einer und krachte Gegen die Höhlenwand worauf knapp vor ihnen ein großer Teil der Decke herabstürzte. Anaid ging voran und konnte sich mit einem Sprung rückwärts gerade noch in Sicherheit bringen. Nachdem sich der Staub etwas gelegt hatte kletterten sie auf den Geröllhaufen und versuchten oben eine Lücke zu Graben. Wenn sie Glück hatten war der Einsturz nicht zu groß und der Gang dahinter noch zu betreten. Davidudl räumte einige große Brocken weg und hatte tatsächlich bald einen schmalen Durchschlupf geschaffen. Dahinter war der Gang unversehrt. Drüben angekommen gingen Sie vorsichtig weiter. Ein zweiter Einsturz blieb ihnen erspart und sie erreichten einen sichereren Teil der Höhle. Nach einer Biegung endete der Gang abrupt an einer senkrechten Felswand. Auf der Seite befand sich ein Loch durch das Knapp gerade noch hindurch paßte. Eine steinerne Rutsche führte ziemlich steil nach unten in die Finsternis. Der Boden der Rutsche war völlig blank poliert. Früher wurde hier anscheinend oftmals etwas in die Tiefe befördert. Da dies anscheinend der einzige Weg war der weiterführte beschlossen sie den Abstieg zu wagen. Davidudl stieg als erster mit den Füßen voran in das Loch und stützte sich mit den Händen seitlich ab. Einer nach dem Anderen stieg in das Loch und versuchte sich so gut es ging mit Händen und Füßen an den rauhen Wänden zu halten. Die Rutsche führte gerade nach unten und war nicht all zu lang. Davidudl erreichte bald wieder sicheren Boden. Wieder erwarten landeten alle wohlbehalten am Ende der Rutsche. Sie befanden sich in einem runden hohen Raum aus dem ein schmaler Gang weiterführte. Was hier einmal herunter gerutscht war ließ sich nicht feststellen, der Raum war vollständig leer. Der schmale Gang endete nach wenigen Schritten in einem gigantischen Kamin im Berg. Ein kleines Plateau, auf dem alle Gefährten gerade noch Platz hatten, ragte etwa zwei Schritt in den kreisrunden Kamin hinein. Das magische Licht erhellte noch ganz schwach die gegenüberliegende Felswand. Oben und Unten verlor sich alles in der Dunkelheit. Andrus warf einen Stein über den Rand des Plateaus und alle lauschten angestrengt. Es war jedoch nichts zu hören, das Loch im Berg mußte bodenlos sein. Ibraha entzündete eine Fackel und schmiß sie ebenfalls in die Tiefe. Das flackernde Licht wurde immer kleiner und kleiner und verschwand schließlich ganz. Sie waren anscheinend in eine Sackgasse geraten. Kardoc hatte aber, als die Fackel in hinunter stürzte, etwa zwanzig Schritt unter ihnen war, seitlich eine Höhle gesehen. Er meinte mit zwei, drei Seillängen müßte es möglich sein die Höhle zu erreichen. Kurz darauf baumelte er auch schon an am Seil und wurde von den Anderen hin und her geschwungen. Kardoc hatte einen Lichtspruch gezaubert und seine Umgebung glühte blaß. Er hatte etwas von einem Leuchtkäfer der dort unten herumschwirrte. Nachdem er einige Male gegen den Berg gescheppert war, fand er schließlich am Rand des Einstieges Halt und zog sich an einem vorspringenden Felsen ins Innere der Höhle. Der Gang führte eben und gerade weiter in den Berg hinein, anscheinend waren das der richtige Weg. Er befestigte das Seil an einem Felsvorsprung und rief nach Oben, daß hier alles in Ordnung war. Oben schlang Knepp das Seil um einen großen Felsbrocken und Einer nach dem Andern ließ in die Höhle hinab gleiten.

