KAPITEL 3 Alptraum Anaid hatte fürchterliche Angst. Regungslos stand sie auf einer weiten Ebene und konnte ihre Füße keinen Schritt bewegen. Sie wollte auch gar nicht fortlaufen. Sie hatte nur den sehnlichen Wunsch hier stehen zu bleiben und weiter zu leben. Auf dem Boden rund um ihre Füße hatten sich Pfützen aus dünnflüssiger Säure gebildet. Überall blubberte die graue Substanz aus dem Boden, es gab kaum noch Stellen die nicht von Säure bedeckt waren. Anaid spürte wie die Sohlen ihrer Stiefel weich wurden. Die Säure durchdrang langsam das dicke harte Leder und verwandelte es in einen weichen Brei. Und danach waren ihre Füße dran. Ganz langsam würde ihre Haut, dann das Fleisch und schließlich die Knochen verfaulen. Irgendwann würde sie stürzen und in einem flachen See aus Säure landen. Sie würde erst sterben wenn ihr Körper eine weiche aufgedunsene Masse war und genug lebenswichtige Organe zerstört waren. Anaid sah sich verzweifelt um, selbst wenn sie weglaufen könnte würde ihr das nichts mehr nützen; es war keine einzige Stelle mehr zu entdecken wo sie sicher gewesen währe. Die Ebene bestand jetzt nur mehr aus einer grauen blubbernden Fläche. Panik stieg in ihr hoch, das Herz begann wie verrückt zu schlagen. Ihre Fußsohlen fühlen sich bereits aufgeweicht an, als ob sie Stunden im Wasser verbracht hätte. Die Nervenenden begannen abzusterben, sie fühlte den Boden nicht mehr und verlor das Gleichgewicht. Anaid stürzte hilflos auf den grauen, schleimigen See zu und erwartete mit Entsetzen den Aufprall. Sie fiel in eine weiche Masse. Verzweifelt versuchte sie sich mit den Händen aufzustützen. Der Boden unter ihr fühlte sich an wie Stoff. Anaid öffnete die Augen - es war tatsächlich Stoff und er schien auch nicht ätzend zu sein. Kalter Schweiß lief ihr über die Stirn und das Herz hämmerte noch immer. Langsam begriff sie, daß der Alptraum vorbei war. Durch das Fenster des Lagerschuppens in dem sie lag, schien hell die Sonne. Neben ihr schnarchte Davidudl friedlich. Von draußen hörte sie gedämpft das geschäftige Treiben von Zwergenbergen. Leise und mit elfenhafter Gewandtheit stand sie auf und nahm ein dunkelgrünes Blatt aus einem Seitenfach ihres Ranzens. Sorgfältig kaute sie das Blatt und spürte wie der - zumindest für Elfen - ekelige Geschmack der Nacht einem erfrischend, kühlem Aroma Platz machte. Anaid hatte sich wieder beruhigt. Nur ein beklemmendes Gefühl blieb. Sie beschloß Davidudl noch schlafen zu lassen und nach Osaks Wunde zu sehen. Anaid brauchte nicht lange nach ihm zu suchen. Sie entdeckte ihn wild gestikulierend und von Zwergen umringt auf dem Dorfplatz. Er bediente sich fast ausschließlich der Zeichensprache. Nur hin und wieder rutschten ihm einzelne Wörter heraus die sogar dem abgebrühtesten Barbaren die Schamröte ins Gesicht getrieben hätte. Ibraha stand etwas abseits und lächelte verschmitzt . Sie hatte den Grund für Osaks seltsames Verhalten bereits entdeckt und klärte Anaid auf. Der Ring den Osak gefunden hatte war verflucht. Er verwandelte jeden Satz den Osak aussprach in einen äußerst deftigen Spruch. Noch dazu war der Ring geschrumpft und ging nicht mehr vom Finger. Die Zwerge hatten sich bis jetzt vergeblich abgemüht, der Ring wiederstand hartnäckig jeder Zange und Säge. Das Interesse der Zwerge verlagerte sich nach einiger Zeit von Osaks Ring, der mit normalen Mitteln anscheinend nicht zu bezwingen war, auf die Erzählung der Gefährten vom dunklen Lord und der geheimnisvollen Gruft. Kardoc und Davidudl waren jetzt ebenfalls am Dorfplatz erschienen und schmückten die Geschichte mit leichten Übertreibungen aus. Osak litt fürchterlich, jedes mal wenn er seinen Senf dazugeben wollte schlug ihm einer der Umstehenden mit der flachen Hand auf den Mund. Es dauerte nicht lange und er zog sich schmollend zurück. Nach und nach löste sich die Versammlung auf. Ibraha war wieder eingeschlafen, Osak war mit seinem Ring ausreichend beschäftigt und Kardoc lungerte den Rest des Tages bei seinen Verwandten herum. Davidudl war aufgefallen, daß mit Anaid etwas nicht in Ordnung war. Irgend etwas bedrückte sie schon den ganzen Tag. Doch auch sein guter Zuspruch konnte ihr beklemmendes Gefühl nicht wegwischen. Im Gegenteil, je später es wurde desto schlimmer fühlte sie sich. Sie war zwar sehr müde konnte aber lange nicht einschlafen. Ununterbrochen plagten sie grauenhafte Vorstellungen von Sümpfen aus Säure. Am nächsten Morgen erwachte sie wieder schweißgebadet und in panischer Angst. Sie konnte sich an den Traum zwar nicht erinnern, war sich aber völlig sicher, daß sie gar nicht wissen wollte von was sie geträumt hatte. Ihr erster klarer Gedanke war das Dorf im Elfenwald. Sie mußte dort unbedingt hin. Anaid sprach halblaut diese Eingebung aus. Neben ihr saß Davidudl und betrachtete sie sorgenvoll. Er nahm ihre Hand, blickte sie aufmunternd an und sagte: "Wir brechen noch heute früh auf." Während sie die Gefährten aufsuchten erzählte Anaid von ihrem Alptraum. Davidudl konnte sich aber ebensowenig vorstellen was der Traum zu bedeuten hatte. Sie erzählten Ibraha und Kardoc von ihrem Vorhaben zum Elfendorf zu gehen. Natürlich zögerten beide keinen Moment mitzukommen. Schließlich fanden sie auch Osak auf einem Baum. Er war relativ guter Laune, denn er hatte heute mit noch niemanden gesprochen. Nachdem sie ihm von Anaids Vision erzählt hatten sprang Osak vom Baum und wollte nur in kurzen Worten sagen, daß er selbstverständlich mitkommen würde und in wenigen Sätzen seine tief ergebene Freundschaft zum Ausdruck bringen. Es wurde ein ziemlich langes Wort das hauptsächlich von verschiedensten Tierfäkalien handelte und überhaupt nicht zu Osaks feierlichem Gesicht paßte. Der Großteil der Rede blieb zum Glück unausgesprochen da ihm Ibraha die Hand auf den Mund legte. Kardoc klopfte ihm anerkennend auf den Rücken, denn irgendwie hatten alle verstanden was er in Wirklichkeit sagen wollte. Von den Zwergen packten sie noch ausreichend Proviant ein, denn ihre Reise würde ungefähr dreißig Tage dauern und keiner hatte Lust sich jeden Tag seine Mahlzeit selbst zu jagen. Zu guter Letzt besuchten sie die Zwergenschmieden um sie neu auszurüsten. Torel führte sie in die unterirdischen Gänge des Berges. Es gab unzählige Kammern und Abzweigungen. Überall war das Dröhnen der Hämmer zu hören und aus manchen Kammern leuchtete die rote Glut eines Schmiedefeuers. Torel führte sie in eine Lagerhalle wo sich Waffen aller Art und Größe stapelten. Die Gefährten stöberten gewissenhaft und vor allem sehr lange in den Regalen und Ständern. Jedes Stück wurde genauestens geprüft und mit anderen verglichen. Anaid wurde jedoch immer ungeduldiger, sie