KAPITEL 7

Schwerer Verlust

Am nächsten Morgen machten sich die Gefährten auf den Rückweg in die Burg. Das Treiben der Nataspriester mußte beendet und Grani Eitel befreit werden, darin waren sich Alle einig. Nur Eduardo nahm schweren Herzens vorerst Abschied von seinen Gefährten. Er hatte letzte Nacht einen fürchterlichen Traum über seinem Turm. Irgendwer hatte die magische Sperre überwunden und war eingedrungen. Eduardo war verantwortlich für den Turm und auch der weise Moram meinte es wäre das Beste nach dem Rechten zu sehen, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, daß irgendwer Fremder in den Turm eingedrungen war.

Der Weg nach Gelea war diesmal sehr einfach. Sie gingen in die geheime Teleporterkammer und legten den Hebel. Diese Art zu Reisen gefiel ihnen langsam, leider gab es aber einstweilen nur diese Eine Verbindung zwischen Brilante und Gelea.

Als die gleißende Helligkeit des Teleporters wieder nachließ fand Kardoc die Geheimtür wieder an der alten Stelle. Sie waren wieder in Gelea. Auf dem Gang draußen war es still, wahrscheinlich hatten die Orks eine Weile nach ihnen gesucht aber niemanden gefunden. Die geheime Teleporterkammer hatten sie offensichtlich nicht entdeckt. Die Halle in der sie bei ihrem ersten Besuch gekämpft hatten, war ebenfalls leer, bis auf die Skelette die noch immer verstreut am Boden lagen. Kardoc untersuchte das Schloß an der schweren Holztür. Mit seinem Sperrzeug hatte er es nach kurzer Zeit geöffnet. Dahinter lag ein kurzer unbeleuchteter Gang. Anscheinend maßen die Burgbesetzter dem gestrigen Vorfall keine große Bedeutung zu, - oder sie tappten gerade blindlings in eine Falle.

Der Gang führte zu einer steilen Steintreppe die oben mit einer Falltür verschlossen war. Vorsichtig hob Davidudl die schwere Tür an und lauschte. - Nichts. Ein langer und leerer Gang lag vor ihnen. Leise schlichen alle nach oben. In der anderen Richtung endete der Gang nach ein paar Schritten. Das Steingewölbe war ungewöhnlich hoch, es maß sicherlich zwei Stockwerke. Einige Schritte vor ihnen sahen sie linkerhand eine Tür, der Gang ging danach noch gut vierzig Schritt weiter und bog dann nach rechts ab. Dort war er, nach dem rötlich flackernden Licht zu schließen, von Fackeln beleuchtet. Anaid schlich ein Stück vorwärts zur Tür. Sie war unversperrt. Dahinter lag ein dunkler Vorraum aus dem einige Gänge weiterführten. Flüsternd diskutierten sie welchen Weg sie zuerst nehmen sollten. Glücklicherweise einigten sie sich noch bevor sie zu laut wurden und irgendwen auf sich Aufmerksam machten. Osak ging zum Ende des Gangs und lugte ums Eck, weit und breit war kein Zweibeiner zu sehen. Der Gange war wieder an die vierzig Schritte lang und bog dann wieder rechts ab. In der Mitte, an der rechten Mauerseite, wurde ein riesiges geschlossenes Doppeltor von zwei Fackeln beleuchtet. Sie gingen so leise wie möglich hin und blickte sich dabei ständig um, die Ruhe hier war beinahe schon verdächtig.

Das Tor war leicht doppelt so groß wie Davidudl, aus dicken Eichenbohlen und mit schweren Eisenbändern beschlagen. Das Schlüsselloch paßte zur riesigen Tür, man konnte nämlich wunderbar durchschauen. Kardoc schaute durch das Schlüßelloch. Hinter dem Tor befand sich eine sehr hohe Kapelle. An der rechten Seite, ganz oben, dicht unter der steinernen Kuppel, ragte ein Balkon in den Raum. Ein roter Vorhang verbarg ob sich wer dort Oben befand. Gegenüber der Tür, am anderen Ende der Kapelle stand ein Nataspriester, in seine blutrote Robe gehüllt hinter einem Altar und zelebrierte gerade irgendeine Messe. Sie spürten deutlich die bösartige Aura aus diesem Raum. Auf den Bänken knieten einige Menschen und murmelten auf ein Zeichen des Nataspriesters monotone Sprechchöre. Osak lächelte plötzlich irgendwie irrsinnig und wollte unbedingt hineingehen. Er mußte mit Gewalt zurückgehalten werden, zum Glück verhielt er sich still dabei. Er wollte den anderen allen Ernstens einreden es wäre das Beste wenn sie jetzt da hineingingen und sich unter die Leute mischten. Sie schliffen ihn von der Tür weg und gingen den Gang weiter. Osak protestierte zwar wild gestikulierend mit eindeutigen und unflätigen Handzeichen, er folgte den Anderen aber dennoch um die nächste Ecke.

Der Gang endete nach vierzig Schritten an einer Mauer. Ganz hinten in der Ecke sahen sie einen schmalen Durchgang. Eine Treppe führte nach oben. Die Treppe war unbeleuchtet, bot gerade Platz für eine Person und wendelte sich in der Kapellmauer hoch. Einer nach dem Anderen stieg in die Dunkelheit, sie wagten kein Licht zu machen. Osak nahmen sie sicherheitshalber in die Mitte. Nach unzähligen Stufen und schmalen Gängen wurde die Treppe breiter. Von vorne sahen sie Licht durch einen roten Vorhang schimmern. Osak fing plötzlich zu pfeifen an. Davidudl hielt ihm den Mund zu und drohte ihm mit der Faust. Der Pfiff ging glücklicherweise im monotonen Gesang unter, der hier wieder deutlich zu hören war. Anaid kroch vorsichtig vorwärts und spähte unter dem Vorhang durch. Sie waren auf dem Balkon angelangt. Der Nataspriester hielt einen Kelch hoch, die roten Flüssigkeit darinnen schwappte über seine Hände während er beschwörende Worte sprach. Anaid hörte von hinten eigenartige Geräusche. Osak wehrte sich verbissen gegen den Griff von Kardoc und Davidudl. Sie hielten ihm die Hände, Füße fest und den Mund zu. Zwischen den Fingern von Davidudl presste er hervor: "Laßt mich,... ich will da raus,... Natas ist da unten und..."

Davidudl wurde es zu bunt. Er beendete den seltsamen Anfall von Osak mit einem Faustschlag auf den Kopf. Leise zogen sie den bewußtlosen Osak wieder die Treppe hinunter. Irgend etwas stimmte nicht mit ihm. Er benahm sich, seit sie in Gelea angekommen waren völlig unberechenbar. Von diesem Balkon konnten sie sowieso nichts ausrichten und Osak mußte erst einmal von hier weggeschafft werden. Also gingen sie den Gang zurück den sie gekommen waren, bis zur ersten Tür die in den dunklen Vorraum führte. Nachdem alle drinnen waren schloß Kardoc die Tür ab. Drinnen kam Osak wieder zu sich, er konnte sich nur mehr erinnern, daß sie die Treppe hinaufgestiegen waren. Es war schweigsam und fühlte sich nicht wohl, der Kopf brummte ihm etwas. Unsicher blickte er auf die Gefährten: "Ich weiß nicht, irgendwie fühle ich mich leer und hohl. Als ob ich gar nicht da währe."

Ibraha beruhigte ihn: "Das wird schon wieder, wenn wir erst die Nataspriester aus dem Weg geräumt haben geht es dir sicher gleich besser."

Osak erhob sich seufzend: "Na ich weiß nicht,..."

Anaid flüsterte den anderen zu sie sollen still sein. Hinter einer dicken Holztür am Ende des Raums hörten sie gedämpft verdächtige Geräusche, als ob Raubtiere um ihre Beute stritten. Die Tür hatte ein vergittertes Gockloch. Anaid schob das Holztürchen einen Spalt auf. Sämtliche Geräusche die irgendwie mit Fressen zu tun hatten drangen aus dem Raum. Es hörte sich an als ob eine Herde ausgehungerter Schweine endlich an die Futtertröge gekommen war.

Zehn Orks fraßen teils auf, einige unter oder neben den Tischen. Zwei verwendeten sogar Messer, allerdings nicht um die Fleischklumpen in ihren Schüsseln zum Maul zu führen sondern um sie in den Schüsseln mehrmals zu erstechen und dann mit den Händen zu zerfetzten. Es war mehr als aussichtslos mit diesen Burschen zu verhandeln.

Die Gefährten beschlossen einen Überraschungsangriff zu starten. Die Tür war unversperrt und Davidudl stieß sie mit dem Fuß auf. Während sich die Orks an ihrem Essen verschluckten stürmten die fünf Gefährten in den Speisesaal. Die Orks griffen sich hastig was gerade herumlag, Fleischmesser, Töpfe, angenagte Schweinskeulen. Ein kurzer und heftiger Kampf entbrannte bei denen die Orks aber bald unterlagen. Anaid behielt die Ausgangstüren im Blickfeld und sorgte mit ihren Pfeilen dafür daß keiner der Orks flüchten und Alarm schlagen konnte. Kardoc hatte eine einmalige Gelegenheit entdeckt einmal aus einer anderen Perspektive zu kämpfen. Er kroch geduckt zwischen den Kämpfenden zum Tisch der sich durch den ganzen Raum erstreckte. Er kletterte hinauf, wartete bis irgendein Ork näherkam und schlug dann, für einen Zwerg höchst ungewohnt, mit seinem neuen Kampfstab von oben zu. Osak wirbelte mit seinen beiden schmalen Schwertern zwischen den Orks, die seinen Bewegungen kaum folgen konnten. Wenn sie ihn in die Zange nehmen wollten schlug er einfach einen Salto über den Tisch und kämpfte auf der anderen Seite weiter. Davidudl kämpfte sich mit seinen wuchtigen Schwertstreichen Schritt für Schritt vorwärts. Mitten unter dem Kampf hatte er eine Idee. Er wollte versuchen ob das Gift der Speeramselschnäbel noch immer wirkte. Er zog sich etwas zurück, steckte sein Schwert in die Scheide und holte zwei der inzwischen völlig steifen und streng richenden Vögel hervor. Er verwendete die Tiere wie zwei kleine Dolche und ging damit auf die verwunderten Orks los. Es wirkte geradezu lächerlich wie der große Krieger mit den beiden Vögeln auf die Orks einstach, aber es wirkte. Es genügte die Haut der Orks etwas zu ritzen damit das Gift der Vögel seine Wirkung tat.

Ibraha schonte sich, sie wollte ihre magische Kraft jetzt noch nicht einsetzten, wenn es nicht unbedingt nötig war. Irgendwo in diesem Schloß wartete ein Nataspriester und der würde bei weitem mehr Ärger machen als diese Orks. Das Klirren der Waffen und die Schreie blieben anscheinend unbemerkt, niemand kam den Orks zu Hilfe. Es war aber gar nicht so verwunderlich denn das Fressgelage vorhin war auch nicht viel leiser gewesen.

