KAPITEL 5

Die Karawane

Nach zwei Tagen auf den Rücken der Drachen erreichten sie die Stadt Osak.

Es war eine befestigte Stadt mit ein paar Tausend Einwohnern. Ein breiter, hoher Wall und mehrere Wachtürme schützten die Einwohner von Osak vor unliebsamen Besuchern. Während sich die Flugdrachen auf einer saftigen Weide vor der Stadt vom Flug erholten führte Nirmara ihre Begleiter durch die Stadt. In den Straßen herrschte reges Treiben. Osak lag in der Nähe des Kardoc Sees und somit im ziemlich Zentral. Viele Handelsrouten führten in und aus der Stadt. Pausenlos fuhren schwer beladene Ochsenkarren an ihnen vorbei. Osak war aber auch ein Zentrum der Gelehrten. Alle bekannten Gilden waren hier vertreten. Überall sah man ihre Aushängeschilde. Magier, Schmiede, Alchemisten, Druiden, Krieger und, da die Stadt von Händlern nur so wimmelte, naturgemäß die Diebesgilde. Osak war ein wahrer Schmelztiegel der Welt. Man konnte hier einen philosophierenden Elfen genau so finden wie einen Barbaren von den Inseln der Suara See. In den breiten Straßen zwischen den mehrstöckigen Backsteinhäusern standen die fahrenden Händler und boten die abenteuerlichsten Dinge an. An manchen Ecken hatten Feuerschlucker und andere Sensationskünstler für Massenaufläufe gesorgt. Nirmara führte sie durch den Trubel, in dem nicht einmal Andrus Goldene Rüstung sonderlich auffiel, zu einem weiß getünchten Tempelgebäude. Hinter der Säulenfront war es bedeutend ruhiger als draußen. Nirmara besprach sich mit ihren Glaubensbrüdern und ließ den Gefährten ein paar Erfrischungen bringen. Wenig später kam sie wieder zurück und erklärte ihnen den weiteren Ablauf der Mission. Die Karawane stand bereits in Ryla, der letzten größeren Stadt vor der Wildnis bereit. Nirmara hatte drei schnelle Pferdewagen organisiert die sie binnen zwei Tage zur Karawane bringen sollten. Die Flugdrachen würden inzwischen von einigen Tempelbrüdern gut versorgt und beaufsichtigt werden. Davidudl war anfangs überhaupt nicht gewillt seinen Lieblingsdrachen hier zurückzulassen. Aber schließlich sah er doch ein, daß ein Fußmarsch mit einer Ochsenkarawane durch Gebirge und Wälder für einen Flugdrachen nicht das Ideale waren. Er bestand aber darauf seinem Drachen noch einmal den Hals zu tätscheln, denn der Auftrag würde sicherlich mehrere Wochen dauern. Die Gefährten gingen gemeinsam aus der Stadt und verabschiedeten sich von ihren Tieren. Osak hatte bei einem Obsthändler ein paar exotische Früchte gefunden, ohne daß dieser es bemerkt hatte. Er teilte seine Beute an die Gefährten aus und jeder Flugdrache bekam zum Abschied einen kleinen Leckerbissen. Bald darauf kam Nirmara mit den drei Pferdewagen und die Fahrt nach Ryla begann. Sie fuhren auf einer Handelsroute durch die hügelige Graslandschaft. Hin und wieder wurde ihr Tempo durch einen gemächlich dahinziehenden Ochsenkarren gebremst. Sonst passierte aber nichts außergewöhnliches und sie erreichten nach zwei Tagen die Stadttore von Ryla. Die Stadt war etwas kleiner als Osak und auch nicht so belebt. Hauptsächlich waren Bauern der umliegenden Gehöfte auf den Straßen der Stadt um ihre Ernte am Markt zu verkaufen. Außerhalb der Stadtmauern, in einem Zeltlager, wartete die Karawane. Die Vorarbeiter und Ochsentreiber waren bereits durch einen berittenen Boten informiert worden und hatten die Karawane aufbruchsbereit gemacht. Nirmara hatte vor die Karawane zu begleiten und stieg in einen für sie vorbereiteten Planwagen. Die Gefährten verteilten sich entlang der fünfzig hochbeladenen Wagen. Peitschen knallten, Fuhrwerker brüllten. Die schweren Wagen setzten sich rumpelnd und knarrend in Bewegung. Zwischen den Wagen verteilt gingen an die hundert Bauarbeiter und Handwerker mit ihren Werkzeugen. Eine dichte Staubwolke wehte auf als die Karawane die Tore von Ryla verließ und in die Wildnis zog.

Ryla war einer der äußersten Vorposten die mit Brilante regelmäßige Beziehungen unterhielten. Nach Ryla lag nur mehr unbewohnte rauhe Wildnis. Die Welt war hier geteilt durch die Jindiggi Sümpfe, die Paist Wälder und dem Saurusgebirge. Das erste Ziel der Karawane war die uralte steinerne Brücke über den Mangalo Fluß. Langsam fuhren die Wagen auf dem immer schlechter werdenden Weg weiter. Nach zwei Tagen passierten sie den letzten entlegenen Bauernhof. An den Straßenrändern wuchsen wilde Beerenstauden und dichte Gebüsche. Es war nur eine Frage der Zeit bis die jahrhunderte alte Straße wieder zugewachsen war. In der Mitte, zwischen den Radspuren, wuchs bereits kniehoch das Wildgras. Am sechsten Tag erreichten sie den Fluß. Vor undenklichen Zeiten hatte man hier eine gewaltige Brücke über dem Mangalo geschlagen. Die grob behauenen Steinquader waren stark verwittert und mit Moos überzogen. Die Brücke war so breit, daß bequem vier Fuhrwerke nebeneinander Platz gefunden hätten. Irgendwann einmal wurde anscheinend reger Handel mit der anderen Seite der Welt getrieben.

Die Gefährten legten eine Rast ein und setzten sich auf die breite Brüstung der Brücke während die

eisenbeschlagenen Räder der Wagen an ihnen vorbeirumpelten. Nach der Brücke erstreckte sich

eine weite Grasebene die für eine Übernachtung gut geeignet erschien. Andrus nutzte die Gelegenheit und zog einen Putzlappen aus seiner schmalen Hüfttasche. Er hatte darin seine wichtigsten Reiseutensilien. Putztücher in verschiedener Stoffqualität und zwei Fläschchen Politur, eines für Leder und das andere für Metall. Während Andrus seine staubige Rüstung wieder aufpolierte kam Nirmara zu ihnen. Sie lehnte sich seufzend an die Brüstung und sagte, daß nun bald der gefährliche Teil der Reise beginnen würde. Es war leider unmöglich den relativ sicheren Weg der Pilger zum Tempel zu nehmen. Der Weg war eigentlich nur ein schmaler Trampelpfad und führte durch unwegsames Gelände. Sie mußten die alte Handelsstraße nehmen die sehr nahe am Orkgebirge vorbei und danach in die Paist Wälder führte.

In den folgenden Tagen spähten die Gefährten etwas aufmerksamer in die Gegend, aber es blieb alles ruhig. Am zehnten Tag nachdem sie die Brücke überquert hatten geschah dann aber doch das Unvermeidliche. Die Wagen rumpelten über den steinig gewordenen Weg. Zu ihrer Linken lag das zerklüftete Orkgebirge. Die Straße wand sich zwischen großen Gesteinsbrocken und steinigen Hängen. Die Karawane zog gerade zwischen zwei steilen Böschungen hindurch als Anaid einen Warnruf ausstieß.

