KAPITEL 4

Brilante

Als die Gefährten am nächsten Tag erwachten waren die Elfen schon aufgestanden und damit beschäftigt das Dorf wieder neu aufzubauen. - Fast alle Elfen. Einige hatten ebenfalls ziemlich viel vom selben Gebräu wie Osak getrunken und würden wohl erst Morgen mithelfen können.

Davidudl und Anaid erschienen wieder auf der Lichtung, sie waren gestern Abend irgendwann unbemerkt verschwunden. Anaid war bester Laune, sie hatte heute zum ersten Mal seit Wochen ohne die fürchterlichen Alpträume geschlafen. Osak ging es im Gegensatz dazu gar nicht gut. Er hatte fürchterliche Kopfschmerzen und lag stöhnend im Gras während ihm Ibraha kalte Tücher auf die Stirn legte. Kardoc sah inzwischen nach den Flugdrachen, ihm war eingefallen, daß sie gar nicht wußten wovon sie sich ernährten. Das Futter schien aber kein Problem zu sein, die Tiere fraßen die Blättern von den Büsche und das Gras auf der Lichtung. Einige hatten sich anscheinend auch über die Reste der gestrigen Feier hergemacht.

Etwas später kamen die Dorfältesten von Omul auf die Lichtung. Sie konnten sich nicht erklären wem am Untergang des Elfenwaldes gelegen sein konnte. Von sogenannten Chaos Kriegern hatte zwar noch niemand etwas gehört, aber es bewies eindeutig, daß ein oder mehrere Magier hinter der Sache steckten. Es war für alle ein höchst unangenehmen Gedanken, daß sich irgendwo in Mystia ein Haufen verrückter Magier versteckte die jederzeit wieder zuschlagen konnten. Die Sonne stand schon hoch am Himmel als plötzlich ein abgehetzter Elf die Lichtung betrat. Er kam direkt auf die Gefährten zu und deutet nach hinten zum Elfendorf während er sprach: "Die Anderen sagten, daß ich euch hier finden werde."

Er blickte etwas unsicher in die Runde und fuhr fort: "Ihr seid doch Davidudl und... und, die anderen Namen hab ich vergessen. Mir ist aufgetragen worden, falls ich euch treffe, dies hier zu überreichen."

Er zog eine Pergamentrolle aus seiner Tasche und gab sie Davidudl der sich erhoben hatte als sein Name erwähnt wurde. Er nahm das Schreiben entgegen und erwiderte: "Ja, ich bin Davidudl. Aber wer schickt dich hierher? Es wußte doch außer den Zwergen niemand, daß wir hier sind."

Es stellte sich heraus daß der Elf einer der Kundschafter war die vor einigen Tagen vom Elfendorf ausgeschickt wurden. Er traf in den grünen Ebenen auf einen Kurier aus Schloß Brilante, der ihm diese Botschaft mitgab. Angeblich waren im ganzen Land mehrere Kuriere unterwegs um die Gefährten ausfindig zu machen.

Davidudl rollte das Papier bedächtig auseinander und betrachtete die mit schwarzer Tinte geschriebenen Schriftzeichen. Nachdem er einige Zeit angestrengt auf das Papier gestarrt hatte meinte er bedeutungsvoll: "Aha!" ...und reichte den Brief an Kardoc weiter.

Dieser studierte ebenfalls eingehend die schwarzen Symbole. Er fand sie irgendwie hübsch, sie standen nämlich schön aufgereiht nebeneinander und hatten manchmal Schnörkel als Verzierung. Er gab den Brief an Osak weiter und sagte: "Sehr schön. - Wirklich!"

Nachdem Osak seine Nase so dicht vor das Papier gehalten hatte, daß es aussah als könne er den Inhalt des Schreibens am Geruch entschlüsseln erhielt endlich Ibraha den Brief. Sie und Anaid konnten lesen und schreiben.

Es war eine Einladung ins Schloß Brilante. Der König, Marco von Brilante, hatte höchstpersönlich unterzeichnet. Wie sie zu dieser Ehre kamen blieb jedoch schleierhaft, denn sie verkehrten normalerweise nicht in Adligen Kreisen. Kardoc vermutete, daß es in den Schloßgewölben vor magischen Ungeziefer wimmelte und der König sie anheuern wollte um die Keller zu säubern. Vielleicht versprach er sich einen anständigen Rabatt wenn er sie vorher zu einem kleinen Fest einlud. Der Keller des Schlosses war vermutlich sehr groß. Daß man diese Einladung schlecht ausschlagen konnte stand für alle fest und daher würden sie ohnehin bald erfahren was dahinter steckte. Die Gefährten beschlossen sich noch einen Tag bei den Elfen zu erholen und dann aufzubrechen. Den Rest des Tages verging ohne irgendwelche Besonderheiten. Nur Osak war wieder einmal seiner Lieblingsbeschäftigung nachgegangen und wurde genau in dem Moment erwischt als er mit beiden Händen tief in Anaids Ranzen wühlte. Am nächsten Tag brachen sie gegen Mittag von den Elfen auf. Dank Kardocs Karte konnten sie ohne Schwierigkeiten eine Flugroute festlegen. Zu Fuß hätten sie für die Strecke mindestens zwölf Tage gebraucht, aber mit ihren Flugdrachen würden sie noch heute Abend beim Schloß ankommen.

