KAPITEL 2

Der dunkle Lord

Osak erwachte in seiner Astgabel und blinzelte in Richtung des Gebirges. Die Sonne stand kurz davor hinter den schroffen Felswänden aufzutauchen. Unter ihm lehnte sich ein verschlafener Zwerg mit einer roten Schlafhaube aus dem Fenster seiner Hütte. Osak kletterte vom Baum und spazierte im dämmrigen Licht gemächlich zwischen den Hütten herum. Zwergenbergen schlief noch, nur die Vögel in den Bäumen zwitscherten schon muntere Lieder. Der erste Sonnenstrahl erreichte das Dorf und wurde von einem metallenen Gegenstand reflektierte der am Boden lag. Das funkelnde Etwas weckte sofort Osaks Instinkt und er ging zielstrebig darauf zu. Vielleicht hatte irgendwer etwas verloren und suchte schon verzweifelt danach. Falls wirklich ein Dieb in Zwergenbergen umging gab es nur einen sicheren Ort zur Aufbewahrung. - Bei Osak. Böse Zungen behaupteten manchmal er habe eine diebische Veranlagung, aber das stimmte natürlich nicht. Er mußte eben einfach nur diesen herrlich glänzenden Gegenstand an sich nehmen bis sich der rechtmäßige Besitzer bei ihm meldete. Das war doch völlig in Ordnung so! Mit beruhigtem Gewissen schlich er, ständig um sich blickend, zu der etwa dreißig Schritte entfernte Hütte bei der das glänzende Kleinod lag. Als er näherkam mußte er betrübt feststellen, daß die Besitzerin des glänzenden Etwas hinter der Hütte am Boden schlief. Ibraha hatte ihren Stirnreif abgelegt und ihre Hand halb darübergelegt. Sie hatte einen ausgesprochen schönen Stirnreif. Er war aus mehreren Lagen geflochtenen Golddraht gefertigt und vorne zierte ihn ein geschwungenes Dreieck mit feinen Gravuren und wertvollen Edelsteinen. Die Steine glitzerten in der Morgensonne wunderschön. Eins war für Osak völlig klar, wenn hier ein Dieb vorbei schlich wäre der Stirnreif unwiederbringlich verloren. Er mußte ihn unbedingt in Sicherheit bringen. Vorsichtig hob er die Hand der schlafenden Magierin und zog den Stirnreif weg. Als Ersatz legte er einen Stein unter ihre Hand damit sie nicht gleich merkte daß da plötzlich etwas fehlte. Er richtete sich wieder auf und ließ seine Beute in der Sonne funkeln, mußte sie aber vor Schmerz gleich wieder fallen lassen. Die rechtmäßige Besitzerin hatte inzwischen auf sich aufmerksam gemacht.

Ibraha war längst wach und schlug soeben mit dem Stein auf Osaks Zehen. Nachdem die Besitzverhältnisse wieder geklärt waren stand Ibraha auf und sagte lächelnd zu Osak: "Laß uns nachsehen, ob die anderen auch schon etwas angestellt haben."

Sie weckten Kardoc der neben ihnen in der Hütte vor dem offenen Fenster schlief. Noch während er sich den Schlaf aus den Augen rieb erzählte er ihnen von den Ereignissen der gestrigen Nacht. Wenig später kamen auch Davidudl und Anaid zur Hütte. Nach einiger Zeit erschien auch Torel und mit ihm die vier ältesten Zwerge des Dorfes. In ihrer Mitte wirkte Torel wie ein Jüngling. Jeder der vier Greise hatte sicher schon mehr als hundertfünfzig Winter überstanden. Zwei von ihnen waren völlig senil und fragten Torel ständig wer er denn eigentlich sei und ob er aus Zwergenbergen stamme. Wenn sie tatsächlich einmal etwas über den Gang gewußt hatten, dann war das sicher vor sehr langer Zeit gewesen. Sie gaben auf jede gestellte Frage irgend eine zusammenhanglose Antwort, einen Fetzen Erinnerung aus alter Zeit, der zwar recht unterhaltsam war, aber überhaupt nichts mit der gestellten Frage zu tun hatte. Aus den beiden war kein vernünftiges Wort raus zu holen. Und auch die anderen zwei Greise wußten nichts über den geheimen Gang oder den Talkessel. Da im ganzen Dorf anscheinend niemand wußte was sich hinter der Steinscheibe verbarg, beschlossen sie der Sache so bald als möglich auf den Grund zu gehen. Sie aßen im Dorf noch ein ausgiebiges Mal, packten etwas Proviant ein und machten sich auf den Weg. Torel besorgte ihnen aus den Zwergenschmieden zwei starke Eisenstangen und begleitete sie bis zur Reliquienkammer. Er wollte lieber nicht mitkommen. Für eine weitere Begegnung mit Würmern, oder noch schlimmeren Gefahren, war er seiner Meinung nach schon zu alt. Die Gefährten hatten für seine Beweggründe Verständnis und versprachen ihm alles genau zu berichten, wenn sie zurückkehrten. Sie verabschiedeten sich von Torel und verschwanden einer nach dem anderen in dem dunklen Loch. Im Gang blieben sie unbehelligt, die Würmer hatten sich anscheinend verzogen und sie erreichten wohlbehalten den Talkessel. An der Steinscheibe angelangt betrachteten sie nochmals eingehend das Symbol darauf. Bei Tageslicht konnte man bedeutend mehr erkennen und das Symbol sah tatsächlich einem geflügelten Drachen ähnlich. Eine Gattung jedoch, die sie noch nie gesehen hatten. Er war massiger als herkömmliche Flugdrachen und die Schwingen waren im Verhältnis zum Körper viel größer. Ein normaler Flugdrache konnte eine oder höchstens zwei Personen tragen, aber dieser hier sah aus, als könne er mühelos mit dem dreifachen Gewicht durch die Lüfte schweben. Davidudl und Kardoc setzten die Eisenstangen auf beiden Seiten der Steinscheibe an. Vielleicht gab es dahinter eine Antwort auf das seltsame Drachensymbol. Es gelang ihnen die Scheibe in aufrechte Position zu bringen. Danach ließ sie sich mit vereinten Kräften auf die Seite rollen. Dahinter war tatsächlich ein Eingang im Fels. Sie zündeten ihre Fackeln an und beschritten ohne zu zögern den dunklen Gang.

Die Wände waren völlig schmucklos und glatt. Oben liefen sie zu einem Spitzen Giebel zusammen. Den glatt polierten Steinboden bedeckte eine dünne Staubschicht die bei jedem ihrer Schritte aufgewirbelt wurde. Diesen Gang schien seit einer Ewigkeit niemand mehr betreten zu haben. Ibraha ging als letzte hinein und sah sich, wie die anderen, aufmerksam um. Es war weder etwas zu sehen noch zu hören. Die Wände des Ganges blieben unverändert glatt. Doch sie spürte, daß sich langsam doch irgend etwas änderte. Je tiefer sie vordrangen desto stärker fühlte sie diese Veränderung. Der Gang hatte eine schwache Ausstrahlung die ihr nicht unbekannt war. Immer, wenn Ibraha ihre magischen Kräfte wirken ließ, war nachher die gleiche Aura zu spüren. Nach kurzem war sie sich sicher und warnte ihre Gefährten: "Seht euch vor, hier sind Magier am Werk gewesen."

Vorsichtig gingen sie weiter. Bei magisch beeinflußten Orten konnte man sehr leicht in Schwierigkeiten kommen. Wenn der Gang etwas zu verbergen hatte, war er wahrscheinlich durch unsichtbare Fallen gesichert. Ihre Befürchtungen schienen aber grundlos gewesen zu sein, denn vor ihnen kam jäh das Ende des Ganges in Sicht. Sie hielten vor einem Torbogen, indem sich statt einer Tür der selbe glatte Stein wie an den Wänden befand. Am Torbogen und an den Wänden ringsum ließen sich weder lose Steinen oder sonst irgend ein Öffnungsmechanismus finden. Der Gang schien tatsächlich hier zu enden. Ibraha tastete und drückte noch immer auf dem glatten Stein herum, nachdem die Anderen schon aufgegeben hatten. Sie fühlte hier am Ende des Ganges ganz deutlich die magische Ausstrahlung. Plötzlich hob sie ihre Faust und schlug auf das Steinerne Tor. Ihre Hand verschwand bis zu den Ellenbogen darin. Es war eine magische Wand! Man mußte sich nur schnell genug darauf zubewegen, dann kam man durch. Sie zog ihre Hand wieder heraus und demonstrierte den anderen nochmals, was es mit der Wand auf sich hatte. Kardoc drückte gegen den harten Fels und blickte Ibraha ungläubig an: "Du meinst also wir können einfach durch die Wand springen?"

Ibraha legte ihre Hand auf die Wand und sprach fest überzeugt: "Ja, ich bin mir ganz sicher, diese Wand existiert gar nicht, sie ist eine Illusion. Sie muß schnell und ohne anzuhalten überwunden werden."

Kardoc ging einige Schritte zurück, schaute jeden seiner Gefährten auffordernd an und sagte: "Nun denn, laßt es uns wagen."

Sprach's, lehnte sich an die Wand des Ganges und wartete, daß einer den Versuch wagen würde. Alle standen an der Seite und blickten einander erwartungsvoll an. Anaid meldete als erste ihre Bedenken: "Und was passiert wenn es sich die Wand plötzlich anders überlegt, und beschließt eine ganz normale Felswand zu werden?"

Davidudl hatte gleich den nächsten Einwand parat: "Oder stellt euch vor, dahinter ist ein abgrundtiefes Loch."

Osak fügte sogleich hinzu: "Ja, und unten lauern am Ende noch schreckliche Bestien!"

Kardoc meldete sich wieder: "Also ich kann auf keinen Fall als erster springen, ich bin ja viel zu klein um aus dem Loch hinter der Wand jemals wieder heraus zu kommen."

Jeder der Fünf wußte plötzlich unzählige Gründe, warum er nicht der Erste sein konnte. Ihre Stimmen hallten in dem seit Jahrhunderten stillen Gang, als sie sich lautstark und in wirrem Durcheinander ihre Beweggründe mitteilten. Keiner bewegte sich auch nur einen Schritt von der Gangwand weg. Endlich hatte Ibraha einen rettenden Einfall. Sie blickte bewußt nicht zu Osak und sprach in bedeutungsvollem Tonfall: "Wißt ihr eigentlich was sich hinter magischen Wänden meistens befindet?"

Es herrschte plötzlich gespannte Stille: "Für einen Magier gibt es nur einen Grund solch eine Mauer zu errichten. Es ist das sicherste Mittel um seine unermeßlichen Schätze zu verbergen."