Als der Kampflärm verklungen war lauschten die Gefährten ob igendwer nachsehen kam. Es rührte sich nichts, das kleine Gemetzel blieb unentdeckt. Sie begannen den Raum abzusuchen. An einer Wand führte ein Speiseaufzug nach oben aber der schien irgendwo verklemmt zu sein. Das Seil ließ sich keine Handbreit bewegen. Etwa vier Schritt oberhalb im Schacht befand sich der Aufzug. Davidudl nahm Kardoc auf die Schultern und stemmte ihn bis zum Aufzug hoch. Kardoc löste zwei Bodenbretter und zwängte sich in die enge Kabine. Ein Holzscheit im Schacht blockierte den Aufzug. Kardoc entfernte es uns sah durch die breiten Ritzen des Aufzuges nach oben.

Licht fiel irgendwo von weit oben in den Schacht. Kardoc gab Davidudl ein Zeichen, daß er den Aufzug langsam hochziehen sollten. Die Kabine setzte sich in Bewegung und Kardoc beobachtete die Wände an der offenen Seite des Aufzugs. Ein Hebel in der Wand veranlaßte Kardoc das Zugseil zu nehmen um Davidudl unten ein Zeichen zu geben. Ehe er daran aber daran schüttelte hörte er von oben Stimmen. Er verhielt sich still. Das Licht rückte näher. Zwei Leute sprachen dort oben miteinander. Nein – nach genauerem Hinhören vermutete er drei Personen, eine weibliche Stimme mischte sich soeben ein. Der Aufzug näherte sich einer schmalen Spalte in der Wand. Kardoc ergriff das Seil und zog kurz daran als er den Spalt in Augenhöhe hatte. Davidudl stoppte unten den Aufzug. Eine Holzschiebetür, zum entnehmen der Speisen, stand einen winzigen Spalt offen. Etwas Rotes verstellte die Sicht, aber es bewegte sich zur Seite und gab ein schmales Blickfeld frei. Das Feuer eines Kamins flackerte, sonst war nichts zu sehen. Eine männliche Stimme sprach energisch, eindringlich und sehr leise. Es aber war trotz der geringen Entfernung kein Wort zu verstehen. Der Mann zischelte irgendwem etwas ins Ohr. Es hörte sich jedenfalls hämisch und bösartig an. Jetzt kam wieder etwas Rotes in Sicht. Kardoc konnte nun erkennen was dieses rote Ding war und ihm wurde plötzlich ziemlich heiß. Der Nataspriester der vorhin die Messe zelebriert hatte stand im weiten roten Umhang vor dem Kamin und schaute genau auf die Tür des Speiseaufzugs. Es konnte unmöglich sein, daß er Kardoc sah, aber der Nataspriester kam langsam näher. Kardoc zog zweimal kurz am Seil. Unaufhaltsam näherte sich die blutrote Robe, die Sicht war wieder total verstellt. Die Situation wurde langsam bedenklich, es gab sicher erfreulichere Dinge als allein, in einem kleinen Speiseaufzug, gegen einen Nataspriester zu kämpfen. Endlich zog Davidudl am Seil, und zum Glück sogar nach unten. Kardoc spähte nach oben, das Licht blieb unverändert also war die Tür noch zu. Die Stimmen sprachen wieder, Kardoc wurde mit jedem Augenblick, der ihn weiter nach unten brachte, leichter ums Herz. Er war wirklich nicht gern alleine mit einem Nataspriester.

Endlich kam er unten an. Er sprang aus der Kabine und berichtete den Anderen von seiner Beobachtung. Die beiden anderen Personen dort oben waren zweifellos Grani und seine Geliebte. Es galt jetzt einen sicheren Weg nach oben zu finden, der Speiseaufzug schied auf alle Fälle aus, sie wären in diesem engen Schacht von oben einzeln abgeschlachtet worden.

Im Speisesaal führte eine zweite Tür weiter, in die ehemalige Schlossküche. Die Orks hatten dort gründlich gewütet und es sah aus wie auf einem Schlachtfeld. Von der Küche ging es nur mehr weiter in den Vorratskeller der ebenfalls geplündert war.

Sie gingen wieder zurück in den Vorraum um dort weiter zu suchen. Tatsächlich öffnete Anaid nach genauer Suche eine gut versteckte Geheimtür in der Wand. Es war immer wieder interessant was sich die Architekten der Burgen einfallen ließen. Diesmal waren es drei faustgroße Steine die verschieden tief in die Wand gedrückt werden mußten um den Zugang zu öffnen. Plötzlich faßte sich Osak an den Kopf und schrie auf. Ein stechender Schmerz durchzuckte sein Gehirn als ob jemand mit einem Messer darin herumstochern würde. Nach wenigen Momenten war der Anfall vorüber und hinterließ einen dumpfen Druck in Osaks Kopf. Die Gefährten machten sich ernsthafte Sorgen um ihn und um sich selbst. Wenn es stimmte daß Nataspriester fähig waren die Gehirne anderer Personen zu kontrollieren, konnte das den Kampf völlig verändern. Ibraha erinnerte sich, daß Moram gesagt hatte etwas Metall um den Kopf könnte die Wirkung des Spruches vielleicht dämpfen. Davidudl, Kardoc und Osak hatten sowieso Helme auf und Anaid kramte aus ihrem Beutel einen breiten Stirrnreif aus poliertem Blech. Nur für Ibraha war nichts zu finden. Davidudl schlug in seiner Naivität vor aus einem der Blechteller einen Helm zu schmieden. Aber dazu war jetzt keine Zeit, außerdem würde das Hämmern sicher die restlichen Orks anlocken. Während die anderen diskutierten fiel Ibraha etwas ein und sie griff in ihren Beutel. Nach wenigen Momenten hatte sie das Problem gelöst und sagte: "Wir können jetzt, ich bin fertig."

Sie hatte sich ihren Kupferkessel aufgesetzt. Er paßte wie angegossen.

Der bauchige Kessel mit den drei Standbeinen rutschte ihr bis zu den Augenbrauen, den Henkel hatte sie unters Kinn geklappt. Ibraha ignorierte das blöde Gelächter ihrer Gefährten und stieg in die dunkle Öffnung. Anaid holte eine Fackel aus dem Speisesaal und folgte Ibraha als Erste durch die Geheimtür. Nach einem kurzen Stück Gang führte eine Treppe nach oben. Die Treppe war unbeleuchtet und Fensterlos. Sie mußten jetzt ungefähr an der Stelle der Speisesaalmauer sein wo sich der Aufzug befand. Die Treppe machte immer nach ungefähr zwanzig Stufen eine Biegung nach links. Anscheinend bewegten sie sich in einem quadratischen Turm aufwärts.

Osak hatte Kopfschmerzen. Auch die anderen fühlten das, daß hier irgend etwas in der Luft lag. Je weiter sie nach oben stiegen desto stärker wurde dieses beklemmende Gefühl. Nach vielen Stufen endete die Treppen in einem kurzen geraden Gang der wieder links abbog. Vorsichtig schauten sie um die Ecke. Wieder ein kurzer Gang, er endete aber an einer Steinmauer. An der Decke war eine verschlossene Falltür und weit und breit keine Leiter zu sehen. Von oben hörte man gedämpft Schritte. Sie waren an ihrem Ziel angelangt, dort oben war Er! Jeder von ihnen spürte das, vor allem Osak. Er lehnte an der Mauer und starrte geistesabwesend auf den Boden. Die Gefährten gingen ein Stück zurück und zauberten sich magische Schilde und Gewandtheitszauber. Dann hob Davidudl Kardoc zur Falltür hoch damit er sich den Verschluß betrachten konnte. Ein eiserner Riegel, von oben und unten zu bedienen, hielt die Tür in der Waagrechten. Der Zwerg versuchte vorsichtig ob er sich bewegen ließ. Er ließ sich bewegen, etwas zu weit sogar und die Falltür schwang quitschend herunter. Davidudl und Kardoc stürzten zu Boden und wurden knapp von einer Leiter verfehlt die auf der Falltür gestanden hatte und nun herunterruschte. Anaid huschte sofort hinauf, gefolgt von Ibraha. Davidudl war auch sofort wieder auf Beinen und folgte den beiden. Kardoc sah fragend zu Osak der noch immer an der Wand lehnte. Osak schüttelte den Kopf, er war leichenblaß und schwitzte, der Zwerg hatte ihn noch nie in so einem Zustand erlebt: "Ich... kann da nicht raufgehen... Er ist da oben...!"

Kardoc dachte nicht einen Moment daß Osak zu feig war hinauf zu steigen, irgend etwas Fürchterliches bedrohte ihn von da oben. Während Kardoc hinaufkletterte schaute er noch einmal besorgt zu Osak und sagte: "Ist gut, es sollte sowieso irgendwer den Gang bewachen."

Oben krachten bereits Feuerbälle und klirrten Schwerter. Kardoc steckte den Kopf durch die Luke und konnte ihn gerade noch einziehen als eine feurige Kugel vorbeiflog und knapp hinter im zerplatzte. Ibraha versuchte den Nataspriester mit allen möglichen Sprüchen zu verwunden, aber er hatte sich ebenfalls ein magisches Schild gezaubert. Anaids Pfeile verletzten ihn ebenfalls nur leicht, die Wucht wurde von seinem Schild stark gedämpft. Davidudl kämpfte gegen Grani Eitel. Der Burgherr blickte stumpf und ausdruckslos, er machte Davidudl schwer zu schaffen. Grani

kannte die Gefährten offensichtlich nicht mehr, auf ihr Zurufen reagierte er überhaupt nicht. Ebenso seine zukünftige Gemahlin. Aus ihren Händen schossen kleine Feuerbälle auf die Falltür. Sie war noch unerfahren ihn der Magie und deshalb gelangen ihr die Sprüche nicht immer. Kardoc stieg schnell aus der Luke und drängte die Magierin zurück. Er hatte seine Axt genommen und hielt sich die breite Klinge vor sein Gesicht. Diese Frau war nicht sie selbst, er konnte sich noch deutlich an das Fest in Schloß Brilante erinnern wo sie mit Osak den Schmuck der anwesenden Gäste unter die Lupe genommen hatte. Der Nataspriester hatte Sie und Grani irgendwie in seinem Bann geschlagen. Die Magierin zeigte überhaupt keine Reaktion auf sein Zurufen und versuchte Kardocs magischen Schild zu zerstören. Der Zwerg drängte sie zur Falltür wo Davidudl mit Grani kämpfte und rief: "Zieh ihr eine drüber, - aber vorsichtig!"

Davidudl überließ Grani für kurze Zeit dem Zwerg und schlug mit dem Schwertgriff zu. Der Schlag war genau dosiert, sie war sofort bewußtlos und fiel in Davidudls Arme. Grani interessierte dies überhaupt nicht, er kämpfte ohne eine Reaktion zu zeigen weiter gegen Kardoc. Davidudl nahm sie an beiden Händen und ließ sie über die Leiter durch die Falltür hinuntergleiten damit sie fürs erste aus dem Gefahrenbereich war. Osak stand unten, sein Blick hatte irgendetwas irrsinniges, er beobachtetet wie der Körper wenige Schritte vor ihm zusammensackte. Davidudl deutete auf die bewustlose Frau hinunter und schrie in das Knallen der Feuerbälle: "Du paßt auf sie auf, ja!?"