hatte längst ihre Wahl getroffen. Mit einem gefüllter Köcher ausgezeichneter Pfeile stand sie bei Torel und trieb die anderen zur Eile an. Nach relativ kurzer Zeit hatten alle etwas passendes gefunden. Als sie nach dem Preis für die Waffen fragten winkte Torel ab und meinte dies sei ihre gerechte Entlohnung für die Wiederbeschaffung des Obrit Hammers. Die Gefährten hatten sich schon gedacht, daß sie mit den Gratiswaffen überrascht werden sollten und bedankten sich herzlich bei Torel. Wieder an der Oberfläche angelangt packten sie ihre übrigen Sachen zusammen und machten sich auf den Weg. Ein Großteil der Bewohner von Zwergenbergen hatte sich versammelt um die Fünf zu verabschieden. Kardoc blickte sich noch öfter um, doch bald war das Dorf zwischen den hohen Bäumen und dichten Gebüschen nicht mehr zu sehen. Sie hatten einen Weg gewählt der sie fast direkt in Richtung Elfenwald führte. Der Pfad war eine Handelsroute der Zwerge und daher ziemlich gut Instand gehalten. Sie kamen rasch voran. Der Weg führte in leichten Windungen vorbei an hohen Gipfeln und durch dicht bewaldete Täler in denen sie bequem Übernachten konnten. Nach sieben Tagen erreichten sie die letzten Ausläufer des Zwergengebirges. Es dämmerte bereits der Abend und von den letzten Hügeln aus konnten sie in der Ferne die grünen Ebenen erkennen. Der größte Teil ihrer Reise führte sie nun durch die fruchtbaren Felder und Wiesen die sich von Brilante bis zum Kardocsee erstreckten. Der See war der Mittelpunkt der Welt und tatsächlich nach einem berühmten Vorfahren von Kardoc benannt. Dieser Uhrahne hatte weite Reisen unternommen und eindeutig festgestellt, daß die Welt eine Scheibe war an deren Rändern man endlos in die Tiefe stürzt. Er war viele Tage mit seinem Schiff gesegelt und hatte nach eigenen Angaben das Ende der Welt gefunden. Außerdem hatte er berechnet, daß Mystia genau in der Mitte der Weltscheibe lag. Wie ein grünes Juwel in einem Meer aus glitzernden dunkelblauen Edelsteinen. Er war auch der Erste der halbwegs vernünftige Karten der Welt zeichnete, von der Kardoc eine mit sich trug. Kardoc hatte die Karte ausgebreitet und legte einen Daumen nach dem anderen in Richtung des Elfenwaldes. Es hatte nämlich vor langer Zeit herausgefunden, daß eine Daumenbreite ungefähr einer Tagesreise entsprach. Nachdem er seine Vermessung beendet hatte rollte er die Karte wieder zusammen und teilte den anderen mit, daß sie ein Drittel des Weges geschafft hätten. Anaid stöhnte auf. Es ging ihr viel zu langsam, sie wäre am liebsten Tag und Nacht durchmarschiert. Ihre Alpträume waren nicht gewichen und sie fühlte sich mit jeden Tag deprimierter. Osaks Laune lies ebenfalls jeden Tag mehr nach. Die umständliche Zeichensprache, zu der er gezwungen war, zermürbte ihn langsam. Den ganzen Weg über machte er sich schon Gedanken über seine außergewöhnliches Leiden. Ibraha hatte seinen Ring eingehend untersucht, konnte ihm aber auch nicht helfen. Es bestand also durchaus die Möglichkeit, daß er den Ring nie mehr los wurde. Verdammt zum ewigen Schweigen. Er würde seinen kompletten Lebenswandel ändern müssen. Ihm war ein Leben in Einsamkeit als Eremit vorgezeichnet. Oder noch besser als einsamer Held auf einer entlegenen Burg wohnend! Nur hin und wieder würden Fürsten oder Könige zu ihm Pilgern und seine Hilfe gegen einen übermächtigen Feind erflehen. In seiner großzügigen Art würde er dem Bittsteller die Gnade erweisen und auf das Schlachtfeld ziehen. Nachdem er dann ganze Armeen in die Flucht geschlagen hatte, würde der König vor ihm vor Dankbarkeit auf die Knie fallen. Aber er, Osak der Heroische, würde den König wieder aufrichten, ihm fest in die Augen blicken und ein kurzes Lächeln gewähren. Danach würde er sich schweigend abwenden und auf seinem majestätischen Flugdrachen in den Sonnenuntergang reiten. Osak lächelte verklärt, er war sich sicher schon zu Lebzeiten eine Legende zu werden. Ein sagenumwobener Ritter, den niemals jemand sprechen gehört hatte. Ein Held der jede Bezahlung seiner Dienste ablehnte und ausschließlich aus reinem Edelmut handelte. Er brauchte keine Reichtümer mehr, das Schicksal hatte weit großartigeres mit ihm vor. Osak beschloß jetzt gleich den Anfang seines neuen Lebens zu machen. Seine nichtsahnenden Gefährten sollten sich um seine Wertgegenstände streiten. Von nun an würde er frei von dieser lächerlichen Last sein. Die anderen waren schon ein Stück voraus und Osak rief ihnen etwas zu, daß er gerade noch in ein harmloses "Grhmpft" umwandeln konnte. Sie drehten sich um und beobachteten verwundert wie Osak Beutestücke früherer Reisen auf ein ausgebreitetes Tuch am Boden legte. Danach leerte er aus seinem Gürtel eine ansehnliche Zahl Goldmünzen. Dann trennte er Dutzende geheime Nähte an seiner Kleidung auf und holte weitere Goldmünzen, Edelsteine, Schmuck und sonstiges glänzendes Dinge aus den Verstecken. Er legte alles auf das Tuch und deutete gönnerhaft auf den Haufen. Die Gefährten zögerten nur kurz, dann begannen sie Osak von seiner glänzenden Last zu befreien und teilten sein Vermögen unter sich auf. Osak beobachtete die Szene ungerührt. Fast konnten sie ihm leidtun. Sie wühlten in den Schätzen und hatten nicht die geringste Ahnung von wahren Heldentum. Er lachte kurz auf und sagte: "Nehmt es nur und werdet Glücklich. Ich brauche nichts mehr davon. Ich bin zu weit Höherem geboren." Alle hielten inne und Stille trat ein. Osak war verwirrt, er spürte wie der verfluchte Ring locker wurde und vom Finger glitt. Der Ring hatte noch nicht einmal den Boden erreicht als Osaks Verstand schon wieder in altgewohnten Bahnen verlief. Mit aufgerissenen Augen sah er auf das Tuch und hatte nur einen einzigen Gedanken: "MEIN'S !!!" Doch es war zu spät, die Anderen hatten seinen Gesinnungswandel rechtzeitig bemerkt und rasch die letzten Stücke eingesteckt. Er stürzte nach vorn, erwischte aber nur mehr das leere Tuch. Er war ein gebrochener Mann. Weiß wie eine frisch gekalkte Wand stammelte er: "Das könnt ihr nicht tun,.. das gehört alles mir,... ihr müßt es mir... wiedergeben,... Bitte..." Doch niemand beachtete ihn, Alle waren damit beschäftigt sich gegenseitig zu erzählen was sie mit dem unerwarteten Zuschuß kaufen würden. Nach einiger Zeit hatten sie aber doch Mitleid mit ihrem völlig verarmten Gefährten und drückten ihm ein paar Goldstücke in die Hand. Dankbar, als ob er schon seit Tagen in der Wüste herumirrte und plötzlich einen Becher Wasser benommen hätte, nahm Osak die milde Gabe an und seufzte erleichtert. Den Ring nahm er ebenfalls wieder an sich, steckte ihn jedoch nicht mehr an sondern verstaute ihn in seinem Ranzen. Irgendwann könnte