Von beiden Seiten polterten plötzlich mehrere große Felsen auf die Wagen zu. Gleichzeitig erschienen auf beiden Seiten an die zehn Orks, die sofort mit Gebrüll und gezückten Waffen den Hang hinab liefen. Die Wagen hatten angehalten. Die Arbeiter und Fuhrwerker versteckten sich darunter. Anaid war sofort auf einen hoch beladenen Wagen gesprungen und streckte die ersten Angreifer nieder. Ibraha und Eduardo griffen beide Seiten mit magischen Blitzen und Feuerbällen an. Die anderen teilten sich auf und stürmten den Orks entgegen. Die Orks hatten anscheinend nicht mit derartig heftiger Gegenwehr gerechnet und als ihr Anführer von Eduardos Blitz tödlich getroffen wurde waren sie vollständig verwirrt. Kardoc und Andrus kämpften Seite an Seite und fällten einen Ork nach dem anderen. Genauer gesagt fällte Kardoc einen nach dem anderen. Der Zwerg hielt seinen Schild schräg nach oben und fing damit die Schläge der Orks ab. Die Orks prügelten ausschließlich auf seine Verteidigung ein und kamen glücklicherweise nie auf den Gedanken einmal einen seitlichen Hieb zu versuchen. Als auf dieser Seite die Orks rar wurden wendete sich Kardoc der anderen Böschung zu. Doch bald war auch hier der letzte Ork gefallen. Von der gegenüberliegenden Seite war immer noch Kampflärm zu hören. Die Gefährten stützten sich auf ihre Waffen und betrachtete ein faszinierendes Schauspiel. Andrus beschäftigte sich seit dem Beginn der Schlacht mit einem einzelnen Ork der bereits dem Wahnsinn nahe war. Die beiden Gegner hatten einen grundsätzlich verschiedenen Kampfstiel. Der Ork versuchte Andrus immer wieder auf die gleiche Weise niederzustrecken. Er schwang seinen Säbel weit zurück, stürzte sich dann mit tierischem Gebrüll nach vorne und ließ die Waffe mit aller Gewalt auf Andrus niedersausen. Andrus hüpfte dann elegant zur Seite, der Ork stolperte einige Schritte vorwärts und landete meistens am Boden. Andrus wartete bis sich der Ork wutschnaubend erhoben hatte. Dann hielt er sein Schwert mit gestreckten Arm nach vorn und fuchtelte damit herum. Den freien Arm hatte nach hinten gewinkelt in die Hüfte gestützt. Bevor der Ork wieder auf ihn einschlug tänzelte Andrus anmutig vor dem Ork auf und ab und versuchte ihn zu stechen. Manchmal gelang ihm auch tatsächlich ein Treffer. Es war nur mehr eine Frage der Zeit bis der Ork völlig entkräftet war und dem Prinzen unterlag. Plötzlich erhob sich hinter Andrus ein bereits totgeglaubter Ork mit letzter Kraft und taumelte von hinten auf den Prinzen zu. Eduardo zückte seinen Dolch und rannte die Böschung hinauf, er konnte den heimtückischen Angriff gerade noch verhindern und stieß den Ork zu Boden. Eduardo kniete sich auf die Brust des schwer verwundeten Orks. Er zielte auf die Gurgel, stach zu, verfehlte das Ziel, rutschte aus und landete neben dem Ork im Staub. Der Dolch hatte sich zwischen zwei Steinen im Boden verkeilt und Eduardo zog mit aller Gewalt daran. Er riß den Dolch aus dem Boden, kam aus dem Gleichgewicht, taumelte rückwärts, stolperte über den inzwischen bewußtlosen Ork, fiel rücklings wieder zu Boden und lag nun auf der anderen Seite des Orks. Eduardo richtete sich wütend wieder auf und kniete sich neben den Ork. Er hielt den Dolch hoch erhoben und zielte diesmal gewissenhaft auf die haarige Brust des Orks. Eduardo stach zu und die Klinge grub sich in das Herz des Orks der von all dem aber nichts mehr spürte da er inzwischen längst verstorben war.

Fast zur gleichen Zeit fiel auch der Gegner von Prinz Andrus. Der Ork griff sich an die Brust und stürzte mit langgezogenen Heulen zu Boden. Nach dem Gemetzel wurden die Orks gründlich gefleddert und als man Andrus Gegner untersuchte brachte irgendwer das gemeine Gerücht auf, daß der Ork überhaupt nicht ernsthaft Verletzt war und deshalb eigentlich nur an Herzversagen gestorben sein konnte.

Der Angriff hatte keine ernsthaften Schäden angerichtet und es war niemand verletzt worden. Nur bei einem Wagen hatte ein Stein das Rad zertrümmert. Davidudl, Kardoc und Andrus hoben den Wagen kurzerhand in die Höhe damit der Fuhrwerker ein neues Rad aufsetzen konnte. Nach diesem Kraftakt stolzierte Andrus umher und fragte: "Na, wie war ich in dieser gewaltigen Schlacht?"

Bevor ihm irgendwer gnadenlos die Wahrheit sagen konnte antwortete Anaid diplomatisch: "Also für den Anfang gar nicht schlecht, wirklich. Deine Parade ist, wie soll ich sagen... außergewöhnlich. An deiner Attacke müßte man vielleicht noch etwas arbeiten. Aber sonst hast du dich wacker geschlagen."

Andrus war mit sich selbst auch tatsächlich sehr zufrieden. Er hatte seine erste Schlacht gut überstanden. Und etwas war tatsächlich bewundernswert. Andrus hatte es irgendwie geschafft nicht die kleinste Schramme oder auch nur einen Blutspritzer abzubekommen. Er glänzte genau so wie vor dem Gemetzel. Trotzdem konnte er es nicht lassen. Er holte seine Politur und die Putzlappen aus der Tasche und machte sich ans Werk.

Als sich die Karawane wieder in Bewegung setzte machte Anaid eine Entdeckung. Der Steinschlag der Orks hatte einen Höhleneingang freigelegt. Es war unumgänglich, daß man dieses Erdloch untersuchte vielleicht war ja ein vergessener Schatz drinnen verborgen. Nirmara erzählten sie, in der Höhle hätten sich noch Orks versteckt und deshalb müßten sie unbedingt hinein. Mit Fackel ausgerüstet standen sie kurz darauf am Höhleneingang.

Ein starker Luftzug wehte ihnen entgegen und ließ die Fackeln flackern. Die Höhle war beinahe rund, als ob sie ein gigantischer Maulwurf gegraben hätte. Nach ein paar Schritten wurde der Untergrund weicher und sie versanken bis zu den Knöcheln im Boden. Andrus fühlte sich irgendwie unbehaglich, er leuchtete mit seiner Fackel zum Boden.

Ein entsetzlicher Schrei hallte durch die Höhle.

Andrus richtete sich schreckensbleich wieder auf. Er hatte entdeckt, daß seine Füße in einer Mischung aus schleimiger Erde und Vogelkot steckten. Davidudl lachte und klopfte Andrus etwas zu fest auf die Schulter: "Siehst du, das sind die wahren Abenteuer, - bis zu den Knöcheln in der Vogelkacke..."

Andrus war auf den Schlag nicht vorbereitet, stolperte zwei Schritte vorwärts und stürzte der Länge nach in die weiche, schleimige Substanz. Der Dreck spritzte an beiden Seiten seiner goldenen Rüstung hoch und klatschte dicht neben ihm wieder zu Boden. Andrus war wie gelähmt, er spürte wie ihm der Mist langsam in den Brustpanzer lief. Er dachte dies sei das Entsetzlichste was einem Menschen passieren konnte. Er täuschte sich aber gewaltig denn plötzlich spürte er wie jemand auf ihn draufstieg. Seine teuren Gefährten trampelten einer nach dem anderen mit ihren verschmierten Stiefeln über in hinweg. Nicht weil sie ihn noch mehr demütigen wollten sonder weil gleich hinter ihm der Boden wieder fester wurde und es bei seiner verdreckten Rüstung sowieso schon egal war. Dankenswerter Weise stieg keiner auf seinen Kopf. Kardoc sprang als letzter von seinem Rücken und reicht ihm die Hand während er sagte: "So, wir sind jetzt alle rüber, du kannst wieder aufstehen."

Andrus trottete als letzter durch die Höhle. Seine Arme hingen schlaff herunter. Aus dem Inneren der Rüstung lösten sich zähe Tropfen. An seinem starren Blick konnte man erkennen, daß er noch immer unter Schock stand.

Die Höhle führte immer tiefer in den Berg und manchmal glaubte Anaid in weiter Entfernung ein leises Pfeifen zu hören. Irgendwo mußte ein weiterer Ausgang sein denn der Luftzug hielt unvermindert an. Plötzlich schlug Kardocs sechster Sinn beziehungsweise seine Nase an. Hier war eindeutig etwas verändert worden. Dieser Abschnitt der Höhle war nicht mehr natürlich entstanden, irgendwer hatte hier vor langer Zeit die Höhle mit Grabwerkzeug bearbeitet. Nach kurzer Suche wurde ein kleiner, versteckter Hebel in der lehmigen Wand gefunden. Nachdem Kardoc versicherte, daß keine Anzeichen einer Falle zu finden war drückte Anaid den vermoderten Holzstiel hinunter. Neben ihnen rutschte ein Stück der Wand ab und gab einen Durchgang frei. Muffige Luft schlug ihnen aus dem Dunklen entgegen. Es herrschte Atemlose Stille. Langsam schlichen sie in den finsteren Gang. Nach wenigen Schritten erreichten sie das Ende des Ganges und entdeckten eine kleine Wandnische. Darin lag ein faustgroßer eiförmiger Stein auf dem irgendwelche Schriftzeichen eingraviert waren. Bei dem schwachen Licht ihrer Fackeln waren die Symbole aber unmöglich zu entziffern. Da der Gang anscheinend nirgends weiter führte gingen sie wieder in die zugige Höhle. Dort rätselten sie lautstark was es mit dem seltsamen Stein auf sich haben konnte. Dadurch überhörten sie aber das Pfeifen welches Anaid schon vorhin aufgefallen