Im Schein des magischen Lichts drangen sie weiter vorwärts. Der Gang schien künstlich geschaffen worden zu sein. Die Felswände waren zwar nur grob behauen aber das Gestein war hier wenigstens fest. Nach einigen Windungen führte der Weg etwas nach Oben und teilte sich. Links endete der Gang in einer großen, langgestreckte Höhle an deren Ende etwas metallisches am Boden schimmerte. Die Decke der Höhle stand allerdings anscheinend kurz vor dem Einsturz. Schon die kleinsten Geräusche lösten Staub aus dem zerklüfteten Gestein. Davidudl starrte angestrengt in das Halbdunkel und meinte: "Da drüben liegt ein Schwert! Das muß ich haben!"

Es war zwar nicht genau zu sehen was dort drüben lag, aber der Krieger war bereits fest entschlossen in die Höhle zu gehen. Er schlich tatsächlich nahezu lautlos vorwärts und erreichte unbeschadet das Ende der Höhle. Vorsichtig bückte er sich und löste ein Schwert aus einer Skeletthand die aus einem Steinhaufen ragte. Das metallische Schimmern stammte von einigen, wenigen blanken Stellen auf dem Metall. Der Großteil des Schwerts war weggerostet. Davidudl ging zurück und war enttäuscht und dadurch etwas unvorsichtig. Wenige Schritte vor dem Ausgang trat er einmal etwas zu fest auf und einen Augenblick später prasselte ein mittlerer Steinhagel auf ihn nieder. Die Rüstung bewahrte ihn allerdings vor gröberen Verletzungen. Die Anderen bewunderten seine Beute und Jemand fragte: "Willst du es gleich wegwerfen oder erst später?"