Sie ließen ihre Drachen hoch in die Lüfte steigen. Der Elfenwald war bald nur noch als dunkelgrüner Streifen hinter ihnen auszumachen. Lange Zeit glitten tief unten die Felder der Bauern wie kleine, in brauntönen gemusterte Stofftücher vorbei. Dann sahen sie weit vor ihnen die schimmernde Wasseroberfläche des Mani-Tu. Am oberen Ufer dieses riesigen Sees lag Schloß Brilante. Noch vor Sonnenuntergang sahen sie in der Ferne die weiß schimmernden Mauern und Zinnen von Schloß Brilante. Es war fürwahr das schönste Schloß der Welt. Als sie dem Schloß näher kamen bewunderten sie die mit Ornamenten reich verzierten Türme auf denen spitze goldene Dächern thronten. Die Wehrgänge führten nicht nur außen herum sondern spannten sich in gewagten, fast schon filigranen Bögen zu den vielen Gebäuden innerhalb der Mauern. Im Zentrum ragten einige Türme bis in schwindelerregende Höhen und lehnten sich an einen wunderschön gearbeiteten Burgfried. Außerhalb des Schlosses lag ein sehr gepflegter Park den eine schmale Mauer umgab. Eine Seite des Parks reichte bis an den See. Ein kleines Segelboot lag bei einem Landungssteg vor Anker.

Die Gefährten flogen einige Runden um das königliche Anwesen und landeten im Park auf einer umzäunten kleinen Pferdekoppel. Aus dem langgestreckten Stallgebäude kam einige Leute auf sie zugelaufen. Der Stallmeister blieb keuchend vor ihnen stehen und klatschte sich mit der Hand verzweifelt auf seine Stirnglatze und murmelte fortwährend: "Wo stell ich die bloß unter? So viele Flugdrachen,... Das ist ja eine ganze Herde!"

Ihre Ankunft schien auch im Schloß nicht unbemerkt geblieben zu sein denn es näherte sich eine berittene Abteilung vom Schloßtor. Zehn Ritter in auf Hochglanz polierten Rüstungen kamen im Trab auf sie zu. An ihrer Spitze ritt ein sehr nobel gekleideter Elf. Er stieg einige Schritt vor den Gefährten ab und näherte sich in würdevoll Haltung. Die Ritter formierten sich hinter ihm zu einer Gasse und hielten ihre Lanzen aufrecht, so daß die bunten Wimpel im Wind flatterten. Die fünf Gefährten waren inzwischen abgestiegen und standen ohne irgendeine Formation einzunehmen herum. Der Elf schwang in einer vollendeten Verbeugung seinen aufwendig bestickten Umhang und stellte sich vor: "Verehrte Ankömmlinge, ich bin der Empfangsmeister der äußeren Tore. Es ist uns eine Freude euch als Gäste begrüßen zu dürfen. Ihr scheint eine weite Reise hinter euch zu haben!"

Er überflog mit seinen Augen den verschlissenen Stoff ihrer Kleidung und die zahlreichen Beulen an den Rüstungsteilen und Helmen: "Ich werde persönlich dafür sorgen daß ihr mit allem Notwendigen versorgt werdet. Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht hatte ich noch nie das Vergnügen euch Empfangen zu dürfen; oder sollte ich mich etwa irren?"

Anstatt einer ebenso Höflichen Antwort hörte der Elf das Stimmengewirr der Fünf, die alle gleichzeitig zu Sprechen begannen und erklärten, daß sie zum ersten mal auf Schloß Brilante waren. Schließlich setzte sich Osak akustisch durch und begann einen nach dem anderen Vorzustellen: "Also die hier mit dem Bogen ist Anaid. Der mit den vielen Beulen an der Rüstung heißt Davidudl. Dort, der Kleine mit der großen Nase nennt sich Kardoc. Daneben seht ihr Ibraha die Magierin. Und mich nennt man Osak, ich bin übrigens der Beste von uns allen weil ich nämlich schon unzählige..."

Warum er angeblich der Beste war konnte der etwas verunsicherte Elf nicht mehr verstehen da die anderen heftigsten Wiederspruch leisteten. Während der Elf überlegte ob dieser Haufen vielleicht an irgend einer Geisteskrankheit litt legte ihm Davidudl die Hand auf die Schulter und fragte im vertraulichen Tonfall: "Sagt mal guter Mann habt ihr zufällig eine Ahnung ob der König Zuhause ist. Wir hätten gern mit ihm etwas Konversation getrieben."

Davidudl hatte sich bei der Wortwahl ehrlich bemüht und grinste den verwirrten Elf zufrieden an. Dann fiel ihm plötzlich die Einladung ein und holte sie aus seinem Ranzen. Der Elf überflog das Papier und lächelte erleichtert während er das Papier wieder zusammenrollte: "Ach ihr seid das also! Ich kann euch beruhigen der König ist Zuhau... ich meine - zugegen und wird hocherfreut sein eure Bekanntschaft zu machen."

Der Stallmeister hatte inzwischen ein paar Abteile der Stallungen von den Knechten herrichten lassen und führte die neun Flugdrachen zum Futterplatz. Sie wurden bestens versorgt.