Sie hatte mit ihrer Rede genau ins Schwarze getroffen. Osak trat in die Mitte des Ganges und verkündete mit geschwellter Brust: "Ich kann euer feiges Geschwätz nicht länger ertragen. Falls ihr nur einen Bruchteil meines Mutes aufbringt, dann folgt ihr mir."

Er nahm einen kurzen Anlauf und sprang mit den Füßen voran in die Wand. Einen Moment später war er verschwunden. Alle starrten angestrengt auf die Wand, aber Osak kehrte nicht mehr zurück. Kardoc hielt die Spannung nicht länger aus. Bevor er losrannte blickte er zu den Anderen und sagte: "Was soll's, dann laß ich mich eben auch von den Bestien zerfleischen."

Er senkte den Kopf, hielt seinen Helm mit beiden Händen fest und rannte los. Anaid und Ibraha folgten ihm. Davidudl ging sehr weit zurück und zog sein Schwert. Mit durchdringendem Kampfgeschrei und geschlossenen Augen stürmte er der Wand entgegen. Danach war es wieder still im Gang.

Auf der anderen Seite der Wand spielten sich inzwischen tumultartige Szenen ab. Davidudl erschien schreiend und mit geschlossenen Augen aus der Wand. Kardoc untersuchte soeben den Boden vor der magischen Wand. Davidudl trampelte über seinen Rücken, stolperte danach über einen Gesteinsbrocken und stürzte sich, nach wie vor brüllend und die Augen fest geschlossen, auf Anaid und Ibraha die sich einige Schritt entfernt von der Wand irgendetwas untersuchten. Sie waren zu überrascht um noch rechtzeitig reagieren zu können und landeten gemeinsam mit Davidudl im Staub. Osak deutet auf Davidudl und meinte zu Kardoc, der sich stöhnend erhoben hatte: "Er hat ein äußerst unmanierliches Auftreten, irgendwer sollte ihm das einmal sagen."

Nachdem sich alle wieder auf den Beinen befanden, begannen sie den Raum im flackernden Licht ihrer Fackeln zu erforschen. Die Illusionswand war jedenfalls verschwunden, denn auf dieser Seite klopften sie gegen eine völlig normale Mauer. Der quadratischen Raum hatte etwa zwanzig Schritt Seitenlänge. Genau gegenüber der Illusionswand führte ein dunkler Gang weiter. In der Mitte des Raums stand ein viereckiger, steinerner Sockel. Der Boden rund um den Sockel war übersät mit Gesteinsbrocken und auf dem Sockel stand eine matt schimmernde, schwarze Statue. Sie paßte vom Stil her nicht so richtig zu dem Sockel, sie wirkte viel zu klein zu grob gearbeitet. Als sie sich die Gesteinsbrocken am Boden genauer untersuchten merkten sie daß einige Teile zusammenpaßten. Es sah aus, als ob jemand irgend eine steinerne Skulptur vom Sockel geschlagen, und statt dessen die schwarze Statue daraufgestellt hätte. Ibraha hatte einige Steine zusammengefügt und es war bereits deutlich zu erkennen was vormals auf dem Sockel stand. Ein geflügelter Drache, diesmal allerdings mit einem Reiter darauf. Kardoc war inzwischen beim Sockel selbst fündig geworden. An jeder Seite befand sich ein kleines Schlüsselloch mit einem Zeichen darunter. Die Zeichen stellten Symbolisch Erde, Feuer, Wasser und Luft dar. Kardoc war leicht verwirrt, denn er konnte absolut keinen Sinn erkennen wozu ein Steinquader mit vier Schlössern versehen war. Noch dazu waren die Schlüssellöcher so schmal daß er seine Sperrhaken getrost im Ranzen lassen konnte. Osak hatte sich inzwischen weiter in den Gang vorgewagt und rief aufgeregt seine Gefährten zu sich, er hatte etwas unglaubliches entdeckt. Der Gang war nur zehn Schritt lang und am Ende bewegte sich ein Mund in der glatten Felswand. Ein einzelner, riesiger Mund - fast so breit wie der Gang Seine Lippen bewegten sich unaufhörlich und manchmal zuckten seine Mundwinkel nervös. Sie gingen langsam näher. Keiner wagte auch nur einen Ton von sich zu geben. Kurz vor dem Mund blieben sie stehen und ließen, die sich unverdrossen bewegenden Steinlippen nicht aus den Augen. Ihre Anwesenheit nahm der Mund anscheinend nicht wahr. Anaid hatte das Gefühl das der Mund auf irgend etwas wartete und redete ihn unbefangenen an: "Einen wunderschönen guten Tag wünsche ich! Könntest du uns sagen wo wir hier sind?"

Plötzlich erstarrte der Mund, vielleicht hatte er den "wunderschönen guten Tag" irgendwie falsch aufgefaßt. Es war nicht anzunehmen, daß in diesen dunklen Gang jemals Tageslicht vordringen konnte. Nach einigen Momenten begann er jedoch langsam und mit dröhnender Stimme zu sprechen: "Wenn stete Wassertropfen den Stein aushöhlen, dann werden die Sterne verdeckt. - Wie lautet die Antwort?"

Keiner der Fünf hatte den Zusammenhang der Worte verstanden. Nachdem der Mund den mysteriösen Text verkündet hatte, wurde das außergewöhnliche Ereignis besprochen. Osak erklärte Anaid sie hätte etwas anderes sagen sollen, Davidudl meinte man hätte überhaupt warten müssen, bis der Mund von selbst anfing zu sprechen, Kardoc konnte es momentan nicht fassen, daß der Mund tatsächlich gesprochen hatte und stammelte irgend etwas vor sich hin. Ibraha versuchte für Ruhe zu sorgen, falls der Mund noch etwas sagen würde. Kardoc versuchte aus den Reste des Text, die er behalten hatte, das Rätsel zu rekonstruieren und sagte zu Osak: "Er hat irgendwas von Wasser gesagt, das hier von der Steinen tropft."

Ihre Debatte wurde in genau diesem Moment unterbrochen. Aus dem Mund strömte mit leisem Zischen weißer Dampf, blieb vor ihnen in der Luft stehen und wurde immer dichter. Eine Gestalt formte sich langsam aus dem weißen Nebel. Die Konturen wurden immer klarer, ein hühnenhafter Körper entstand vor ihnen. Fassungslos starrten die Fünf auf das Wesen. Plötzlich und ansatzlos schnellte ein dicker weißer Arm mit geballter Faust genau auf Davidudl zu. Der Schlag traf ihn mitten auf seinen Brustpanzer und nahm ihm für einige Momente den Atem. Benommen und mit den Händen ringend taumelte Davidudl zurück. Das Wesen schlug zum zweiten mal zu. Sein Schlag verfehlte diesmal jedoch das Ziel denn Osak ließ sich zu Boden fallen und brachte sich mit einer Rückwärtsrolle in Sicherheit. Kardoc holte im weiten Bogen mit der Axt aus. Schräg von Oben schlug er gegen die Beine des Wesens. Der Axthieb stieß jedoch auf überhaupt keinen Widerstand, er glitt durch die weißen Beine hindurch und endete am steinernen Boden. Die Wucht des Schlages riß Kardoc zu Boden. Die Axt entglitt seinen Händen und landete funkensprühend an der Wand. Ibraha hatte sich schleunigst zurückgezogen und überlegte fieberhaft nach einem wirksamen Mittel gegen den magischen Kämpfer, der soeben den Fuß hob um ihn in Kardocs Gesicht zu versenken. Bevor der Fuß sein Ziel erreichte, hatte Anaid den Zwerg an den Füßen gepackt und ein Stück weg gezogen. Kardoc rappelte sich eilig hoch und wich gemeinsam mit den Anderen langsam zurück. Das Wesen bewegte sich nicht besonders schnell, aber es kam unaufhaltsam näher. Einer von Anaids Pfeilen flog mitten durch seinen Kopf und zerbrach am steinernen Mund dahinter. Das geisterhafte Wesen hatte schon beinahe den quadratischen Raum erreicht. Ibraha blieb plötzlich stehen und begann ihre unverständlichen magischen Silben zu sprechen. Sie konzentrierte ihre Kraft auf den Gang. Eine große magische Eiskugel flog dem dampfenden Krieger entgegen. Die Kugel zerplatzte als sie den Krieger erreichte und verteilte sich über seinen Körper. Das Wesen war auf solche Temperaturstürze anscheinend nicht vorbereitet. Es erstarrte und fiel in Form von unzähligen Eiskristallen zu Boden. Die magische Kälte verschwand ebenso rasch wie sie gekommen war und der Schneehaufen verwandelte sich langsam in eine Wasserlache. Davidudl stocherte vorsichtig mit seiner brennende Fackel im Wasser umher. Es stieg aber nur völlig harmlos Wasserdampf auf. Ibraha ging nochmals zum steinernen Mund und versuchte ob sie ihn noch zu irgendeiner Äußerung bewegen konnte. Ohne Erfolg, er schien jetzt tatsächlich aus normalen Stein zu sein. Aber trotz der nicht bestandenen Rätselfrage hatten sie etwas ausgelöst. Als sie vom Gang in den quadratischen Raum blickten waren dort plötzlich an der linken und rechten Wand je zwei Durchgänge entstanden. Davidudl blickte mürrisch in einen der Durchgänge. Er hatte sich zwar vom Fausthieb des Geisterwesens wieder erholt, aber er haßte es wenn man einen Gegner nicht schlicht und einfach manuell niederschlagen konnte. Er fand es einfach ungerecht wenn sich seine enormen Kräfte bei einem Kampf als völlig unnütz erwiesen. Davidudl machte seinem Unmut Luft und deutete in den frisch entstandenen Gang: "Was soll das jetzt wieder? Mir deucht hier treibt sich irgendwer herum der uns nur zum Narren halten will. Wand auf - Wand zu, Wasserdampf der um sich schlägt, steinerne Münder die irgendwelchen Schwachsinn daher reden. Und - warum sind wir eigentlich hier, was haben wir in diesen magisch verseuchten Gängen eigentlich verloren?"

Ibraha ging zu einem der Gänge und leuchtete mit der Fackel hinein. Der Gang bog nach wenigen Schritten rechts ab. Sie hatte sich ebenfalls ihre Gedanken über diese dubiosen Vorfälle gemacht und sprach zu den Gefährten: "Wißt ihr was ich glaube, hier ist möglicherweise wirklich etwas verborgen. Irgendein überaus witziger Magier hat sich diese außergewöhnliche Fallen ausgedacht. Wenn wir dem Mund das richtige Wort gesagt hätten wäre wahrscheinlich gar nichts passiert. Aber ich befürchte, das war nicht die letzte Prüfung."