Aus Protest hing sich Davidudl das unbrauchbare Stück Eisen demonstrativ an seine Waffengürtel und ging zielstrebig die andere Abzweigung weiter. Der Gang führte nun in vielen Windungen stetig aufwärts. Sie wußten schon längst nicht mehr in welchem Teil des Berges sie sich befanden und hofften, daß dieser dunkle Gang endlich einmal ein Ende hatte. Statt einem Ende erreichten sie aber eine weiter Abzweigung. Von der linken Seite war leichte Zugluft zu spüren. Einer nach dem Anderen drängte in die schmale Felsspalte. Nach wenigen Schritten traten sie durch ein mannshohes Loch aus dem Berg. Es war bereits später Nachmittag und die Berge warfen lange Schatten auf das dunkle Meer. Sie befanden sich irgendwo im oberen Teil, am Rande des zerklüfteten Bergmassivs der Dracheninsel. Das kleine Plateau, auf dem sie standen, sah fast wie ein Landeplatz für Drachen aus. Allerdings nur für kleine Drachen. Knapp wagte einen Blick über den Rand der steinernen Plattform. An einen Abstieg von hier war nicht zu denken, die schroffen Felsen hätten den sicheren Tod bedeutet. Dieser Eingang in den Berg schien tatsächlich nur aus der Luft erreichbar zu sein. Sie gingen wieder zurück in den Berg und nahmen die andere Abzweigung, die weiter in vielen Windungen aufwärts führte. Es schien ihnen als müßten sie schon längst über die höchsten Spitzen des Berge sein, als sie einen kleinen Ausstieg an der Wand des Ganges entdeckten. Eine grob in den Stein gehauene Treppe wand sich steil nach Oben und endete auf einer kleinen Plattform, auf einem der höchsten Spitzen des Gebirges. Es war bereits Nacht geworden. Der Himmel war sternklar und das Meer leuchtete in weiter Entfernung silbrig zwischen den Gipfeln. Man hatte einen wunderbaren Ausblick, das war aber auch schon alles. Anscheinend ein weiterer Landeplatz für die Drachen. Im Inneren des Berges führte der verschlungene Pfad weiter bergauf und bergab. Nach einem langem Marsch endete der Weg schließlich an einem reißenden kleinen Fluß der sein Bett durch den Berg gegraben hatte. Irgendwo oberhalb, zwischen den hohen Gipfeln, mußte ein gewaltiger Bergsee liegen oder das Wasser wurde auf magische Weise gespeist. Auf der anderen Seite des unterirdischen Flusses ging der Gang weiter. Zum drüber springen war der Fluß allerdings zu breit und zum durchwaten zu reißend. Nun war dringend ein Einfall erforderlich um diese Hindernis zu überwinden. Außer einigen dümmlichen Einfällen kam aber nichts brauchbares heraus. Die Abenteurer waren schon etwas müde, und wollten den Fluß eigentlich gar nicht mehr überqueren. Zum Rasten war der Gang aber auch nicht besonders geeignet, außerdem ging es um Eduardos Leben und es wußte noch keiner wie diese Bergwanderung Eduardo helfen sollte! Während sich die Gefährten weiter die Köpfe zermarterten, begann Kardoc plötzlich mit seinem Schmiedehammer auf einem großen Nagel, von denen er etwa ein Dutzend schon lange mit sich herumschleppte, herumzuschmieden. Nach kurzem zeigte er den Anderen sein Werk. Er hatte ein Ende als offene Öse zusammengebogen, in die man ein Seil legen konnte und das andere Ende Spitz zugeschmiedet. Mit etwa zehn dieser Kletterhacken wollte er das andere Ufer erreichen indem er einem nach den Anderen in die Decke schlug und ein Seil in die Hacken legte. Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall und der Zwerg schmiedete einen Nagel nach dem Anderen zu einem Kletterhacken um. Nachdem er fertig war band er sich zwei Seile um den Bauch und wurde von Andrus und Davidudl an die Decke gehoben. Kardoc trieb den ersten Hacken mit mehreren wuchtigen Hammerschlägen in einen Riß in die Höhlendecke. Danach legte er ein Seil in den Hacken. Es funktionierte ausgezeichnet! Kardoc baumelte, von Andrus und Davidudl gehalten an der Decke, streckte sich so weit als möglich nach vorne und schlug den nächsten Hacken in die Decke. Nachdem auch der zweite Hacken fest im Felsen steckte legte er das zweite Seil hinein und am Ufer zogen Andus und Davidudl an diesem Seil. Kardoc hing nun ein Stück weiter vorne, bereits über dem Wasser. Diese Prozedur wiederholte sich viermal. Seine Gefährten blickten erwartungsvoll auf den Zwerg der bei jedem Hammerschlag wild an der Decke hin und her baumelte. Es wäre zu schön gewesen den Zwerg ins Wasser plumpsen zu sehen. Und sie wurden nicht enttäuscht. Beim fünften Hacken löste sich durch die Wucht der Schläge der vierte Hacken, an dem Kardoc hing und er fiel mit einem erstickten Aufschrei ins Wasser. Da er am Seil hing tauchte er aber gleich wieder auf und schlug mit seinem Hammer panisch auf das Wasser ein. Nicht genug damit, daß er bis auf die Knochen naß war, konnte er sich auch noch das dämliche Gelächter seiner Gefährten anhören als sie ihn herauszogen. Den Vorschlag, daß ein Geschickterer aus der Gruppe diese Aufgabe übernehmen sollte, ignorierte er einfach und ließ sich wieder am ersten Hacken hochziehen. Nachdem er einige Male über die Decke gekrochen war, die restlichen Hacken in die Decke schlug und dabei mehrmals unter Applaus und Jubelrufen der Zuschauer ins Wasser gefallen war, hatte er endlich das andere Ufer erreicht. Die Anderen standen kurz danach neben ihm am Ufer. Selbst Knapp hatte es irgendwie geschafft trocken hinüber zu kommen.