Osak lächelte sonderbar und nickte. Davidudl löste Kardoc ab, Grani war schon ziemlich angeschlagen, er schien langsam zu ermüden. Plötzlich schrie Ibraha auf, sie stand wie angenagelt da und konnte sich nicht mehr bewegen. Der Nataspriester hatte sie paralysiert. Er spielte nun seine ganze Macht aus, denn er mußte bald allein gegen Alle kämpfen. Ibraha versuchte vergebens der Umklammerung zu entweichen. Der Nataspriester konnte nun hemmungslos auf sie losgehen, ihr Schutzschild würde in diesem Zustand nicht mehr lange halten. Kardoc ließ Davidudl mit Grani wieder allein und rannte mit erhobener Axt auf den Nataspriester zu. Dieser wich etwas zurück blickte ihn durchdringend an. Kardoc blieb aprupt stehen. Er wollte gar nicht anhalten aber seine Beine blieben einfach stehen. Er drehte sich mit einem Ruck um, die Axt noch immer erhoben. Seine Beine bewegten sich wieder, in Richtung Ibraha. Er hatte völlig die Kontrolle über sich verloren, seine Gliedmaßen machten was sie wollten oder besser gesagt was der Nataspriester wollte. Als nächster war Davidudl dran, der Nataspriester erneuerte sein magisches Schild um nicht von Anaids Pfeilen abgelenkt zu werden und konzentrierte sich auf Davidudl. Es mißlang, vielleicht war Davidudls Gehirn nicht so leicht zu finden, jedenfalls mußte der Nataspriester den Versuch abbrechen denn Ibraha begann sich langsam aus seinem Bann zu lösen. Kardoc ging noch immer hölzern auf sie zu, jeder Muskel sträubte sich dagegen aber es nützte nichts. Dicht vor Ibraha hob er die Axt noch weiter nach hinten. Er versuchte in seiner Verzweiflung zu schreien aber kein Ton kam über seine Lippen. Die Axt würde Ibraha mit einem Schlag spalten, ihr magischer Schild verblaßte gerade. Kardoc schlug mit aller Kraft zu. Er wollte die Augen schließen, aber die Lider gehorchten ihm nicht. Plötzlich, ein kleines Zucken in seinen Muskeln, für einen winzigen Moment glaubte er seine Arme bewegen zu können. Mit größter Willensanstrengung zwang er seine Arme in eine andere Richtung und die Axt donnerte dicht neben Ibraha in den Holzboden. - Sie steckte fest. Kardocs Arme wollten sie wieder herausziehen und noch einmal auf die Magierin zuschlagen. Er spürte, daß der Bann langsam nachließ, daß bald seine Arme und sein Körper wieder ihm allein gehören würde. Kardoc hoffte nur, daß er die Axt vorerst nicht mehr aus dem Boden ziehen konnte. Während Kardoc an seinem Axtgriff herumzuckte hörte Davidudl von unten aus dem Gang eigenartiges Gelächter. Es war eher ein wahnsinniges Kichern das sich überhaupt nicht gut anhörte. Das war nicht Osak der da lachte. Davidudl rief hinunter ob noch alles in Ordnung war. Osak antwortete in einem eigenartigen Tonfall. Er sprach stockend und manchmal überschlug sich seine Stimme: "Aber ja, jetzt wird alles gut,... ich werde... auch ein wenig mitkämpfen... ich möchte auch einmal zuschlagen,..."

Alle hatten seine Stimme gehört. Ibraha war wieder frei vom Bann des Nataspriesters und wehrte seine Magie so gut es ging ab. Sie rief besorgt: "Osak? Was ist da unten los?"

Keine Antwort, nur Gekicher. Davidudl keuchte vor Anstrengung, er hatte Grani beinahe besiegt, der Burgherr taumelte bereits, seine Schwertstreiche waren kraftlos und ungezielt. Davidudl stand in der Nähe der Falltür und versuchte einen kurzen Moment hinunter zu blicken. Genau in diesem Moment erwischte ihn der Zauberspruch des Nataspriesters. Er wirbelte herum, ging steifbeinig einige Schritte ziellos umher. Kardoc riß mit einem Ruck die Axt aus dem Boden, er hatte sich wieder unter Kontrolle und stürzte auf Grani zu, der soeben auf Davidudls ungeschützten Rücken einstechen wollte. Er konnte das Schwert gerade noch beiseite schlagen und Grani weiter beschäftigen. Plötzlich hörte er von unten ein dumpfes Klatschen. Einige Augenblicke später das gleiche Geräusch, begleitet von Osaks Kichern. Kardoc hatte einen grauenhaften Verdacht, er schrie nach unten: "Osak was machst du da unten? Hör auf damit, du kannst doch nicht..."

Der Rest seiner Worte ging im schmerzhaften Aufschrei von Anaid unter. Davidudl hatte sie in die Ecke gedrängt und schlug wild zuckend mit dem Schwert auf sie ein. Anaids magischer Schild hielt zwar die scharfe Klinge ab aber die wuchtigen Schläge waren noch immer mit denen eines Holzknüppels vergleichbar. Davidudl versuchte vergebens mit aller Kraft die Schläge woanders hinzulenken.

Ibraha setzte dem Nataspriester inzwischen schwer zu, die Bannsprüche mußten den Großteil seiner magischen Kraft gekostet haben denn er verfiel zusehends. Sein magisches Schild flackerte unstet und Ibrahas Feuerbälle warfen ihn fast zu Boden. Der Bannspruch auf Davidudl war nur mehr schwach gewesen und ließ bereits wieder nach. Anaid war zum Glück nicht ernsthaft verletzt, sie hatte nur ein paar blaue Flecke abbekommen. Davidudl stapfte langsam und wütend in die Richtung des Nataspriesters, seine Füße gehorchten ihm noch nicht so ganz und er mußte sich auf jeden Schritt konzentrieren. Kardoc versuchte inzwischen Grani bewußtlos zu schlagen aber der Zwerg war viel zu klein, er konnte ihn nur wegdrängen und von den Anderen fernhalten. Kardoc hörte noch immer die klatschenden Geräusche und schrie: "Osak, hör auf. Bitte, tu das nicht. Osak! Hörst du mich?"

Osak stammelte nur zusammenhanglose Worte von Tod und Blut. Anaid schoß unablässig ihre Pfeile auf den Nataspriester. Einige drangen durch seinen magischen Schild wie durch zähes Leder und steckte in seiner Haut. Der Nataspriester wankte zur Falltür und ließ sich die Leiter mehr oder weniger hinunterfallen. Davidudl war noch zu weit weg um ihn aufzuhalten. Ibraha setzte ihm nach und schrie entsetzt auf als sie sah was unten geschehen war.

Alle hatten die klatschenden Geräusche gehört und jeder von ihnen kannte sie nur zu gut. Es klang immer so wenn Stahl in blankes Fleisch drang. Sie hatten gehofft, daß es eine andere Erklärung dafür gab aber es war nun grauenvolle Gewißheit, Osak hatte die bewußtlose Frau in seinem Wahn regelrecht zerstückelt. Er hackte noch immer auf ihr herum.

Sie drängten die Leiter hinab, Kardoc ließ von Grani ab und rannte ebenfalls zur Falltür. Der Nataspriester stützte sich an der Wand ab und versuchte die Treppe hinunter zu flüchten. Er war am Ende seiner Kraft, sein magisches Schild löste sich auf. Anaid legte einen Pfeil in die Sehne und spannte den Bogen bis zum Äußersten.

Ein kurzes Surren, dann drang der Pfeil in den Rücken des Nataspriesters und stoppte ihn. Noch während er verwundert auf die blutige Pfeilspitze starrte die aus seiner Brust ragte traf ihn ein gewaltiger Feuerball von Ibraha. Er stürzte brennend nieder, sein Körper war nach wenigen Momenten ein Raub der magischen Flammen. Übrig blieb nur ein rauchender, verkohlter Kadaver. Die Gefährten schauten fassungslos auf das Blutbad, daß Osak angerichtet hatte. Das ehemals weiße Kleid war völlig zerfetzt und blutdurchtränkt. Unzählige Wunden klafften auf dem leblosen Körper der Frau. Osak war auf die Knie gesunken, die beiden blutverschmierten Schwerter fielen klirrend zu Boden. In dem Augenblick als der Nataspriester gestorben war, trat in Osaks Kopf einen Leere ein. Er verstand nichts. Er schaute auf den blutigen Körper und begriff nicht was das zu bedeuten hatte. Dann sah er seine Gefährten. Warum starrten sie ihn so seltsam an? Kardoc kniete neben ihm und versuchte mit seinen magischen Heilkräften ein Wunder an der Frau zu vollbringen. Es war völlig zwecklos, sie war nicht mehr zu retten.

Osak schaute sich verwirrte um und langsam klärte sich sein Verstand. Er spürte ein Würgen um den Hals. Angst kroch in ihm hoch, er hatte plötzlich einen dunkle Ahnung was geschehen war. Das Würgen um seinen Hals wurde unerträglich. Hilfe suchend sah er sich um, er erinnerte sich an die Worte bei der Weihe in Brilante. - Töte keine Unschuldigen...

Die Gefährten mußten hilflos zusehen wie die Kette um Osaks Hals immer enger wurde. Sein Gesicht hatte eine bläuliche Färbung angenommen, er röchelte und versuchte die Kette abzureißen. Es war ein entsetzlicher Anblick, Osak erstickte langsam. Obwohl jeder wußte, daß sein Schicksal unabwendbar war brachte es dennoch keiner zustande seine Qualen zu beenden. Keiner brachte es übers Herz einen Freund zu töten.

Plötzlich hörten einen erstickten Schrei von hinten. Grani stand wie versteinert bei der Leiter. Er ging vorwärts, sein Atem kam stoßweise, er wollte schreien vor Schmerz, doch alles was er hervorbrachte war ein gequältes: "Nein!"

Niemand hielt ihn auf als er vor Osak stand und einen Dolch aus dem Gürtel zog. Kardoc kniete noch immer neben ihm, er konnte nicht hinsehen als der Dolch ins Herz ihres Gefährten stieß. Osak sah zu Grani hoch, fast schien es als ob er dankbar Lächelte, er war vom Erstickungstot erlöst. Dann brachen seine Augen und er kippte nach vorne.

Die Kette um seinen Hals löste sich und fiel leise klirrend zu Boden. Grani kniete sich wortlos nieder und hob den blutigen Körper seiner Braut in seine Arme. Er konnte niemanden in die Augen schauen und wendete sich ab. Langsam ging er zur Treppe. Die Gefährten waren völlig verwirrt, sie verstanden nicht wie so etwas geschehen konnte. Osak war doch eigentlich unschuldig, er war eben leichter zu beeinflussen als die anderen. Grani konnte kein Vorwurf gemacht werden, im Grunde waren alle unschuldig außer diesem verfluchten Nataspriester. Der war aber ebenfalls schon tot. Sie hätten Osaks Zustand mehr beachten sollen, wenn sie ihn gefesselt hätte und...