war. Das Pfeifen wurde immer lauter und steigerte sich zu einem Ohrenbetäubenden Gekreische. Wenige Momente später standen die Gefährten mitten in einem Schwarm giftiger Speeramseln. Die Vögel hatte anscheinend auch den Luftzug bemerkt und flogen auf den neu geschaffen Höhleneingang zu. Ihre spitzen, giftigen Schnäbel hackten im vorbeifliegen immer wieder auf die Gefährten ein die sich zu Boden geworfen hatten und so gut als möglich zu schützen versuchten. Als der kreischende Schwarm endlich vorbeigezogen war lagen ein paar Tiere tot am Boden. Davidudl hatte die Speeramseln erlegt indem er sein Schwert aufrecht in die Höhe gehalten hatte. Er wickelte einen Stoffstreifen über die hochgiftigen Schnäbel und steckte seine Beute ein. Eduardo hatte einen Kratzer am Unterarm erlitten der schnellstens Behandelt werden mußte. Die Verletzung brannte fürchterlich und er spürte wie sich das Gift langsam ausbreitete. Anaid und Ibraha hatten ihre Ranzen bei der Karawane gelassen und konnten im Moment nichts anderes tun als seinen Arm fest abbinden. Sie rannten so schnell als möglich aus der Höhle und der Karawane nach. Der letzte Wagen verschwand gerade hinter einer Biegung der Straße. Anaid lief so schnell sie konnte der Karawane nach und holte einen Entgiftungstrank den sie stets mit hatte. Kurze Zeit später kam sie wieder zurück. Eduardo trank in kleinen Schlucken die grünen Flüssigkeit. Morgen würde er nichts mehr von der Vergiftung spüren.

Nachdem der Magier versorgt war gingen sie der Karawane nach und holten die Wagen bald wieder ein. Andrus hatte seit seinem furchtbaren Erlebnis kein Wort mehr gesprochen. Er ging etwas steif, den Blick starr nach vorn gerichtet und wagte nicht an seiner Rüstung hinabzublicken. Aber er brauchte sich keine Sorgen zu machen, denn er hatte gute Freunde die mit ihm fühlten und nützliche Ratschläge erteilten: "Das braucht nur ein bißchen an der Sonne trocknen, dann fällt es ganz von selbst herunter."

Andrus gute Erziehung und sein Stolz ließen ihn diese Schmach mit Würde ertragen. Er sah es als eine Art Prüfung an und hatte nicht vor sich von dem bißchen Schmutz abschrecken zu lassen. Im Gegenteil, er setzte sich auf die Ladefläche eines Wagens, zog seine Rüstung aus und begann sie mit Todesverachtung zu Putzen. Anaid und Ibraha versuchten inzwischen die Zeichen auf dem Stein zu entziffern. Es waren uralte Runen die vor langer Zeit verwendet wurden. Die beiden versuchten mehrmals etwas Sinnvolles aus den Zeichen zu lesen kamen aber immer wieder zum selben Ergebnis. Irgendwer hatte auf dem Stein das Wort "Arbeiterkraftstein" eingeritzt. Niemand konnte sich erklären wozu dieser "Arbeiterkraftstein" gut sein sollte. Da er außerdem keinen offensichtlichen Wert hatte wollte ihn auch niemand haben. Schließlich nahm ihn Nirmara und sagte er währe zumindest ein schöner Talisman.

Am späten Abend packte Andrus seine Putzlappen wieder zusammen und präsentierte sich den Gefährten. Er glänzte nicht mehr so strahlend und hell wie früher. Dieses Erlebnis schien ihn doch etwas geprägt zu haben.

Als die Karawane ihr Lager aufschlug zeigte ihm Davidudl ein paar praktische Tips beim Schwertkampf. Außerdem verriet er ihm die wichtigste Regel beim Schwertkampf, die da lautete: Es gibt keine Regeln! Hier draußen würde Andrus nämlich kaum auf Gegner treffen welche die Gepflogenheiten des königlich traditionellen Schwertkampfes kannten. Andrus lernte tatsächlich recht schnell und staunte immer wieder welche überaus gemeine Tricks und Finten Davidudl auf Lager hatte. Noch spät in der Nacht konnte man die dunklen Silhouetten der beiden im Mondschein betrachten.

Davidudl zeigte die Schläge vor und brüllte dabei lauthals. Andrus versuchte dann den Schlag möglichst genau nachzumachen, aber irgendwie sah es bei ihm immer viel ästhetischer aus und außerdem konnte er sich einfach nicht dazu überwinden das primitive Kampfgebrüll nachzuahmen.

Die nächsten zwei Tage zog die Karawane unbehelligt am Rand des Orkgebirges weiter. Die Gegend wurde immer mehr bewaldet. Zwischen den zerklüfteten Felsen wuchsen häufiger wilde Sträucher und kleine knorrige Baumgruppen. Nach einer Wegbiegung standen plötzlich zwei bewaffnete Orks mitten am Weg. Die Wagen kamen sofort zum Stillstand. Mißtrauisch beobachteten die Gefährten die beiden Orks. Das Ganze sah zu sehr nach einer Falle aus. Eine Weile rührte sich nichts. Dann wichen die beiden Orks langsam zurück. Davidudl und Kardoc setzten ihnen nach. Als die beiden Orks zu laufen begannen und offensichtlich flüchteten rannten auch Anaid und Eduardo hinterher. Die übrigen blieben bei der Karawane. Es begann eine wahre Hetzjagd durch das unwegsame Gelände. Die Orks flüchteten Hals über Kopf vor den vier Verfolgern. Der Abstand verringerte sich zusehends. Kardoc rannte so schnell, daß er beinahe mit den großen Zweibeinern mithalten konnte. Die beiden Flüchtenden verschwanden zwanzig Schritt vor ihnen hinter einer bewaldeten Anhöhe. Als die Gefährten das Wäldchen erreichten blieben sie erstaunt stehen. Die beiden Orks waren verschwunden und sie standen vor einer tiefen Schlucht. Tief unten hörten sie einen Wildbach rauschen. Zwischen den Felsen und Bäumen entdeckten sie eine Hängebrücke die über die Schlucht führte. Und hinter ihnen hörten sie das Gegrunze und Geschnaufe von ungefähr vierzig Orks.

Die Vier waren eingekreist, nur der Weg über die Hängebrücke blieb frei. Säbelschwingend rückten die Orks näher. Langsam wichen die sie zurück und betraten die Brücke. Die Orks wurden immer schneller und die Gefährten begannen ebenfalls zu laufen. Die Hängebrücke schwankte unter ihren Füßen. Auf der anderen Seite sahen sie eine kleine verfallene Hütte. Immer schneller liefen sie über die schwankenden Bretter. Als sie die andere Seite der Schlucht erreicht und auf die Hütte zustürmten setzte schon der erste Ork seine Stiefel auf die Hängebrücke. Leider hatte niemand daran gedacht die Seile der Brücke zu kappen. Zu ihrem Glück, wie sie bald bemerkten, denn die Hütte stand auf einer kleinen Bergzinne. Rundherum ging es steil in die Tiefe. Nur über die Brücke konnte man wieder weg von hier. Die Orks waren aber ebenfalls nicht viel schlauer, denn anstatt die Seile der Brücke zu durchschneiden und die Vier auf der anderen Seite verfaulen zu lassen rannten sie ebenfalls hinüber. Die Hütte sah unbewohnt aus, Davidudl rannte in ungebremsten Tempo die Holztür nieder. Anaid und Eduardo sprangen durch zwei geöffnete Fensterläden und Kardoc stolperte als letzter über die Trümmer der Tür. Anaid schoß sofort ein paar Pfeile durch das Fenster. Eduardo schickte den Orks Blitze entgegen, er war aber viel zu aufgeregt um spürbaren Schaden anzurichten. Die meisten Blitze verloren sich irgendwo in der Luft oder zuckten vor dem Fenster in den Boden. Die Orks hatten schnell erkannt, daß die Vier in der Falle saßen und näherten sich jede Deckung ausnutzend der Hütte. Anaid fand kaum ein Ziel und konnte mit ihren Pfeilen nicht viel ausrichten. Die Lage wurde einigermaßen bedenklich. Kardoc spähte bei der Tür hinaus und sagte: "Wir sollten uns langsam was einfallen lassen. Es sieht nämlich so aus als ob die uns zum Essen einladen wollen. - Als Hauptgericht!"