Sie deutete in den dunklen Gang vor ihr. Kardoc stand vor dem Sockel und zeigte auf eines der Schlösser: "Wenn es hier tatsächlich etwas zu holen gibt dann da drunter. Vier Schlösser, vier Gänge, - vier Schlüssel !"

Ibraha löschte ihre Fackel, ab jetzt würden sie magisches Licht verwenden. Falls es zum Kampf kam hatten sie dadurch die Hände frei. Sie murmelte wieder irgendwas und strich durch die Luft. In ihrem Umkreis wurde es schlagartig heller, der Raum war nun besser ausgeleuchtet. Anaid schrie plötzlich auf. Sie zeigte in den kurzen Gang den sie soeben verlassen hatten. Die Anderen schauten augenblicklich hinein, dort regte sich aber nichts; der steinerne Mund schwieg nach wie vor. Anaid sagte sie hätte einen kurzen Moment, als Ibrahas Licht den Gang erhellte, eine schwarze Gestalt gesehen. Der dunkle Schatten hätte sich aber sofort wieder aufgelöst. Niemand zweifelte an Anaids Beobachtung. Sie beobachteten eine Weile den Gang aber die Erscheinung wiederholte sich nicht. Warten führte hier zu nichts, sie beschlossen einen der Gänge zu erforschen. Davidudl ging voran. Vorsichtig drangen sie in den Gang vor, alle waren auf einen überraschenden Angriff gefaßt. Außer ihrer Schritte war kein Laut zu hören. Bis auf zwanzig Schritt Distanz erhellte Ibrahas Licht mit blaßblauen Schimmer die steinernen Wände. Vor ihnen war ein offenes Portal zu erkennen, dahinter befand sich anscheinend ein größerer Raum. Langsam schlichen sie an der Wand entlang weiter. Davidudl streckte den Kopf ein Stück in den Raum und schaute sich um. Er war wieder quadratisch, aber diesmal absolut leer. Neugierig drängten sich die Gefährten hinein. Sie untersuchten Wand, Boden und die Decke, welche nicht besonders hoch war. Ibraha fand gleich neben dem Portal einen kleinen Hebel in einem handbreiten Spalt der Wand. Sie schaute fragend zu den anderen die sich näherten um ihre Entdeckung zu begutachten. Davidudl war schon äußerst ungeduldig und meinte: "Na los, drück schon."

Und Ibraha drückte. Hinter ihnen erschien im selben Moment eine bis zur Decke reichende Wand aus Feuer. Sie teilte den Raum in etwa zwei Hälften, und sie gab sonderbarer Weise nicht das geringste Geräusch von sich. Noch etwas war seltsam an der feurigen Wand, - sie strahlte überhaupt keine Hitze ab. Kardoc meinte das Geheimnis der Wand gelüftet zu haben; wieder eine Illusion, und nur dazu da um Eindringlinge abzuschrecken. Langsam streckte er seine Hand nach der Illusion aus. Seine Fingerspitzen tauchten ein und seine Nerven reagierten sofort. Mit einem Aufschrei zog er seine geschwärzten Fingerkuppen wieder heraus, er hatte soeben gelernt daß magische Feuer noch um einiges heißer sind als normale Feuer. Trotzdem waren alle davon überzeugt das hinter der Wand etwas zu finden sei, denn der Hebel funktionierte nicht mehr und die Feuerwand erlosch nicht. Einer mußte durchspringen und nachsehen. Nach einigem hin und her konnte Osak für den Plan gewonnen werden. Ibraha versicherte ihm es könnte überhaupt nichts passieren. Während sie verschiedene Schutzzauber über ihn legte, huldigten die restlichen Gefährten seinen unvergleichlichen Mut, sein sagenhaftes Kampfgeschick und überhäuften ihn mit Schmeicheleien. Ehe Osak seine Widersprüche äußern konnte stand er mit magischer Schutzaura und segensreichen Wünschen ausgestattet vor der Feuerwand. Osak zögerte bei solchen wahnwitzigen Aktionen nie lange. Zu langes Nachdenken war das Gefährlichste dabei. Er dachte sich einfach Nichts und sprang in die Flammenwand. Es war ein Gefühl als ob sich eine Klinge vom Kopf bis zu den Sohlen um seinen Körper legte und vorbeistrich. Ibrahas Sprüche schienen aber zu wirken, er gelangte unbeschadet auf die andere Seite. Nachdem er nachgesehen hatte ob er nicht doch irgendwo Feuer gefangen hatte, sah er sich um. Der Hebel den Ibraha vorhin gedrückt hatte, löste nicht nur die Flammenwand aus. Hinter der Wand war etwas aus dem Boden gewachsen, etwas womit er allerdings nicht gerechnet hatte. Auf einem kleinem Podest stand eine Truhe, und sie war noch dazu unverschlossen. Der Inhalt löste bei Osak ein unbeschreibliches Gefühl der Verzückung aus. Die Truhe war mit gut vierzig Goldstücken gefüllt. Nach kurzem Überlegen kam er zu dem Entschluß, dies sei die gerechte Entlohnung für seine heroische Tat. Er öffnete seinen Beutel und transferierte das kleine Vermögen in ein geheimes Ledersäckchen. Bei den letzten Goldstücken erschreckte ihn jedoch eine Stimme von der anderen Seite der Flammenwand: "Was treibst du da drüben so lang, hast du irgendetwas gefunden?"

Die Feuerwand ließ die Stimmen seiner Gefährten ungehindert durch. Es war beinahe schon rührend, sie machten sich Sorgen um ihn. Während er die letzten Goldstücke verstaute erwiderte er in überzeugenden Ton: "Nein, hier ist überhaupt nichts, - nur gähnende Leere."

Sein Blick fiel auf das kleine Podest und er verbesserte sich sogleich. Ein kleiner Hebel befand sich in einer Vertiefung: "Wartet, hier ist doch etwas. Schon wieder ein Hebel. Ich werde ihn drücken."

Ehe noch irgendwer etwas dagegen sagen konnte, hatte er den Hebel schon gedrückt. Auf seiner Seite passierte nichts, doch auf der andern Seite löste der Hebel einen versteckten Mechanismus aus. Es knirschte und rumorte als ob jemand eine großen Steinblock über den Boden schleifen würde. Nachdem er die Feuerwand wieder überwunden hatte stand er mit seinem Gefährten vor einem weiteren Durchgang. Dahinter schien diesmal echtes Feuer zu brennen, heiße Luft strömte aus dem Gang und die Wände schimmerten rötlich. Ein brennendes Untier kroch auf sie zu. Es füllte fast den gesamten Gang aus und ähnelte einem riesigen Wolf dessen Fell statt aus Haaren, aus einem Flammenmeer bestand. Das Vieh hielt in einiger Entfernung an, die Hitze ließ sich gerade noch ertragen.

Vielleicht hatte in grauer Vorzeit wirklich ein Magier diese Gänge geschaffen und irgend ein Geheimnis darin verborgen. Er hatte alles wunderbar vorbereitet, seine Rätsel waren höchst intelligent, verlangten geistige Anstrengung und vor allem aufmerksames Zuhören. Der Magier hätte sicher erwartet, daß die Eindringlinge andächtig den Worten des Feuerwolfes lauschen würden und danach in kurzer Zeit das Rätsel lösen, oder im flammenden Rachen des Wolfes verschwinden würden. Leider konnte er nicht vorhersehen, daß die fünf Gefährten in seine Mysterien eindrangen. Der ziemlich lange und komplizierte Text des Wolfes ging im Stimmengewirr der Fünf vollständig unter. Kardoc und Osak unterhielten sich wie lange eine Lanze - falls sie eine hätten - sein müßte um den Wolf aufzuspießen. Davidudl fuchtelte mit seinem Schwert herum und versuchte den Wolf mit wüsten Beschimpfungen zu reizen. Ibraha und Anaid hatten sich etwas zurückgezogen und heckten irgend etwas aus. Ibraha hielt einen Pfeil in Händen und sprach beschwörende Worte. Anaid zog sich während dessen ihre lederne Handschuhe an. Ibraha überreichte ihr vorsichtig den Pfeil und rief den anderen zu sie sollen beiseite gehen. Anaid legte den schwach dampfenden Pfeil in die Sehne und merkte warum ihr Ibraha geraten hatte Handschuhe anzuziehen. Der Pfeil war derartig kalt, daß ihr Handschuh bereits etwas steif wurde. Ibraha hatte ihr eingeschärft, daß ihre magische Kraft nicht reiche um einen zweiten Pfeil so abzukühlen. Der erste Schuß mußte sitzen, der eisige Pfeil mußte genau im feurigen Herzen des Wolfes landen. Anaid spannte den Bogen und schaute den Wolf kurz an, dann schoß sie auf die feurige Brust des Wolfes. Ein leises Fauchen war zu hören als der Pfeil durch die Luft schnellte. Der Wolf hatte sein mysteriöses magisches Rätsel noch nicht fertig ausgesprochen, als er jäh in seinen Ausführungen unterbrochen wurde. Sein magisches Herz war mit einem Mal erloschen. Seine Aufgabe, auf die er wahrscheinlich Jahrhunderte gewartet hatte, wurde abrupt beendet. Niemand würde sein Rätsel mehr lösen können, es war für alle Zeiten verloren. Er verlosch, sank in sich zusammen, ein paar kleine Flammen zuckten in der Luft und dann war er für immer verschwunden. Ein kleiner Schlüssel fiel leise klirrend zu Boden. Osak nahm in und meinte: "Das ging ja leichter als ich dachte. Jetzt laßt uns noch schnell die anderen Schlüssel holen und dann können wir endlich raus hier."

Der Schlüssel paßte tatsächlich bei einem Schloß des Sockels und löste sich samt dem Schloß auf, nur der glatte Stein blieb zurück. Ohne zögern betraten sie den nächsten Gang. Dort erwartete sie das genaue Gegenteil des vorigen Ganges. Sie hielten vor einem großen Wasserbecken dessen Tiefe unmöglich abzuschätzen war. Die Wände rund um das Becken stiegen senkrecht aus dem Wasser und nirgends waren Ausgänge zu entdecken. Wenn es hier irgendwo weiterging, dann unter Wasser, stellte Kardoc fest und deutete nach unten. Sie standen wieder einmal vor einer schwierigen Frage: wer soll das Becken erkunden? Diese Frage erübrigte sich aber. Ibraha zeigte auf etwas Dunkles, daß sich im Wasser schlängelte. Osak entdeckte ebenfalls einen dunklen Schlangenkörper. Davidudl wich vom Rand des Beckens und meinte: "Hier bringt mich niemand hinein, da wimmelt es doch nur so von grauenhaften Schlangen."