Es wurde langsam dunkel. Die fünf Gefährten gingen von blankpolierten Rittern eskortiert auf einem breiten Schotterweg zum Haupttor der Schloßmauer. Der Elf ging ihnen voran und versuchte sich an das ungewohnt tiefe Gesellschaftliche Niveau anzupassen. Nach kurzem Fußmarsch erreichten sie das geöffnete Schloßtor. Die Ritter verschwanden in ein seitliches Gebäude. Gleich nach dem Tor wurden sie von einigen Dienern erwartet. Der Elf gab ihnen rasch einige Anweisungen und scheuchte sie wieder davon. Dann geleitete er die Gäste zum Haupttrakt des Schlosses. Die Innere Anlage des Schlosses glich fast schon einer kleinen Stadt. Es gab verschiedene Händler die ihre Waren vor den Geschäften ausgebreitet hatten. Aus einer Gaststätte duftete es äußerst verlockend. An einem geschnitzten Holzschild über der Tür der Gastwirschaft stand "Zum goldenen Turm". Die Straßen waren ziemlich belebt. Teuer gekleidete Gestalten, wahrscheinlich irgendwelche Adlige, spazierten durch die Straßen oder gingen in die Geschäfte. Botenjungen huschten hin und wieder an ihnen vorbei, eine Schar Knappen trug gerade polierte Rüstungen in ein Gebäude neben ihnen. Der würdevoll schreitende Elf ging bald alleine auf dem gepflasterten Weg zwischen den Geschäften. Davidudl steuerte zielstrebig zum "Goldenen Turm". Kardoc hatte eine Schmiede entdeckt. Anaid stand vor einem Kräuterladen an dessen Vorbau getrocknete und exotische Pflanzen hingen. Ibraha war in einen schmalen Durchgang verschwunden wo ein fahrender Händler magischen Krimskrams anbot. Und Osak war unweigerlich bei einem Schmuckhändler gelandet. Er stand mit leuchtenden Augen vor den Juwelen, ließ seine Finger knacken und lockerte die Handgelenke. Er beobachtete den Händler mit verstohlenen Blick, irgendwann mußte der unverschämt starrende Kerl doch einmal kurz wegsehen, ...nur einen kurzen Augenblick. Die Anderen waren aber inzwischen wieder vom Empfangsmeister eingesammelt worden und konnten Osak noch rechtzeitig daran hindern seine Fingerfertigkeit am schmucküberladenen Verkaufspult des Händlers unter Beweis zu stellen. Nachdem Osak mehr oder weniger freiwillig den Laden verlassen hatte gingen sie weiter und erreichten kurz darauf das große Portal zum königlichen Bereich des Schlosses. Der Elf wurde jetzt von einem ebenso vornehm gekleideten Menschen abgelöst. Der Mann war wie zu erwarten der Empfangsmeister des inneren Tores und führte sie mit einer einladenden Geste in die große Empfangshalle des Schlosses. Breite Stiegen führten in verschiedenen Richtungen aus der Halle. Die Fünf waren überwältigt von der prachtvollen Innenausstattung des Schlosses. Sie wurden durch einen Torbogen in einen etwas kleineren aber keineswegs schlechter Ausgestatteten Raum geführt.

Anaid und Ibraha waren völlig fassungslos und starrten auf die Wände. Fast bis zur Decke standen Bücher, fein säuberlich in Regalen geschlichtet. Sie hatten keine Ahnung, daß es auf der Welt so viele Bücher gab. Davidudl und Kardoc hatten ebenfalls etwas interessantes gefunden. Eine flache Scheibe auf der Mystia nachgebildet war. Darüber spannten sich mehrere Metallbögen auf denen die Sonne und noch einige andere Gebilde befestigt waren. Das beste daran war aber, daß alles beweglich war. Der Empfangsmeister spähte immer wieder vorwurfsvoll zu den beiden hinüber während er mit Osak sprach: "Ihr habt die große Ehre heute Abend mit unserem König zu tafeln. Eure Zimmer werden soeben hergerichtet. Ihr könnt euch dann noch etwas frisch machen bevor ihr zur Tafel geladen werdet."

Kaum hatte er seinen Satz vollendet erschien ein Diener und vermeldete daß die Zimmer bereit seien. Der Empfangsmeister atmete sichtlich auf als Kardoc und Davidudl von ihrem neu entdeckten Spielzeug abließen und auf ihre Zimmer geführt wurden.

Die Zimmer ließen wirklich nichts zu wünschen übrig. Es gab sogar fließendes Wasser aus einem gußeisernen Speier an der Wand. Zwischen zwei hohen, mit bemalten Glasscheiben verzierten Fenstern stand das Bett. Darüber spannte sich ein bestickter Baldachin. Einige Truhen und Kommoden standen ebenfalls zur Verfügung. An der Wand neben der Tür hing eine dicke Kordel die ein Stück oberhalb des Türrahmens in der Wand verschwand. Kardoc sah auf den ersten Blick daß es sich hierbei um einen komplizierten Mechanismus handelte der sofort untersucht werden mußte. Kaum hatte er mit seiner Untersuchung begonnen und an der Kordel herumgefummelt hörte er irgendwo eine Glocke schellen. Im nächsten Moment stand ein Diener in der Tür und sagte: "Ihr wünscht?"

Der verdutzte Kardoc erwiderte: "Äh... Äh... einen schönen Tag auch... und... gibts schon was zu Essen?"