er ihn vielleicht jemanden aufschwatzen. Ibraha hatte als einzige den tieferen Sinn dieses Rings durchschaut. Er sollte die Gier nach Reichtum bestrafen, doch bei Osak hatte er letztendlich total versagt. Er würde sich wahrscheinlich nie ändern. Aber was soll`s dachte sie, man mußte eben auf seine Wertgegenstände achtgeben wenn er sich in der Nähe befand, ansonsten war er doch eigentlich ganz... nett!? Versonnen schaute sie auf Osak der neben ihr ging und zum wer weiß wie vielten Male seine paar Goldmünzen zählte. Die fünf Gefährten gingen ein Stück weiter und erreichten noch vor der Dunkelheit die Wegkreuzung bei der Dunkar Schlucht. Die Schlucht trennte das Zwergengebirge von den grünen Ebenen und wurde von den meisten Reisenden gemieden. In die Schlucht führte ein dunkler, enger Steig in die Tiefe. Die Fünf brauchten jedoch nicht in den schmalen Spalt zu gehen. Ihr Weg führte an der unheimlichen Schlucht vorbei durch weitaus angenehmeres Gelände. Sie richteten sich unweit der Kreuzung ihr Nachtlager ein und schliefen bald tief und fest. Auf Wachen einzuteilen hatten sie verzichtet, hier war noch nie etwas passiert. Alles war ruhig. Nur leises Rascheln der Nachttiere und Anaids verzweifeltes Stöhnen im Schlaf war zu hören. Die nächsten Tage kamen sie ohne Schwierigkeiten voran. Sie orientierten sich nach der Sonne und gingen schnurgerade ihrem Ziel entgegen. Manchmal auf Karrenwegen zwischen den weit verstreuten Siedlungen, dann wieder durch saftige grüne Wiesen oder kleine Wäldchen. Die wunderschöne Landschaft konnte die Stimmung der Gefährten jedoch auch nicht heben. Anaid verfiel von Tag zu Tag und Davidudl war ebenfalls niedergeschlagen. Es gab anscheinend nichts was er für sie tun konnte. Am zwanzigsten Tag ihres Marsches stießen sie auf etwas Außergewöhnliches. Ihr Weg führte gerade durch eine langgestreckte flache Mulde in der das Gras saftig und kniehoch wuchs. Sie gingen auf eine lichte Baumgruppe zu und bemerkten, daß irgend etwas zwischen den Stämmen im Halbschatten ging und genau ihren Weg kreuzte würde. Das Wesen ging zwar aufrecht, aber die Silhouette sah irgendwie komisch aus. Sie liefen geduckt weiter um irgend eine Deckung bei den Bäumen zu erreichen. Das Wesen war eindeutig kein Mensch oder Elf. Das Sonnenlicht schien teilweise durch die Baumkronen und gab das breitschultrige, mit kleinen Stoßzähnen bewaffnete Vieh zu erkennen. Ein Ork! Sie versuchten hinter einem kleinen Gebüsch Deckung zu finden, doch der Ork hatte sie schon bemerkt und ging ihnen entgegen. Jetzt konnten sie nur noch hoffen, daß er alleine war. Eine Horde plündernder Orks hatte ihnen gerade noch gefehlt. Sie blieben hinter dem Busch stehen und bereiteten sich auf einen Kampf vor. Der Ork war noch dreißig Schritt entfernt und sah nur die Köpfe von Anaid, Davidudl und Osak. Kardoc und Ibraha waren zu klein um über den Busch zu sehen. Der Säbel des vermeintlichen Angreifers blieb jedoch in der Scheide. Er spazierte gemütlich auf den Busch zu und winkte: "Hallo! Hallo ihr da!" Der Ork hatte eine ungewöhnlich deutliche Aussprache. Er war halbwegs vernünftig gekleidet und, so unglaublich es auch klingen mag, nicht bis über beide Ohren verdreckt. Er hatte sogar die Hauer gestutzt. Wenige Schritte vor den verblüfften Gefährten hielt er an und grinste: "Hallo, mein Name ist Pipin. Seid ihr wichtige Leute?" Es war der zivilisierteste Ork den sie je getroffen hatten. Er konnte in zusammenhängenden Sätzen reden und man verstand fast jedes Wort. Seine Intelligenz war für einen Ork geradezu atemberaubend und er schien äußerst gutmütig zu sein. Ein Paradebeispiel seiner Rasse. Sogar sein Geruch war erträglich. Da es schon dunkel wurde beschloß man bei dem Wäldchen zu übernachten. Kardoc entfachte ein kleines Feuer und Pipin erzählte was ihn in diese Gegend verschlagen hatte. Er war so etwas wie ein Abgesandter eines Dorfes in den Orkbergen. Da er nicht genau wußte was Abgesandte im Allgemeinen zu tun pflegten, hatte er tagelang seinen messerscharfen Verstand eingesetzt und angestrengt darüber nachgedacht was er eigentlich tun sollte. Er war nun seit vielen Tage unterwegs und wußte noch immer nicht so Recht was er tun sollte. Eigentlich sollte er nur auskundschaften ob es in der Welt außerhalb des Orkgebirges irgendwelche Neuigkeiten gäbe. Begegnungen mit Menschen hatte er bis jetzt vermieden da er sehr wohl wußte, daß Orks nicht besonders beliebt waren. Als er die Gefährten sah hatte er sich aber ganz spontan entschlossen zu fragen ob in der Welt irgend etwas Außergewöhnliches vor sich ging. Im Orkgebirge waren nämlich seit einiger Zeit sehr außergewöhnliche Dinge im Gange. In einige Dörfer waren vor einiger Zeit Fremde gekommen und schwatzten den Bewohnern, und vor allem den Häuptlingen, blödsinnige Geschichten auf. Sie suchten angeblich Söldner für eine riesige Armee mit der sie die minderwertigen Rassen auslöschen wollten. Eigentlich wollten sie Alles auslöschen, außer den Orks natürlich. In Pipins Dorf war zwar noch keiner der Fremden aufgetaucht aber sie hatten Kontakt zu anderen Siedlungen. Besser gesagt zu ehemaligen Siedlungen. Einige Dörfer waren völlig ausgestorben, in anderen Siedlungen waren nur Alte oder ganz junge Orks zurückgeblieben die ihnen von den eigenartigen Vorkommnissen erzählten. In Pipins Dorf machte man sich Gedanken und entdeckte zwei Gründe warum irgend etwas faul an der Sache war. Erstens konnte man mit den wenigen Kriegern der paar Orkdörfer nicht die Welt erobern. Und zweitens waren jene Fremden die alle Zweibeiner ausrotten wollten selbst Menschen. Da man in Pipins Dorf bisher zufrieden mit dem Leben in den Bergen war und niemand so recht Lust hatte die Welt zu erobern wurde beschlossen einen Kundschafter auszuschicken der sich Draußen (alles was außerhalb des Orkgebirges lag bezeichnete Pipin mit "Draußen") einmal umsehen sollte. Die Wahl fiel auf ihn, Pipin . Er war der Sohn des Häuptlings und konnte sich schlecht vor der gestellten Aufgabe drücken. Und nun war er seit Tagen unterwegs und versuchte herauszufinden ob "Draußen" irgend etwas ungewöhnliches im Gange war. Pipin unterbrach seine Geschichte und bis genüßlich in ein Stück Dörrfleisch das ihm die Gefährten angeboten hatten. Sogar sein Schmatzen und Schlürfen hörte sich - für einen Ork - dezent an. Während er sich mehrere Rationen der Gefährten einverleibte erzählten sie ihm von ihren Feldzügen in den Kellern und unterirdischen Gewölben. Pipin war schwer beeindruckt. Er lauschte mit offenen Mund und staunenden Augen den reichlich übertriebenen Erzählungen von Kämpfen gegen grauenhafte Monster, welche im Verlauf des Abends immer größer