Nach diesem Hindernis führte der Gang in noch engeren Windungen weiter nach oben. Es dauerte jedoch nicht mehr lange und sie hatten ihr Ziel erreicht. Der schmale Gang endete in einer geräumigen Höhle von etwa zwanzig Schritt Durchmesser. Die Gefährten drängten sich staunend am Eingang und Einigen stand der Mund ziemlich weit offen. Der ganze Raum schien aus sich selbst heraus in Gold und Brauntönen zu schimmern. Die Wände waren von langen leuchtenden Bernsteineinschlüssen durchzogen. Der Fels war glatt poliert und mit fremdartigen Motiven verziert. Es war kein einziges Einrichtungsstück zu entdecken, nur einige Nischen im Fels, die aber alle leer waren. Vier breite, geschwungene Stufen führten in den hinteren Bereich der Höhle. Und dort saßen, auf einer verziertem, steinernen Bank, zwei menschengroße Drachen. Von solche Drachen hatten sie bis jetzt nur andeutungsweise in Geschichten gehört. Sie hatten hellbraune bis goldockerfärbige Schuppen. Ihre Flügel wirkten fast durchsichtig und die Knochen zwischen den Flughäuten waren äußerst zart und zerbrechlich. Der ganze Körperbau war schlank und anmutig. Wenn sie sich nicht bewegt hätten, konnte man meinen ein Kunstschmied hatte hier einst ein meisterliches Werk in Bernstein und Gold vollbracht. Die Köpfe der Bernsteindrachen drehten sich hin und wieder wenn sie, wie Vögel, die Zweibeiner mal mit einem dann mit dem anderen Auge beobachteten, als diese die Treppe langsam heraufstiegen. Es war eine ergreifende Szene als die Zweibeiner langsam, zögernd und mehr oder weniger ehrfürchtig den Drachen gegenübertraten. Diese kleine Gruppe von Abenteurern hatte tatsächlich geschafft was zuvor noch niemand zu denken gewagt hatte. Sie hatten die längst vergessenen und nur mehr in Fabeln existierenden Bernsteindrachen gefunden. Da die Drachen durch und durch magisch waren gab es auch keine Verständigungsprobleme. Die Zweibeiner hielten vor den Bernsteindrachen an, tuschelten leise und deuteten ungläubig auf die wunderschönen Wesen. Einer der Drachen beugte sich etwas vor und begann zu sprechen: "Ess freut mich, daß ihr biss zu unss gefunden habt!"

Die Stimme war melodisch und äußerst dünn. Die "s" am Ende eines Wortes betonte der Bernsteindrache immer besonders. Der andere Drache sprach nun ebenfalls. Seine Stimme war ein wenig kräftiger aber genau so melodisch: "Ess ist nun schon, selbst für unss Drachen, sehr lange her, daß wir mit euch Zweibeinern Kontakt hatten!"

Kardoc stellte die unnötige Frage: "Ihr, ... ihr seid die Bernsteindrachen?"

Die Drachen nickten beide und dabei zogen sich ihre Mundwinkel etwas in die Höhe, so als ob sie lächeln würden. Nun begannen auch die Anderen, wie üblich wild durcheinander, zu fragen: wie kommt ihr hierher? was macht ihr hier?... Die Drachen warteten bis sich die Zweibeiner wieder etwas beruhigt hatten und jener mit der kräftigeren Stimme erzählten ihnen dann die Geschichte der Drachen. Die Beiden waren die letzten Überlebenden ihrer Rasse und lebten hier seit dem Ende des Drachenkrieges. Lange vor der Zeit der Zweibeinern lebten die Drachen in Frieden miteinander, sie beherrschten und beschützten die ganze Erdscheibe. Jede Drachenrasse hatte ihre Aufgabe und befolgte die ungeschriebenen Gesetze der Welt. Die Bernsteindrachen sammelte das Wissen der Welt. Sie zogen zu hunderten in alle Teile der Welt und trafen sich von Zeit zu Zeit an bestimmten Punkten um ihr Wissen den Anderen zu vermitteln. Die Bernsteindrachen waren auch die Behüter der Magie. Die Zaubersprüche der kleinen Wesen waren mindestens genau so gewaltig wie die Kraft der roten Drachen. Irgendwann, kurz vor dem Erstarken der Zweibeiner, begann der Drachenkrieg. Einige Rassen, vor allem die blauen Drachen, fühlten sich seit langem benachteiligt in der Machtverteilung der Welt. Der lange angestaute Unmut schlug in Haß um und damit begann ein langer Krieg über die Welt zu wüten, der den meisten Drachen das Leben kostete. Es gab zwar überlebende jeder Rasse aber die Herrschaft der Drachen war zu Ende. Viele der blauen und grünen Drachen paßten sich den neuen Lebensbedingungen an und entwickelten sich dabei allerdings zu Tieren zurück. Sie verloren das Wissen und das Bewußtsein der Drachen. Die anderen Rassen verbargen sich in entlegenen und unzugänglichen Teilen der Welt um dort auf die Rückkehr der

Drachenherrschaft zu warten. Der zweite Drache, mit der helleren Stimme, sagte: "Es ist allerdings fraglich ob die Drachen je wieder herrschen können. Die Welt hat sich inzwischen sehr verändert."