Der Diener verneinte und zog sich wieder zurück. Nachdem Kardoc herausgefunden hatte wozu die Kordel gut war machte er sich lieber etwas frisch. Es dauerte auch nicht lange bis der Diener an der Tür klopfte und mitteilte daß der König sie jetzt erwarten würde. Am Gang trafen alle wieder zusammen. Die Fünf machten einen gepflegten Eindruck wie schon lange nicht. Sogar Davidudl hatte sich überwinden können seine Rüstung abzulegen und die bereitgelegten frischen Kleider anzuziehen. Sie wurden vom Empfangsmeister durch die Gänge geführt und waren, wie man unschwer an ihrem aufgeregten Geplapper erkennen konnte, doch etwas nervös. Den König kannten sie bisher nur aus Erzählungen und er war immerhin einer der mächtigsten Männer der Welt. Ihr Weg endete an einer doppelflügeligen Tür die von zwei blankpolierten Rittern mit gekreuzten Lanzen bewacht wurde. Der Empfangsmeister ging unbeirrt weiter und die beiden Wächter stellten ihre Lanzen waagrecht auf. Hinter der Tür lag ein großer holzgetäfelter Raum. An beiden Seiten standen Säulenreihen die das steinerne Deckengewölbe trugen. Sechs riesige Kerzenleuchter hingen von der Decke und leuchteten den länglichen Raum ausgezeichnet aus. In der Mitte des Raumes stand eine lange Tafel an der sicher hundert Personen Platz gehabt hätten. Etwas abseits standen zwei Personen in langen Roben die sehr angeregt miteinander sprachen. Der Empfangsmeister bat die Gefährten einen Moment zu warten und ging zu den beiden. Der Mann in der dunkelvioletten Robe war anscheinend der König denn er kam sofort auf die Gefährten zu nachdem der Empfangsmeister ihr Erscheinen verkündet hatte. Der zweite Mann trug einen blassblaue Robe. Er drehte sich ebenfalls zu ihnen und beobachtete sie. Der Empfangsmeister wollte nun getreu dem Hofzeremoniell in einer endlosen Litanei jeden einzelnen Vorstellen. Der König winkte ihn aber hinaus und sagte: "Mein Bester, können wir uns das heute nicht sparen? Ich bin nämlich hungrig. Wir werden uns selbst vorstellen, - nicht wahr?"

Er schaute freundlich zu den Fünf und hielt ihnen gönnerhaft den Handrücken entgegen. Die Gefährten, vor allem Osak, bewunderten eine Weile seine wunderschönen großen Ringe auf die der König anscheinend besonders stolz war. Der König merkte schnell daß die Fünf mit dem höfischem Umgang nicht besonders vertraut waren und sagte, während er seine verschmähte Hand wieder zurückzog: "Na macht ja nichts. Im Grunde ist mir diese Knutscherei ja auch zuwieder."

Statt dessen reichte er jedem einzelnen die Hand und wurde dafür mit einer halbwegs anständigen Verbeugung oder einem Knicks belohnt. Nachdem die Formalitäten erledigt waren führte sie der König ans Ende der Tafel und nahm an einem wundervoll geschnitzter Thron Platz. Nun näherte sich der zweite Mann der sich bis jetzt noch nicht von der Stelle gerührt hatte. Er war ebenfalls ein Mensch, doch um einige Jahre älter als König Marco. Nach seinem Weißen Haar und den vielen Denkfalten auf der Stirn zu schließen zählte er um die siebzig Jahre. Er lächelte freundlich, anscheinend hatte ihn gerade eben irgendetwas belustigt. Der König stellte ihn den Gefährten vor: "Dies ist mein treuer Berater Moram. Er ist sozusagen mein geistiger Führer."

Die Gefährten vollführten wieder ihre unbeholfenen Verbeugungen während Moram ihnen nach neuester Sitte kräftig die Hände schüttelte. König Marco bat seine Gäste nun ebenfalls Platz zu nehmen. Als sie sich niedersetzen wollten konnte Anaid gerade noch einen peinlichen Zwischenfall verhindern. Von hinten hatten sich Diener genähert um ihnen mit den Stühle behilflich zu sein. Davidudl glaubte der freche Kerl wollte ihm seinen Stuhl wegnehmen und es entstand ein kurzes aber heftiges Ringen um die Sitzgelegenheit. Nachdem Anaid den Streit um den Stuhl geschlichtet hatte ergriff der König wieder das Wort: "Ihr werdet euch sicher schon gefragt haben wie ihr zu der Ehre kommt meine Gäste zu sein. Vorweg möchte ich sagen, daß ihr in meinen Landen keine Unbekannten mehr seid. Eure Taten haben sich bereits bis zu uns ins Schloß herumgesprochen. Und falls ich einmal eine Schlagkräftige Truppe für einen besonderen Einsatz brauche, weiß ich an wen ich mich wenden muß."

König Marco deutete anerkennend auf die Gefährten die nun erwarteten gleich nach dem Essen in den Keller geführt zu werden um die Monster in Augenschein zu nehmen. Doch der König hatte anderes im Sinn: "Vorerst aber möchte ich euch nur um einen kleinen Gefallen bitten, der natürlich auch entsprechend belohnt wird. Wie ihr vielleicht wißt habe ich einen Sohn - Andrus von Brilante. Er ist wirklich ein fähiger Bursche. Ich habe ihm die beste Erziehung angedeihen lassen, er ist sehr belesen und hat vorzügliche Ausbildung in verschiedenen Waffengattungen genossen. Nur eines fehlt noch. Er hat überhaupt keine Praxis im Kampf. Bisher brauchte er sich nur mit Trainern oder Strohpuppen messen. Wenn er einem echten Gegner gegenüber steht fürchte ich werden ihm seine guten Manieren nicht viel helfen. Er weiß nicht wie es in einer Schlacht tatsächlich zugeht. Und so dachte ich es wäre das Beste für ihn wenn er eine Zeitlang mit einer erfahrene Truppe mitginge die ihm zeigt wie es außerhalb der Schloßmauer zugeht. Ich bin mir sicher er kann einiges von euch lernen. In diesen unsicheren Zeiten kann eine umfangreiche Ausbildung keinesfalls schaden. Schließlich soll er ja eines Tages meinen Platz einnehmen."