Die Schlangen schienen ein gemeinsames Ziel zu haben; den Beckenrand an dem die Gefährten standen. Aus der Tiefe tauchte noch etwas auf: eine gigantische Krake, von der die schlangenähnlichen Arme ausgingen. Der erste Arm klatschte neben Osak auf den Boden, und Davidudl schlug ihn ab bevor er irgendwen zu fassen bekam. Immer mehr Arme tauchten aus dem Wasser auf und suchten den Boden gierig nach den Beinen der Gefährten ab. Ein zäher Kampf entbrannte, für jeden abgeschlagenen Arm tauchten zwei neue auf. Die fünf Kämpfer wurden hart bedrängt, doch nach einiger Zeit ließ die Heftigkeit des Angriffes nach, nur vereinzelt zuckten noch Arme aus dem Wasser. Die Krake schien aufzugeben, und in diesem Moment ließ Kardoc die Krakenarme einen kurzen Augenblick außer acht. Ein Arm schlang sich blitzschnell um seinen Fuß und riß in mit einem Ruck ins Becken. Mit ihm verschwanden die letzten Fangarme der Krake, die nun doch noch ihr Opfer gefunden hatte. Die Vier starrten entsetzt auf die brodelnde Wasseroberfläche. Der Krake und Kardoc waren in den unzähligen Luftblasen nicht mehr zu sehen. Plötzlich tauchten zwei Hörner auf; es war Kardocs Helm. Gleich danach erschien aber auch sein hochrotes Gesicht. In einer Hand hielt er seine Axt und in der anderen den abgetrennten Arm der Krake. Er warf ihn in Richtung seiner Gefährten und rief sie sollen rasch ins Wasser springen, er habe dicht unter der Wasseroberfläche einen Tunnel entdeckt. Sie legten ihre Beutel ab und ließen sich über den Beckenrand ins Wasser gleiten. Den kurzen, schräg nach oben verlaufenden Tunnel konnte selbst Davidudl mitsamt seiner Rüstung durchqueren. Nach wenigen Schritt gelangten sie mit ihren Köpfen wieder an die Wasseroberfläche. Die Luft war frisch, klar und eiskalt. Ihr Atem dampfte wie in der entsetzlichen Kälte. Eilig wateten sie den ansteigenden Tunnel weiter empor, lange würden sie diese Kälte nicht durchstehen. Sie waren völlig durchnäßt und für diese Temperatur nicht im Geringsten ausgerüstet. Der Tunnel endete in einer glitzernden Eishöhle. Unzählige riesige Eiszapfen an den Rändern wirkten wie gläserne Säulen die das kristallene Gewölbe trugen. Über den Boden waren unförmige Eisklumpen verteilt die so groß waren, daß Kardoc kaum darüber hinwegsehen konnte. Fröstelnd gingen in der eiskalten Höhle weiter. Wenn sie nicht bald etwas entdeckten mußten sie ohne Schlüssel umkehren, denn die Kälte wurde immer unerträglicher. Endlich gelangten sie an einen schmalen Durchgang zwischen zwei Eissäulen. Davidudl trat als erster hindurch und im selben Moment erwachte die Höhle zum Leben. Vor ihnen entstand aus einem Gewaltigen Eisklumpen ein magisches Wesen. Davidudl griff sofort an und Ibraha ließ einen magischen Feuerstrahl auf das Wesen los, dann brach sie erschöpft zusammen. Die Kälte und die andauernden Anstrengungen hatten sie völlig ausgelaugt. Davidudl und Anaid stellten sich dem durch Ibrahas Feuer verstümmelten Eiswesen. Am anderen Ende des Durchgangs kämpften Kardoc und Osak gegen menschenähnliche Eiswesen die aus den mannshohen Eisklumpen entstanden waren. Sie drängten unablässig in Richtung des Durchgangs und konnten nur mit Mühe von den beiden abgewehrt werden. Die kalten Körper brauchten mehrere kraftvolle Schläge, dann zeigten sich Risse und schließlich zerfielen sie zu kleinen Eissplittern. Als sich keiner der Gegner mehr blicken ließ, wendeten sie sich um und eilten Davidudl und Anaid zu Hilfe die sich verzweifelt gegen den großen Eisklumpen wehrten. Gemeinsam gelang es ihnen das Wesen in einen Haufen Splitter zu verwandeln. Erschöpft sanken Anaid und Osak zu Boden. Kardoc wühlte im Eishaufen nach dem Schlüssel und fand ihn nach kurzer Suche tatsächlich. Sie mußten schnellstens aus der Eishöhle bevor sie erfroren. Ibraha lag noch immer im Durchgang und regte sich nicht mehr, ihr magisches Licht wurde zusehends schwächer. Davidudl legte sich die bewußtlose Magierin über die Schulter und ging schwer keuchend den Weg zurück. Osak und Anaid rafften sich mit letzter Kraft noch einmal hoch und schleppten sich gegenseitig stützend hinter Davidudl her. Kardoc hielt den Schlüssel fest umklammert und folgte ihnen. Jetzt lag noch der Unterwassertunnel vor ihnen und Ibrahas Licht wurde immer schwächer. Kardoc hatte seinen Ranzen als einziger noch umgehängt. Er kramte ein Seil heraus und meinte sie sollten Ibraha anbinden und hinüber ziehen. Davidudl ergriff das Seil und sagte er werde hinübergehen und dann alle auf einmal durch den Tunnel ziehen. Bei seinen Kräften schien das auch die beste Lösung zu sein. Während er im Tunnel untertauchte banden sie Ibraha ans Seilende, danach ergriffen alle das Seil. Kardoc schlang sich das Seil einige Male um die Beine und hielt Ibraha Mund und Nase zu. Osak ruckte am Seil und Davidudl begann zu ziehen. Alle erreichten von der Krake unbehelligt wieder festen Boden. Ibrahas Licht war beinahe verloschen, ihr Atem ging ganz flach. Alle waren völlig durchgefroren und zitterten. Sie legten alle Fackeln, bis auf eine, auf einen Haufen und entzündeten ein Feuer. Anaid holte eine kleine Tonflasche aus ihrem Ranzen. Sie verstand durch ihre Herkunft aus dem Elfenwald einiges von der Kunst der Druiden und hatte immer heilende Kräuteressenzen mit. Sie träufelte Ibraha ein paar Tropfen in den Mund. Ihre Augenlider zuckten schwach und das magische Licht erlosch vollends. Der Trank bewirkte einem kurzen aber äußerst erholsamen Schlaf. Anaid legte Ibrahas Kopf auf den Ranzen und trug die durchnäßte Robe der Magierin zum Feuer. Die anderen hatten sich ebenfalls

um das Feuer versammelt und trockneten ihre Kleider so gut es ging.

Dieser Teil der unterirdischen Gänge erschien ihnen im Gegensatz zur Eishöhle angenehm warm. Nachdem sie sich einigermaßen erholt hatten gingen Kardoc und Osak zum Podest und sperrten das Schloß über dem das Symbol des Wassers eingeritzt war. Der Schlüssel paßte und verschwand wieder mitsamt dem Schloß. Diese Prüfung war ziemlich hart gewesen und Ibraha währe beinahe gestorben. Aber es gab keinen anderen Ausweg als auch die restlichen zwei Gänge zu beschreiten. Nach einiger Zeit erwachte Ibraha und setzte sich zu den anderen. Sie beschlossen den nächsten Gang mit Intelligenz zu meistern und ihre Kräfte zu schonen. Als das Feuer zur Gänze verbrannt war zündeten sie die letzte Fackel an und gingen zum nächsten Gang. Dort erwartete sie absolute Dunkelheit; - magische Dunkelheit. Keine Fackel, nicht einmal Ibrahas Licht hätten die Dunkelheit durchdringen können. Bevor man jedoch in die Finsternis trat, war an der Seitenwand eine große Steintafel zu sehen. Die Schrift war keinem bekannt, das Rätsel schien in längst vergessene Zeichen in die Tafel gehauen worden zu sein. Ibraha war noch zu schwach um ihnen helfen zu können und blieb mit der Fackel außerhalb der Dunkelzone. Die anderen gingen weiter und verschwanden wie hinter einem schwarzen Wasserfall. Kurz darauf hörte Ibraha die Waffen klirren. Ihre Gefährten kämpften in der Dunkelheit gegen unsichtbare Gegner. Sie mußte völlig hilflos die Rufe mit anhören mit denen sich die Kämpfenden verständigten um sich nicht gegenseitig zu erschlagen. Davidudls Schwert war deutlich zu hören, seine Rundschläge trafen des öfteren auf etwas, daß mit einem platzenden Geräusch zugrunde ging. Mit jedem vermeintlichen Gegner den sie töteten entstand ein stärker werdender Luftzug. Nach einiger Zeit herrschte ein regelrechter Sturm in der Dunkelheit. Anaid schwang ihr kurzes Schwert unablässig vor sich hin und her. Plötzlich hörte sie ein leise Klirren. Osak hörte das Geräusch ebenfalls. Beide bückten sich nach dem zu Boden gefallenen Gegenstand, und beide hielten etwas in Händen als sie sich wieder aufrichteten. Anaid tastete den Gegenstand ab und rief: "Ich hab' den Schlüssel gefunden, nichts wie raus hier!"

Osak tastete seinen Gegenstand ebenfalls ab, steckte ihn aber wortlos ein und lief in die Richtung

aus der Ibrahas Rufe kamen. Sie leitete die Gefährten mit ihrer Stimme wieder aus der Dunkelheit

heraus. Außer Kardoc der einen ungefährlichen Schnitt am Handrücken hatte, waren alle heil der

Dunkelheit entkommen.

Der Schlüssel paßte am Schloß mit dem Symbol der Luft. Nun war der letzte Gang an der Reihe. Sie waren wenige Schritte vorangekommen als ein leises Lachen hinter ihnen zu hören war. Osak hatte sich am schnellsten umgedreht und zeigte auf die schwarze Statue am Podest. Alle waren sich sicher, daß sie vorhin noch nicht diesen hämisch grinsenden Gesichtsausdruck hatte. Sie blieb aber unverändert, nichts deutete darauf hin, daß sie sich bewegen konnte. Sie lies sich weder vom Sockel entfernen noch sonst irgendwie bewegen. Nach einigen erfolglosen Versuchen die Statue mit Gewalt zu entfernen gingen sie Fünf zu ihrer letzten Prüfung. Der Gang war ziemlich verwinkelt und mündete in einer hohen Halle in der sicher ein kleiner Wald Platz gefunden hätten. Es führte ein einziger Gang fast genau am gegenüberliegenden Ende weiter. Doch dieser Ausgang wurde bewacht. Diese Halle durfte gar nicht kleiner sein, denn vor dem Ausgang am anderen Ende hockte mit verschränkten Beinen ein Golem. Mit ausgestreckten Armen konnte er sicherlich die Decke erreichen. Seine steinerne Haut war von groben Rissen durchzogen und er lächelte freundlich. Ihre Waffen waren hier völlig nutzlos, sie würden alle an der steinernen Haut abprallen. Und für einen Zauberspruch der dieses Wesen fesseln konnte war Ibraha selbst im ausgeruhten Zustand zu schwach. Der Golem machte jedoch keine Anstalten sich zu erheben und lächelte unverändert weiter. Langsam gingen sie weiter, in Richtung des Durchgangs. Zehn Schritt vor dem Durchgang kam plötzlich Leben in den Steinhaufen. Der Golem hob seine Faust und donnerte sie lächelnd auf den Steinboden vor dem Durchgang. Er hob sie wieder und zeigte auf die erschrockenen Gefährten. Seine tiefe schnarrende Stimme ließ das ganze Gewölbe vibrieren: "Auf ein Wort, - bevor ihr weitergeht. Wenn ihr den Durchgang passieren wollt seid ihr mir noch eine Antwort schuldig. Sagt mir, was hatten die anderen drei Rätsel gemeinsam?"