und gefährlicher wurden. Schlußendlich konnten sie ihm aber von nichts wirklich Außergewöhnlichem berichten. Außer, daß das magische Ungeziefer in letzter Zeit etwas lästiger wurde und sie vermehrt Aufträge von Burgherrn erhielten. Für Pipin war längst klar daß die Fünf sehr bedeutende und wichtige Leute waren. Es waren zwar die einzigen Leute die er kannte, aber es war für ihn unvorstellbar, daß es noch mutigere oder berühmtere Leute geben konnte. Er fragte frei heraus ob es ihnen etwas ausmachen würde wenn er eine Weile mit ihnen ginge. Die Gefährten blickten sich fragend an. Es war zwar ungewöhnlich mit einem Ork umher zu ziehen, aber keiner der Fünf wußte im Moment irgendwelche Einwände. So kam es, daß ein neuer Begleiter zu den fünf Gefährten stieß, den sie sich mehr oder weniger selbst aufgeschwatzt hatten. Für diese Nacht wurden Wachen eingeteilt. Dies war zwar nicht üblich und unter normalen Verhältnissen auch gar nicht Notwendig, aber man konnte ja nie wissen. Es war immerhin ein Ork unter ihnen. Pipin verhielt sich jedoch völlig friedlich, er war allen Anschein nach wirklich nur ein Kundschafter aus dem Orkgebirge der Anschluß an eine Reisegruppe gesucht hatte. Nach zwei Tagen wurde keine Nachtwache mehr aufgestellt und nachdem die Fünf am nächsten Morgen alle lebendig erwachten, hatte Pipin das Vertrauen der Gefährten vollständig gewonnen. Am vierundzwanzigsten Tag ihrer Reise erreichten sie die Ränder des Elfenwaldes. Sie standen auf einem kleinen Hügel und blickten auf ein dunkelgrünes Meer aus Nadelbäumen das an manchen Stellen durch hellgrüne Mischwälder aufgelockert war. Links und Rechts war, soweit das Auge reichte kein Ende der Wipfel zu sehen. Nur in gerader Linie konnten sie verschwommen die weit entfernte Silhouette des Vorgebirges zum Plateau von Thalmus erkennen. Anaid starrte verbissen auf den Wald. Sie hatte sich den ganzen Weg über eingebildet irgend etwas Furchtbares zu sehen wenn sie den Wald erreichen würden. Doch es schien alles in Ordnung zu sein. Die Bäume wogten leicht im Wind hin und her. Sie hörte das vertraute leise Rauschen des Elfenwaldes. Doch irgend etwas mischte sich unter das Rauschen, es hörte sich an wie ein leiser klagender Laut. Anaid war fast so als ob ihr der Wald irgend etwas zuflüstern wollte. Pipin war überwältigt von den Ausmaßen des Waldes und fragte ob sie da hineingehen würden. Die Gefährten hatten ihm vom eigentlichen Ziel ihrer Reise, dem Elfendorf Omul, noch nichts erzählt. Sie hatten sich noch gar nicht überlegt, daß es nicht so selbstverständlich war einen Ork in den Elfenwald mitzunehmen. Elfen und Orks waren ungefähr so verträglich wie Hunde und Katzen. Sie waren in jeder Hinsicht gegensätzlich und mieden sich schon immer. Anaid war eine Ausnahme denn sie war schon weit herumgekommen und hatte so viel erlebt, daß selbst ein Ork in ihrer Nähe sie nicht mehr erschüttern konnte. Da es nicht besonders nett gewesen währe einen Häuptlingssohn und Abgesandten einfach am Waldrand stehen zu lassen, beschloß man Pipin mit zu nehmen. Davidudl schärfte ihm aber ein auf jeden Fall immer in der Nähe zu bleiben und einsame Spaziergänge im Wald bleiben zu lassen. Die Elfen würden vermutlich äußerst feindlich auf einen einsam Ork in ihren Wald reagieren. Sie gingen den Hügel hinab und zwängten sich durch die dichten Hecken am Waldrand. Vor ihnen lag jetzt noch drei Tage durch den Wald. Anaid fühlte ganz deutlich, daß irgendetwas nicht stimmte. Sie ging voran und blickte sich immer wieder aufmerksam um. Es war aber nichts Außergewöhnliches zu entdecken. Erst bei Anbruch der Dunkelheit machten sie halt und schlugen ein Nachtlager auf. Erschöpft ließen sie sich nieder. Nicht nur Anaid fühlte, daß mit dem Wald etwas nicht stimmte. Alle hatten die Veränderung bemerkt. Allen war seit geraumer Zeit aufgefallen, daß ihnen viel zu wenig Tiere über den Weg liefen. Der Wald wirkte regelrecht Ausgestorben. Am folgenden Tag marschierten sie ebenfalls ohne Pause durch. Endlich zwang sie die Dunkelheit zur Rast. Keiner hatte das Verlangen jetzt noch Holz zu sammeln und ein Feuer anzuzünden. Ibraha war völlig fertig, sie ließ sich auf einen flachen Felsen fallen der mit dicken grünen Moospolstern überwachsen war. Osak saß daneben und zog sich stöhnend die Stiefel von den Füßen. Sogar Pipin seufzte erleichtert als er sich auf den Waldboden hockte. Davidudl und Anaid lehnten sich stumm aneinander. Kardoc kroch auf allen Vieren und suchte ein geeignetes Plätzchen für die Nacht. Er schob ein paar abgebrochene Äste beiseite und streckte sich auf dem Boden aus. Es war still. Kardoc lag auf der Seite und gähnte. Seine Nase befand sich jetzt eine Handbreit vom Boden entfernt. Und diese Nase war eine typische Zwergennase: groß, mit riesigen Löchern und außerordentlich empfindlich. Manche Zwerge behaupten sogar eine Erzader mit ihrem Riechgerät aufspüren zu können. Kardoc registrierte momentan verschiedene Gerüche. Baumrinde, Harz, das Moos unter ihm, abgestorbene Pflanzen die zu neuer Erde wurden. Ganz schwach war aber noch etwas fremdartiges zu riechen. Ein süßlich scharfer Geruch den er nirgends zuordnen konnte. Kardoc drehte sich auf den Bauch und grub seine Nase in den Boden. Er scharrte mit Händen eine kleine Grube und nahm eine Handvoll Erde. Es stank irgendwie nach Verwesung. Kardoc richtete sich auf und machte die Gefährten auf seine Entdeckung aufmerksam. Doch der Geruch war zu schwach und für die anderen und nicht wahrnehmbar. Anaid wurde jedoch plötzlich alles klar. Der Boden war anscheinend verseucht und damit der ganze Wald in Gefahr. Alles was hier wuchs wurde krank. Ein Baum mußte das Gefühl haben in einem See aus Säure zu stehen. Es gab zwar noch keine äußerlichen Anzeichen doch es war nur eine Frage der Zeit bis der erste Baum an den Wurzeln zu faulen begann und umstürzen würde. Am nächsten Morgen brachen sie noch vor Sonnenaufgang auf und erreichten am späten Nachmittag einen schmalen Pfad der zum Dorf Omul führte. Der Wald war hier dichter, mit Laubbäumen und Sträuchern durchsetzt. Der Pfad schlängelte zwischen den Gewächsen. In einiger Entfernung hörten sie Wasser rauschen. Der Fluß Syrt, - jetzt hatten sie ihr Ziel bald erreicht. Nach einer Biegung des Weges sahen sie auch schon den schmalen Steg der über den Syrt führte. Als sie den Fluß überquerten roch Kardoc wieder den fürchterlichen Gestank, und diesmal war es so stark das auch die anderen darauf aufmerksam wurden. Anaid ging zum Ufer des Flußes und schöpfte eine Handvoll Wasser. Es war kein normales Wasser. Es roch nach Verwesung und war ein wenig dickflüssiger als normales Wasser. Sie gingen den Pfad