All diese Überlegungen führten am Ende doch zu nichts, Osak war tot und nichts konnte ihn mehr lebendig machen. Sie standen mit gesenkten Kopf um seinen Leichnam. Dieser Sieg war zu teuer gewesen, viel zu teuer. Es würde noch einige Zeit dauern bis sie seinen Tod richtig begreifen konnten. Er würde eine Lücke in ihrem Leben hinterlassen, es gab nun niemanden mehr der Nachts in ihren Beuteln wühlte, niemanden der sich ohne Gnade auf Truhen stürzte um die Schätze darin zu konfiszieren.

Die Gefährten wußten nicht was sie jetzt tun sollten, man konnte ihn doch nicht einfach hier liegen lassen, er sollte auf keinen Fall mit den Orks irgendwo verscharrt werden. So ein Ende hatte er nicht verdient. Endlich sprach einer von ihnen: "Wir holen ihn später, das Schloß ist noch von Orks besetzt und ein Nataspriester läuft auch noch lebend herum."

Sie gingen Grani nach, Ibraha nahm ihren Kessel vom Kopf und ließ ihn achtlos zu Boden fallen, er hatte ohnehin nichts genützt.

Im Speisesaal holten sie Grani ein. Er legte soeben behutsam den Leichnam seiner geliebte Braut auf den Tisch. Aus dem nächsten Raum waren schwere Schritte zu hören, im Vorraum war irgendwer. Ein paar Orks schauten verständnislos durch die Tür auf ihren ehemaligen Burgherrn. Grani drehte sich kurz zu seinen Befreiern. Er war vorne völlig blutverschmiert und zog wortlos

sein Schwert. Es brauchte auch kein Wort gesagt zu werden. Ohne zu zögern stürzte sich Grani auf die Orks, die Gefährten folgten ihm.

Grani war zwar geschwächt aber er kämpfte mit unglaublicher Kraft und hatte nach wenigen Momenten drei Orks niedergestreckt. Grani und die Gefährten zogen eine tödliche Runde durch das Schloß und befreiten es von allen Besetztern. Der zweite Nataspriester war bei weitem nicht so mächtig wie der aus dem Turm. Er winselte um Gnade als die Übermacht in seine Kammer drang.

Grani deutete ihm wortlos auf die Knie zu fallen. Der letzte Fluch des Nataspriesters wurde jäh unterbrochen als Grani seinen Kopf abschlug.

Einigen wenigen Orks gelang rechtzeitig die Flucht, der Rest wurde von Grani regelrecht hingerichtet. Er empfand aber keine Genugtuung bei seinem blutigem Werk, im Gegenteil, bei jedem getöteten Ork wurde ihm sein Verlust klarer. Nichts konnte den Schmerz in seiner Brust wegwischen. Ihm war unwiederbringlich seine Liebste genommen worden. Ständig tauchte ihr Bild vor ihm auf. Er hastete von Raum zu Raum und suchte die Schuldigen.

Taumelnd stürzte er auf den Schloßhof. Grani war am Ende seiner Kräfte, er konnte die Tränen nicht mehr halten. Durch den wässrigen Schleier seiner Augen sah er die verhassten Orks davonlaufen. Er lief ihnen nach und schlug nur mehr wild um sich. Erst am Schloßtor hielt er inne und beruhigte sich wieder etwas. Grani ließ sein Schwert müde sinken und wendete sich von den flüchtenden Orks ab. Er brauchte einige Momente um wieder Herr über seine Gefühle zu werden.

In den Verliesen eingesperrt, hatte ein Teil der Schloßbewohner überlebt. Einige von ihnen waren gefoltert worden und arg zugerichtet. Sie waren Anfangs etwas argwöhnisch und konnten nicht glauben, daß sie nun wieder frei waren, schließlich hatte sie Grani persönlich in den Kerker geworfen. Nach kurzer Zeit hatten sie jedoch wieder Vertrauen zu ihrem Schloßherrn und versammelten sich mit den anderen Überlebenden im großen Innenhof. Die Tore wurden geöffnet und Boten zu den umliegenden Dörfern geschickt. Ab heute brauchte niemand mehr die Schergen Grani Eitels zu fürchten.

Während Grani, ein paar seiner engsten Berater und die Gefährten in den großen Rittersaal gingen, begannen das Schloßgesinde mit den Aufräumungsarbeiten.

Grani stand am Fenster und blickte teilnahmslos auf das geschäftige Treiben im Schloßhof. Das Leben schien ihm leer und sinnlos. Er wußte, daß der Schmerz eines Tages nachlassen würde, doch niemals konnte er vergessen wer für den Tot seiner Geliebten verantwortlich war. Seine Hand schloß sich fest um den Schwergriff, er schwor sich mit allen Mitteln gegen diese rote Brut zu kämpfen. Niemals wieder sollte ein Nataspriester oder Ork oder irgend ein anderer dieser verfluchten Mörder einen Fuß in sein Schloß setzte, eher würde er sterben.

Die Gefährten hatten Osak draußen vor der Burg auf einer kleinen Anhöhe beerdigt. Ein schlichter Hügel aus Steinen schützte ihn vor Aasfressern. Für eine Gedenktafel oder einen anderen Grabschmuck war keine Zeit gewesen. Seine beiden Schwerter und sein Beutel mit den unzähligen Geheimfächern hatten sie ihm mitgegeben. Man konnte ja nicht wissen ob er seinen einzigen Besitz in einer anderen Welt vielleicht noch brauchen konnte.

Nun standen sie gemeinsam mit Granis Beratern im großen Rittersaal. Die Stimmung war sehr gedrückt, nur leises Flüstern war zu hören. Grani gab sich einen Ruck und löste seinen starren Blick vom Schloßhof. Er ging zum Ende der langen Tafel und bot den Anwesenden an Platz zu nehmen. Er selbst blieb stehen und begann zu sprechen: "Ich glaube ich schulde allen hier eine Erklärung wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Doch vorerst muß ich mich bei unseren Befreiern

bedanken."

Er zeigte dabei auf die Gefährten. "Ohne ihre Hilfe würde das Schloß und ich noch immer unter dem Bann der Nataspriester stehen. Ich stehe tief in eurer Schuld und wenn ihr eines Tages meine Hilfe benötigt, egal aus welchen Gründen, zögert nicht mit euren Anliegen zu mir zu kommen. Alles was in meiner Macht steht werde ich für euch tun. Es gibt sicher nicht viele Zweibeiner die ihr Leben für die Befreiung eines fremden Schlosses aufs Spiel setzten..."

Grani senkte den Kopf und sprach etwas leiser weiter: "Es tut mir leid wegen eures Gefährten, aber ich konnte nicht anders handeln. All das Blut von ihr... Ich wünschte... es währe nicht so gekommen."

Keiner der Gefährten machte ihm einen Vorwurf, der Todesstoß verkürzte nur das Leiden Osaks. Es herrschte einige Momente bedrückende Stille im Saal, dann sprach Grani weiter. Die beiden Nataspriester waren als Wandermönche getarnt in die Burg gekommen. Grani hatte ihnen großzügig Kost und Quartier für mehrere Tage zur Verfügung gestellt. Die Beiden verhielten sich anfangs völlig harmlos und unterwürfig. Nach einigen Tagen ergab es sich, daß Grani und die beiden Mönche zu Abend speisten. Grani war sehr interessiert an ihrer Glaubensrichtung und ihrer Gesinnung. Die Beiden waren äußerst gelehrt und hatten anscheinend nur die allerbesten Absichten. Nach dem Essen zeigten sie jedoch ihr wahres Gesicht. Sie hatten unbemerkt irgend etwas in Granis Weinkelch gemischt. Seine letzte Erinnerung war das hämische Grinsen der Beiden als er in Bewußtlosigkeit versank. Danach wurde alles dunkel, Grani hatte keine Erinnerungen an seine Schreckensherrschaft. Die beiden Nataspriester benutzte ihn um die Orks in die Burg zu schleusen und die Schloßbewohner zu töten oder ins in das Verlies zu werfen.

Grani beendete seine Rede und nahm Platz. Er winkte einem Diener. Wenige Augenblicke später kamen einige andere Diener mit einem kargen Mal aus den brauchbaren Überresten der Küche. Nach dem Essen las der Zeremonienmeister des Schlosses Grani den Ablauf der Beerdigung für seine Braut vor. Grani starrte mit versteinerter Mine auf die Tischplatte und nickte nur hin und wieder. Die Gefährten verließen bald die traurige Gesellschaft und suchten sich halbwegs bewohnbare Kammern um sich zur Ruhe zu legen. Es war schon sehr spät und sie waren todmüde.

Kardoc stand noch im Schloßhof und betrachtete die aufgeschichteten Haufen aus zerstörten Inventar des Schlosses. Die Orks hatten ganze Arbeit geleistet, es würde sicher Monate dauern um das Schloß wieder instand zu setzen. Kardoc ging langsam zwischen den Trümmern in Richtung Schloßtor. Es war geschlossen und eine einzelne Wache stand davor. Das Fallgitter war hochgezogen, niemand rechnete mit einem Angriff heute Nacht. Irgendetwas zog den Zwerg hinaus vor das Schloßtor. Die Torwache öffnete die kleine Nebentür und Kardoc murmelte beim hinausgehen: "Ich komm gleich wieder."

Es war eine helle Mondnacht. Whuosa stand voll im Zenit und tauchte die Landschaft in weißblaues Licht. Ganz entfernt am Horizont konnte man den roten Fleck erkennen, der wie ein bösartiges Geschwür am Himmel klebte. Dieses rote Ding schien sogar ein wenig größer geworden zu sein.

Kardocs Blick schweifte über die friedliche Landschaft und verhielten unweigerlich bei Osaks letzter Ruhestätte. Die Steine des kleine Hügelgrabs wurden vom Mond angestrahlt und schienen fast von sich aus zu glühen. Kardoc setzte sich ins Gras, neben einem Baumstumpf und schwelgte in Erinnerungen. Wie würde es werden ohne ihn? Er konnte sich deutlich an die Verfolgungsjagten erinnern, wenn Osak bei den anderen etwas "gefunden" hatte. Oder seine wahnwitzigen Aktionen, wie die vor ein paar Wochen, als er dem Steingolem im Zwergengebirge die Augen zu hielt. Osak war sicher nicht ganz normal, aber das waren sie ja schließlich alle miteinander nicht. Ihre haarsträubenden Abenteuer waren für vernünftig denkende Zweibeiner sicher nicht so leicht zu verkraften. Kardocs Augenlider wurden immer schwerer, er lehnte sich an den Baumstumpf hinter ihm und überlegte was Osak wohl gerade machen würde. Vielleicht war er ein Kobold geworden und stiftete schon munter in irgendeinem Haus Unheil. Der Zwerg war schon beinahe im Reich der Träume und wunderte sich über den Nebel der rund um Osaks Grab wallte. Wieso konnte es in so einer milden Nacht plötzlich Nebel geben und noch dazu an einer einzigen Stelle?

Der Nebel schwebte wie eine Wolke zwei Schritt über Osaks Grab und wurde immer dichter. Plötzlich wurde die Wolke größer und verteilte sich über den ganzen Hügel. Im weißen diffusen Licht war eine schwache Bewegung wahrzunehmen. Es sah aus als ob ein kleiner Vogel auf das Grab zu fliegen würde. Seine Flügel schlugen langsam und bedächtig. Kardoc rieb sich die Augen, er sah wie der Vogel größer wurde. Der Nebel wurde lichter und jetzt schien es, als ob ein Loch oder Tunnel in der Luft entstanden war in dem der Vogel flog. Das Tier wurde immer größer und schien aber dennnoch sehr weit entfernt.