Fragend blickten sich die Gefährten an und begannen zu rätselten was an den Gängen gleich gewesen sein könnte. Da sie keines der Rätsel verstanden hatten war es ziemlich schwierig eine Lösung zu finden. Der Golem ließ sie nicht aus den Augen und wartete, daß aus dem Stimmengewirr etwas vernünftiges herauskam. Kardoc hatte anscheinend einen lichten Moment und meinte er habe die Lösung gefunden. Er wendete sich zum Golem und verkündete stolz: "Kein einziges der Rätsel ist gelöst worden."

Dies war anscheinend nicht die richtige Antwort den der Golem lies seine Faust gefährlich nahe vor ihnen zu Boden schnellen. Der Boden bebte und riß an einigen Stellen auseinander. Von der Decke lösten sich faustgroße Gesteinsbrocken. Nach spätestens noch zwei solchen Antworten würde das ganze Gewölbe zusammenstürzen. Der Durchgang befand sich einige Schritt vom Golem entfernt und Osak schlug vor den Golem einfach zu überrumpeln. Davidudl und Kardoc sollten einen Angriff vortäuschen. Während der Golem mit den Beiden beschäftigt war, konnte er dann auf den Kopf des Golems springen und ihn ablenken. Die anderen mußten während dessen schnellstens den Durchgang passieren. Und so wurde es auch durchgeführt, Davidudl und Kardoc stürzten sich mit Gebrüll auf den Golem der sich nach vorne beugte um sie zwischen seinen Steinpranken zu zerquetschen. Osak näherte sich seitlich und sprang auf breiten Rücken. Bevor der Golem wußte was geschehen war, hatte er Osak im Genick sitzen der ihm die Augen zu hielt. Während der steinerne Wächter damit beschäftigt war den lästigen Parasiten von seinem Nacken zu entfernen, rannten Davidudl und Kardoc weiter Richtung Durchgang. Osak mußte sich vor der Hand des Golem in Sicherheit bringen und ließ sich ein Stück am steinernen Rücken abwärts gleiten. Der Golem verdrehte den Kopf und versuchte Osak zu erwischen, konnte aber nicht soweit zurückgreifen. Nach diesem erfolglosen Versuch hatte sich der Golem anscheinend entschlossen Osak an der Wand zu zerquetschen, denn er stützte beide Arme auf den Boden um sich abzustoßen. In dem Moment sah er aber wie Davidudl und Kardoc im Durchgang verschwanden. Dieses Versagen bedeutete sein Ende. Er hatte zugelassen, daß Unwürdige den Gang beschritten! Mitten in der Bewegung erstarrte er, Gesteinsbrocken lösten sich aus seinem Körper und stürzten vor Anaid und Ibraha zu Boden. Osak rutschte wie über eine lose Geröllhalde vom Rücken des Golem. Nach kurzem war nur noch ein Steinhaufen vom Wächter des Durchganges übrig, und die Gefährten konnten ihren Weg ohne lästige Fragen fortsetzen.

Sie gelangten in einen länglichen Raum an dessen Seiten je fünf Torbogen waren und am Ende ein geschlossenes Portal den Weg versperrte. Der erste Torbogen führte in eine winzige Kammer in der ein großer metallener Hebel aus der Wand ragte. Hinter den restlichen Torbogen fanden sie ebenfalls Hebel, alle Kammern glichen sich aufs Haar genau. Kardoc ging in die erste Kammer, er wollte untersuchen ob es sich um eine Falle handelte. Er spähte in den Schlitz in dem der Hebel steckte, seine kundigen Finger versuchten den Hebel herauszuziehen um bessere Sicht ins Innere zu haben. Während er in der Kammer herumwerkte versammelten sich seine Gefährten vor dem Torbogen und schauten gespannt zu. Das Letzte was sie von Kardoc sahen war sein verblüfftes Gesicht als einen Steinplatte vom Boden aufwärts schnellte und den Torbogen verschloß. Gleichzeitig war ein Poltern vom Portal zu hören. Ein leichter Ruck ging durch das metallbeschlagene Tor, so als ob sich ein Riegel gelöst hätte. Die Steinplatte hinter der Kardoc eingeschlossen war hielt den Befreiungsversuchen von Davidudl ohne Schwierigkeiten stand. Der Zwerg war vorerst außer Gefecht gesetzt. Anaid hatte inzwischen einen Einfall gehabt und einige Steine von den Überresten des Golems geholt. Sie warf einen Stein auf den Hebel in der nächsten Kammer. Sie traf den Hebel und eine Steinplatte verschloß auch diesen Torbogen. Nach einigen gezielten Steinwürfe in die Kammern, hatten sie alle Hebel gelegt und das Portal öffnete sich. Sie beschritten einen kleinen Raum. In der Mitte lag auf einem Erdhaufen der letzte Schlüssel. Osak entdeckte einen weiteren Hebel und drückte ihn ohne viel nachzudenken. Mit lautem Gerumple öffneten sich alle Torbogen wieder und Kardoc erschien fluchend aus seiner Kammer. Es war höchste Zeit, daß hier herauskamen, denn ihre letzte Fackel war fast zur Gänze abgebrannt, Ibraha sollte sich noch schonen und von den anderen hatte keiner Lust in der Dunkelheit herum zu irren.

Der Schlüssel verschwand wie die anderen zuvor und der Sockel rückte gleich darauf zur Seite. Darunter führte einen schmale Treppe weiter nach unten. Von unten drang schwacher Lichtschein herauf. Leise stiegen sie hinab. Am Ende der Treppe wurde der Gang etwas breiter, drei Personen konnten hier bequem nebeneinander gehen. An den Wänden entlang standen flache Schalen auf dreibeinigen Metallständern in denen brennendes Öl rötliches Licht spendete. Der Gang verlief schnurgerade und nach einiger Zeit gelangten sie an eine Holztür in die ein kleines Sichtgitter eingelassen war. Hinter der Tür hörte man hin und wieder grunzende Laute und schwere Schritte. Vorsichtig spähte Anaid durch das Gitter und drehte sich sofort wieder zu den Gefährten. Sie deutete ungläubig auf die Tür, anscheinend hatte sie etwas äußerst Merkwürdiges gesehen. Davidudl und Osak blickten ebenfalls durch das Gitter und staunten nicht weniger als Anaid. Osak rümpfte die Nase, legte beide Zeigefinger seitlich und gekrümmt an den Mund als ob ihm Hauer gewachsen währen. Kardoc und Ibraha verstanden seine Geste, es gab nur ein Wesen das so aussah. Ein Ork! Aber wie konnten hier Orks herkommen? Sie gingen so gut wie nie aus ihren Bergen, wo sie schon seit Ewigkeiten hausten. Das Orkgebirge lag viele Tagesreisen von hier entfernt, ungefähr im Zentrum Mystias. Die Orks lebten abgeschieden und verhielten sich seit Jahrhunderten friedlich, nur mehr einigen Sagen erzählten von ihren Greueltaten. Außerdem war es unverständlich wie sie überhaupt hier herein gekommen waren, es sei denn es gab einen zweiten Eingang in dieses Labyrinth. Ibraha schaute ebenfalls durch das Gitter. Anscheinend handelte es sich um einen Wachraum. Zwei Orks saßen an einem roh gezimmerten Holztisch und spielten Karten. Hin und wieder grunzte einer der beiden, wenn er besonders scharf nachdenken mußte. Orks waren nicht besonders Intelligent und ein einfaches Kartenspiel bedeutete für sie einen geistigen Höhenflug. Die beiden Intelligenzbestien spielten sogar recht zügig und waren außerdem in voller Kampfmontur. Ein breiter Gürtel hielt den ledernen, mit Eisenbändern verstärkten Waffenrock. Oben trugen beide einen ledernes Wams mit aufgesetzten Schulterplatten aus Eisen. An der Wand lehnten vier breite Säbel. Die beiden Orks waren sicher nicht alleine hier.

Das Ganze paßte nicht zusammen. Zuerst die vier rätselhaften Gänge in denen man auf umständliche Weise Schlüssel erhielt, - und diese öffnen einen Weg zu zwei Orks die Karten spielen? Die beiden zu befragen hatte wenig Sinn. Mit Orks halbwegs vernünftig zu reden war so gut wie aussichtslos. Sie würden höchstwahrscheinlich sofort angreifen. Anaid hatte vor die Orks zu überlisten und teilte den anderen ihren Einfall mittels Handzeichen mit. Nachdem jeder Bescheid wußte gingen sie aus dem Blickfeld des Sichtgitters. Osak imitierte täuschend echt das Gegrunze der Orks. Gleich darauf hörten sie hastige Schritte und danach schweres Schnaufen am Gitter. Der Ork drückte seine Rüsselartige Nase ans Gitter, lauschte kurz und schlug dann verärgert gegen die Tür. Mit einem kehligem Knurren entfernte er sich wieder. Osak lockte den Ork ein zweites mal an die Tür. Diesmal näherten sich beide und ihr Gegrunze hörte sich schon sehr verärgert an. Einer blickte durch das Gitter und danach schnappte innen der Riegel. Davidudl trat etwas nach vorne und hielt sich bereit. Der Ork ließ die Tür nach außen aufschwingen, steckte seinen häßlichen Schädel heraus und sah erstaunt wie die Tür mit unglaublicher Geschwindigkeit wieder auf ihn zu kam. Davidudl stand hinter der Tür und hatte so fest dagegen getreten, daß der Ork von den Beinen gerissen wurde und auch den zweiten Ork zu Fall brachte. Bevor sich dieser von seinem bewußtlosen Kollegen befreien konnte war er bereits von den Stahlspitzen der fünf Eindringlinge umzingelt.