weiter. Plötzlich hielt Anaid an und zeigte auf einen geknickten Ast der von einem Busch zum Boden hing. Ein Tier konnte kaum dafür verantwortlich sein. Und ein Elf würde so etwas niemals tun. Hastig liefen sie weiter, irgendetwas stimmte hier nicht. Wenig später entdeckten sie einen aufgeplatzten Sack den jemand weggeworfen hatte. Im Umkreis lagen ein paar Holzteller, Scherben eines Tongefäßes und noch einiger anderer Hausrat. Anaid war überhaupt nicht wohl, sie wollte so schnell als möglich ins Dorf und begann zu laufen. Ihren Bogen hatte sie abgenommen und hielt ihn Schußbereit. Sie erreichte die Lichtung auf der sie ihre Kindheit verbracht hatte als erste und ließ entsetzt den Bogen sinken. Es gab kein Dorf mehr. Nur mehr einige rauchende Trümmer zeugten von einer ehemaligen Elfensiedlung. Die Gefährten erreichten kurz nach ihr die Lichtung und schauten betroffen auf die Überreste. Langsam gingen sie auf die Lichtung und suchten nach irgendwelchen Hinweisen, denn das Dorf war sicher nicht von alleine so gründlich abgebrannt. Hier hatte jemand kräftig nachgeholfen. Der Boden war übersät mit Stiefelabdrücken die auf keinen Fall von den Elfen stammten. Ansonsten war jedoch nichts zu finden. Nicht einmal Leichen waren zu entdecken. Anscheinend hatte es keinen Kampf gegeben. Anaid schöpfte wieder Hoffnung, möglicherweise waren die Bewohner des Dorfes entkommen und konnten sich irgendwo verstecken. Sie gingen wieder in den Wald zurück und Anaid suchte die geheimen Plätze und Verstecke auf die sie kannte. Die Elfen benutzten meistens riesige, hohle Eichen wenn sie sich vor irgendwem verbergen wollten. An eine gigantischen Eiche deren Stamm tief zerfurcht war, fast so als ob der Baum aus mehreren Stämmen zusammengewachsen war wurden sie angehalten. Aus einem breiten Spalt wurde ein scharfer Befehl rufen: "Halt!" Rundherum raschelte es und ein paar Pfeilspitzen waren plötzlich auf sie gerichtet. Aus dem Wurzelgeflecht und den Rissen im Stamm der Eiche kamen plötzlich ein paar Elfen zum Vorschein. Anaid kannte sie, es waren Bewohner des Dorfes. Ein weißhaariger Elf trat vor und zeigte auf Pipin: "Wo habt ihr ihn gefangen?" Als Anaid sagte, daß Pipin kein Gefangener sei rauschte es gefährlich in den Büschen rund um die Gefährten. Der alte Elf konnte die aufgebrachten Bewohner des Dorfes nur mit Mühe zurückhalten. Nachdem sich die Elfen wieder etwas beruhigt hatten erklärte ihm Anaid wie sie auf Pipin gestoßen waren und welche Aufgabe er hatte. Nur erfuhren die Gefährten was sich zugetragen hatte. Die Elfen hatten seit längerer Zeit bemerkt, daß mit dem Wald etwas nicht in Ordnung war und fanden auch bald die Ursache dafür heraus. Der Syrt war vergiftet worden und tötete langsam den Wald. Sie hatten Kundschafter ausgeschickt und mußten feststellten, daß sich Orks im Elfenwald herumtrieben. Meistens wurden sie von einem voll gepanzerten Krieger angeführt die sie Chaoskrieger nannten. Die Kundschafter drangen bis ins Gebirge vor in dem das Quellgebiet des Syrt lag. Sie konnten jedoch nicht entdecken was den Fluß vergiftete. Einige der Kundschafter kehrten gar nicht mehr zurück. Gestern hatte eine große Horde Orks ihr Dorf entdeckt und angegriffen. Die Orks waren weit in der Überzahl und es blieb den Elfen nur die Flucht. Die Orks irrten jetzt im Wald umher und suchten einen greifbaren Gegner. Früher oder später würden sie den Wald wieder verlassen, denn sie wurden ständig in Fallen und Hinterhalte gelockt. Aber es konnte noch einige Zeit dauern bis sie einsahen, daß sie gegen die Elfen nichts ausrichten konnten. Die Elfen hatten ihre Waffen wieder verstaut und Anaid ging erleichtert zu ihren Verwandten. Die übrigen Gefährten besprachen inzwischen was hier zu tun sei. Es bedurfte keiner langen Überlegungen was zu tun war. Morgen würden sie sich auf den Weg in die Berge zum Quellgebiet des Syrt machen. Die Nacht verbrachten sie in der Baumkrone der Eiche die in ihren breiten Astgabeln genügend Platz für die Gefährten und eine stattliche Anzahl Elfen bot. Nur Pipin weigerte sich standhaft auf den Baum zu klettern. Er zog es vor neben dem Stamm am sicheren Boden zu liegen. Grundsätzlich hatte er ja nichts gegen Bäume sie waren manchmal sogar recht nützlich. Wenn zum Beispiel die Haustiere im Rückenfell überhand nahmen konnte man sich an einem Stamm wunderbar scheuern. Aber hinaufklettern war einfach zu viel verlangt. Am nächsten Morgen verabschiedeten sich die Sechs von den Elfen. Davidudl versprach den Schuldigen, wenn sie ihn finden sollten, mit bloßen Händen zu zerquetschen. Osak nickte zustimmend und zeigte eindrucksvoll wie er die Bestie in Stücke hacken würde. Kardoc lächelte nur grimmig und tätschelte die breite Klinge seiner Axt. Ibraha und Anaid betätigten sich etwas sinnvoller und erkundigten sich nach dem schnellsten Weg in die Berge. Pipin stand etwas abseits und fühlte sich nicht ganz wohl in seiner Haut, denn immerhin waren es seine Artgenossen die den Elfen derartigen Schaden zugefügt hatten. In den letzten paar Tagen hatte er mehr über Elfen erfahren als in seinem ganzen bisherigen Leben und im Grunde waren sie gar nicht so abscheulich. Sicher, sie sahen furchtbar dürr und abgemagert aus. Ihre spitzen Ohren waren geradezu lächerlich. Sie konnten auch nicht Rülpsen oder andere anständige Geräusche von sich geben. Ja sie hatten noch nicht einmal einen anständigen Geruch. Aber trotzdem - es waren immerhin Lebewesen und konnten doch nicht für all ihre Schwächen verantwortlich gemacht werden. Die Sache mit dem Elfendorf war jedenfalls durch nichts zu rechtfertigen. Pipin trat vor den Alten weißhaarigen Elf und sagte: "Wenn ich diese verfluchten Halunken erwische die euer Dorf niedergebrannt haben mach ich sie eigenhändig zu Brei. - Egal ob Ork oder nicht!" Der alte Elf lächelte und dachte, daß vielleicht doch nicht alle Orks von Grund auf bösartig seien. Einen gab es zumindest der wenigstens ein bißchen Anstand hatte, obwohl er entsetzlich stank. Der Elf gab sich einen Ruck und hielt den Atem an. Danach ging er den Schritt vorwärts der ihn noch von Pipin trennte, ergriff dessen klobige Hand und drückte sie fest. Wenig später waren die Sechs unterwegs ins Gebirge. Sie brauchten die meiste Zeit nur dem Syrt stromaufwärts zu folgen. Bei einigen Wasserfällen mußten sie Umwege machen, erreichten aber dennoch am selben Tag das Gebirge. Tags darauf gingen sie schon über steinige Schotterfelder und spärlich bewachsene Hügel. Das Gebirge war bei weitem nicht so steil wie das Zwergengebirge. Der Syrt hatte ein breites Flußbett zwischen den Gipfeln gegraben und bot auf beiden Seiten genügend Platz zum Gehen. Nur hin und