Es gab ein Schauermärchen das von Orks erzählte die in riesigen eisernen Töpfen andere Zweibeiner kochten und anschließend auffraßen. Eduardo war äußerst nervös, er war noch nie in derartige Bedrängnis geraten. Er kauerte am Boden unter dem Fenster und suchte in seinem Gedächtnis fieberhaft nach einem geeigneten Zauberspruch. Einige der Orks hatten Schilder und gingen wie eine lebende Wand auf die Hütte zu, dahinter richtete sich ein Ork auf und brüllte den anderen etwas zu. Bald hatten sich alle Orks hinter der Schildwand versammelt und rückten langsam näher. Davidudl schlug vor eine Bresche durch die Orks zu schlagen. Der einzige Ausweg war irgendwie die Brücke zu erreichen. Sie zogen die Waffen und bereiteten sich auf den wahnwitzigen Ausfall vor. Davidudl und Kardoc standen bereits in der Tür, dahinter Anaid mit gezückten Kurzschwert. Eduardo saß unter dem Fenster, raufte sich die Haaren und suchte noch immer verzweifelt nach einem Zauberspruch. Plötzlich stand er auf und rief aufgeregt: "Wartet noch, nur einen Moment, mir ist etwas eingefallen."

Er stellte sich zum Fenster und begann einigemale einen äußerst schwierigen Zauberspruch zum formulieren den er einmal bei seinem Meister aufgeschnappt hatte. Die Orks waren jetzt nur noch zwanzig Schritt von der Hütte entfernt. Endlich nach fünf mißlungenen Versuchen gelang Eduardo der Spruch. Ein winziger schwarzer Wirbelsturm löste sich aus Eduardos Hand und flog zum

Anführer der Orks. Ohne daß irgendeiner der Angreifer es merkte senkte sich der Handteller große Wirbelsturm in den Kopf des Orks. Dieser war plötzlich wie ausgewechselt. Er hob seinen Säbel und brüllte laut einen Befehl. Alle Orks hielten abrupt an. Dann machte er auf einem Fuß eine Kehrtwendung und brüllte wieder etwas. Er marschierte wie eine Marionette zur Brücke, dabei brüllte und grunzte er unentwegt. Es hörte sich beinahe wie ein Wanderlied an. Den Säbel stieß er dazu passend im Takt auf und nieder. Die anderen Orks zögerten kurz und folgten dann ihrem Anführer. Als die Orks über die Brücke gingen und danach zwischen den Steinen und Sträuchern verschwanden ließ sich Eduardo erschöpft zu Boden sinken. Er grinste die verblüfften Gefährten an und sagte: "Ich habe ihm eingetrichtert den höchsten Gipfel des Orkgebirges zu erklimmen und dort oben ein Loblied auf den großartigen Siro Eduardo zu singen."

Die Gefährten brachen in Gelächter aus und halfen Eduardo auf die Beine. Er hoffte, daß der Spruch lang genug anhalten würde denn ein zweites mal konnte er den komplizierten Spruch unmöglich sprechen. Anaid ging voraus und behielt die Umgebung im Auge. Nach einiger Zeit erreichten sie unbehelligt die Straße und liefen der Karawane nach.

In den folgenden Tagen begegneten ihnen keine Orks mehr. Der Wald wurde immer dichter und Orks trieben sich bekanntlich nicht sehr gern in Wäldern herum. Die Gefahr eines Überfalls schien vorbei zu sein, denn die Karawane wurde in den nächsten vier Tagen nicht mehr überfallen. Die Wagen rumpelten durch den Wald und den Gefährten wurde unheimlich langweilig. Glücklicherweise sorgten zwei Diebe dann endlich für etwas Abwechslung. Anaid erwischte sie als sie sich Nachts an die Wagen heranschlichen. Bald darauf wurden sie von den Gefährten gemeinsam verhört. Davidudl lehnte neben den Gefesselten und zog seinen Schleifstein langsam und genüßlich über die Klinge seines Schwertes. Die beiden Diebe saßen bei einem Wagen und blickten verängstigt auf die Gefährten. Kardoc sagte zu den anderen gewendet: "Also was meint ihr sollen wir ihnen nur einen Finger oder gleich die ganze Hand zur Strafe abschlagen?"

Die beiden waren völlig verzweifelt und schauten erschrocken zu Davidudl der mit dem Daumen die Schärfe seiner Klinge prüfte. In ihrer Angst flehten sie um Gnade erzählten eine unglaubliche Geschichte von einem sagenhaften Mondschloß in dem unermeßliche Schätze lagerten. Sie beschworen die Gefährten nur noch dieses Eine mal Gnade walten zu lassen, dafür würden sie ihnen alles verraten was sie über das geheimnisvolle Schloß wußten.

Brilante war ein teures Pflaster und die Einkäufe dort hatten die Gefährten wieder einmal an den Rand des Ruins gebracht. Deshalb wirkte das Wort "Schatz" bei ihnen wie ein Zauberspruch. Sie wollten sich aber ihr brennendes Interesse nicht anmerken lassen und Osak sagte: "Ha, wenn ihr glaubt mit dieser Lügengeschichte davonzukommen habt ihr euch schwer geirrt. - Uns kann man nicht mit derartig dummen Märchen hereinlegen."

Dann setze er sich zu den beiden auf den Boden und sagte im vertraulichen Tonfall: "Aber erzählt ruhig weiter."

Wenig später lauschten alle gebannt der phantastischen Erzählung der beiden Diebe. Dieses sagenhafte Mondschloß wurde von einem genialen Alchemisten bewohnt der herausgefunden hatte wie man Blei in Gold verwandelte. Er hatte dadurch im Laufe der Zeit unglaubliche Reichtümer angehäuft. Das Schloß lag irgendwo im Saurus Gebirge und war nur zu gewissen Zeiten sichtbar. Irgendwelche Sterne und der Mond mußten in einer bestimmten Konstellation stehen. Das Beste war aber, daß dieser Alchemist angeblich noch äußerst freigebig war. Es hieß, daß er jedem der ihn besuchte von seinen unermeßlichen Schätzen etwas anbot.

Aufgrund dieser völlig unglaubwürdigen Geschichte wurden die Diebe noch ein letztes mal verschont und unter den Gefährten entstand eine hitzige Diskussion wer von ihnen das Mondschloß suchen sollte. Nach langen hin und her einigte man sich Anaid, Davidudl und Kardoc auf die Expedition zu schicken. Die beiden Diebe wurden einem Vorarbeiter übergeben der ihnen fürs Erste eine nützliche Tätigkeit verschaffen sollte. Ihrer Auftraggeberin Nirmara erzählten die Gefährten irgend eine absurde Geschichte über eine schreckliche Gefahr in weiter Ferne die der Karawane drohte. Es war ihr anscheinend egal wieviel Begleitschutz die Karawane hatte, Hauptsache ihr bevorzugter Beschützer Prinz Andrus blieb. Am nächsten Morgen bestiegen die drei einen der Pferdewagen und machten sich auf den Weg zurück nach Osak. Die anderen zogen mit der unglaublich langweiligen Karawane weiter.

Nach fünf Tagen erreichten sie die Tore von Osak und übergaben den Pferdewagen den Tempelbrüdern. Den Flugdrachen ging es ausgezeichnet. Sie lagen faul auf der Wiese herum und ließen sich gerade füttern. Die Gefährten wurde ausgiebig beschnüffelt und mit freudigen "Kirrr" begrüßt. Wenig später schlenderten die drei durch die belebten Straßen von Osak und überlegten wen sie nach dem Mondschloß fragen könnten. Plötzlich zeigte Anaid auf ein großes Haus und sagte: "Da müssen wir hinein!"

In großen Lettern stand über dem Eingangstor: "Haus der Bücher" Über eine breite Treppe gelangten sie in eine große Halle und fanden als erstes einen Bibliothekar. Anaid erklärte ihm nach was sie suchten und der bucklige Alte führte sie zu einem hohen Regal. An einer Tafel darüber stand: Märchen und Legenden. Die zwei Diebe hatten ihnen doch tatsächlich ein Märchen aufgeschwatzt. Doch wo sie schon einmal hier waren konnten sie sich die Geschichte ruhig einmal durchlesen. Kurz darauf las Anaid aus einem dicken staubigen Buch vor. Alle drei waren gleich wieder begeistert von der Geschichte und fragten den Bibliothekar ob irgendwer in der Stadt näheres über das Mondschloß wissen könnte.

Der Bibliothekar schaute sie etwas mitleidig an. Dann schien ihm aber doch etwas eingefallen zu sein denn er schmunzelte plötzlich und nannte ihnen einen Alchemisten der wahrscheinlich über das Schloß Bescheid wußte. Beim Verlassen der Bibliothek drehte sich Kardoc noch einmal um und schaute auf die vielen Bücher und Schriftrollen. Er hatte sich schon immer für das Lesen und Schreiben interessiert, nur hatte er bis jetzt noch nie Zeit dafür gefunden. Aber irgendwann sollte er sich vielleicht doch noch näher damit beschäftigen. Anaid und Ibraha könnten es ihm ja bei Gelegenheit einmal lernen.