Inzwischen hatten die Diener das Essen serviert und die Kelche gefüllt. Der König hob seinen Kelch und prostete ihnen zu während er weitersprach: "Nun, was haltet ihr davon meinen Sohn eine Zeitlang als... sagen wir einmal "Lehrling" mitzunehmen."

Die Gefährten erhoben ebenfalls ihre Kelche. Da vom König eine Entlohnung erwähnt wurde brauchten sie sich nicht mehr untereinander abzusprechen. Ihr chronischer Geldmangel hatte längst entschieden und Anaid sagte: "Also es spricht eigentlich nichts dagegen und außerdem hatten wir noch nie einen echten Prinzen."

Der König nickte zufrieden und erwiderte: "Ihr werdet ihn noch heute Abend kennenlernen, falls er nicht irgendwo aufgehalten wurde."

Während des Essens erzählte König Marco, daß Prinz Andrus seit mehreren Tagen im Land unterwegs war und die umliegenden Fürstentümer besuchte. Diese Visiten schienen dem König neuerdings notwendig um sich von der Loyalität der Landesfürsten zu überzeugen. Als die Gefährten danach von ihrer Begegnung mit Pipin dem Ork und der Vergiftung des Elfenwaldes berichteten wurde der bis dahin schweigsame Moram neugierig. Er wollte möglichst alles über die Fremden im Orkgebirge wissen. Der magische Orb und die Nataskrieger bereiteten ihm sichtlich Sorgen. Moram wußte anscheinend etwas mehr als die Gefährten über die Hintergründe und Zusammenhänge. Nach dem Bericht der Gefährten hüllte er sich wieder in nachdenkliches Schweigen. Ibraha fragte den König ob denn wirklich irgendetwas Außergewöhnliches im Gange war. Er lehnte sich seufzend zurück und sagte: "Ich weiß es nicht. Und dennoch; obwohl nichts darauf hindeutet glaube ich manchmal, daß sich irgendwo etwas Fürchterliches zusammenbraut."

Moram nickte zustimmend und König Marco erzählte, daß hin und wieder Gerüchte von grausigen Gemetzeln in weit entfernten Länder jenseits des Kardoc Sees aufkamen. Das Königreich Brilante pflegte bis vor einiger Zeit regelmäßige Kontakte mit den Herrschern der anderen Seite der Welt. Und nun herrscht seit über einem Jahr Schweigen. Von den Kurieren und Botschaftern war bisher kein einziger zurückgekehrt. Vielleicht konnte man aber schon Morgen mehr erfahren, denn für den morgigen Abend war ein großes Fest geplant zu dem alle Herrscher Mystias geladen waren. Viele waren schon in den letzten Tagen angekommen. Doch es war bis jetzt noch niemand gekommen der jenseits des Kardoc See oder geschweige denn jenseits der Jindiggi Sümpfe lebte.

Die Diener räumten gerade das Geschirr und die ziemlich weitläufig verteilten Essensreste rund um die Gefährten weg. Man hatte sie nämlich genötigt mit Besteck zu Essen. Am besten hatten Anaid und Ibraha die ungewohnte Tischkultur gemeistert. Wahrscheinlich hatten sie als weibliche Wesen ein natürliches Fingerspitzengefühl für so etwas. Osak hatte auch den Großteil seines Essens bändigen können. Nur bei Kardoc und Davidudl sah es wie auf einem Schlachtfeld aus. Kardoc hatte es sogar auf unerklärliche Weise geschafft einen Zinken seiner Gabel zu einer Spirale zu drehen. Davidudls Messer war verschwunden; wahrscheinlich hatte er daß zierliche Schneidegerät abgebrochen und unter dem Tisch verschwinden lassen. Plötzlich öffnete sich die Tür. Der Empfangsmeister trat ein und klopfte mit einem Stab dreimal auf den Boden. Dann verkündete er feierlich: "Es betritt den Saal: Prinz Andrus von Brilante, Thronanwärter der ordentlichen Erbfolge, zukünftiger Herrscher der Ländereien von Brilante, Lehensherr von... "

Während der Empfangsmeister seine Litanei aufsagte ging ein großgewachsener blonder Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren auf die Tafel zu. Er war in feinste Tücher gehüllt. Auf seiner aufwendig genähten Bluse waren Edelsteine drapiert. Die Kniebundhose war in edlem Violett gehalten und an beiden Seiten mit goldenen Ornamenten verziert. Dazu trug er passende Strümpfe. Und die Füße steckten in wahren Kunstwerken eines Schusters. Seinen Umhang hatte er über die angewinkelte Hand geschlungen um ihn nicht über den Boden zu schleifen. In seiner Begleitung kam ein etwas kleinerer schwarzhaariger, unrasierter Mann. Dieser hüllte sich im Gegensatz zu Prinz Andrus in einen schlichten dunklen Umhang auf dem ein paar aufgestickte silberne Symbole zu erkennen waren. Um seine Füße huschte eine Ratte die sich meistens hinter den staubigen Stiefeln versteckte. Der Prinz hielt vor dem König und vollführte eine vollendete Verbeugung: "Mein König, ich bin soeben angekommen und bin sogleich zu dir geeilt. Ich bringe Neuigkeiten. Aber wie ich sehe hast du Gäste."

Andrus verbeugte sich in Richtung der Gefährten und zeigte beim Lächeln seine makellos weißen Zähne. Der König winkte die Diener herein und sagte zu Prinz Andrus gewendet: "Ich freue mich, daß du wohlbehalten zurückgekehrt bist. Ich werde dich gleich bekannt machen aber wie ich sehe hast du ebenfalls einen Gast mitgebracht?"