An einer Wand des Wachraums hingen ein paar lose Ketten, an der gegenüberliegenden Wand stand ein Gestell mit verschiedenen Speeren und Hellebarden. Ansonsten war nur noch der Tisch und zwei kurze Bänke zu sehen. Die beiden Wachen wurden mit Ketten gefesselt und in den Gang geschaffen. Der zweite Ork wurde ebenfalls mit einem wohl dosierten Schlag von Davidudl betäubt. Kardoc sah sich interessiert die Spielkarten an und steckte sie in seinen Beutel. Irgendwann könnte man damit vielleicht ein Spielchen wagen.

Aus dem Wachraum führte ein breiter, ebenfalls mit Ölschalen beleuchteter Gang weiter. Nach einigen Schritten teilte er sich in drei Gänge auf. Während sie in die drei Gänge spähten und beratschlagten welche Richtung sie einschlagen sollten, begann jemand hinter ihnen zu sprechen: "Willkommen ihr tapferen Recken. Dürfte ich euch den Weg zeigen?"

Sie drehten sich um und erblickten das genaue Abbild jener Statue die am Sockel der Schlösser stand. Der einzige Unterschied war, daß sein Gesicht nicht schwarz sondern totenblaß war. Vom fast kahlem Kopf hingen vereinzelt lange, schwarze Haarsträhnen. Die gekrümmte Nase ragte wie ein Beil aus dem kantigen Schädel und die Augen lagen ungewöhnlich tief in den Augen. Er grinste genau so widerlich wie die Statue. Ohne die Gefährten aus den Augen zu lassen kreuzte er die Arme über der Brust und bewegte lautlos die Lippen. Plötzlich erschienen hinter ihm ein Dutzend schwerbewaffneter Orks aus dem Nichts, als ob er sie aus der Luft geschaffen hätte. Der Magier deutet in Richtung des mittleren Ganges und sagte: "Hier entlang."

Er wirkte mit seinen bewaffneten Begleitern höchst überzeugend, also folgten sie seinen Anweisungen vorerst. Sie erreichten kurz darauf eine große Halle in der Alle bequem Platz fanden. Die Gefährten versammelten sich an der Wand und die Orks verteilten sich an den Ausgängen. Der Magier betrachtete die Gefährten wieder grinsend: "Ich habe mich selten so amüsiert wie heute. Nie hätte ich gedacht, daß ihr bis hierher vordringen würdet. Eure Art Rätsel zu lösen ist wirklich bemerkenswert."

Davidudl fragte ihn ohne viel Umschweife: "Wer seid ihr?"

Der Magier richtete seinen stechenden Blick auf Davidudl: "Wer ich bin? Vielleicht solltest du fragen wer war ich einst? Dich braucht es jedenfalls nicht mehr zu interessieren, denn du wirst hier nicht lebend herauskommen."

Osak wurde nervös, er beobachtete die Orks die jetzt langsam unruhig wurden. Anscheinend warteten sie nur auf einen Befehl um sich auf ihre Beute zu stürzen. Ibraha versuchte den Magier in ein Gespräch zu verwickeln: "Habt ihr diese Gänge angelegt?"

Er wendete sich zu ihr: "Du bist diese Zauberin, nicht wahr? Wirklich köstlich deine Sprüche. Wenn dies nicht dein Todestag währe könnte eine recht passable Magierin aus dir werden. Obgleich, - meine Macht könntest du nie erreichen."

Ibraha war tatsächlich sehr beindruckt vom Können ihres Gegners, denn er beherrschte die Magie wie sie es noch bei niemanden erlebt hatte. Eine ganze Truppe Orks von irgendwoher teleportieren war eine unvorstellbare Meisterleistung und anscheinend hatte es ihn nicht die geringste Mühe gekostet. Wahrscheinlich konnte er sich sogar selbst teleportieren. Von solch mächtigen Sprüchen konnte sie nur träumen. Selbst wenn sie ausgeruht wäre, reichte ihre Kraft im besten Fall dazu aus einen Gegenstand über kurze Entfernung zu versetzten. Gegen diesen Magier konnte sie in ihrem momentanen Zustand überhaupt nichts ausrichten. Ibraha trug aber seit langem ein kleines Fläschchen mit sich, in dem ein Zaubertrank befand der ihre magischen Kräfte sofort wieder herstellen würde. Mit unangenehmen Nebenwirkungen allerdings. Der Trank war schwer wiederzubeschaffen und unglaublich teuer. Dies schien ihr jedoch der rechte Moment zu sein um den Trank zu erproben.

Der Magier sprach zu allen gewendet weiter, anscheinend hatte er einen Sinn fürs Dramatische und hielt den Gefährten eine Abschiedsrede: "Ihr seid euch gar nicht bewußt was ihr hier entdeckt habt? Nun, dieses uralte Grab wird auch das eure werden. Wenn meine Aufgabe erledigt ist werde ich euch einen würdigen Platz suchen. Doch sterben werdet ihr jetzt gleich. Ihr habt mich wirklich gut unterhalten, deshalb werde ich gnädig sein und euch einen raschen Tod bereiten."

Davidudls Faust umfasste seinen Schwert, er hatte nicht die geringste Lust hier begraben zu werden. Kardoc löste unbemerkt seine Axt vom Gürtel. In Gedanken hatte er bereits dem nächst stehenden Ork die Beine gekürzt. Die Orks wurden immer unruhiger und fixierten die Gefährten mit ihren kleinen geschlitzten Augen. Der Magier sprach unbeirrt weiter: "Und damit ihr nicht unwissend sterben müßt..."

Er holte unter seiner Kutte einen hell schimmernden Hammer hervor: "Mit diesem Hammer werde ich den Drachen bezwingen und das Grab endlich öffnen."

Der Hammer verschwand wieder unter seiner schwarzen Kutte und er fuhr in mitleidigen Ton fort: "Ihr werdet meinen glorreichen Sieg leider nicht mehr miterleben, denn..."

In diesem Moment konnte sich ein Ork nicht mehr länger zurückhalten und stapfte wutschnaubend auf Osak zu der sofort seine beiden schlanken Schwerter zog. Die Gesichtszüge des Magiers nahmen abscheuliche Formen an und er zischelte zu dem ungehorsamen Ork: "Halt' dich zurück!"