wieder mußten sie über kleine Felsen klettern. Nach zwei Tagen Fußmarsch war fast keine Vegetation mehr zu entdecken. Auf den weißen Kalkgestein wuchsen nur mehr Moos und Flechten. Ganz selten sahen sie noch einen verkrüppelten Baum oder Strauch. Und der Syrt roch hier oben genau so wie im Elfenwald nach Verwesung. Das Gelände wurde bald steiler und nach kurzer Zeit mußten sie über eine hohe steinige Böschung klettern. Neben ihnen donnerte der Syrt in die Tiefe. Oben angekommen sahen sie ihr Ziel fast erreicht. Vor ihnen lag der Silenc See, kristallklar und vor allem eiskalt. Der See war nicht besonders groß und zur Hälfte von schroffen Felsen umgeben. Genau ihnen gegenüber türmte sich eine hohe Felswand auf. Dahinter lag schon das Plateau von Thalmus. In diesem Gestein lag das Quellgebiet des Sees. Irgendwo an der Felswand gab es Eingänge die in das Innere führten. Der ganze Fels war angeblich ausgehöhlt. Von überall strömten hier die Quellen zusammen und speisten den Silenc See der wiederum drei Flüsse versorgte. Der mittlere Fluß, Syrt, war der längste. Er floß durch den Elfenwald, dann durch die grünen Ebenen, danach durch den oberen Teil der Wüste Al-Trab und mündete schließlich ins "Meer der Hoffnung". Links strömte der Fluß Ora ein Stück durch den Elfenwald dann durch Steppengebiet und mündete in die Meerenge bei der Insel Pawena. Und rechts der Mangalo der kurz nach dem Elfenwald in den Kardoc See floß. Die Gefährten suchten einige Zeit nach einem geeigneten Weg zur Felswand aber anscheinend blieb ihnen nichts anderes übrig als zur Felswand zu schwimmen. Zu Fuß schien ein Weiterkommen unmöglich. Kardoc erinnerte sich an einen verdorrten Baumstamm ein Stück unterhalb der Böschung der vielleicht als Floß dienen konnte. Mit vereinten Kräften gelang es ihnen den Stamm über die Böschung ins Wasser zu ziehen. Alle sechs fanden halbwegs Platz auf dem Stamm und brachen die Äste des Stammes ab um sie als Ruder zu benutzen. Gegen die leichte Strömung rudernd näherten sie sich langsam der Felswand. Die Öffnungen im Fels lagen viel zu hoch oben und waren praktisch unerreichbar. Dort hinauf zu klettern war fast unmöglich. Die Strömung wurde in der Nähe der Felswand noch dazu stärker und trieb den Stamm zum Mangalo ab. Sie mußten ständig rudern um nicht in den reißendend Wasserfall des Flusses getrieben zu werden. Anaid entdeckte etwas unter der Wasseroberfläche. Etwa einen Fuß unter dem Wasserspiegel schien eine Höhle zu sein. Das Wasser sprudelte ein wenig und kleine Wirbel deuteten auf einen Flußlauf unter dem Wasser. Es schien der einzig mögliche Zugang zu den unterirdischen Höhlen zu sein. Sie sprangen ins Wasser, tauchte in die Höhle und zogen sich an der rauhen Höhlendecke vorwärts. Kurz nach dem Eingang wurde die Höhle größer und sie kamen wieder an die Wasseroberfläche. Es war stockdunkel. Anaid hatte eine trockene Stelle an der Seite ertastet die für alle Platz bot. Während sie Fackel und die Zunderbüchse suchte tauchten die Anderen nacheinander durch in die Höhle. Anaids Ledersack hatte die kurze Strecke dichtgehalten, nur einige wenige Tropfen waren eingedrungen und die Fackel ließ sich problemlos entzünden. Sie befanden sich in einer großen Höhle die weiter hinten immer enger wurde. Der helle Kalkstein waren übersät mit verschieden großen Löchern und aus den meisten sprudelte mehr oder weniger stark Wasser. Ein vorwärtskommen schien hier unmöglich. Die meisten Löcher waren so klein daß man nicht einmal den Kopf hineinstecken konnte. Ganz hinten fast am Ende der Höhle fanden sie aber schließlich doch eine ausgetrocknete Öffnung in der sogar Davidudl aufrecht gehen konnte. Ihre Schritte hallten in dem ausgetrockneten Wasserlauf. Rundherum hörten sie das Wasser rauschen und glucksen. Es war das reinste Labyrinth aus feuchten Gängen und Kammern. Sie gingen stetig bergauf. Bald wurden die Gänge breiter und trockener. Einige Zisternen an denen sie vorbeigingen stanken fürchterlich. Der stechender Geruch lag hier überall in der Luft. Plötzlich mischte sich ein ungewöhnliches Geräusch unter das beständige rauschen des Wassers. Schritte! Es war unmöglich festzustellen aus welcher Richtung die Geräusche kamen. Vorsichtig schlichen die Gefährten weiter und machten sich kampfbereit. Außer Ibraha löschten alle ihre Fackeln und sie gingen vorsichtig weiter. Die verwinkelten Gänge führten schließlich in eine große Höhle an deren Wänden einige Fackeln brannten. Aus dem dunklen Bereich im hinteren Teil der Höhle stürzte unvermutet eine Horde Orks auf sie zu. Doch die Gefährten waren vorbereitet. Anaid`s Pfeile trafen zwei der Angreifer, Davidudl und Pipin stellten sich breitbeinig vor den heranstürmenden Haufen. Ibraha schickte eine ganze Serie magischer Blitze nach vorne und als die dezimierten Orks auf Davidudl und Pipin stießen fielen von der Seite Osak und Kardoc ebenfalls über sie her. Nach kurzem Gemenge traten die Orks den Rückzug an. Aber sie erhielten Verstärkung. Aus der Dunkelheit liefen weitere acht Orks mit gezückten Säbeln auf die Gefährten zu. Dahinter erschienen zwei Gestalten in voller Rüstung. Aus den schmalen Sehschlitzen ihrer Helme leuchtetet es schwach rötlich. Sie hatten ungewöhnlich große Schwerter und sahen wesentlich gefährlicher als die Orks aus. Ibraha konzentrierte sich auf einen der beiden Krieger und ließ ein regelrechtes Gewitter auf ihn niedergehen. Er taumelte zwar, kam aber unbeirrt näher. Während Anaid bei jeder Gelegenheit die sich in dem Tumult bot einen Pfeil abschoß drängten die Anderen die Orkbande langsam zurück. Pipin hatte wenig Erfahrung im Kampf. Er schlug meistens irgendwo daneben, aber wenn er traf dann waren die Auswirkungen immer verheerend. Endlich hatte Ibraha einen der seltsamen Krieger tödlich getroffen. Er starb aber nicht wie jeder anständige Feind und lag nach seinem Tod leblos herum sonder verpuffte einfach. Nur ein paar rote Nebelschwaden blieben übrig. Die leere Rüstung brach scheppernd zusammen. Als die Orks bemerkten daß einer der Krieger gefallen war verlegten sie sich auf einRückzugsgefecht. Binnen weniger Augenblicke stand der zweite unheimliche Gegner alleine in der Höhle. Er brüllte unverständliche Befehle die von den Orks aber gewissenhaft ignoriert wurden. Immer wieder trafen seine Rüstung schwere Schläge von den Waffen der Gefährten. Nach und nach gingen Nieten auseinander und rissen eiserne Bänder. Als die Rüstung genügend demoliert war brach er zusammen und löste sich ebenfalls in dünnen Nebelschwaden auf. Pipin erwischte einen Ork der sich totgestellt hatte und plötzlich aufgesprungen war um zu flüchten. Er begann ein hochinteressantes Gespräch