Der Bibliothekar hatte ihnen den Weg genau beschrieben, der Alchemist lebte nach seinen Worten in einem schwarzes Haus. Sie drängten sich durch die überfüllten Straßen und gelangten tatsächlich zu dem besagten Haus. Es war aber nicht schwarz gestrichen sondern es hatte hier gebrannt. Das einstöckige Haus machte den Eindruck als ob es schon unzählige Male abgebrannt und wieder Instand gesetzt worden war. Von allen Fenstern zogen sich rußige Streifen nach oben, das Mauerwerk war an vielen Stellen ausgebessert worden, die Dachbalken waren verkohlt und die Bretter der Eingangstür waren teilweise erneuert worden, einige hatten aber sicher schon mehrere Brände überstanden. Davidudl klopfte auf eins der neueren Bretter.

Ein Gnom öffnete. Er war etwas kleiner als Kardoc, hatte eine für Gnome typische Hakennase und ein spitzes Kinn. Die vordere Hälfte seines Kopfes war kahl, hinten standen ihm graue Locken zu Berge. Mit seinen kleinen Knopfaugen blickte er zu den Gefährten hoch und herrschte sie an: "Was is?"

Sie hatten ihn anscheinend gerade bei etwas Wichtigen unterbrochen. Anaid fragte ohne Umschweife nach dem Mondschloß und löste damit eine unerwartete Reaktion aus. Der Gnom öffnete weit seine Tür und drängte die drei ins Haus. Drinnen sah es genau so aus wie man es bei einem Alchemisten erwartete. Rätselhafte Apparaturen, Dutzende Reagenzgläser auf den angesengten Tischen, eigenartig gefärbte Flüssigkeiten die in Glaszylindern köchelten und überall Bücher. Der Gnom sah die Gefährten mißtrauisch an während sie ihm von ihrem Plan erzählten zum Mondschloß zu fliegen und dem sagenhaften Alchemisten einen Besuch abzustatten. Der Gnom kicherte und ging zu einem der Bücherschränke. Er kam mit einem uralten Ledergebundenen Buch zurück und sagte: "Dieser alte vertrottelte Bibliothekar wollte sich einen Scherz mit euch erlauben. Er hat euch nur deshalb zu mir geschickt weil ich in dieser Stadt den Ruf eines Spinners und absolut unfähigen Alchemisten genieße. Nur weil mir hin und wieder ein paar Experimente mißlungen sind."

Er schlug das Buch auf und zeigte Anaid eine Seite auf der eine Sternenkarte abgebildet war. Darunter standen Schriftzeichen und Symbole die nicht einmal Anaid verstand. Der Gnom tippte mit dem Finger auf die Sternenkarte und sagte: "Damit kann ich genau ausrechnen wann und wo das Schloß erscheinen wird. Ich habe aber eine Bedingung bevor ich mich an die Arbeit mache. - Ihr müßt mich mitnehmen."

Der Gnom hatte sich immer schon für das Schloß interessiert, nur hatte er bis jetzt niemanden gefunden der verrückt genug war sich wegen eines Märchens ins Saurusgebirge zu wagen. In diesem riesigen Gebirge hausten gewaltige Oger, behaarte Ungetüme die zwar auf zwei Beinen gingen aber alles andere als zivilisiert waren. Außerdem lebten dort die gefürchteten blauen Riesendrachen. Diese feuerspeienden Ungeheuer konnten angeblich ein Pferd mit einem Bissen verschlingen. Die Gefährten störten diese Schauergeschichten jedoch nicht besonders. Sie versprachen den Gnom mitzunehmen, sein zusätzliches Gewicht konnten einer der Flugdrachen sicher tragen. Der Gnom machte sich sofort mit Zirkel und Messlatte an die Arbeit. Er holte eine Karte von Mystia aus der Tischlade und breitete sie aus. Auf ein Stück Papier kritzelte er wirre Zeichen und Zahlen. Zwischendurch legte er immer wieder die Messlatte auf die Landkarte. Nach einer Weile machte er ein deutlich sichtbares Kreuz, irgendwo im Saurusgebirge. Sie hatten unwahrscheinliches Glück. Das Schloß würde nach den Berechnungen des Gnoms in drei Nächten erscheinen. Mit den Flugdrachen war es sicher kein Problem rechtzeitig dort zu sein. Der Gnom packte eiligst ein paar Sachen zusammen und die Gefährten besorgten etwas Proviant. Draußen vor den Stadttoren trafen sie wieder mit dem Gnom zusammen. Er hatte einen ganzen Rucksack voller Geräte dabei. Ein Apparat gefiel ihnen besonders gut. Es waren zwei armlange Metallröhren die sich ineinander verschieben ließen. Die beiden Enden der Röhre waren durch Glaslinsen verschlossen und wenn man auf einer Seite durchschaute war die ganze Welt plötzlich winzig klein und verkehrt. Da aber momentan keine Zeit für derartige Vergnügungen war steckte der Gnom alles wieder in seinen Sack und setzte sich hinter Kardoc auf den Flugdrachen.

Nach zwei Flugtagen über die unbewohnte Wildnis erreichten sie die ersten Gipfel des Saurusgebirges. Die Drachen waren seit gestern nervöser geworden, sie wollten nicht so recht in diese Richtung fliegen. Und nun wollten sie überhaupt nicht mehr weiter. Die Tiere schienen verängstigt zu sein. Wahrscheinlich witterten sie einen der Riesendrachen. Die Gefährten beschlossen den Rest des Tages zu ruhen und nachts wenn die blauen Drachen in ihren Höhlen schliefen weiterzufliegen. Bei Anbruch der Dunkelheit wurden die Flugdrachen tatsächlich etwas ruhiger. Glücklicherweise war es eine klare Nacht. Der Mond schien hell über die wilde Berglandschaft. Die Drachen stiegen widerwillig in die Luft und flogen tief zwischen den Gipfeln ihrem Ziel entgegen.

Im halbdunkel der Tälern blieben sie unentdeckt, die blauen Flugdrachen ließen sich nicht blicken. Noch lange vor Tagesanbruch erreichten sie einen bewaldeten Talkessel. Die Flugdrachen wollten sofort kehrt machen und waren durch nichts zu bewegen in das Tal zu fliegen. Bald war auch zu erkennen warum. In den Felsen rundherum gähnten Dutzende große, dunkle Löcher. Sie waren in einem richtigen Feuerdrachennest gelandet. Etwas oberhalb der Höhlen fanden sie ein kleines Plateau das durch eine überhängende Felswand gut geschützt war. Die drei Flugdrachen drängten sich an der rückwärtigen Wand zusammen und verhielten sich ruhig. Sie schienen zu wissen daß sie für einen Feuerdrachen nichts weiter als eine willkommene Zwischenmahlzeit waren.

Die drei Gefährten standen am Rand des Plateaus und blickten in die Tiefe. Es ging zwar steil hinunter, aber man konnte noch ohne Kletterausrüstung absteigen. Der Gnom stand bei den Flugdrachen und wagte keinen Schritt in die Nähe des Abgrundes. Er konnte unmöglich dort hinunter klettern und machte den Vorschlag hier oben auf die Flugdrachen aufzupassen. Die Erscheinung des Mondschlosses konnte er mit seinen Apparaten genauso gut von hier beobachten. Dagegen war nichts einzuwenden und der Gnom erhielt den Großteil der Rationen um die Drachen zu füttern. Dann wendeten sie sich wieder dem Abgrund zu und schauten hinunter. Die Felswand konnten sie noch heute Nacht bewältigen, der dichte Wald im Tal würde sie bei Tage vor den Riesendrachen verbergen. Ungefähr in der Mitte des Tals lag eine große Lichtung, dort sollte morgen Nacht das Mondschloß erscheinen.

Vor dem Abstieg wurden noch alle Taschen geleert, um morgen genügend Platz für eventuelle Schätze zu haben. Die Felswand war ziemlich heimtückisch, immer wieder mußten sie lose Geröllfelder überqueren die jeden Moment abzurutschen drohten. Außerdem waren sie oft zu Umwegen gezwungen um den Drachenhöhlen auszuweichen. Kurz vor Sonnenaufgang erreichten sie aber dennoch wohlbehalten das Tal. Die Drei rasteten auf einer kleinen Erhöhung unter eine Baumgruppe. Der Mond schien noch immer, doch zwischen den Gipfeln war bereits ein schmaler heller Streifen zu erkennen der das Tageslicht ankündigte.

Der Wind rauschte durch das Geäst des Waldes und die Oger zogen mit tiefen Gebrumme durch den selbigen . Die drei Gefährten legten sich blitzschnell flach auf den Boden. Sie spähten durch ein Gebüsch und beobachtete eine Horde Oger die unter ihrem Hügel vorbeizog. Der Wind stand gerade günstig denn die Oger witterten sie nicht. Die Ungetüme waren etwa doppelt so groß wie Davidudl, vollständig behaart und gingen etwas nach vorne gebeugt. Anscheinend hatten sie sich Futter besorgt. Sie trugen Wurzeln, Pilze und Beeren. Die meisten hatten die Beeren gleich mitsamt dem Strauch gepflückt. Die Oger gingen ohne etwas von den drei Beobachtern zu bemerken weiter zu ihren Höhlen.