Dieser Drache war offenbar eine Drachin, denn sie erhob sich etwas und deutete mit ihrem spitzen, hornigem Schnabel auf ein faustgroßes Ei unter ihr: "Wenn es eines Tages so weit sein sollte wird ein junger Drache schlüpfen und er wird unser ganzes Wissen haben. Das Wissen aller Bernsteindrachen!"

Während der andere Drache nun die Geschichte der Drachen weitererzählte und teilweise schon sehr philosophischen Fragen nachging, wurden einige Abenteurer bereits etwas unkonzentriert. Bei solch schicksalsschwangeren und weltumspannenden Themen setzte bei den Meisten schon nach kurzer Zeit Müdigkeit und Langeweile ein. Plötzlich fiel irgend jemanden ein warum sie eigentlich hierher gekommen waren. Eduardo hatte sie hierher geleitet! Die beiden Bernsteindrachen sollten eigentlich irgend etwas von ihm wissen. Anaid unterbrach mit einem vorsichtigem Räuspern den Vortrag des Drachen: "Ähem, ... Wir sind auf der Suche nach einem Magier und es gibt Hinweise, daß ihr etwas von ihm wißt!?

Sie wußten tatsächlich etwas von Eduardo und versicherten den Zweibeinern, daß er nicht wirklich tot war. Er hatte, als er die Schicksalskarten aufdeckte, gegen einen übermächtigen Dämon angekämpft und den Kampf verloren. Der Dämon hatte von seinem Körper Besitz ergriffen. Er konnte Eduardo aber nicht töten, sonst hatte er sich selbst dem Untergang geweiht. Er hatte den Körper von Eduardo übernommen und war gleichzeitig in ihm gefangen. Eduardos Geist hatte den aussichtslosen Kampf aufgegeben und sich gegen den Dämon völlig abgekapselt. Eduardo wurde zum körperlosen Geist der ziellos und hilfesuchend in einer anderen Weltenebene herumirrte. Irgendwann traf Eduardos Geist auf die Bernsteindrachen und diese konnten ihm tatsächlich helfen. Sie wußten wie der Dämon wieder zu bannen war. Doch waren die Bernsteindrachen dazu nicht allein in der Lage, deshalb trat Eduardo mit Hilfe der Drachen in Ibrahas Bewußtsein weil er wußte, daß nur seine Gefährten dieses wahnwitzige Abenteuer bestreiten würden; wer hätte wohl sonst für ihn gegen einen blauen Drachen gekämpft. Das Amulett aus dem Bergsee, daß Knepp geborgen hatte, war der Schlüssel zur Befreiung Eduardos. Der Dämon war irgendwann aus dem Amulett, seinem Gefängnis, entkommen aber weiterhin ein hilfloser Geist gewesen; bis zu dem Tag als Eduardo die magischen Schicksalskarten aufdeckte und sich dem Dämon auslieferte. Mit Hilfe des Amulettes und einer leichten Beschwörungsformel, von einem Zauberkundigen gesprochen, konnte Eduardo gerettet werden.

Kardoc blickte nachdenklich auf die beiden Drachen und fragte wo sich Eduardos Geist momentan eigentlich befinde. Es erschien ihm irgendwie logisch, daß man Körper und Geist von Eduardo bei der Beschwörung im selben Raum haben sollte. Die Bernsteindrachen bestätigten Kardocs Schlußfolgerungen: "Euer Freund ist wohlauf und hier mitten unter unss!"

Nach diesen Worten sahen sich Alle in der Höhle um, begleitet von verwirrten Was?, Wo?, Hier?, Fragen. Und nun folgte eins der größten Mißverständnisse in der Geschichte Mystias. In wenigen Momenten wurde das Ansehen und die geistige Zurechnungsfähigkeit aller Zweibeiner gegenüber den Bernsteindrachen bis in die Grundfesten erschüttert. Die Bernsteindrachin blickten bedeutungsvoll auf ihr Ei und hob es vorsichtig mit ihren kleinen Krallenhänden, am Ende ihrer Schwingen, in die Höhe. Sie streckte es den Abenteurern hin sagte: "Er ist hier drinnen, in Sicherheit!"