mit ihm von dem die anderen kein Wort verstanden. Nachdem sich die beiden anscheinend lang genug gegenseitig angebrüllt hatten schlug ihn Pipin bewußtlos. Der Ork hatte erzählt daß sie hier einen magischen Orb bewachen. Außerdem waren noch mehr Orks in den Höhlen unterwegs und die seltsamen Ritter waren Nataskrieger. Die Gefährten blickten sich fragend an, keiner hatte je etwas von einem magischer Orb gehört. Osak fuchtelte mit seiner Klinge herum und meinte: "Ist doch egal. Wer dieser magische Orb auch immer sein mag, ich schlitze ihn von oben bis unten auf." Leise und Vorsichtig gingen sie weiter. Hin und wieder hörten sie tatsächlich weit entferntes Getrampel und Gebrüll. Die Orks schienen sich irgendwo neu zu formieren. Die Gefährten schlichen soeben durch einen schmalen Gang der in eine große Zisterne führte. Das Wasser leuchtete irgendwie grünlich. In dem eigenartigen Licht konnte man sogar den Grund der Zisterne sehen in deren Mitte etwas schwarzes unter Wasser lag. Es sah aus wie ein kegelförmiger Felsen der ungefähr so groß wie Kardoc war. Von dem schwarzen Stein stiegen unaufhörlich kleine Luftblasen auf als ob er irgendetwas absondern würde. Anaid erkannte sofort, daß dies die Quelle des Übels war. Dies mußte der Orb sein. Er verseuchte das Wasser hier sogar sichtbar durch sein grünes Leuchten. Ibraha erkannte ebenfalls, daß der schwarze Kegel das Wasser verseuchte und ermahnte die anderen zur Vorsicht. Der Orb war hochgradig magisch. Bald standen Ibraha, Osak, Anaid und Kardoc am Rand der Zisterne und besprachen verschiedene Varianten der Zerstörung des Orbs. Davidudl den solches Geschwafel nie sonderlich interessierte, saß etwas abseits und pflegte unterdessen sein Schwert mit einem handlichen Schleifstein. Pipin stand daneben und dachte nach. Er dachte nicht besonders lang oder tiefgründig nach sondern kam eigentlich schon nach drei kurzen Gedankengängen zu einem Ergebnis. Er dachte Erstens: ich bin ein Häuptlingssohn! Zweitens: ich muß daher eine Entscheidung treffen! Den dritten Gedanken sprach er gleich aus. Er stieß Davidudl auffordernd an und sagte: "Komm mit, wir machen den Orb kaputt!" Davidudl waren solche klaren und schlichte Einfälle am liebsten und sagte, während er sich erhob: "Oh ja, das ist gut!" Ohne den geringsten Gedanken an irgendwelche magischen Einflüsse zu verschwenden stiegen sie ins Wasser, daß ihnen bis über die Hüften reichte und wateten zum Orb. Die personifizierte Intelligenz stand noch immer am Rand der Zisterne und war noch immer zu keinem Ergebnis gekommen. Kardoc gab soeben mit erhobenen Zeigefinger eine hochwissenschaftliche Erklärung ab als sie durch lautes Platschen gestört wurden. Sie drehten sich um und sahen mit Entsetzen wie Davidudl und Pipin mit sinnloser, roher Gewalt auf den Orb einschlugen. Es gab einen dumpfen Knall und eine Wasserfontäne stieg fast bis zur Decke der Höhle. Das grüne Leuchten im Wasser verschwand, nur mehr die Fackeln spendeten Licht. Die beiden wateten zurück und stiegen aus der Zisterne. Davidudl schüttete das Wasser aus seinen Stiefeln und sagte gleichmütig: "Erledigt, der Orb vergiftet nie wieder etwas." Und so war es tatsächlich. Der Orb sonderte eigentlich gar nichts ab, sondern er hatte seine magischen Giftfinger über das Wasser des Syrt weit in den Elfenwald ausgestreckt. Da der Orb zerstört war brach die ganze Verbindung bis zum Grundwasser des Elfenwaldes zusammen. Binnen weniger Augenblicke löste sich die ganze Verseuchung auf und das Wasser war wieder klar wie zuvor. Ibraha konnte es immer noch nicht ganz fassen, daß die Gefahr gebannt war und schüttelte ungläubig den Kopf während Während Davidudl und Pipin ihre Kleider notdürftig an den brennenden Fackel trockneten. In der Ferne hörten sie wieder eilige Schritte und Stimmen hallen. Die Sechs hatten sich in den Höhlen schon längst hoffnungslos verlaufen und keiner hätte mehr den Weg zurück zum See gefunden. Deshalb versuchten sie den Geräuschen zu folgen, die Orks mußten ja schließlich wissen wie man hier herauskam. Sie stiegen durch ausgetrocknete Gänge und Höhlen immer weiter nach oben. Nach einiger Zeit trafen sie auch tatsächlich auf einen Trupp Orks. Sie wurden von einem Nataskrieger angeführt und griffen ohne zu zögern an. Die Gefährten konnten den Ansturm aber abwehren und versuchten zuerst den Krieger niederzumachen. Seine hohle Stimme gab wieder Befehle an die Orks. Der Krieger war eindeutig ein magisches Wesen das von irgend jemand hierher geschickt worden war. Und dieser Jemand hatte die Absicht gehabt den gesamten Elfenwald umzubringen. Der Nataskrieger kämpfte ohne einen Schmerzenslaut von sich zu geben und anscheinend ohne zu ermüden. Nur seine kurzen Befehle an die Orks waren hin und wieder aus dem Inneren der Rüstung zu hören. Aber er war zum Glück nicht unverwundbar. Nur solange seine Rüstung intakt war blieb er am Leben. Doch durch die Hiebe der Waffen und Ibrahas Blitzschläge begann sie auseinanderzufallen. Dann verlor er plötzlich jeden Halt und krachte zusammen. Aus den Trümmern am Boden stiegen wieder rote Nebelschwaden auf. Die Orks ergriffen kurz darauf die Flucht. Sie kannten sich in den Gängen anscheinend recht gut aus und die hinterherlaufenden Gefährten verloren sie manchmal fast aus den Augen. Plötzlich bogen die Orks weit vor ihnen in einen seitlichen Gang ein. Die Gefährten glaubten schon für immer in diesem Labyrinth gefangen zu sein. Doch dann merkten sie daß von vorne Tageslicht in die Gänge fiel. Als sie ebenfalls den seitlichen Gang erreichten sahen sie dreißig Schritte vor ihnen den Höhlenausgang. Von den Orks war nichts mehr zu sehen. Sie rannten weiter zum Ausgang der Höhle und landeten auf einem Plateau. Vor ihnen erhoben sich gerade zwanzig Flugdrachen in die Luft auf denen die Orks ritten. Doch bei der überstürzten Flucht hatten die Orks ein Vermögen zurückgelassen. Wer immer der Auftraggeber dieses Angriffes auf die Elfen war er mußte unglaublich reich sein denn auf dem Plateau standen noch weitere zehn Flugdrachen mit Zaumzeug und Sattel. Die Gefährten schauten nur mehr auf die Tiere, die flüchteten Orks hatten sie längst vergessen. Die Drachen wendeten ihre langen Hälse neugierig den Gefährten zu und beobachteten sie mit ihren großen Augen. Sie schienen überhaupt nicht scheu zu sein und blieben ruhig stehen als sich die Zweibeiner näherten. Aus der Nähe sahen die Drachen ziemlich eindrucksvoll aus. Sie standen auf zwei kräftigen krallenbewehrten Beinen. Der Körper war fast zur Gänze von den großen Fledermausartigen Schwingen verdeckt. Der Schwanz war doppelt so lang wie der übrige Körper und hatte bei jedem Tier eine