Kardoc wagte sich nicht zu bewegen, er fürchtete die Erscheinung könnte dann verschwinden. Der Vogel war kein Vogel. Man konnte jetzt die Federlosen Schwingen erkennen. Ein weißer Drache kämpfte sich mit kraftvollen Flügelschlägen gegen einen Sturm zum Grabhügel. Nebelfetzen zogen an ihm vorbei, und verschwanden im Tunnel. Unendlich langsam kam er voran und wurde immer größer. Endlich hatte er sein Ziel erreicht, der Drache landete auf den Hinterbeinen vor dem Grab und hob den Kopf. Er war mindestens doppelt so groß wie ein normaler Flugdrache und weit kräftiger gebaut. Seine Schuppenhaut schien sich ständig aufzulösen und dann aber doch aus unerfindlichen Gründen erhalten zu bleiben. Er bestand anscheinend auch aus Nebel. Sein langes Maul öffnete sich zu einem unhörbaren Schrei, zumindest für Kardoc. Dafür hörte ihn aber ein Anderer. Aus dem Grab schwebte eine Nebelige Figur auf den Drachen zu. Die verschwommene Gestalt hatte einen Beutel in der Hand und schwebte langsam auf den Rücken des Drachen. Kaum hatte sie zwischen den mächtigen Schwingen Platz genommen, erhob sich der Drache und flog wieder in den Tunnel. Kardoc glaubte zu erkennen, daß sich die Figur noch einmal zu ihm wendete und mit einem langes schmalen Schwert in der Hand winkte. Der Rückweg war anscheinend genau so mühsam und lange. Langsam wurde der Drache und sein Reiter immer kleiner, bis er ganz im Nebel verschwand. Kurz danach war von der ganzen Erscheinung nichts mehr zu sehen. Die Steine des Grabs glommen wieder ruhig und friedlich im Mondlicht. Eine Halluzination! Ganz eindeutig!

Kardocs übermüdeter Geist hatte eine kleine Vision veranstaltet. Trotzdem, es wäre doch ein zu schöner Gedanke: Statt in der Erde zu vermodern, ritt Osak jetzt auf einem weißen Drachen irgendwo herum und machte das Jenseits unsicher. Bevor Kardoc endgültig die Augen zufielen murmelte er noch grinsend: "Mach bloß nicht zu viel Unsinn da drüben..."

Am nächsten Morgen wurde der Zwerg ziemlich unsanft geweckt. Ein schwerer Ochsenkarren rumpelte knapp neben ihm vorbei. Am Schloßtor herrscht reges Treiben, von überall waren Leute gekommen um nachzusehen ob Gelea wirklich befreit war. Die Luft war erfüllt von lautem Hämmern und Sägen. Die Handwerker waren schon seit dem frühem Morgen mit der Renovierung des Schlosses beschäftigt. Abseits der Mauern hatte man eine große Grube ausgehoben. Eine gaffende Menge stand herum und schaute zu wie die toten Orks vergraben wurden. Im Schloßhof wurde so richtig gearbeitet, schon das Zusehen machte müde. Dutzende Meister und ihre Gesellen waren am Werk. Im Gewirr der Zweibeiner entdeckte Kardoc auf der großen Freitreppe zum Hauptgebäude seine Gefährten, Grani und zwei fremde Zwerge. Die beiden waren heute morgen angekommen um dem Schloßherr ihre Dienste anzubieten. Ihre Namen waren Knepp und Knapp. Angeblich waren sie Zwillingsbrüder aber das wollte niemand so recht glauben. Sie sahen sich nämlich nicht im geringsten ähnlich. Den Zwerg Knapp konnte man am ehesten mit einer Kugel vergleichen. Die Träger seiner Lederhose waren keinesfalls nur Zierde, sie waren unbedingt notwendig. Der andere Zwerg mit Namen Knepp sah im vergleich dazu wie ein Hungerleider aus. Seine Kleidung hing geradezu schlaff am Körper, während Knapps Übergröße hauteng am Körper saß.

Beide Zwerge stammten aus dem Dorf Knepp das vor einigen Tagen von den Orks verwüstet worden war. Sie waren Vollwaise. Als kleine Zwergenkinder ausgesetzt, fanden sie in Knepp eine neue Heimat. Die Dorfbewohner hatten sie aufgezogen und einen der beiden nach ihrem Ort benannt. Dem zweiten Zwerg hatten der Einfachheit halber einen ähnlichen Namen verpaßt. Eigentlich waren die beiden aufgebrochen um herauszufinden ob es noch mehr Zwerge auf dieser Welt gab, aber dann war der Überfall der Orks dazwischen gekommen und sie wurden mit einem Schlag wieder Heimatlos. Nachdem sie eine Weile ziellos in der Gegend herumgeirrt waren landeten sie schließlich heute Morgen in Gelea.

Grani betrachtete die beiden Stirnrunzelnd, er hatte keine Ahnung was er mit ihnen anfangen sollte. Sie waren noch ziemlich jung und unerfahren. Im Dorf hatten sie eigentlich nur bei der Ernte geholfen oder Tiere gehütet. Außer ihrer natürlichen Begabung als Zwerge im Schmieden und Schlösser öffnen hatten sie keine besonderen Fähigkeiten. Grani hatte plötzlich eine Idee wie er die Beiden unterbringen konnte. Er schlug vor, daß sie eine Weile mit den Gefährten mitziehen sollten und fügte rasch hinzu, als er deren zweifelnden Blicke sah, daß dies sicher ungemein Lehrreich für die beiden Zwerge war. Derart geschmeichelt konnte keiner der Gefährten den erwartungsvoll dreinschauenden Zwergen eine Absage erteilen. Nur Davidudl murmelte unhörbar: "Jetzt sind wir bald nur noch ein Zwergenverein."

Knepp und Knapp waren begeistert. Grani schickte die Beiden obendrein noch in seine Waffenkammer, wo sie sich eine passende Ausrüstung nehmen durften. Nach einer Weile kamen sie zurück und zeigten ihre, wie sie meinten, vortreffliche Wahl. Knepp hatte eine viel zu schwere Plattenrüstung eines Menschlichen Ritters an, die er wie ein Kleid hinter sich her schleifte. Passend dazu hatte er sich einen Bihänder über die Schulter gelegt den er kaum tragen konnte. Knapp hatte überhaupt keine passende Rüstung gefunden die für seinen Umfang paßte, nur einen Helm der ihm ständig über die Augen rutschte. Als Waffe hatte er einen Morgenstern gewählt, obwohl er sich nicht ganz sicher war welches Ende zum Zuschlagen gedacht war.

Kardoc griff sich seufzend an die Stirn und ging mit den Beiden zurück in die Waffenkammer. Diese zwei Narren machte hier in aller Öffentlichkeit die ganze Zwergenrasse lächerlich. Während sie zurückgingen erzählte Kardoc, der in der Mitte ging, den Beiden etwas aus seinem abenteuerlichen Leben: "Habt ihr eigentlich schon einmal etwas von einem legendären Helden namens Osak gehört?"

Die beiden schüttelten den Kopf und lauschten den unglaublichen Taten des legendären Osak. Kardoc übertrieb nur soviel, daß es gerade noch glaubwürdig klang, die beiden Zwerge aber vor Ehrfurcht erblaßten. In der Waffenkammer führte er ihnen sogar vor wie Osak mit seinen beiden Schwertern herumgewirbelt war, natürlich viel schneller als Kardoc es zeigen konnte.

Nach dieser Vorführung suchte Kardoc passende Waffen und Rüstungen für die Beiden aus. Knepp bekam eine Lederrüstung, Helm und ein Kurzschwert. Er sah ziemlich gelenkig aus und würde sicher bald mit der Waffe vertraut sein. Für Knapp wurde zwei Kettenhemden zu einem großen umgearbeitet. Nach einiger Suche fand sich auch ein Helm der auf seinen Kugelkopf paßte. Als Waffe für ihn hatte Kardoc eine Kriegsaxt gewählt. Mit dem Gewicht des Zwerges war die Waffe höchst durchschlagkräftig.

Sie wollten soeben sie Waffenkammer verlassen, als ihnen Anaid entgegen rannte und aufgeregt erzählte, daß sie im Turm etwas entdeckt hätten. Während die Zwerge in der Waffenkammer gewesen waren, hatten die anderen mit Grani den Schauplatz des gestrigen Kampfes mit dem Nataspriester aufgesucht und eine Geheimtür im Kamin entdeckt. Hinter dem Kamin, in der Turmmauer, führte eine schmale Treppe nach unten.

Gemeinsam mit den Zwergen und mehreren Fackeln ausgerüstet begannen sie den Abstieg in der Turmmauer. Die Treppe wendelte sich scheinbar endlos, viele hundert Stufen hinunter. Sie mußten schon lange unter der Erdoberfläche sein. Grani ging voran, er hatte keine Ahnung gehabt, daß diese Treppe existierte. Die Turmkammer war zu seinen Lebzeiten immer unbewohnt gewesen. Sie wurde immer gemieden weil sie nur umständlich über Geheimtüren zu erreichen war und außerdem hatte sie irgend etwas magisches an sich. Früher hatten angeblich Hexer oder Magier ihren Sitz in Gelea. Aber das war lange bevor Granis Ahnen das Schloß bewohnten.

Die Treppe endete aprupt an einer mannshohen Eisentür. Sie war, dem Rost nach zu schätzen, uralt aber noch sehr stabil. Eine einzelne große Rune war auf ihr eingraviert. Plötzlich rief Ibraha: "Wartet, ich kenne das Zeichen. Moram hat mir glaub ich so etwas Ähnliches gezeigt."

Die Magierin nahm die Tür näher in Augenschein und entdeckte bald stark verwitterte Runen die im Halbkreis über dem großen Zeichen standen. Ibraha übersetzte für die anderen: "Julenio, Herr des Feuers"

Endlich, - sie hatten soeben einen der verschollenen Helden entdeckt. Kardoc drängte sich nach vorn um den beiden neuen Zwerge zu zeigen wie man fachmännisch ein Schloß öffnete. Sein Eifer wurde aber jäh gebremst als er verwundert bemerkte: "Die Tür hat ja gar kein Schloß!"

Davidudl versuchte die Tür aufzudrücken und warf sich mit aller Gewalt dagegen. Die Tür rührte sich keinen Fingerbreit. Es war rätselhaft, nicht einmal die Spur eines versteckten Mechanismus war zu entdecken. Die Tür schien zwischen die Steine gegossen worden zu sein. Nach einer Weile verlor Ibraha die Geduld und sie schickte die anderen ein Stück den Gang zurück. Sie murmelte ein paar Silben, gleich darauf schoß ein Feuerball auf die Tür zu. Der Feuerball war anscheinend der richtige Schlüssel gewesen. Die Tür löste sich binnen weniger Momente vollständig in Flammen auf.