Während die Diener eilig zwei zusätzliche Gedecke auflegten trat der Fremde vor den Thron und verbeugte sich. Prinz Andrus wendete sich wieder zum König und sagte: "Dies ist mein alter Freund Siro Eduardo. Ich traf ihn unterwegs und er hat auch mit der, bedauerlicherweise traurigen Nachricht zu tun von der ich sprach. Sein Meister und unser teurer Freund, der Wächter des Turms, ist vor einem halben Jahr verstorben. Seitdem zieht der bedauernswerte Siro Eduardo durch das Land und versucht auf eigene Faust seine Ausbildung zu vollenden."

Moram stand auf und fragte Eduardo sichtlich besorgt ob er damit sagen wolle, daß der Turm nun verlassen sei. Doch Eduardo beruhigte ihn: "Keine Sorge ehrwürdiger Moram, ich habe den Turm magisch versiegelt. Es kann niemand außer mir hinein."

Moram bedankte sich beim König für das Mahl und murmelte während er den Saal verließ: "Das sind wahrhaft schlechte Neuigkeiten."

Nun stellte der König die fünf Gefährten vor. Andrus war begeistert bald richtig aufregende Abenteuer zu erleben und schreckliche Bestien zu bezwingen. Er fragte erwartungsvoll: "Wann reisen wir ab? Habt ihr schon Pläne für die nächste Zeit?"

Die Gefährten blickten sich Achselzuckend an und sprachen wieder Alle auf einmal und durcheinander: "Öööh... weiß nicht... keine Ahnung... man wird sehen..."

Plötzlich unterbrach sie Prinz Andrus: "Entschuldigt meine Kühnheit aber ich hätte da ein großes Anliegen. Wäre es zu vermessen wenn ich euch ersuchen würde Siro Eduardo ebenfalls mitzunehmen? Als hochbegabter Magier wäre er sicher keine Last."

Die Gefährten stimmten wieder den gemeinsamen Choral an: "Öööh... weiß nicht... ist mir egal... na von mir aus..."

Prinz Andrus wertete das Gemurmel als Zustimmung und bedankte sich überschwenglich. Er erzählte ihnen, daß Eduardo ein Jugendfreund war und seine Kindheit auf Schloß Brilante verbracht hatte. Eduardo schien den Gefährten auch ganz in Ordnung zu sein, außerdem hatte er was für Tiere übrig, wie man an seiner Ratte sah. Er nannte sie Equinus und sie begleitete ihn überall hin.

Nachdem die beiden Neuankömmlinge ihre Mahlzeit beendet hatten machten alle gemeinsam noch einen kleinen Rundgang durchs Schloß. Und als die Gefährten ihre Zimmer betraten stellten sie fest, daß die Worte des Elfs, der sie bei den Stallungen empfangen hatte, keine leeren Versprechungen waren. Ihre alten Kleider waren inzwischen gewaschen und geglättet worden. Die Rüstungen, Helme, Waffen und Stiefel glänzten auf Hochglanz geputzt im Kerzenschein.

Am nächsten Tag schlenderten sie mit ihren beiden neuen Begleitern durch Brilante und beobachtete das hektische Treiben der Festvorbereitungen. Mägde und Knechte schleppten sich mit Körben voller Obst und Gemüse ab. Riesige Bratspieße wurden aufgestellt und Feuer darunter entzündet. Endlich, bei Anbruch der Dunkelheit ertönten Fanfaren von den Türmen und die geladenen Gäste begaben sich zum hell erleuchteten Schloß. Beim Eintreten in den Festsaal wurde jeder vom Empfangsmeister angekündigt. An diesem Abend war auch die Königin anwesend und empfing gemeinsam mit König Marco die geladenen Gäste. In einer Ecke des Saales spielte ein Orchester und untermalte das Stimmengewirr mit festlicher Musik. Es gab Unmengen zu Essen und zu Trinken. Die Gefährten griffen völlig enthemmt zu und ließen hin und wieder etwas von den Köstlichkeiten in ihren Taschen verschwinden. - Als Rationen für schlechtere Zeiten.

Im Laufe des Abends wurde das Fest ausgelassener und lauter. Der König und seine Gemahlin mischten sich unter die Gäste um Neuigkeiten auszutauschen. Prinz Andrus machte seine neuen Gefährten mit einigen Leuten bekannt. Als erstes wurde ihnen ein hühnenhafter Mann der in Begleitung seiner zukünftigen Gemahlin erschienen war vorgestellt. Er hieß Grani Eitel und war Schloßherr der Festung Gelea. Er fühlte sich auf solch gigantischen Feiern nicht besonders wohl. Er stammte aus den weiten Steppen oberhalb König Marcos Reich. Eigentlich war er nur dem König zuliebe gekommen um ihm persönlich seine Treue und Verbundenheit zu zeigen. Er wußte, daß sich Marco große Sorgen machte, aber seine Sippe hatte schon immer treu zum König gehalten und daran würde sich auch nichts ändern. Grani Eitel freundete sich rasch mit den fünf Gefährten an. Ihre unkompliziert Art war ihm bedeutend lieber als mit irgendwelchen Leuten Höflichkeitsfloskeln auszutauschen. Ein weiterer Burgherr gesellte sich bald darauf zu ihnen. Seine Heimat lag noch weiter oben als Gelea. Er kam von der Burg Obrit. Kardoc war bei dem Namen der Burg hellhörig geworden und fragte ob der Name der etwas mit dem Metall "Obrit" zu tun hätte. Der Burgherr erzählte, daß nach einer alten Legende das Burgtor einst aus dem sagenhaften magischen Metall gefertigt war. Es wurde angeblich an Ort und Stelle von den Zwergen aus einem Stück geschmiedet. Ob daran wirklich etwas Wahres war bezweifelte er allerdings, denn soweit die Aufzeichnungen seiner Ahnen zurückreichten gab es keinerlei Hinweis auf das Tor. Aber wie alt die Burg wirklich war wußte aber niemand ganz genau und nach der Legende war sie einst Sitz eines mächtigen Herrschers der lange vor seiner Ahnenreihe gelebt hatte.