Der Ork zögerte zwar kurz ging dann aber trotzdem weiter. Die anderen Orks schienen ebenfalls jeden Moment anzugreifen. Anaid legte einen Pfeil in die Sehne und zielte auf den Ork der sich jetzt wenige Schritt vor Osak befand. Plötzlich blieb der Ork wie angewurzelt stehen. Er blickte erstaunt auf Osak, seine Augen traten immer weiter aus den Höhlen. An seiner länglichen Schnauze begann sich die Haut aufzublähen. Er begann vor Schmerz zu brüllen. Der ganze Kopf wurde größer, die dunkle ledrige Haut durchzogen Risse aus denen das Blut hervortrat. Er fiel auf die Knie und grub seine Krallen in das aufgequollene Fleisch seines Gesichtes. Außer seinem schmerzverzerrten Gebrüll war nichts mehr zu hören, die anderen Orks wagten keine Bewegung mehr. Der Magier war in regelrechte Verzückung gefallen, er tötete offensichtlich den Ork auf magische und abscheuliche Weise. Er schien den Schmerz des Orks mit jeder Faser auszukosten. Ein Auge des Orks platzte und vermischte sich mit dem Blut das aus allen Poren floß. Als seine zersplitterten Schädelknochen die zerrissene Haut durchdrangen verstummte er. Sein Maul war weit aufgerissenen und seine Hände fielen schlaff zu Boden. Während er nach vorne kippte zerplatzte der deformierte Klumpen auf seinem Hals endgültig mit einem dumpfen Knall. Als er am Boden aufschlug war nur mehr der zerfetzte Hals zu sehen aus dem rhythmisch ein roter Schwall zwischen den ausgefransten Sehnen und Muskelfasern floß. Den Magier durchlief ein wohliger Schauer als er von seinem Opfer abließ und sich mit glasigem Blick wieder den Gefährten zuwendete. Ibraha hatte inzwischen den Trank eingenommen und spürte wie sich wieder von magischen Kräften durchflutet. Sie fühlte sich unglaublich gut, der Trank brannte wie ein kühles, machtvolles Feuer in ihren Adern. Die Wirkung hatte ihren Höhepunkt erreicht und Ibraha setzte ein Lächeln auf, daß wie eine Mischung aus Absoluter Überlegenheit, Wahnsinn und Vollrausch aussah. Anaid schoß ihren Pfeil im selben Moment auf den Magier. Der Pfeil durchdrang seine Brust und prallte gegen die Wand hinter ihm. Noch während der Pfeil geflogen war, teleportierte sich der Magier selbst. Zwei Schritt neben seinem ehemaligen Standpunkt erschien er wieder und fing hysterisch zu lachen an. Er breitete seine Arme aus und kreischte im hysterischem Tonfall Anaid zu, sie solle ihn noch einmal töten. Ibraha konzentrierte sich inzwischen auf den Körper des toten Orks. Anaid nahm einen neuen Pfeil und spannte die Sehne bis zur Pfeilspitze. Nun passierten drei Dinge gleichzeitig. Der Pfeil schnellte von der Sehne, der Magier teleportierte sich wieder und der tote Körper des Orks löste sich ebenfalls auf. Ein Teleport dauert drei bis vier Herzschläge lang. Genug Zeit für Ibraha um zu sehen wo der Magier wieder auftauchen würde. Als die Luft neben dem Magier leicht zu flimmern begann, richtete sie ihre ganze Kraft dorthin und teleportierte den toten Ork. Der Pfeil flog wieder wirkungslos durch den Magier, aber sein Grinsen verzerrte sich zu einer entsetzten Fratze als er dicht neben sich selbst wieder auftauchte, - gemeinsam mit dem Ork. Sein Fleisch verschmolz mit dem toten Gewebe der Leiche, unmögliche Auswüchse entstellten seinen ganzen Körper, nur sein Kopf blieb normal. Er konnte die toten Teile seines fast doppelt so breiten Körpers nicht mehr kontrollieren und taumelte seitlich auf die Wand zu. Seine deformierte Krallenhand versuchte an einer der Ölleuchten Halt zu finden. Er stürzte mitsamt der Schale zu Boden, das brennende Öl ergoß sich über ihn und er stand sofort völlig in Flammen. Jetzt gab es nichts mehr, daß die Orks gehalten hätte. Sie stürzten sich mit wütenden Gebrüll auf die Gefährten. Osak stürmte vor und schnitt dem ersten Ork die Kehle durch. Davidudl und Kardoc stellten sich vor Ibraha die bewußtlos zu Boden gesunken war. Anaid schoß ununterbrochen ihre Pfeile ab. Davidudl wurde sofort von fünf Orks bedrängt, konnte sie aber mit kräftigen Rundschlägen auf Distanz halten. Osak hatte zwei Orks weggelockt und sprang zwischen ihren herum fuchtelnden Säbeln umher. Kardoc hielt sich an die ungeschützten Beine der Angreifer. Einer stürzte soeben mit durchtrennten Sehnen zu Boden. Anaid befreite Osak durch einen gezielten Schuß von einem Ork; der zweite Ork traf Osak aber mit dem Säbel auf der Seite. Osak sprang in die Luft, vollführte eine Drehung und schnitt dabei dem Ork den Hals schräg bis zur Schulter auf. Der Ork brach zusammen und Osak eilte trotz seiner Verletzung Davidudl zu Hilfe. Ein Ork konnte zwischen den Hieben von Davidudl und Kardoc durchschlüpfen und hob seinen Säbel um Ibraha zu enthaupten. Anaids Pfeil durchschlug jedoch seinen Kopf und er stürzte zu Boden. Davidudl hatte keine besondere Kampftechnik, er schlug nur zu. Aber seine Schwerthiebe wirkten sich derartig aus daß zwei der Orks nur mehr mit kurzen, abgebrochenen Klingen kämpften und zwei weitere mit zerfetzter Rüstung am Boden lagen. Ihre Kettenhemden hatten sich so ziemlich vollständig aufgelöst. Kardoc hatte es etwas schwieriger, er mußte seine Gegner erst von den Beinen holen um sie in ebenbürtiger Höhe zu bekämpfen. Aber der Zwerg hatte langjährige Erfahrung in dieser Kampftechnik. Ein Ork kniete soeben mit blutigen Beinen vor ihm und bekam die Zwergenaxt genau zwischen die Augen. Der letzte Ork fiel mit erhobenen Säbel und einem Pfeil durch den Hals. Osak lies die Waffen fallen und hielt sich seine Wunde zu die stark blutete. Der Orksäbel hatte ihm einen langen Schnitt an der Seite zugefügt, aber es war nur eine leichte Fleischwunde. Kardoc hatte ebenfalls einige Kratzer abbekommen. Sonst war niemand ernsthaft Verletzt. In der Halle sah es wüst aus. Die Orks lagen kreuz und quer herum. Ihr Blut hatte Rinnsale über den Boden gebildet. Der Magier brannte noch immer, die Flammen wurden jedoch zusehends schwächer. Aus seinem verkohlten Körper stand ein Stiel hervor. Kardoc ging hin und versuchte den Stiel vorsichtig zu berühren. Er war kühl, als ob es das Feuer nie gegeben hätte. Kardoc zog verwundert den Hammerstiel aus dem glosenden Haufen und wischte die Asche herunter. Der Hammer hatte das Feuer ohne den geringste Schaden zu nehmen überstanden. Ibraha schlug wieder die Augen auf, sie war völlig entkräftet und konnte sich nicht alleine erheben. Zufrieden schaute sie auf den verkohlten Magier und die Orks. Osak zeigte ihr stolz seinen Schnitt und meinte es würde eine wunderhübsche Narbe werden. Anaid war weniger begeistert, sie erklärte ihm ausführlich den Krankheitsverlauf des Wundbrandes. Seine Wunde mußte dringend versorgt werden, aber dazu mußten sie hier so bald als möglich hinaus. Kardoc und Davidudl lief den Weg zurück um nachzusehen ob sich etwas verändert hatte. Nach einiger Zeit kehrten sie wieder und berichteten, daß die vier Gänge in der ersten Halle wieder verschwunden seien, die geheime Wand aber noch immer geschlossen währe und die zwei Wachen unverändert gefesselt im Gang lägen. Es gab anscheinend nur den Weg nach vorne. Aus der Halle führte, durch einen reich verzierter Torbogen, ein Gang weiter. An den Wänden waren Kampfszenen eingemeißelt, eine Schar Ritter kämpfte gegen unzählige, und vor allem abartige aussehende Bestien. Die in den Stein gemeißelten Wesen hatte keiner von ihnen je gesehen. Der Gang endete an einem schweren Eisentor. Es war unverschlossen. Als sie das Tor einen Spalt öffneten wurden sie mit wildem Fauchen empfangen. An einer kurzen Eisenkette bäumte sich ein äußerst gereizter grüner Drache auf. Es schien allerdings kein magischer Drache zu sein sondern lediglich ein hungriger. Anaid fragte verwundert ob das der Drache sein soll für den der Magier den Obrit Hammer gebraucht hatte. Das erschien Allen ziemlich unglaublich, denn die Orks wären auf jeden Fall mit ihm fertig geworden. Grüne Drachen sind zwar äußerst angriffslustig aber nicht unüberwindlich. Der Magier hätte ihn mit Hilfe der Orks und ein paar Speere leicht überwältigen können. In diesen engen Gängen hätte der fast fünf Schritte hohe Drache keine wirksame Gegenwehr leisten können. Davidudl ging nochmals zurück und schaffte einen der gefangenen Orks herbei um ihn über den Drachen zu befragen. Anfangs weigerte er sich zwar standhaft zu sprechen, nach einigen ernsthaften Drohungen mit Davidudls Langschwert wurde er dann aber doch gesprächig und begann in der schwer verständlichen gurgelnden Orksprache zu erzählen. Der Magier hatte alles hier herein teleportiert, auch den grünen Drachen. Zu welchem Zweck wußte er allerdings nicht, ebensowenig wußte er etwas über den gestohlenen Hammer oder einen Drachen der damit bezwungen werden sollte. Der Magier hatte die Orktruppe hereinteleportiert und ihnen aufgetragen auf den Drache acht zu geben während er beschäftigt war. Weiter als zu diesem Raum war keiner von ihnen je vorgedrungen. Was der Magier in diesen Gängen in Wahrheit trieb wußte der Ork nicht und es war ihm auch ziemlich egal.

Der Ork wurde immer gesprächiger, er schien sich trotz seiner Fesseln den Gefährten überlegen zu fühlen. Er verfluchte sie wegen der Ermordung des Meisters der seinem Volk endlich die Augen geöffnet hatte. Begeistert erzählte er wie der Meister vor zwanzig Monden im Orkgebirge aufgetaucht und den Bewohnern seines Dorfes klargemacht hatte, daß sie sich nicht mehr länger in den Bergen verstecken brauchen. Die Jahrhunderte der Verbannung seien nach seiner Prophezeihung vorbei. Er zeigte ihnen mit Hilfe seiner Magie die glorreiche Vergangenheit der Orks, als sie noch Herrscher der Welt waren. Nun war die Zeit gekommen in der sie ihre Rechte wieder in Anspruch nahmen. Das Volk der Orks rüstete sich zum Kampf. Noch in diesem Jahr wollten sie die wichtigsten Burgen einnehmen und von dort würden sie einen unaufhaltbaren Siegeszug über die ganze Weltscheibe antreten.

Der Ork war in einen regelrechten Siegesrausch verfallen und brüllte nur mehr unverständliche Parolen. Nicht einmal das drohende Langschwert konnte ihn beruhigen. Davidudl schlug mit dem Schwertknauf an seine Schläfe und beendete das Gezeter. Ibraha blickte nachdenklich auf den Ork und meinte: "Entweder ist er völlig wahnsinnig, oder wir kriegen in nächster Zeit massenhaft Aufträge."

Kardoc schwang seine Axt und sagte eher belustigt: "Diese ekeligen, gehirnlosen Stinkmäuler sollen nur herunterkommen von ihren Bergen, - das gibt ein Gemetzel."

Keiner der Gefährten glaubte so recht an eine Invasion der Orks. Das war nahezu unvorstellbar. Die Orks waren zwar niemals ganz friedlich gewesen, aber daß sie auf einmal die Welt erobern wollten war geradezu lächerlich. Zu mehr als ein paar planlosen Überfällen auf die Dörfer rund um das Orkgebirge hatte es in all den Jahrhunderten nie gereicht. Und die Aussage des Wächters, daß die Orks einst Herrscher von Mystia waren erhärtete den Verdacht, daß er einen außerordentlichen Dachschaden hatte. Ein Ork konnte sich glücklich schätzen wenn er wenigstens seinen eigenen kleinen Verstand beherrschte.

Das Fauchen des Drachens unterbrach ihre Überlegungen. Wenn es einen Ausweg aus dem Labyrinth gab dann konnte er nur mehr hinter dem Drachen liegen. Dort führte ein Durchgang weiter, aber der Drache würde sie kaum freiwillig vorbeilassen. Kardoc hatte inzwischen einige Speere und Hellebarden geholt und gab sie Davidudl. Er mußte den Drachen direkt ins Maul treffen, dies war die einzig verwundbare Stelle. Kardoc und Anaid gingen hinein und reizten den Drachen weiter damit Davidudl seinen Wurf durchführen konnte. Die ersten fünf Speere zersplitterten an den steinharten Schuppen des Drachen, dann jedoch traf Davidudl in den geöffneten Rachen. Der Speer blieb im Schädel des Drachen stecken und er brach sofort tot zusammen. Die Gefährten umringten den erlegten Drachen. Es war das erste mal, daß sie solch ein wildes Tier aus der Nähe sahen. Die Schuppen sollten sich angeblich hervorragend für Rüstungen eignen. Ibraha hielt sich vom Ausschlachten fern und sah sich inzwischen im Raum um. Der Magier hatte hier einige Utensilien verstaut. Während sie in den Sachen des Magiers kramte machte sich die Nachwirkung des Trankes spürbar. Es gab zwar Zaubertränke ohne diese lästigen Nebenwirkungen, aber die hatten ihren Preis. Diesen Trank hatte sie von einem fahrenden Händlers verhältismäßig günstig erstanden. Ibraha fühlte sich als hätte sie eine Woche durchgefeiert. Sie gähnte und suchte weiter in der Hinterlassenschaft des Magiers, fand aber nichts ungewöhnliches. Ein eisener Kessel brachte sie jedoch auf eine Idee. Sie rief Kardoc zu sich, der seinen Beutel gerade mit Drachenschuppen vollstopfte. Der eiserne Kessel sollte als Urne für die Asche des Magiers dienen, denn die Überreste einfach hier liegen zu lassen schien ihr etwas gefährlich. Sie füllte die Asche in den Kessel und Kardoc trieb mit seinem Schmiedehammer eine Pfanne, aus Besitz des Magiers, über die Öffnung des Kessels. Später wollte er die Urne mit einer Eisenplatte zuschmieden, aber vorerst mußte die Pfanne reichen.