Die letzten Flammen züngelten noch über die Seiten der Wand. Ibraha setzte ihren Fuß bereits in die Türschwelle. Anaid hielt die Magierin zurück. Sie hatte etwas Verdächtiges gehört. Alle lauschten angestrengt in die Dunkelheit. Das Geräusch wurde lauter, es klang wie ein Jaulen. Jetzt hörten es Alle, es war noch ganz weit entfernt: "Whuheidhir"

Das gespenstische Geräusch wurde immer lauter und hallte durch den steinernen Gang. Es kam aus der Richtung von der sie gekommen waren. Nun waren auch hastige Schritte zu hören. Das Rufen wurde lauter und verständlicher: "Wo seid ihr?"

Irgendwer suchte sie! Die Stimme klang vertraut.

"Das ist Eduardo!"

Stellte Davidudl fest. Und ein paar Herzschläge später sahen sie ihn, von magischen Licht umgeben, den Gang entlanglaufen.

Eduardo war gerade eben in Gelea angekommen. Er hatte von seinem Flugdrachen aus die offenen Tore und die vielen geschäftigen Zweibeiner gesehen. Darum nahm er an, daß Gelea befreit war und landete im Schloßhof. Ein Schloßdiener führte ihn zur Turmkammer und zeigte ihm den Geheimgang im Kamin.

Eduardo verschnaufte kurz und berichtete, daß im Turm am Kardocsee alles in Ordnung war. Er hatte die magischen Siegel überprüft und flog dann sofort weiter nach Gelea um den Gefährten zu Hilfe zu eilen. Aber die Schlacht war ja vorbei und die Nataspriester samt ihren Orkhorden besiegt. Der Magier schaute sich suchend um und fragte: "Wo ist Osak?"

Sie erzählten ihm das gestrige schreckliche Erlebnis. Eduardo schüttelte den Kopf und meinte zu Osaks Tod: "Und das Alles nur weil sich ein paar wahnsinnige Priester einbilden die Welt bekehren zu müssen."

Osaks Tod hatte eine schmerzliche Lücke hinterlassen, er war ein Gefährte gewesen der nicht leicht zu ersetzen war. Aber der Verlust durfte sie nicht von ihrer Aufgabe abhalte, die Runensteine zu suchen. Kardoc zeigte auf den Durchgang und sagte: "Vielleicht liegt da hinten irgendwo einer.

Laßt uns jetzt reingehen."

Hinter dem Durchgang lag eine dunkle, leere Halle. Genau genommen war es gar nicht ganz dunkel. Die Wände schimmerten ganz schwach in dunklem Rot und verbreiteten düsteres Licht. Als sie wenige Schritte in die Halle gegangen waren erschien die eiserne Tür hinter ihnen wieder und versperrte den Rückweg. Vor ihnen begann der Boden zu glühen. Die Eindringlinge drängten sich dicht an die Wand. Das Glühen am Boden wurde immer stärker und konzentrierte sich auf drei große Flecken. Es zeigten sich bereits Risse in den steinernen Bodenplatten, der Felsboden wölbten sich unter der enormen Hitze auf. Plötzlich brachen an den drei glühenden Stellen die Steine endgültig auf und Magmasäulen wuchsen aus dem Boden. Die drei Säulen verformten sich, Arme schossen aus der Seite. Vom Boden weg teilten sich die Säulen und nahmen die Form von zwei kräftigen Beinen an. Die glühende Masse schien etwas zu erkalten. Die drei Figuren hatten jetzt ungefähr die Größe von Ogern die aus glühenden Kohlen zusammengesetzt waren. Die Umrisse waren deutlich zu erkennen, an der Seite hatten sie glühende Schwerter hängen. Der Kopf steckte in einem glosenden Vollvisierhelm aus Stein, an manchen Stellen waren Rüstungsteile zu sehen die sich mit dem glühenden Körper vermischten.

Die Feurigen Krieger standen abwartend in zehn Schritt Entfernung. Der Boden unter ihnen war wieder erkaltet und eben. Die Gefährten verhielten sich still und beobachteten was weiter geschah. Im Schein der glühenden Steine konnte man ganz hinten am Ende der Halle einen breiten Durchgang erkennen den diese Krieger unzweifelhaft bewachten. Davidudl schaute verdrossen auf die magischen Wesen, sein Schwert war hier wahrscheinlich wieder völlig nutzlos. Die beiden neuen Zwerge, Knepp und Knapp wußten aber sofort eine Lösung für dieses kleine Problem. Sie schlugen vor eine Eimerkette bis zum Schloßbrunnen aufzustellen um die brennenden Krieger zu löschen. Die erfahrenen Abenteurer konnten über diesen dümmlichen Vorschlag nur milde Lächeln. Kardoc hatte einen viel besseren Vorschlag. Mit ein paar Kübeln Wasser konnte man diese Flammenkrieger sicher nicht löschen. Man mußte hohle Baumstämme und lange Lederschläuche bis hierher verlegen. Dann reichte eine kurze Eimerkette bis zum Turm die ununterbrochen Wasser in die Leitung füllte. Der Wasserstrahl würde den brennenden Figuren schon das Fürchten lehren. Dieser Einfall war aber ebenfalls völliger Schwachsinn, meinte Davidudl. Sein Einfall war viel radikaler. Irgendwo in der Nähe gab es sicher einen Bach oder kleinen Fluß den man hier herleiten konnte. Wenn die Figuren ertrunken, und das Wasser versickert war, konnte man gefahrlos weitergehen.

Während an der Eisentür eine Theorie nach der anderen geboren und danach in ihre lächerlichen Bestandteile zerlegt wurde ging Grani langsam auf die brennenden Krieger zu. Sie verhielten sich vorerst ruhig. Zwei Schwertlängen trennten Grani noch von den Kriegern, die Hitze strahlte in sein ungeschütztes Gesicht als ob er dicht vor der Esse eines Schmieds stehen würde. Plötzlich trat eine der Gestalten einen Schritt vor. Der Krieger zog sein flammendes Schwert und machte eine leichte Verbeugung. Die Hitze ließ schlagartig nach, obwohl der Krieger weiterglühte. Es war also eine Art Prüfung dachte Grani und zog ebenfalls sein Schwert.

Als die anderen hörten wie Grani die Flammenkrieger bekämpfte, ließen sie ihr sinnloses Geschwafel bleiben und rannten mit gezogenen Waffen vorwärts. Die stählernen Waffen blieben heil und schmolzen nicht, anscheinend hielten die Feuerkrieger den Großteil ihrer Hitze irgendwie zurück. Die Flammenkrieger waren nicht sonderlich stark und lösten sich nach einigen Treffern auf. Es sah fast so aus als ob sie nur geprüft hatten ob irgendwer Unwürdiger in die Kammern des Julenio eingedrungen war. Anscheinend waren sie würdig, die Flammenkrieger lösten sich in Rauchschwaden auf und verschwanden in den Ritzen der steinernen Wände.

Es war unglaublich heiß in der Halle, ihre Kleider waren ordentlich durchgeschwitzt und klebten am Körper. An den Seiten hatten sich zwei geheime Türen geöffnet als die Flammenkrieger verschwunden waren. Anaid murmelte einen Zauberspruch und die Umgebung wurde heller. Ihr Lichtspruch zeigte nun wesentlich mehr von den Kammern des Julenio. Die Wände ringsum zierten unbekannte geometrische Muster. Vielleicht waren es sogar irgendwelche alte Schriftzeichen.

Die beiden Torbogen der Seitengänge hatten die Form einer spitzen Kerzenflamme, dahinter lag jeweils ein dunkler schmaler Gang. Das große Portal, das in gerader Richtung weiterführte, rahmten steinerne Flammen ein und darüber stand Etwas in unbekannte Runen in den Stein gemeißelt. Vorsichtig steckten sie ihre Köpfe durch den breiten Durchgang. Der Boden war völlig glatt, wie aus einem Stein. An der linken und rechten Wand, etwas erhaben, befanden sich je sechs Runen und unter jeder Rune ragte ein Hebel aus der Wand. Dazwischen befanden sich mehrere faustgroße, dunkle Löcher. Am anderen Ende der Halle sahen sie ein großes geschlossenes Tor, ohne Schloß, Türklinke oder sonstigen Öffnungsmechanismuß. Anaid seufzte: "Wißt ihr wieviel Kombinationen es mit diesen zwölf Hebeln gibt? Das kann wahrscheinlich nicht einmal ein Gnom ausrechnen."

Knepp stand ganz hinten und sah fast nichts. Er drängte sich zwischen den anderen vor um auch einen Blick in die Halle zu werfen. Der Zwerg streckte seinen Kopf weit in den Raum, sein rechter Fuß stand ein Stück über der Torschwelle. Knepp hörte ein leises Knacken unter sich und plötzlich zischte dicht über seinem Kopf ein Feuerball vorbei. Durch den ganzen Raum flogen kreuz und quer einige Feuerbälle. Knepp hatte damit das Rätsel der dunklen Löcher an der Wand gelöst aus denen ununterbrochen Feuerbälle schossen. Die unsichtbaren Auslöser im Boden veranstalteten bei jedem Schritt ein wahres Feuerwerk.

Diese Halle konnte ruhig noch etwas warten, die Gefährten und Grani beschlossen zuerst die beiden kleineren Nebengänge zu untersuchen. Anaid ging vor und leuchtete mit ihrem magischen Licht in einen der schmalen Gänge. In wenige Schritte Entfernung sahen sie einen Raum. Kardoc kroch am Boden und suchte nach Druckplatten oder anderen Auslösern für eine Falle. Er konnte nichts entdecken, der kurze Gang war anscheinend sauber und sie gingen vorsichtig hinein. Die kleine Kammer bot kaum Platz für alle. Staunend drängten sie sich vor einem steinerne Regal. In gläsernen Phiolen schimmerten verschiedenfarbige Flüssigkeiten im magischen Licht. Ibraha erkannte sofort die dunkle Flüssigkeit, es war ein Zaubertrank der die magische Energie wieder auffrischte. Vier Phiolen des Zaubertranks standen im Regal, für jeden magisch Begabten eine. Ibraha, Anaid, Eduardo und Kardoc steckten den wertvollen Trank in ihre Beutel. Eine glasklare Flüssigkeit erkannte Anaid, nachdem sie kurz daran geschnuppert hatte. Es war ein Lebenstrank der, je nach Konzentration des Tranks, müde Krieger wieder munter machte, oder sogar Wunden heilen konnte. Für jeden stand eine Phiole im Regal.

Während sie die Phiolen einsteckten meinte Grani: "Ich glaube das war erst der Anfang unserer Prüfung, die Phiolen können doch nicht zufällig, genau abgezählt hier seit Jahrhunderten stehen. Julenio muß noch einiges mit uns vorhaben wenn er uns derart gut ausrüstet."

Anaid ging wieder voraus, in den gegenüberliegenden Seitengang. Sie trat ein paar Schritte hinein. Das Ende des Gangs war nicht zu sehen, ihr magische Licht reichte nicht soweit. Der Gang wurde gründlich untersucht. Die Zwerge und Ibraha tasteten den Boden und den unteren Teil der Wände ab, die Menschen und Elfen kümmerten sich um die Decke und den oberen Teil der Wände. Langsam Schritt für Schritt tasteten sie sich vorwärts ohne auf etwas Besonderes zu stoßen. Nach fünfzig Schritt bog der Gang rechtwinkelig nach links ab.