farbenprächtige Zeichnung auf der Oberseite die von der Spitze bis zum Kopfende reichte. Die Drachen hatten ihre Augen seitlich auf den länglichen, flachen Köpfen und neigten ihn deshalb, ähnlich wie Vögel, seitlich nach unten um die Fremden genauer zu betrachten. Manchmal gab einer Drachen einen rollenden Laut von sich der wie "Kirrrr" klang. Keiner der Gefährten hatte je einen Flugdrachen aus der Nähe gesehen. Bei ihren mageren Einkünften konnten sie sich nicht einmal Pferde leisten. Und jetzt hatten sie die einmalige Gelegenheit gleich eine ganze Herde Flugdrachen zu bekommen. Dummerweise hatte keiner auch nur die geringste Ahnung wie man auf Flugdrachen ritt. Das Zaumzeug sah eigentlich ähnlich wie bei Pferden aus nur den Sattel lag weiter vorn, knapp vor dem Hals. Anaid faste als erste ihren gesamten Mut und stieg auf einen der Drachen der sich dabei ganz ruhig verhielt. Etwas unsicher hielt sie die Zügel und überlegte was sie jetzt tun sollte. Die anderen starrten sie erwartungsvoll an. Sie zog vorsichtig die beiden Lederriemen etwas straffer. Der Drache breitete sofort seine Schwingen aus, lief ein paar Schritte und hob sich in die Luft. Nach kurzem hatte Anaid das Wesentliche des Drachenfliegens begriffen. Sie konnte ihn mit den Zügeln einfach nach rechts oder links lenken. Wenn sie die Zügel zu sich zog wurde der Drache langsamer und wenn sie sich dabei etwas nach hinten lehnte stieg er höher. Zum Landen mußte sie sich nur nach vorn beugen und die Zügel lockerer lassen. Sie kreiste ein paar mal über den Gefährten und landete danach wieder auf dem Plateau. Anaid sprang ab und erklärte den anderen wie das Fliegen funktionierte. Ihre begeisterte Schilderung vom Fluggefühl steckte bald alle an und Kardoc wagte sich als nächster an eins der schuppigen Tiere. Er stieg auf und fand einen Gurt mit dem er sich festschnallen konnte. - Und das war gut so. Denn Kardoc hatte einmal einen Fuhrwerker beobachtet der die Zugpferde mit kurzem schnalzen der Zügel vorantrieb. Er versuchte diese Technik und hatte damit herausgefunden wie man mit Flugdrachen einen Blitzstart machte. Kaum waren die Zügel auf den Hals des Drachen geklatscht, lief dieser im rasenden Galopp davon. Kardoc kippte natürlich sofort nach hinten, hing aber glücklicherweise am Gurt fest. Um sich wieder nach vorn lehnen zu können zog Kardoc wie wahnsinnig an den Zügeln, was der Flugdrache aber als Aufforderung verstand, möglichst steil aufzusteigen. Mit einem langgezogenen und beinahe schon Hysterischen "Wuuuoooaaaaaaa" startete Kardoc senkrecht in den Himmel. Aber bald hatte auch er seinen Flugdrachen im Griff. Nachdem Kardoc wieder sicher gelandet war versuchten auch die anderen ihre fliegerischen Fähigkeiten und nach einiger Zeit beherrschte jeder so halbwegs seinen Flugdrachen. Nach diesem höchst erfreulichen Ausgang ihrer Mission beschlossen sie zurück zum Elfendorf zu fliegen. Pipin drückte sich ein wenig verlegen herum, er hatte eigentlich keine Lust mehr zum Elfendorf zu fliegen. Sie waren ja ganz nett diese Elfen, aber trotzdem... Er wünschte sich wieder einmal so richtig zivilisiert vom Boden fressen zu können. Außerdem hatte er schon genug von der Welt gesehen und sehnte sich nach den Schlammlöchern seines Heimatdorfes. Was die verschwundenen Orks in der Welt anrichteten hatte er ebenfalls erfahren und es war an der Zeit den Häuptling seines Dorfes zu warnen. Er teilte seine Beweggründe den Gefährten mit und erzählte ihnen begeistert von seinem Dorf, dem gemeinschaftlichen Suhlen nach einem Regen und noch ein paar urtümlichen Traditionen ihrer Dorfgemeinschaft. Die Gefährten hatten natürlich Verständnis für sein Heimweh und bestanden darauf, daß er die Heimreise auf einem Flugdrachen unternahm. Pipin bedankte sie bei jedem einzelnen und schüttelte ihre Hände. Die Gefährten winkten ihm noch lange nach. Der streng riechende Ork war ihnen irgendwie ans Herz gewachsen. Er hätte gut zu ihnen gepaßt. Sogar Anaid hatte ihn gut leiden können, wenn auch aus angemessener Entfernung. Als Pipin nur mehr als kleiner Punkt in der Luft auszumachen war bestiegen die Fünf ebenfalls ihre neuen Reittiere und flogen über die Berge hinab zum Elfenwald. Die Vier übrigen Tiere flogen, wahrscheinlich aus reinem Herdentrieb, ebenfalls mit. Die Elfen hatten schon längst bemerkt daß der Fluß wieder sauber war und der Wald direkt aufatmete. Sie hatten sich in der nähe der Eiche auf einer Lichtung versammelt von der man die Berge sehen konnte. Irgendwie erwarteten sie ein Zeichen von den Gefährten. Mit einem derartig imposanten Anblick der sich jetzt bot rechnete aber niemand. In der hellen Nachmittagssonne näherten sich einen ganze Herde Flugdrachen der Lichtung. Sie schwebten einige Male über die staunende Menge hinweg und landeten dann mit kräftigen Flügelschlägen einer nach dem anderen auf der Lichtung. Die meisten Elfen kannten Drachen nur aus Erzählungen und bestaunten die großen Tiere. Die fünf Gefährten sprangen ab und wurden freudig begrüßt, niemand hatte damit gerechnet sie so schnell wiederzusehen. Die Lichtung wurde in aller Eile zu einem Festplatz umfunktioniert. Behelfsmäßige Tische bogen sich bald vor köstlichen Früchten und allen möglichen Spezialitäten aus dem Elfenwald. Manches stammte aus den Vorräten die vor dem Überfall gerettet wurden, das meisten Speisen wurden aber aus frisch gepflückten Zutaten zubereitet. Als der Abend dämmerte brannten schon mehrere Feuer die ihr Licht ausgelassen über die lachenden Gesichter der Feiernden tanzen ließen. Die fünf Helden erzählten ausführlich von den Ereignissen im Quellgebiet. Bald darauf erzählten sie auch von früheren Abenteuern und lachten gemeinsam mit den Elfen über Osaks, der ständig irgendetwas dazwischen lallte. Osak war überhaupt am besten von allen aufgelegt. Er hatte nämlich etwas Vorzügliches entdeckt. Bei den Vorräten die sich auf den Tischen türmten war er auf ein paar Tonkrüge gestoßen. Darin befand sich eine gelbliche, schäumende Flüssigkeit die ihm außergewöhnlich gut schmeckte. Das herbe Aroma war genau nach seinem Geschmack. Es wurde zwar mit der Zeit immer schwieriger vernünftige Wörter zustande zu bringen aber das störte Osak eigentlich weniger. Er war hauptsächlich damit beschäftigt die Verschwommene Gegend im Auge zu behalten die sich ständig auf die eine oder andere Seite neigte und ihn zu Boden zwingen wollte. Aber Osak kämpfte wahrlich heldenhaft. Er war einer der Letzten die spät in der Nacht aufgaben und irgendwo zwischen den Tischen besinnungslos zusammenbrachen. Bald verloschen auch die letzten Lagerfeuer. Es wurde wieder still und friedlich im Elfenwald. © Andreas Bartl |