Lange nachdem der letzte Oger außer Sicht war wagten sie sich wieder aus ihrem Versteck. Es mußte unbedingt etwas gegen diese gefährlichen Bestien geschehen. Nach einiger Zeit hatten sie eine hochgeniale Falle ausgetüftelt. Kardoc war voll in seinem Element wenn es darum ging aus herumliegenden Ästen, Steinen und Lianen eine funktionierende Mechanik zusammen zu basteln. Die Falle war bald fertiggestellt. Über einem Ast hing ein schwerer spitzer Stein, der Auslöser befand sich gut getarnt darunter am Boden. Es mußte einfach funktionieren.

Zufrieden mit ihrem Werk machten sie sich auf den Weg zur Lichtung. Etwas später hatten sie ihr Ziel erreicht und standen sie auf einer völlig ebenen Grasfläche. Es schien beinahe unnatürlich, nicht die kleinste Erhebung oder Mulde war zu sehen. Nur in der Mitte der Lichtung standen vier kegelförmige Steine im Quadrat, welches ungefähr die Abmessungen eines mittelgroßen Schlosses hatte. Heute Nacht würde sich zeigen ob an dem Märchen wirklich etwas dran war.

Für den Rest des Tages gingen sie ein Stück in den Wald zurück um sich im Schutz der Bäume auszuruhen. Kaum hatten sie den Wald betreten hörten sie ein gewaltiges Rauschen. Ein Feuerdrache hatte soeben seine Höhle verlassen und schlug mit seinen gigantischen Schwingen. Er stieß einen unheimlichen, heiseren Schrei aus und stürzte sich in die Tiefe. Knapp vor dem Boden der Lichtung wo die Gefährten eben noch gestanden hatten schlug er wieder mit seinen Flügeln und gewann langsam an Höhe. Der Riesendrache flog einige Runden über dem Tal, dann verschwand er zwischen den Gipfeln. Die Gefährten atmeten auf, er hatte sie nicht bemerkt. Ungestört dösten sie bis zum Sonnenuntergang unter den Bäumen.

Der Mond beschien bereits wieder das Tal. Gebannt starrten sie auf die Lichtung und warteten, daß irgend etwas passieren würde. Plötzlich hörten sie einen herzzereißenden Schrei. Die Falle! Sie hatte funktioniert.

Wozu hatten sie die Falle eigentlich aufgestellt? Die Oger hatten ihnen doch überhaupt nichts getan, sie hatten wahrscheinlich noch nicht einmal bemerkt, daß Fremde im Tal waren. Kardoc plagten echte Gewissensbisse, er hatte in seiner Euphorie beim Bau der Falle völlig übersehen, daß sie zu nichts nütze war. Sie waren Tagsüber ja sowieso unbehelligt durch den Wald gegangen.

Der Vorfall dämpfte ihre Stimmung erheblich und sie beobachteten Schweigend die Lichtung. Jeden plagten Gewissensbisse, die unglücklichen Oger hatten so eine hinterhältige Falle einfach nicht verdient. Vielleicht hatten sie jetzt sogar irgend ein Ogerjunges zu einem Halbwaisen gemacht.

Es war lange Zeit nichts mehr zu hören und die Zeit verstrich zäh. Plötzlich wurde es heller auf der Lichtung. Die Steinkegel begannen weiß zu leuchten. Funken stoben zwischen den Steinen. Kurz darauf stiegen Lichtfontänen aus den vier Steinkegeln und ergossen sich innerhalb der quadratischen Grundfläche. Aus den gleißend hellen Lichtwirbeln konnte man bereits die Konturen eines Gebäudes erkennen. Eine hohe Schloßmauer mit vier Ecktürmen entstand. Innerhalb der Mauern formten sich einige hohe Türme. Die Drei waren inzwischen aus dem Wald gekommen und starrten fasziniert auf das Schloß. Die Konturen wurden immer schärfer und bald stand das sagenhafte Mondschloß schwach fluoreszierend auf der Lichtung. Ein hohes Tor öffnete sich geräuschlos, aus dem Innenhof fiel heller Lichtschein. Die Gefährten gingen langsam auf das Tor zu. Nachdem sie das Tor passiert hatten zögerten sie und blickten auf die Ecktürme. Dort oben standen je zehn Bogenschützen. Sie bewegten sich aber nicht und erschienen momentan auch nicht feindselig. Merkwürdig war, daß sie alle irgendwie gleich aussahen, als ob sie aus einer Form gegossen währen. Die Gefährten gingen ein paar Schritte weiter, behielten das Schloßtor aber im Auge.

Ein Portal im Hauptgebäude vor ihnen öffnete sich und ein Gnom trat heraus. Er leuchtete schwach und ging auf sie zu: "Ah, das freut mich aber. Ich hatte schon lange keinen Besuch mehr. Ihr seid sicher gekommen um mein Schloß zu bewundern? - Oder?"

Die Gefährten antworteten unentschlossen: "öhh... weiß nicht... na ja..."

Der Gnom versprach ihnen einen Rundgang den sie nicht so schnell vergessen würden und ging voran. Die Drei folgten ihm zögernd. Im Schloß leuchtete Alles schwach weißlich, selbst die Mauern. Es war eine eigenartige, unwirkliche Atmosphäre. Der Gnom führte sie immer weiter durch das Schloß. Er zeigte ihnen Schätze und Reichtümer die wirklich gewaltig waren. Anaid fragte ob es tatsächlich wahr sei, daß er Blei in Gold verwandeln könne. Der Gnom antwortete gelangweilt: "Natürlich, aber das war nur ein kleines Nebenprodukt meiner Forschungen. Ich habe einige grundlegende Dinge des Universums enträtselt, wie zum Beispiel die Unsterblichkeit. Dummerweise habe ich mich einst bei einem Experiment etwas verschätzt und bin seither samt meinem Schloß in dieser Dimensionsschleife gefangen. Hin und wieder trifft diese Schleife auf Mystia - und dann erscheine ich!"

Der Gnom führte sie an Zwanzig starr blickenden und absolut gleich aussehenden Kriegern vorbei. Davidudl klopfte einem auf die Rüstung und fragte den Gnom: "Selbstgemacht?"

Der Gnom nickte und erwiderte: "Ja ja, und ich finde sie äußerst gelungen. Alle sind hervorragend gearbeitet und stehen ihrem Vorbild in nichts nach. Leider kann man nie mehr als Zwanzig auf einmal ..."

Er brach mitten im Satz ab und wechselte das Thema: "Ich sage euch, es lebt sich gar nicht so schlecht in einer Dimensionsschleife. Man kommt viel herum, ist unsterblich, ziemlich mächtig und so weiter... Na, ihr wißt schon was ich meine? Oder?"

Er blickte verstohlen um sich als er eine Truhe öffnete in der sich wahnsinnig kostbare Geschmeide nur so türmten. Die Gefährten bekamen feuchte Hände, wenn sie nur einmal zugreifen könnten hätten sie für immer ausgesorgt. Wenn Osak das alles sehen könnte würde ihn wahrscheinlich auf der Stelle der Irrsinn packen. Der Gnom merkte, daß sie jetzt völlig im Bann der Schätze standen und sprach weiter: "Ihr könnt ruhig zugreifen ich habe genug davon."

Sie zögerten kurz. Irgend etwas stimmte hier nicht. Das war nicht die reguläre Art einen Schatz zu erbeuten. Vorher muß man immer gegen Bestien, Unholde und sonstigen Hindernissen kämpfen. Man ging nicht einfach in ein Schloß nahm sich soviel man tragen konnte und lebte dann glücklich bis ans Ende seiner Tagen. Der Gnom lehnte sich auf die Truhe und wühlte gedankenverloren in den Schätzen während er weitersprach: "Oder nein, ich weiß was viel besseres, - ihr könnt alles haben."

Keiner griff in die Truhe, mit dem Gnom stimmte etwas ganz und gar nicht. Der Gnom sprach weiter: "Also was sagt ihr dazu? Dies alles kann euch gehören! Es gibt allerdings ein kleines Problem dabei. Einer von euch darf dafür meinen Platz einnehmen. Wenn ihr euch schnell genug einig werdet, wer der Glückliche sein darf, gehört alles euch."

Die Gefährten waren inzwischen etwas zurück gewichen. Sie verschwendeten nicht einmal einen kurzen Gedanken daran, daß einer von ihnen in diesem verfluchten Schloß bleiben sollte sondern schlenderten so unauffällig wie möglich zurück zum Portal. Der Gnom ging ihnen nach und wurde immer ungeduldiger: "Na was ist? Habt ihr euch schon entschieden? Wer von euch ist es nun?"