Der Drache war inzwischen dem Großteil seiner Schuppen, mehreren Zähnen und einem Wasserschlauch voll Blut beraubt worden und die Gefährten sahen nach wohin der Weg weiterführte. Hinter dem Drachen befand sich ein doppelflügeliges Tor. Es war mindestens doppelt so hoch wie Davidudl und mit schweren Eisenbeschlägen verziert. Anstelle eines Schlosses war ein kleiner Riegel in der Mitte angebracht. Anaid zog den Riegel hoch und öffnete beide Torflügel. Sie schwangen leicht und geräuschlos auf. Helligkeit strahlte aus dem größerwerdenden Spalt, im ersten Moment konnte keiner der Gefährten etwas erkennen, ihre Augen waren noch die düsteren Ölleuchten gewöhnt. Nach wenigen Augenblicken stellte sich jedoch heraus, daß dieses Tor keineswegs ins Freie führte. Sie standen vor einer riesigen weißen Halle. Staunend traten sie durch das Tor. Die Halle maß gut fünfzig Schritt von Wand zu Wand, ringsum standen mächtige Säulen die sich hoch oben zu einer Kuppel vereinten. Im hinteren Bereich lag eine Treppe quer durch die ganze Halle. Zwölf Stufen führten zu einem erhaben wirkenden Sarkopharg. Das weiße Licht in der Halle schien von diesem Sarkopharg auszugehen. Vor den Stufen dieses Grabmals thronte ein Drache. Zweifellos jener den der Magier besiegen wollte. Er war leicht sieben Schritte hoch und stand Aufrecht auf einem kunstvoll gemeißelten Steinquader, den Schwanz hatte er um den Quader geschlungen. Die Flügel waren zusammengefaltet und reichten beinahe bis zum Boden. Den schlanken Hornschädel hatte er leicht erhoben, er blickte seitlich und regungslos auf die Gefährten. Wenn sein aufmerksames Auge nicht gewesen währe, hätte man meinen können er sei aus weißen Stein gemeißelt. Die Gefährten gingen langsam in Richtung der Treppe. Auf dem Sarkophargdeckel sahen sie eine Figur. Es war anscheinend das Grab eines sagenhaften Ritters, denn die liegende Figur auf dem Deckel hielt ein Schwert. Zehn Schritte trennten sie noch von der Treppe als plötzlich Leben in den Drachen kam. Die Luft rauschte als er seine mächtigen Schwingen ausbreitete und den Gefährten den Weg versperrte. Er schlug zweimal leicht mit den Flügeln. Der enorme Luftzug drückte die Gefährten ein Stück Richtung Ausgang zurück. Ibraha taumelte und stürzten beinahe. Der Drache verharrte mit seinen ausgebreiteten Flügeln, die er schützend vor das Grab hielt. Davidudl hätte zu gern das Schwert auf dem Sarkopharg betrachtet. Er blickte wehmütig auf den Drachen und meinte zu Anaid: "Ich glaube fast der Drache will uns nicht durchlassen."

Anaid nickte zustimmend. Der Drache hatte seinen Kopf den Gefährten zugewendet und beobachtete sie. Seine Lider waren nur leicht geöffnet, doch jeder der Fünf spürte wie er sie musterte. Plötzlich öffnete er sein Maul. Ein feuriger weißer Strahl schoß heraus, genau auf die Gefährten zu. Das weiße Feuer zischte dicht über ihre Köpfe hinweg. Hinter ihnen hörten sie plötzlich zwei Schreie. Die beiden Orks hatten sich befreit und griffen soeben an. Der weiße Strahl verbrannte sie samt ihren erhobenen Säbeln in wenigen Augenblicken. Es blieb nicht einmal Asche übrig. Der Drache nahm wieder seine ursprüngliche Position ein und legte die Flügel zusammen. Bevor er den Kopf seitwärts wendete ließ er einen weißen, feurigen Ball aus seinem Maul der Richtung Ausgang schwebte. Danach schien er die fünf Gefährten nicht mehr zu beachten. Der Feuerball hielt kurz vor den Zweibeinern inne und flog dann langsam in den Gang hinaus. Sie folgen ihm ohne zu Zögern. Seltsamer Weise kam keiner auf den Gedanken den Drachen zu bekämpfen. Der weiße Feuerball führte sie den Weg zurück bis zur Halle mit der schwarzen Statue. Am Weg dorthin verbrannte er alles was der Magier hereinteleportiert hatte. Sogar die Ölleuchten wurden von weißen Flammen verschlungen. Nur der Kessel mit der Asche des Magiers blieb verschont. Anaid nahm ihn an sich, denn er mußte auf jeden Fall noch zugeschmiedet werden. In der letzten Halle verbrannte der Feuerball die schwarze Statue und blieb dann über dem Sockel in der Luft stehen. Die zerbrochenen Teile des steinernen Drachen hoben sich vom Boden und fügten sich wieder zusammen. Nach einiger Zeit stand wieder der weiße Drache mit Reiter auf dem Sockel. Die Gefährten begannen sich jetzt ernstlich Sorgen zu machen denn der Sockel drehte sich wieder über die Öffnung im Boden, sie schienen in diesem Raum gefangen zu sein. Nur die weiße Statue gab noch Licht, ihre Fackeln hatten sie längst verbraucht. Davidudl stützte Ibraha die jeden Moment einzuschlafen drohte. Osak versuchte den stechenden Schmerz zu unterdrücken der ihn seit geraumer Zeit plagte. Seine Wunde brauchte dringend heilsame Kräuter. Anaid und Kardoc suchten die Wände nochmals genauestens ab um irgend eine kleine Ritze oder einen losen Stein zu entdecken. Das Licht der Statue wurde langsam schwächer. Osak saß am Boden gegen die Wand gelehnt. Ihm fiel seine Beute ein die er im Gang der Dunkelheit am Boden gefunden hatte. Er nützte, die vielleicht letzte Gelegenheit, den Gegenstand anzusehen und griff in seine Gürteltasche. Es war ein Ring. Wunderbar gearbeitet, und aus purem Gold. Er paßte wie angegossen. Das Licht wurde immer schwächer und leuchtete nur mehr den Boden im Umkreis der Statue aus. Plötzlich löste sich von der Statue ein heller Lichtstrahl der die ehemalige Geheimwand anleuchtete. Das Gestein wurde durchsichtig, in weiter Entfernung sahen sie einen kleinen hellen Punkt; der Ausgang in den Talkessel. Plötzlich fing Davidudl zu lachen an und zeigte auf den unteren Bereich der Geheimwand. Dort tasteten Torel und noch drei andere Zwerge in der Luft herum, sie schauten hochkonzentriert auf etwas, daß sich dicht vor ihren Augen befand und schielten dadurch entsetzlich. Kardoc ging zur unsichtbaren Wand und streckte seine Hand durch. Er klopfte Torel auf die Schulter und zog die Hand wieder zurück. Torel erstarrte und schielte fassungslos auf die, für ihn zweifelsfrei sichtbare Wand. Torel war etwas zurückgewichen und sah wie die Gefährten einer nach dem anderen aus der Wand kamen. Als sie sich umdrehten sahen sie jedoch keine Wand, der Weg blieb anscheinend für die fünf Gefährten offen. Kardoc ging einige Schritte zurück, und tatsächlich - die Wand existierte für ihn nicht mehr. Torel zeigte besorgt auf Ibraha, sie war eingeschlafen. Davidudl legte sich die Magierin über die Schulter und die Gefährten erzählten Torel am Rückweg von ihren Erlebnissen. Da der Name des Magiers unbekannte war wurde er "Der dunkle Lord" genannt. Nachdem sie den unterirdischen Gang hinter sich hatten und in der Reliquienkammer angelangt waren schrie Kardoc plötzlich auf und schlug sich gegen die Stirn. Das Wichtigste hatte er zu erzählen vergessen. Er holte den Obrithammer aus seinem Beutel und überreichte ihn dem freudenstrahlenden Torel. Der alte Zwerg ging zum Amboß und legte den Hammer behutsam darauf. Amboß und Hammer verschmolzen kurz in einer gemeinsamen blauen Aura, dann bewegte sich der Amboß wieder langsam und schloß den unterirdische Gang. In der entweihten Reliquienkammer war wieder alles in Ordnung.

Ibraha schlief tief und fest. Die Zwerge räumten eine größere Hütte und bereiteten ihr ein Lager am Boden, hier konnte sie ungestört schlafen. Anaid hatte inzwischen eine Salbe aus mehreren Kräutern für Osak zusammengebraut der seit der Ankunft schweigend bei einer Eiche saß und von Zeit zu Zeit aufstöhnte. Es war höchste Zeit seine Verletzung zu behandeln. Anaid reinigte die Wunde und strich die Salbe vorsichtig darauf. Danach verband sie den Schnitt mit sauberen Tücher. Anaid klopfte ihm leicht auf die Schulter und meinte er solle sich jetzt hinlegen, spätestens morgen würde er keine Schmerzen mehr haben. Osak ließ sich mit einem dankbaren Lächeln zurücksinken. Anaid sah auf seine Hand und bemerkte den neuen goldenen Ring den er trug und fragte: "Wo hast du denn diesen Ring her?"

"Der ist mir gewachsen, du alte Schlampe."

Osak blickte entsetzt in das verdutzte Gesicht von Anaid. Er wollte sich Entschuldigen und ihr sagen, daß ihm diese Worte auf unerklärliche Weise herausgerutscht seien. Er blickte sie mit unschuldigen Augen an und sagte: "Könntest du deine gräßliche Fratze beiseite schaffen ich bekomme ja Alpträume wenn du mich noch länger mit deinem ekelhaften Elfenschädel anstarrst."

Jetzt wurden auch Davidudl und Kardoc auf das seltsame Gespräch aufmerksam. Sie näherten sich und sahen wie sich Osak mit beiden Händen in den Mund fuhr. Er würgte gerade irgendwelche unverständliche Laute hervor. Anaid meinte besorgt zu Davidudl: "Er scheint den heutigen Tag nicht ganz verkraftet zu haben."

Kardoc schaute auf den verzweifelten Osak und tippte sich auf die Stirn. Osak setzte mehrmals zu einem Gespräch an, es kamen aber nur mehr Flüche über seine Lippen. Nachdem er sich mit der flachen Hand kräftig auf den Mund geschlagen hatte drehte er sich zur Seite und beschloß nie wieder zu reden, oder frühestens Morgen wieder einen neuen Versuch zu wagen. Die Abenddämmerung brach an und die übrigen Drei spürten ebenfalls die Anstrengungen des Tages und begaben sich zu ihren Nachtlagern. Nach kurzer Zeit waren alle eingeschlafen.

© Andreas Bartl

Zurück zur Bibliothek