Gleich nach den ersten paar Schritten wurden sie fündig. Während Davidudl den Halt verlor und seitlich in eine Illusionswand stolperte fand Knapp einen interessanten runden Stein der etwas aus dem Boden ragte. Er legte seinen Daumen drauf und rief, während er ihn tief hinein drückte: "Seht her, ich hab endlich den geheimen Knopf entdeckt!"

Kardoc schrie: "NICHT DRÜCKEN..."

Anaid blickte, durch das Geschrei abgelenkt, von Davidudls Füßen auf die aus der Illusionswand ragten und sah ein rotes Glühen in einiger Entfernung. Während sie sich auf den Boden warf rief sie: "KÖPFE RUNTER!"

Alle duckten sich rechtzeitig und der Feuerball schwärzte nur die Wand, wenige Schritte hinter ihnen. Davidudl sah ihn gerade noch an der Mauer zerschellen als er wieder aus der Illusionswand trat. Er ging sicherheitshalber wieder einen Schritt zurück und schaute mißtrauisch in den dunklen Gang während er sprach: "Ich hab da hinten ist eine Holztür gefunden, die könnten wir einschlagen."

Gleich hinter der Illusionswand war tatsächlich eine mannshohe Holztür und sie bestand keinesfalls aus normalen Holz. Davidudl warf sich mit der Schulter dagegen, genauso gut hätte er sich aber gegen ein Bergmassiv stemmen können. Diese Tür konnte niemand mit Gewalt öffnen. Als nächster versuchten die Zwerge Knepp und Knapp ihr Glück. Sie scheiterten aber kläglich an dem Schloß. Kardoc suchte seine Sperrhaken und deutete den beiden sie sollen jetzt einmal zusehen und lernen wie so was gemacht wird. Nachdem er eine Weile erfolglos mit seinen Sperrhaken herumgestochert hatte blickte er in das widerspenstige Schlüsselloch und meinte: "Ich glaube wir sollten lieber den Schlüssel suchen, da ist nämlich gar keine Mechanik drinnen, nur so ein komisches rotes Glimmen."

Knapp hatte die Ehre inzwischen den langen Gang alleine weiter zu untersuchen, er wußte jetzt schließlich ganz genau wie die Auslöseknöpfe für die Feuerbälle aussahen. Die anderen gingen zurück um die Ecke und beobachteten wie Knapp am Boden herumkroch. Er fand tatsächlich noch einige dieser Auslöseknöpfe und zwei davon drückte er auch unabsichtlich. Dicht über sein Hinterteil raste das flammende Infero vorbei und zerplatzte in einem Flammenmeer an der Wand. Anaids Licht erreichte ihn gerade noch als er plötzlich aufgeregt rief: "Da ist ein loser Stein unten in der Wand! Soll ich ihn bewegen?"

Die Gefährten brachten sich in Sicherheit und gingen noch ein Stück zurück. Bevor Grani Einwände erheben konnte rief Knepp: "Aber ja doch, drück nur, es ist sicher der Ausschalter."

Knapp richtete sich etwas auf und drückte den Knopf in die Wand hinein. Dem leisen Klicken in der Mauer folgte ein gewaltiger Feuerball der Knapps Rückenpartie etwas ansengte. Der Zwerg hatte plötzlich einen roten Kopf und schrie: "Danke für den guten Rat, die nächsten Knöpfe könnt ihr selber drücken."

Grani konnte nicht länger zusehen und sagte: "Ich gehe jetzt mit einer Fackel hin und leuchte ihm, er kann doch in der Dunkelheit gar nichts mehr erkennen."

Kardoc hielt ihn zurück und meinte er werde Knapp bei der Suche helfen. Der Zwerg sprach seinen Lichtspruch und tastete sich an den Auslöseknöpfen vorbei zu Knapp. Die beiden Zwerge fanden noch zwei lose Steine in der Mauer. Kardoc tippte auf den richtigen Stein und schaltete damit die lästigen Feuerbälle aus.

Nach wenigen Schritten gelangten sie ans Ende des Gangs und schauten in ein großes Loch an der Wand. Die Ränder waren noch ziemlich heiß. In die Öffnung konnte knapp ein Zwerg passen, aber der Stein mußte noch einige Stunden auskühlen bevor jemand hineinklettern konnte.

Knapp lehnte sich an die seitliche Wand und kugelte gleich darauf eine Stiege hinunter. Er hatte die erste Illusionswand seines Lebens entdeckt.

Kardoc ging ihm nach und meinte belustigt: "Ja, ja, die Mauern sind hier etwas porös, oder?"

Während er dem ächzenden Knapp hoch half sah er sich um. Die Stiege endete abrupt an einer Wand in die eine Inschrift gemeißelt war. Ibraha und Anaid wurden gerufen, die Schriftzeichen waren Kardoc völlig unbekannt. Doch auch die beiden belesenen Frauen konnten mit der Schrift nichts anfangen, die Runen mußten uralt sein.

Plötzlich hörten sie Rufe vom Gang, Knepp stand stolz in einer offenen Geheimtür die er ganz allein gefunden hatte. Die Geheimtür führte in eine größeren, völlig leeren Raum. Es dauerte jedoch nicht lange und es kam Leben in das alte Gemäuer. Aus den Wänden lösten sich vier durchscheinde Gestalten die sofort mit kleinen Feuerbällen um sich warfen und mit Flammenden Schwertern angriffen. Die Gefährten waren völlig überrumpelt und mußten schwere Schläge einstecken. Die Flammenschwerter brannten häßliche Wunden ins Fleisch. Anaid und Kardoc waren vollauf damit beschäftigt Schutzzauber auszuteilen. Ibraha warf eine magische Eiskugel um zu sehen wie die Flammengeister darauf reagierten. Davidudl und Grani schlugen mit den Schwertern wild um sich um die heißen Geister abzudrängen. Die Geister waren äußerst zäh. Die einzig Wirkungsvolle Waffe gegen die Flammengeister waren Eiskugeln.

Eduardo und Ibraha verwandelten den Raum innerhalb kürzester Zeit in eine Dampfkammer. Bei jedem der beiden Magier Treffer zischte es gewaltig und die Feuergeister schrumpften ein Stück. Eduardo lag flach auf dem Boden um den Feuerbällen möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Ibraha stand, von Kardoc und Anaid vor den Feuerbällen abgeschirmt, in einer Ecke und schoß pausenlos ihre Eiskugeln ab. Inzwischen waren zwei Geister weggeschrumpft, doch die Kraft der beiden reichte nicht. Eduardo griff zur Phiole mit dem Zaubertrank und leerte sie in einem Zug. Die dunkle Flüssigkeit wirkte sofort. Eduardo steckte die leere Phiole wieder ein und zauberte mit frischer Kraft weiter. Knepp und Knapp rannten hin und her und versuchten die Feuerbälle der Geister auf sich zu lenken um die anderen etwas zu entlasten. Ibraha trank ebenfalls rasch den Zaubertrank. Der Trank war von bester Qualität, augenblicklich kehrten ihre Kräfte zurück und sie zauberte wieder Eiskugeln. Diesmal reichte ihre Kraft, die beiden übrigen Feuergeister vergingen unter Eduardos und Ibrahas Eiskugeln und waren bald vollständig aufgelöst.

Keuchend ließen sich die Gefährten auf den Boden fallen. Alle außer Ibraha hatten schmerzhafte Verbrennungen davon getragen. Knapp war völlig fertig, so viel Bewegung auf einmal konnte nur

schädlich sein. Ein Feuerball hatte ihn am Fuß getroffen und die Haut mitsamt seiner Hose verbrannt. Er stöhnte vor Schmerzen. Mit zitternden Händen griff er in seinen Ranzen und holte die Phiole heraus. Er stürzte die glasklare Flüssigkeit mit einem Schluck hinunter.

Es war wie ein Sprung in einen Gebirgssee. Eine angenehme Kühle breitete sich augenblicklich über den ganzen Körper aus. Der Schmerz war wie weggeblasen. Knapp sah verwundert auf seinen Fuß, seine Haut wuchs rasend schnell über das verkohlte Fleisch und verdrängte die schwarzen Krusten. Er sprang auf, und hüpfte am Stand umher währen er rief: "Das ist Wahnsinn! Das müßt ihr auch trinken."

Die anderen zögerten keinen Moment und tranken ihre Phiolen. Julenios Heiltrank heilte bei allen die Verwundungen der Flammengeister.

Während Davidudl vergeblich nach einer kleinen Narben oder sonstigem Anzeichen des Kampfes suchte, sammelte Anaid ihre Pfeile ein die sie verschossen hatte. Dabei fand sie einen roten Schlüssel am Boden, dort wo der letzte Flammengeist verlosch.

Das mußte der passende Schlüssel für die Tür von vorhin sein!

Der Schlüssel paßte tatsächlich, die Holztür öffnete sich quitschend. Magisches Licht erhellte den verwinkelten Raum. Es war eine Bibliothek, überall standen Regale voller Bücher. Auf einem Schreibpult lag ein geöffnetes Buch in das sich Ibraha sofort vertiefte. In dem Zauberbuch standen Zaubersprüchen für Anfänger. Julenio hatte anscheinend an einem Lehrbuch gearbeitet. Die Zaubersprüche waren Ibraha alle bekannt. Anaid fand ein interessantes Buch mit eigenartigen Schriftzeichen. Es waren genau jene Zeichen die hier überall an den Wänden eingemeißelt waren. Auf den hinteren Seiten des Buches stand die Übersetzung der Runen.

In der Bibliothek gab es eine Unmenge Bücher über jedes Wissensgebiet und Thema. Sogar Davidudl fand ein interessantes Werk, ein Bilderbuch über Burgen und Schlösser. Während die anderen weiter stöberten ging Anaid mit dem Runenbuch zurück zur Treppe und versuchte den Text zu übersetzten. Nach einer Weile kam sie mit dem Ergebnis ihrer Übersetzung zurück: "Nehmt nur den heißesten Mond und seine Nachbarn."

Grani und die Gefährten schauten sich verwundert an. Was sollte ein heißer Mond sein? Es gab keinen heißen Mond. Grani meinte, daß vielleicht ein heißer Monat gemeint war, aber das konnte auch nicht sein. Die Monate unterschieden sich nicht durch Temperaturen. Nur in bestimmten Gegenden war es heißer oder kälter. Der Spruch blieb vorerst rätselhaft, er schien keinen Sinn zu ergeben. Schweren Herzens trennte sich Ibraha und Anaid von der Bibliothek. Grani versprach ihnen, daß hier mit Sicherheit nichts angerührt wurde und sie hatten natürlich jederzeit Zugang zu der geheimen Bücherei.