Sie begannen zu laufen, stießen das Portal auf. Die Bogenschützen bewegten sich noch nicht. Der Gnom rannte ihnen nach und schrie: "Ihr verdammten Idioten, einer von euch muß mit mir tauschen, sonst laß ich euch von den Bogenschützen abschießen."

Das Vorhaben des Gnoms war jetzt offensichtlich, sie rannten wie noch nie. Die ersten Pfeile zischten. Hinter ihnen verlegte sich der verfluchte Gnom aufs Jammern: "Bleibt hier, ich will wieder zurück auf die gute alte Scheibenwelt, hier ist es so entsetzlich langweilig..."

Kaum hatten sie das Tor passiert begann sich das Schloß wieder aufzulösen. Die Pfeile wurden zu harmlosen Lichtstreifen. Das Mauerwerk verblaßte und nach wenigen Augenblicken war der ganze Spuk vorbei. Auf der mondbeschienen Lichtung standen nur mehr die vier Steinkegeln als ob nichts geschehen wäre. Die Drei gingen etwas enttäuscht und ohne reich geworden zu sein zurück zur Felswand. Nicht einmal ein kleines Andenken hatten sie ergattert. Als sie wieder vor der Felswand standen hielt Anaid plötzlich an und zeigte nach oben. Kleine Steine fielen herunter, irgendwer schlich dort oben herum. Sie versteckten sich mit gezückten Waffen am Fuße der Felswand. Von oben waren jetzt Stimmen zu hören: "...Ich hab dir ja gesagt wir kommen zu spät. Die haben bestimmt schon alles eingesackt und ich geh wieder einmal leer aus."

Eine weibliche Stimme antwortete: "Ach was, sie werden uns schon etwas abgeben. Jetzt hör auf zu jammern und hilf mir lieber hier hinunter."

Es waren unverkennbar Ibraha und Osak. Die beiden hatten es bei der Karawane nicht länger ausgehalten. Nirmara war mit Prinz Andrus ausreichend beschäftigt und hatte wahrscheinlich noch gar nicht bemerkt, daß noch zwei Beschützer fehlten. In Osak hatten sie das Haus des Alchemisten gefunden. Die Landkarte mit der Markierung im Saurusgebirge lag dort noch immer auf dem Tisch, und so waren sie schließlich hierhergelangt. Ihre Flugdrachen hatten sie ebenfalls auf dem kleinen Plateau abgestellt.

Anaid, Davidudl und Kardoc erzählten in den leuchtensten Farben von den unglaublichen Schätzen des verfluchten Alchemisten und Osak erklärte sie allesamt für Versager weil sie ohne Beute zurückgekehrt waren.

Die Fünf standen etwas unschlüssig am Fuß des Berges. Aus dem erhofften Reichtum war wieder nichts geworden und jetzt gleich zur Karawane zurückfliegen wollte eigentlich auch niemand. Eine verhängnisvolle Idee wurde geboren.

In Anbetracht der für immer verlorenen Schätze des Mondschlosses beschloß man statt dessen einen blauen Riesendrachen zu erlegen. Diese wahnwitzige Idee wurde auch sofort in die Tat umgesetzt und sie stiegen den steilen Berghang hinauf. Noch vor der Morgendämmerung standen sie vor einer großen dunklen Höhle und überlegten wie man einen riesigen feuerspeienden Drachen am besten erlegen konnte. Am Boden entdeckten sie tiefe Furchen, als ob sich gewaltige Krallen in den Stein gegraben hätten. Aus dem Inneren der Höhle stank es angebrannt. Mit zwei Fackeln und einem mulmigen Gefühl im Magen gingen sie tiefer in die Höhle. Nach wenigen Schritten hörten sie den säuselnden Atem des Drachens. Er lag eingerollt am Ende der Höhle. Sein gewaltiger Leib hob und senkte sich regelmäßig. Ein Problem bahnte sich an. Wie sollte man den fast unzerstörbaren Schuppenpanzer des Drachens durchdringen. Keiner der Fünf hatte irgend ein magisches oder zumindest legendäres Drachentöter Schwert. Sie flüsterten aufgeregt miteinander und bemerkten nicht, daß der Drache eins seiner Lider geöffnet hatte und bereits neugierig sein Frühstück beäugte. Zum Glück der Gefährten brauchen feuerspeiende Drachen morgens eine gewisse Anwärmphase und daher war der erste Flammenstoß relativ harmlos. Nach einem kurzen Moment des Schreckens rannten sie um ihr Leben. Hinter ihnen fauchte der Drache wütend, weil er sich in der engen Höhle erst umdrehen mußte bevor er seinem Futter nachjagen konnte. Anaid und Osak erreichten als erster den Ausgang und stürzten sich zu beiden Seiten aus der Höhle. Gleich dahinter folgten Ibraha und Davidudl. Sie rutschten ein Stück den Hang hinunter und versuchten sich an halbwegs festes Gestein zu klammern.

Kardoc erreichte als letzter den Höhlenausgang und stolperte noch dazu über eine der tiefen Furchen im Gestein. Genau in diesem Moment stieß der Drache einen gewaltigen Feuerstrahl nach seiner flüchtenden Beute. Der heiße Atem strich dicht über Kardoc hinweg und gleich danach stürmte der Drache über ihn vorbei, in den Abgrund. Kardoc erhob sich vorsichtig und spähte in die Tiefe. Dort war aber nichts zu entdecken. Der Drache war inzwischen bis zur Mitte des Tales geflogen und wendete soeben. Seine mächtigen Schwingen trugen ihn hoch hinauf. Dann legte er die Flügel weit nach hinten und hielt genau auf seine Beute am Höhleneingang zu. Kardoc stand an der Kante und konnte sich nicht entscheiden ob er zurück in die Höhle laufen oder den Abgrund hinunterspringen sollte. Im letzten Moment entschied er sich für den Sprung. Der Drache schrammte mit seinen Krallen am Felsen vorbei und Kardoc stürzte über loses Geröll hinab. Er versuchte sich an den scharfkantigen Steinen festzuhalten und scheuerte sich die Haut von den Händen. Der Drache stieg wütend fauchend wieder in die Höhe und griff erneut an. Die Fünf hatten keine andere Möglichkeit als knapp vor seinen Krallen den Hang weiter hinabzurutschen. Ein paar Angriffe konnten sie auf dies Art sicher abwenden aber irgendwann würde der Drache einen von ihnen erwischen. Sie stürzten unkontrollierbar hinunter, schlugen auf Steine und verletzten sich ununterbrochen. Es war mehr als fraglich ob alle den schützenden Wald lebend erreichen würden. Ibraha kam auf einem flacheren Stück zum Stillstand und sah auf dem Rücken liegen den Drachen genau auf sie zufliegen. Plötzlich hatte sie einen höchst gefährlichen Einfall. Der Drache flog von unten einen engen Bogen wieder den Berg hinauf und wollte sie im Vorbeifliegen packen. Ibraha setze sich auf und wartete ruhig bis der Drache so nahe war, daß sie sogar schon seine Augen erkennen konnte. Dann sprach sie ein paar kurze Silben. Der Drache war im selben Moment wie versteinert. Statt weiter im Bogen den Berghang hinauf zu fliegen donnerte er geradeaus in den Berg.

Ibraha hatte ihn kurzzeitig gelähmt.

Knapp unter ihr schlug er in den Berg ein und löste eine Geröllawine aus. Die Gefährten rutschten nun endgültig den Hang hinab und erreichten, teils bewußtlos aber zum Glück alle lebend das Tal. Davidudl hatte durch seine Rüstung den Sturz am besten überstanden und half den Verschütteten. Der Drache war ein Stück in den Wald gerutscht. Er hatte sich zwischen einigen Bäumen verkeilt und blutete aus dem Maul, wahrscheinlich hatte er sich alle Knochen gebrochen als er mit voller Wucht gegen den Berg flog.

Die Fünf hatten tatsächlich das unglaubliche geschafft und einen Riesendrachen mit bloßen Händen und Magie erlegt. Damit war ihnen ein Platz in den Geschichtsbüchern von Mystia so gut wie sicher.

Nach einiger Zeit hatten sich alle etwas erholt. Keiner hatte ernsthafte Verletzungen davongetragen, doch die zahlreichen Schürfwunden waren äußerst schmerzhaft. Stöhnend und jammernd verbanden sie sich gegenseitig mit Stoffstreifen aus ihrem zerfetzten Gewand. Ibraha war bald nur mehr in Lumpen gekleidet, der größte Teil ihres Umhanges war für die Verbände verwendet worden. Osaks und Anaids Lederrüstung hatte überall Löcher und einige Teile fehlten überhaupt. Kardocs Helm paßte nicht mehr und aus seinem Kettenhemd lösten sich ständig Ringe. Davidudl hatte seine geliebte Rüstung ausziehen müssen. Die unzähligen Dellen drückten ihn am ganzen Körper, die Scharniere der beweglichen Teile waren fast alle kaputt. Kardoc machte sich daran die ärgsten Schäden an den Rüstungen auszubessern.