Es folgte ergriffenes, ratloses Schweigen.

Plötzlich stellte irgendein Flachgeist die Frage: "Und wann wird er ausgebrütet?"

Die Bernsteindrachen waren sprachlos und der Drachendame klappte das Unterkiefer herunter. Es war eine hochspirituelle Angelegenheit. Die Drachen konnten sich in geistigen Sphären bewegen von denen die Zweibeiner nicht einmal wußten, daß es sie gab. Dort waren sie auf Eduardo getroffen und hatten ihm gestattet sich in ihrem Ei, das gegen alle geistigen Angriffe geschützt war, zu verbergen. Der Geist Eduardos benutzte die schützende Schale des Eis um zu überleben. Womit die Bernsteindrachen nicht gerechnet hatten war die etwas schlichte Denkweise der Zweibeiner. Diese stellten sich die ganze Angelegenheit nämlich etwas einfacher vor als sie in Wirklichkeit war. Bei den Zweibeinern wurde das Bild der zukünftigen Eduardo jedenfalls immer klarer: Ein winziger, nackter, vogelähnlicher Eduardo der in Kürze mit seiner Hackennase die Eischale durchpickten würde und jämmerlich krächzend, oder was Drachenbabys halt so machen, herumtapste. Der nun folgende Tumult und das Gelächter waren unbeschreiblich. Vor den Augen der fassungslosen Drachen wälzten sich die Abenteurer vor Lachen am Boden, kugelten die Treppe hinunter, äfften beim Heraufgehen einen frischgeschlüpften Eduardo mit Stummelflügel nach und führten sich kurz gesagt auf wie Vollidioten. Die Bernsteindrachen blickten sich verunsichert an. Sie beobachteten den ganzen Aufruhr und hatten keine Ahnung wie sie die Lage wieder beruhigen konnten. Das ganze war ihnen außerdem wegen Siro Eduardo, der ständig in geistigen Kontakt mit ihnen stand, sehr peinlich. Er verdankte den beiden sein Leben und hatte in den wenigen Tagen im Ei mehr über die Drachen erfahren als jeder andere Zweibeiner auf dieser Welt. Und er genierte sich nun zutiefst für das entwürdigende Verhalten seiner Freunde. Dieses einzigartige Zusammentreffen von Drache und Zweibeiner uferte in eine Lachorgie aus und er konnte absolut nichts dagegen unternehmen. In seinem ganzen Leben war er noch nicht so derartig blamiert worden! Er konnte das Vertrauen der Bernsteindrachen unmöglich weiter strapazieren. Eigentlich war geplant gewesen das Drachenei unter der Obhut der Gefährten nach Brilante, zu dem dort aufgebahrtem Körper Eduardos, zu bringen. Der alte Meister Moram war ohne weiteres in der Lage das Ritual durchzuführen und den Dämon wieder zu bannen. Edoardo ersann in aller Eile einen neuen Plan. Das Ei durfte hier keinesfalls raus und auf gar keinen Fall in die Hände der Gefährten geraten, am Ende kam einer dieser Schwachköpfe noch auf die Idee das Ei zu braten. Mit übermenschlicher Willensanstrengung und Hilfe der Bernsteindrachen gelang es ihm sich aus dem Ei zu lösen und in Ibrahas Kopf festzusetzen. Ibraha spürte plötzlich einen leichte Druck und wußte einige Momente später, daß Eduardo jetzt nicht mehr im Ei war. Die Bernsteindrachen versicherten ihr, daß Eduardo für einige Zeit in Sicherheit war und den Weg nach Brilante schadlos überstehen würde, - solange Ibraha nichts geschah. Langsam beruhigten sich die Versammlung wieder und wurde wieder etwas ernster. Nachdem auch der Letzte seine Gesichtsmuskeln wieder halbwegs unter Kontrolle hatte, ließen sie sich auf den Stufen nieder und erzählten vom Kampf gegen den blauen Drachen. Die Drachin meinte, daß es irgendwann zu diesem Kampf kommen mußte. Die blauen und roten Drachen waren seit dem Drachenkrieg die erbitterten Feinde gewesen. Die beide waren es aber irgendwann leid ständig gegeneinander ankämpfen zu müssen, deshalb gingen sie sich auf der Dracheninsel seit langer Zeit aus dem Weg. Der Beginn dieses "Waffenstillstandes" war nun sicher schon viele tausend Jahre her. Da die Drachen sehr lange lebten hatte das verstreichen der Zeit für sie keine so große Bedeutung wie für die Zweibeiner. Ein Friede zwischen roten und blauen Drachen war aber so gut wie ausgeschlossen. Und als die Zweibeiner heute auf der Lichtung den Kampf begannen erwachte die alte Feindschaft wieder, diesmal um so heftiger. Die Bernsteindrachen waren keineswegs glücklich, daß der blaue Drache tot war, aber es war eben unvermeidlich gewesen. Die roten Drachen waren zwar immer auf der Seite der friedlichen Drachen gewesen, doch der Haß auf die blauen Drachen saß sehr tief.