Anaid nahm das Buch der Runen und ging wieder auf den Gang hinaus. Davidudl wollte sich von seinem Bilderbuch nicht trenne und alle Anderen fanden ebenfalls ein Buch, daß sie als Andenken mitnehmen wollte. Nachdem alle ihre Bücher verstaut hatten gingen sie wieder auf den Gang hinaus und Grani verschloß die Tür. Den Schlüssel hängte er sich an seine Halskette. Kurz danach standen sie wieder vor dem großen Flammenportal und Anaid übersetzte die Inschrift darüber: "Halle des Feuers"

Das war keine Offenbarung. Daß dies die Halle des Feuers war hatten sie schon herausgefunden. Sie schauten wieder vorsichtig hinein und achteten darauf, daß keine Fußspitze in den Raum ragte. An den Hebeln stand leider kein Text sondern nur einzelne Runen. Außerdem konnten sie nur diejenigen in der Nähe des Portals entziffern. Die Runen sahen auch etwas anders aus, als die im Buch. Anaid blätterte das Buch nochmals von hinten bis vorne durch, plötzlich stieß sie auf eine Seite die sie bisher übersehen hatte. Neben zwölf einzelnen Runen stand immer ein kurzer Text. Anaid übersetzte in aller Eile was die Runen zu bedeuten hatten.

Nach zwei Zeilen war klar was auf dieser Seite stand. Der Text bezeichnete jeweils einen Monat mit der dazugehörigen Rune. Ibraha fand schließlich die Lösung des Rätsels. Sie wußte jetzt welches Monat das heißeste war. Ein Monat hieß Julenio, genau so wie der Magier. Julenio war der Herr des Feuers! Und seine Nachbarn waren Jiun und Agostos. Nehmt nur den heißesten Mond und seine Nachbarn! Die Hebel mit diesen drei Monden mußten gelegt werden. Dies war wieder einer jener Momente wo sie Osak irgendwie dazu gebracht hätten die gefährliche Angelegenheit zu übernehmen. Statt Osak mußten nun die beiden Zwerge Knepp und Knapp herhalten. Ihnen wurde eine Mutprobe aufgeschwatzt. Einer von ihnen sollte in heldenhafter Art und Weise hineingehen und die Hebel legen.

Knapp hatte keine Lust noch einmal mit den Feuerbällen Bekanntschaft zu machen und prahlte mit seiner Heldentat vorhin im Gang. Knepp konnte dies natürlich nicht auf sich sitzen lassen und machte sich bereit. Grani stellte sich zwar ebenfalls für diese gefährliche Aufgabe zur Verfügung, das lehnte Knepp aber kategorisch ab. Er hatte sich in den Kopf gesetzt hier hinein zu gehen, - und zwar auf jeden Fall! Kardoc zauberte ihm ein Schutzschild und Anaid zeichnete ihm die drei Runen auf ein Stück Papier.

Auf allen Vieren kroch Knepp in die Halle des Feuers. Kaum war er drinnen flogen ihm auch schon die Feuerbälle um die Ohren. Sie zischten völlig zufällig aus verschiedenen Löchern und in verschiedenen Höhen durch den Raum. Auf halben Weg zur Wand wurde Knepp frontal getroffen. Der magische Schild hielt aber den größten Teil der Hitze ab. Nur seine Haare wurden etwas angesengt, aber er stank jetzt erbärmlich.

Knepp fand zwei Hebel an der Wand, zum dritten Hebel mußte er auf die andere Seite. Er kroch dicht am Boden die Mauer entlang rundherum. Ohne einen weiteren Treffer erreichte er den letzten Hebel und legte ihn. Schlagartig hörten die Feuerbälle auf und die geschlossene Tür am anderen Ende der Halle öffnete sich wie von Geisterhand. Die Gefährten und Grani drangen weiter vor, in die Kammern des Julenio.

Kurz nach dem Tor standen sie in einem Kreuzgang. Genau vor ihnen sahen sie ein reich verziertes und versperrtes Tor. Kardoc blickte kurz ins Schlüsselloch und sagte: "Wieder so ein magisches Schloß."

Der rechten Gang endete in einem winzigen Raum. In der Mitte lag auf einem Podest ein flammenverzierter Schlüssel. Es war jedem klar wo dieser Schlüssel paßte. Knepp konnte gerade noch zurückgehalten werden als er den Schlüssel einfach so nehmen wollte. Kardoc zog seinen Kampfstab und steckte ihn in die Kammer. Kaum näherte er sich dem Podest schossen rundherum Flammen aus der Wand und brannten die Spitze der Stabes ab. Kardoc fuchtelte mit dem verkohlten Ende vor Knepps Gesicht.

Anaid untersuchte inzwischen die anderen Seite des Ganges und hatte fünf Hebel nebeneinander entdeckt. Über jedem Hebel stand wieder eine Rune. Anaid holte ihr Buch hervor und las: EFEUR Knapp meinte: "Das kenn ich, ist eine Schlingpflanze. Man kann sie sogar essen. Schmeckt gar nicht so schlecht."

Ibraha klärte ihn darüber auf, daß kein normaler Zweibeiner Efeu ißt und versuchte die Runen in einer anderen Reihenfolge zusammen zu setzen.

Kurz darauf hatte sie das Wort "Feuer" herausgefunden und legte die Hebel in dieser Reihenfolge. Kardoc hielt seinen Stab wieder zum Podest, diesmal passierte nichts. Er schob mit dem Stab den Schlüssel vom Podest herunter und hob ihn auf. Es war ein eigenartiger Schlüssel, der Bart war völlig glatt, ohne jedes Profil und glühte etwas rötlich. Der Schlüssel paßte genau ins Schlüsselloch der Tür. Kaum war er drinnen zuckten rote Blitze über die Oberfläche der Metalltür und langsam schwangen die beiden Torflügel auseinander.

Die Kammer war beleuchtet. An den Wänden brannten in metallenen Schalen helle Flammen. Ein großer hölzener Tisch stand in der Mitte des Raumes. Dahinter ein bequemer ledergepolsteter Stuhl. Auf dem Tisch lagen mehrere Schriftrollen, ein paar Bücher, Federkiel und Tintenfaß. Auf einigen losen Papieren lag ein eigenartig geformter Stein, ungefähr so groß wie Davidudls Handteller. Anaid zeigte auf eine Seite in ihrem Buch: "Das muß der Runenstein des Julenio sein!"

Er sah genau so aus wie auf der Abbildung. Ibraha nahm den Stein und betrachtete ihn sorgfältig. Er war aus unbekanntem Gestein, blankpoliert und nicht besonders schwer. Irgend etwas magisches konnte sie an dem Stein nicht entdecken. Ibraha steckte ihn in ihren Ranzen, vielleicht konnte Moram mehr mit diesem Stein anfangen. Julenios Kammer hatte noch einige Schätze anzubieten. An den Wänden standen einige Schränke mit verschiedenen Reagenzien. Verschiedene Glaskolben und Röhren, wie sie die Alchemisten verwenden, lagen herum. In Tonkrügen lagen die Überreste getrockneter Kräuter und andere magische Zutaten, leider völlig unbrauchbar. Einige dicht verschlossene Glasphiolen schienen aber noch in Ordnung zu sein. Es waren die gleichen Zaubertränke die sie draußen gleich neben dem Eingang bekommen hatten. Insgesamt fanden sie acht Manatränke, welche die magische Kraft wiederherstellten, und zehn Lebenstränke. Ibraha fand nach einiger Suche in den Schriften sogar das Rezept für den Manatrank.

In einem uralten Buch standen die Zutaten und die Herstellungsweise für den sogenannten Wurzibrasaft. Die Herstallung war ziemlich kompliziert und erforderte eine gut ausgestattete Alchemistenküche. Der Trank bestand aus nur zwei Zutaten. Ein Kraut, die seltenen Nieswurz, kannte Ibraha vom hörensagen. Die zweite Zutat war ihr aber unbekannt, obwohl der Name sehr vertraut klang. Auf der vergilbten Seite stand tatsächlich, daß für den Trank als weitere Zutat sogenanntes Ibrahakraut notwendig war. Ibraha hatte nie geahnt daß ein Kraut nach ihr benannt worden war. Allerdings war der Name "Ibraha" nicht unüblich in Mystia und wahrscheinlich hatte in grauer Vorzeit eine Namensvetterin das Kraut entdeckt.

Anaid stieß auf dem Tisch auf eine Schriftrolle in der etwas über den Runenstein geschrieben stand. Am Schluß, des in Runen verfaßten Textes, war eine magische Silbe aufgezeichnet. Anaid zeigte sie Ibraha doch diese Silbe war ihr nicht bekannt und sie steckte die Schriftrolle zum Runenstein in ihren Ranzen.

Knepp spielte inzwischen mit einem verzierten hölzernen Stab. Ibraha wurde glücklicherweise darauf aufmerksam und nahm ihm das gefährliche Spielzeug weg. Es war ein magischer Stab, das spürte sie ganz deutlich als sie ihn berührte. Auf dem Stab waren Runen geschnitzt: "Zehnfaches Feuer wider dem Bösen"

Am unteren Ende des Stabes fand sie den Auslöser, einen kleinen, versenkten Metallknopf. Ibraha wollten den Stab hier drinnen lieber nicht ausprobieren, wahrscheinlich konnte er Feuerbälle abschießen. Sie packte den Stab des Julenio zu den anderen Sachen und stöberte weiter in den Büchern und Schriften.

In einem verstaubten Regal entdeckte Ibraha ein Zauberbuch. Es war in normaler Schrift geschrieben und noch sehr gut erhalten. Ibraha vertiefte sich sofort in das Buch. Einige Sprüche die sie noch nicht kannte standen darin. Sehr nützlich konnte der Spruch "Schweben" eines Tages sein, oder ein "Feuerregen" war sicher wirkungsvoller als ein einzelner Feuerball. Die Silben mußte sie allerdings noch gründlich studieren bevor sie die Sprüche anwenden konnte.

Nach mehrmaligen Drängen der weniger belesenen Abenteurer, denen bei den vielen Büchern bereits etwas Langweilig wurde, packte Ibraha das Zauberbuch ein. Grani meinte es wäre das Beste die übrigen Bücher vorerst hier unten zu lassen, die Gefährten hätten jederzeit Zugang zu den Schriften wenn sie es wünschten.

Nach unzähligen Stufen erreichten sie wieder die Räume des Schlosses Gelea. Es war inzwischen später Nachmittag geworden. Die Handwerker arbeiteten noch immer unermüdlich und hatten die gröbsten Schäden bereits ausgebessert. Gelea war wieder halbwegs bewohnbar.

Grani zog sich in seine Gemächer zurück, er hatte morgen einen schweren Tag. Seine Geliebte wurde morgen zu Grabe getragen. Er hatte den Bau eines Mausoleums in Auftrag gegeben. Kardoc überlegte. daß ein kleines Mausoleum für Osak eigentlich auch nicht schlecht wäre. Aber so ein Bauwerk kostet eine Menge Gold und das war meistens sehr knapp. Vielleicht später einmal, wenn sie genügend Gold beisammen hatten könnte man ein kleines Denkmal errichten.

Die Gefährten entschlossen sich noch heute mit dem Teleporter nach Brilante zurück zu reisen um Moram zu berichten. Nachdem sie sich von Grani verabschiedeten hatten gingen sie in die geheime unterirdische Kammer. Die beiden Zwerge Knepp und Knapp nahmen sie mit um sie dem König und Moram vorzustellen.

Davidudl legte den Hebel in der Teleporterkammer und nach wenigen Momenten hatten sich alle im grellen Licht aufgelöst. Diesmal wurden um zwei Zwerge mehr teleportiert, - aber dafür ein Osak weniger.

Der Kristall verlosch und die Kammer war wieder dunkel.

© Andreas Bartl

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