Während Kardoc von ihren Erfahrungen mit dem wunderbaren Metall erzählte, hatte Osak eine äußerst interessante Gesprächspartnerin gefunden. Die zukünftige Gemahlin Grani Eitels hatte neben ihrer Beschäftigung mit magischen Dingen eine zweite Leidenschaft. Schmuck, Edelsteine und Gold. Sie trug auch einige ihrer Glanzstücke am heutigen Abend zur Schau. Grani war anscheinend recht Vermögend denn die Geschmeide, Armbänder und Ringe sahen alles andere als billig aus. Die beiden unterhielten sich äußerst angeregt über den Schmuck den sie trug. Osak hatte endlich wen gefunden der seine Vorliebe für Wertgegenstände teilte. Ibraha stand etwas abseits mit Eduardo und noch zwei Magiern beisammen. Sie schaute immer wieder besorgt zu Osak hinüber. Aber sie kannte ihn gut genug um bald sicher zu sein, daß er sich tatsächlich nur für den Schmuck und die Golddurchwirkte Garderobe interessierte und nicht für die durchaus reizvolle Dame darunter. Die zierliche Magierin lies ihn aber dennoch nicht ganz aus den Augen während sie sich wieder an der Diskussion der Magier beteiligte. Im Moment erörterten sie die Frage ob es möglich war einen Zauberspruch auszuführen nur indem man ihn dachte. Es war unglaublich schwierig die magischen Silben, welche an und für sich überhaupt keinen Sinn ergaben, nur zu denken. Immer störte ein kurzer Gedanke an etwas anderes oder man wurde von Außen durch etwas abgelenkt. Sobald der Ablauf der Silben gestört wurde war die Wirkung des Spruchs stark gehemmt oder er funktionierte überhaupt nicht mehr. Darum ging es viel leichter wenn die Silben laut ausgesprochen wurden. Als sie gerade die richtige Betonung der Silben besprachen holte sie Andrus wieder zu den Anderen und Stellte ihnen einen weiteren Gast vor. Eine Priesterin aus der weit entlegenen Stadt Osak. Die Stadt hieß wirklich Osak, die Namensgleichheit war aber nur ein Zufall. Die Priesterin hieß Nirmara und lenkte die Blicke der meisten männlichen Besucher auf sich. Selbst Kardoc konnte nicht verleugnen, daß die Priesterin sogar nach zwergischen Schönheitsideal einen gewissen Reiz ausübte. Ihr äußerst gewagtes Kleid machte einigen der Anwesenden Kopfzerbrechen und so mancher fragte sich insgeheim welcher Glaubensrichtung die Priesterin wohl angehörte und wie sich die Rituale abspielten. Und einige waren scheinbar nahe daran sie zu fragen ob sie nicht dringend ein paar neue Jünger für ihre Zeremonien bräuchte.

Nirmara hatte aber momentan andere Sorgen als neue Mitglieder anzuwerben. Ihr Besuch auf Schloß Brilante hatte eigentlich zwei Gründe. Zum ersten die Einladung des Königs. Der zweite Grund war weitaus unangenehmer. Ein wichtiger Tempel in den Paist Wäldern hinter dem Orkgebirge war aus unerfindlichen Gründen zerstört worden. Es war unbedingt erforderlich daß die Tempelanlage wieder aufgebaut wurde. Die Arbeiter und das Material für den Bau stand schon lange Bereit. Das Problem war, daß sich niemand als Begleitschutz für den Konvoi fand. Und die Arbeiter weigerten sich ohne ausreichenden Schutz in die Wälder zu gehen. Nun war ihre Hoffnung hier, auf Schloß Brilante, ein paar tapfere Abenteurer zu finden die für diese Aufgabe natürlich auch belohnt werden sollten. Nirmara hatte das außergewöhnliche Glück, daß sie zufällig in diesem Moment von mehreren waghalsige und furchtlose Abenteurern umringt war die alle, bis auf Prinz Andrus, knapp vor der Armutsgrenze standen. Prinz Andrus war sofort hellauf begeistert von dieser Aufgabe. Er sah es als seine Pflicht der schönen Priesterin seine Dienste anzubieten.

Nachdem sich die Gefährten um die nähere Zukunft auch nicht mehr sorgen mußten, widmeten sie sich wieder dem Fest das zunehmend lauter und ausgelassener wurde. Die Feierlichkeiten hatten sich inzwischen bis auf die Gänge und in zahlreiche Nebenräume des Schlosses ausgedehnt. Die ersten Opfer des Abends wurden von den Dienern auf ihre Zimmer getragen. Osak hatte wieder sein Lieblingsgetränk in den wohlbekannten Tonkrügen entdeckt. Er wußte noch immer nicht wie diese goldgelbe und weiß schäumende Flüssigkeit hieß, aber das war ihm inzwischen auch ziemlich egal. Ibraha begleitete ihn und gab acht, daß er nichts anstellte. Nach einigen Krügen taumelte Osak bereits schwer angeschlagen durch den Saal und mußte sich bei Ibraha stützen.