Nun begann eine weitere schwierige Aufgabe. Das Ausweiden des Drachens. Nach langem, zähen Ringen lösten sich die Schuppen; ein Wasserschlauch wurde geleert und mit Drachenblut gefüllt und sie schafften es sogar ein paar Zähne auszureißen. Die Schuppen waren wirklich sagenhaft. Biegsam wie dünner Stahl aber um Vieles leichter. Und alle Versuche sie irgendwie zu zerbrechen oder auch nur anzukratzen schlugen fehl. Die Gefährten nahmen soviel sie tragen konnten von den erlegten Drachen mit und stiegen den Berg zum Plateau hinauf. Der Gnom hatte sich inzwischen bis an die Kante gewagt. Er lag am Boden und sah eine Prozession zerlumpter Bettelmönche die soeben von jemanden tüchtig verdroschen worden waren. Als die armseeligen Gestalten nach einiger Zeit das Plateau erreichten erkannte er zwischen den Verbänden, Schürfwunden und Dreck die bekannten Gesichtszüge seiner Reisebegleiter. Der Gnom hatte die nächtliche Erscheinung des Schlosses genau beobachtet. Damit war sein geheimster Wunsch in Erfüllung gegangen. Jetzt konnte er den ganzen Idioten in Osak zeigen wer hier der Spinner war. Die Gefährten packten ihre Sachen auf die Flugdrachen und machten sich in der Abenddämmerung wieder auf den Weg. Als erstes wollten sie nach Osak um den Gnom dort abzusetzen. Danach sollte es nach Zwergenbergen weitergehen; Kardoc wollte unbedingt eine Drachenschuppenrüstung in Auftrag geben obwohl er nicht die geringste Ahnung hatte wie er die Arbeit bezahlen sollte.

Die Sonne war längst untergegangen und der Mond tauchte alles in sein helles Licht. Sie flogen tief zwischen den Gipfeln des Saurusgebirges. Fast ohne Flügelschlag glitten ihre Flugdrachen dahin und hatten bald das gefährliche Gebirge verlassen. Die Tiere schwenkten sofort von selbst in Richtung der Stadt Osak. Anscheinend konnte sie nichts dazu bewegen zur anderen Seite der Welt zu fliegen.

Plötzlich reflektierte genau vor ihnen irgend etwas schwach im Mondlicht. Es näherte sich in gleicher Höhe und mit großer Geschwindigkeit. Ein dunkler Schatten wurde rasch größer. Ein Flugdrache! - Und jemand saß darauf. Der Reiter hätte sie beinahe übersehen und zog im letzten Moment sein Tier in die Höhe. Dann flog er eine Schleife und schloß sich den Fünf an. Es war Siro Eduardo. Er winkte und schrie etwas, daß aber im Fahrtwind unterging. Sie landeten wenig später auf einer ebenen Grasfläche. Eduardo sprang vom Flugdrachen und fragte entsetzt was ihnen den fürchterliches zugestoßen sei, als er ihre Kleider und Rüstungen aus der Nähe sah. Anaid antwortete wahrheitsgemäß: "Wir sind ausgerutscht."

Eduardo schüttelte ungläubig den Kopf und berichtete warum er hier in der Gegend herumflog. Gleich nachdem Ibraha und Osak die Karawane verlassen hatten kam ein Bote aus Schloß Brilante. Der König brauchte dringend ihre Hilfe. Man wüßte jetzt mehr über die seltsamen Vorgänge im Land. Eduardo hatte sich sofort entschlossen den Boten zu begleiten und nach den Gefährten zu suchen. Bei der Karawane war es sowieso stinklangweilig und Andrus saß dauernd bei dieser Nirmara im Planwagen. Eduardo fand in Osak das Haus des Alchemisten und die markierte Landkarte; er schwang sich sofort auf seinen Flugdrachen und flog ihnen entgegen. Eduardo holte seine Ratte Equinus aus der Satteltasche des Flugrache und setzte sie auf den Boden. Er schwieg einen Moment und fragte dann verwundert: "Habt ihr es denn noch nicht bemerkt?"

"Was?"

Fragten die anderen ebenso verwundert. Eduardo zeigte ungefähr in die Richtung aus der sie gekommen waren auf den Himmel. Nun sahen es auch die anderen. Ein kleiner roter Fleck war zwischen den Sternen zu sehen. Sehr blaß und unscheinbar zwar, aber jeder war sich sicher diesesGestirn noch nie gesehen zu haben: "Vielleicht ein Komet?"

Vermutete Kardoc.

Eduardo schüttelte den Kopf und sagte, daß der Fleck schon mehrere Tage eine gleichbleibende Bahn über den nächtlichen Himmel zog und dabei jedes mal etwas deutlicher zu sehen war. Momentan war der Fleck kaum größer als ein Stern. Was sich dort oben manifestierte konnte aber noch niemand erkennen.

Das Saurusgebirge lag längst hinter ihnen und daher beschlossen sie gleich hier zu übernachten und erst bei Tagesanbruch weiter zu fliegen. Die meisten fanden jedoch lange keinen Schlaf in dieser Nacht und beobachteten den Himmel. Der rote Fleck sah irgendwie beunruhigend aus.

Zwei Tage später setzten sie den Alchemisten in Osak ab und flogen noch am selben Tag weiter nach Zwergenbergen. Dort erlebte Kardoc eine unangenehme Überraschung. Er fand zwar einen Schmied der sich an die schwierige Aufgabe wagte eine Drachenschuppenrüstung zu fertigen, aber dieser kündigte gleichzeitig an, daß die Arbeit längere Zeit dauern würde. Außerdem verlangte er die unglaubliche Summe von dreißigtausend Quillar dafür und das war noch billig, meinte der Schmied. Kardoc willigte trotz des enormen Preises in den Handel ein. Er mußte in der Zwischenzeit irgendwie das Gold auftreiben. Jetzt mußte nur noch Maß genommen werden, schließlich sollte die Rüstung perfekt passen. Kardoc fragte ob er sich entkleiden solle. Der Schmied meinte aber das währe nicht notwendig, für eine Drachenschuppenrüstung braucht man keine Körpermaße. Die Rüstung paßte sich dem Träger automatisch an. Das einzig Schwierige an der Herstellung einer Drachenschuppenrüstung war die

einzelnen Schuppen miteinander zu verbinden. Form und Größe waren ziemlich egal. Kardoc

schaute etwas ungläubig, diese Phänomen hatte er eigentlich immer für ein Märchen gehalten. Aber

der Schmied mußte es ja schließlich wissen, und dieser beteuerte nochmals, daß es wirklich nicht

notwendig war Maß zu nehmen.

Ihr nächstes Ziel war Schloß Brilante. Sie flogen zeitig in der Früh los und mußten nur einmal ein Nachtlager aufschlagen. Als sie um das Lagerfeuer ihre Rationen verzehrten fiel Kardoc plötzlich etwas ein das er Eduardo schon immer fragen wollte. Von diesem mysteriöse "Wächter vom Turm",

Eduardos Lehrmeister, hatte er bis jetzt noch nie etwas gehört und es interessierte ihn was so ein Wächter vom Turm den ganzen Tag so trieb. Eduardo erzählte, daß der Turm in der Mitte des Kardocsees auf einer Insel stehe und bis zum Ende der Luftkuppel reichte, die sich über Mystia spannte. Die wenigsten Leute wissen aber etwas über diesen Turm da er unsichtbar sei, nur wenn man auf der Insel war konnte man ihn unter bestimmten Umständen sehen. Kardoc bohrte weiter und fragte zu was denn dieser Turm eigentlich gut sei und was ein "Wächter des Turms" für Aufgaben hätte. Eduardo drückte eine Weile herum, die Fragerei schien ihm unangenehm zu sein. Schließlich seufzte er und erzählte weiter. Eduardo war ein Zauberlehrling beim "Wächter des Turms" gewesen. Er stand erst am Anfang seiner Studien als sein Lehrmeister verstarb. Eduardo mußte zugeben, daß er so gut wie nichts über den Turm wußte außer, daß er sehr hoch, unsichtbar und eine unerklärliche Kraft inne hatte. Eduardo vermutete daß der Turm irgendwelche positiven Energien von irgendwo sammle. Sein Lehrmeister hatte ihm nur die Grundbegriffe der Magie beigebracht. Was seine Aufgaben als zukünftiger "Wächter des Turms" waren hatte er ihm leider nicht mehr verraten können.

Kardoc klopfte Eduardo aufmunternd auf die Schulter und meinte: "Na, du wirst schon noch dahinter kommen was du als Wächter zu tun hast. - Und wenn nicht, lassen wir uns eben etwas Tolles einfallen."

© Andreas Bartl

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