Die Gefährten erzählten nun ihrerseits Geschichten aus ihrem abenteuerlichen Leben und übertrafen sich gegenseitig in geradezu unglaubwürdigen Ausschmückungen. Nach einigen Stunden machten sich die Gefährten wieder auf den Weg. Die Bernsteindrachen ließen sie ohne Geheimhaltungsversprechen oder dergleichen gehen, es hätte ihnen sowieso niemand geglaubt was sie hier gesehen und gehört hatten.

Am Meeresufer warteten ihre Flugdrachen und sie flogen unverzüglich nach Brilante. Dort angekommen suchten sie sofort Moram auf und erklärten ihm was die Bernsteindrachen gesagt hatten. Die Sache mit den Bernsteindrachen glaubte er den Aufschneidern zwar nicht, aber das Beschwörungsritual schien ihm ein vernünftiger Vorschlag zu sein. Wenn das Amulett tatsächlich echt war konnte der Plan funktionieren.

Eduardos Körper lag unversehrt in der kleinen Kapelle und Moram bereitete sich auf die Zeremonie vor. Er legte das Amulett auf Eduardos kalte Stirn und sprach einige Beschwörungsformeln. Es klappte reibungslos, aus Eduardos Kopf wand sich schemenhaftes ein abscheuliches Wesen und wurde vom Amulett aufgesogen. Nach kurzer Zeit war die Austreibung vollzogen und der zweite Teil konnte beginnen. Moram sprach wieder einige Beschwörungsformeln und legte eine Hand auf Ibrahas Stirn. Mit der zweiten Hand berührte er Eduoardos Kopf. Eduardos Körper begann leicht zu zucken, er erwachte langsam wieder zum Leben. Gespannt beobachteten die Versammlung wie Eduardo sich vorsichtig aufrichtete. Er ächzte und stöhnte, seine Glieder waren noch völlig steif. Eduardo schien tatsächlich wieder der Alte zu werden und nicht wie von einigen befürchtet zum Untoten. Die Beschwörung war gelungen. Seine Gefährten umringten ihn schüttelten seine Hände und klopften ihm auf die Schulter. Er wurde auch gleich mit passenden Worten begrüßt wie z. B.: "Du riechst irgendwie so abgelegen, vielleicht solltest du einmal wieder an die frische Luft gehen."

Eduardo fühlte sich gleich viel wohler, die Sticheleien und Beleidigungen waren ihm richtig abgegangen. Er versuchte einige Schritte zu gehen mußte aber gestützt werden, das lange Liegen hatte ihn doch sehr geschwächt. Er würde wohl noch einige Zeit brauchen um sich zu erholen. Auch den anderen erschien er etwas verändert, nicht nur daß er schwach und abgezehrt wirkte, er hatte einen eigentümlichen matten Glanz. Aber das kam vielleicht vom langen Herumliegen, er hatte wohl eine leichte Staubschicht angesetzt. Eduardo erholte sich noch einen Tag lang, aber dann gab es kein Halten mehr für die Heldentruppe. Der Tempel in der Ibrahawäldern mußte dringend gesäubert werden.

© Andreas Bartl

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