Kardoc, Eduardo und Andrus hatte es in die Bibliothek verschlagen. Andrus zeigte ihnen ein besonders wertvolles Stück, eine Prachtausgabe der Karte von Mystia die ebenfalls von Kardocs Urahnen gezeichnet wurde. Einiges war Andrus an dieser Karte schon immer seltsam vorgekommen. Manche Namen auf der Karte klangen äußerst komisch und einige waren garantiert frei erfunden und deuteten auf beginnenden Altersschwachsinn. In der rechten unteren Ecke war ein eigenartiges sternförmiges Symbol eingezeichnet dessen Sinn selbst Andrus Lehrmeistern nie verstanden hatten. An vier Spitzen des Sterns standen die Buchstaben N, W, O, S geschrieben. Einer seiner Lehrmeister hatte vermutet daß es sich um eine Art Richtungsweiser handeln könnte der vielleicht mit den eigenartigen Ideen des Zwerges zu tun hatte. Einem Gerücht zufolge hatte Kardocs Urahne die weiten Reisen nur deshalb unternommen weil er insgeheim glaubte die Welt sei eine Kugel auf der er mit seinem Schiff rundherum segeln könnte. Wahrlich eine irrsinnige Weltanschauung. Das ganze Wasser würde doch binnen weniger Augenblicke von der Kugel fließen und ins Nichts stürzen.

Andrus führte Eduardo und Kardoc noch eine Weile durch das Schloß und das Fest neigte sich langsam dem Ende zu. Anaid und Davidudl waren seit geraumer Zeit unauffindbar. Osak war längst von Ibraha zu Bett gebracht worden. Und die übrigen Drei gesellten sich wieder zum König bevor sie auf ihre Zimmer gingen. König Marco war enttäuscht von diesem Abend. Er hatte nichts Aufschlußreiches in Erfahrung bringen können. In ganz Mystia schien alles ruhig und friedlich zu sein.

Am nächsten Tag erlebten die sieben Abenteurer gleich am Morgen eine angenehme Überraschung. König Marco händigte jedem einen kleinen Beutel voll Goldmünzen für eventuelle Auslagen aus. Kurz danach feilschten sie schon bei den Händlern von Brilante. Sie verlangten sogar für Einzelstücke Mengenrabatt und kritisierten unentwegt den miserablen Zustand der Ware. Davidudl hatte ein neues Schild für sich entdeckt das recht brauchbar aussah und versuchte den Händler andauern zu überreden es gegen ein paar alte Sandalen einzutauschen. Irgendwann verlor der Händler die Geduld und schrie ihn an: "Ich will deine stinkenden Sandalen aber nicht."

Davidudl zog sich beleidigt zurück und kramte in seinem Ranzen. Wenige Momente später klopfte er dem inzwischen völlig entnervten Händler auf die Schulter und sagte: "Na, was haltet ihr davon. - Meine fast neuen Sandalen und diesen kaum benutzten Feuerstein für diesen wertlosen Schild?"

Es war hauptsächlich der Anwesenheit und dem Carisma Prinz Andrus zu verdanken, daß sie nicht schon längst auf die Straße geworfen wurden. Gegen die Mittagszeit hatten sie endlich ihre Einkäufe erledigt und einige Händler ihre Türen fest verschlossen und verriegelt. Gemeinsam suchten sie ihre Auftraggeberin Nirmara auf und schlugen ihr vor noch heute abzureisen. Bevor sie sich auf den Weg machten zeigte Anaid den beiden Neulingen wie man mit Flugdrachen um ging. Da die Gefährten vier überzählige Drachen hatten verschenkten sie je einen an Andrus und Eduardo. Nach einem Kurzlehrgang im Drachenfliegen entfernte sich Andrus mit den Worten: "Einen Moment noch, ich muß mich erst passend ankleiden."

Die anderen gingen inzwischen zum König und seiner Gemahlin um sich zu verabschieden. Es dauerte eine ganze Weile bis Andrus wieder erschien. Und er erschien im wahrsten Sinne des Wortes. Osak erblickte ihn als erster. Er starrte mit weit aufgerissenen Augen auf Andrus. Danach schlug er die Hände vors Gesicht und schrie: "Hilfe, man hat mich geblendet, ruft einen Druiden...!"

Die Sonne leuchtete hell durch die hohen Fenster des Ganges. Andrus war eine einzige spiegelnde und glänzende Erscheinung. Unzählige Reflexe an seiner Rüstung warfen wahre Lichtspiele an die Wand. Er trug eine Rüstung die ausschließlich in Gold gehalten war und an der Dutzende Knappen tagelang poliert hatten. Es gab keine Stelle die nicht gleißend glänzte. Osak hatte gar nicht so unrecht, wenn man zu lange hinsah brannten einem tatsächlich die Augen von den Reflexionen der Sonne. Andrus zog sein Schwert, dessen Heft natürlich aus Gold war, und sagte: "Seid ihr bereit? Dann folgt mir."

Etwas später saßen alle auf den Flugdrachen. Andrus hatte als vollendeter Edelmann der schönen Priesterin angeboten bei ihm auf dem Flugdrachen Platz zu nehmen. Kardoc gab dem Stallmeister ein paar Goldmünzen damit er, während sie unterwegs waren, auf die zwei verbliebenen Flugdrachen achtgab. Vor den Schloßtoren hatte sich eine gaffende Menge versammelt und beobachteten die Flugdrachen. Nach einigen kräftigen Flügelschlägen hoben sie vom Boden ab und stiegen rasch höher. Bald waren sie nur noch als kleine Punkte auszumachen und verschwanden schließlich ganz.

© Andreas Bartl

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