KAPITEL 8

Jindiggi Sümpfe

König Marco und der ehrwürdige Moram hörten den Gefährten aufmerksam zu. Sie waren sichtlich erleichtert als sie erfuhren, daß Grani Eitel wieder der Alte war und dem König treu ergeben. Osaks Tod machte sie betroffen und sie bedauerten diesen Verlust. König Marco meinte, daß Osak aber nicht umsonst gestorben war und sein Name würde von den Geschichtsschreibern nicht vergessen werden.

Eduardo verabschiedete sich bald, er wollte den Turm mit neuen und besseren Sicherungszaubern schützen. Die Nataspriester beherrschten, ihm noch völlig unbekannte Zaubersprüche, so wie den Bannspruch mit dem sie die Gehirne ihrer Gegner übernahmen. Es war durchaus denkbar, daß sie doch eine Möglichkeit fanden um in den Turm zu gelangen.

Ibraha und Anaid zeigten Moram die Bücher aus der Gruft des Julenium. Die Drei zogen sich bald in die Bibliothek zurück und studierten diese Schätze aus uralter Zeit. Der König musterte inzwischen die beiden Neulinge Knepp und Knapp. König Marco war hocherfreut als er hörte, daß zwei weitere Krieger für das Königreich kämpfen wollten und stellte ihnen Quartiere im Schloß zur Verfügung. Außerdem überreichte er beiden einen kleinen Goldsack, schließlich mußten seine Getreuen gut ausgerüstet sein.

Es war Vormittag, die Händler hatten alle geöffnet. Knepp und Knapp waren nicht mehr zu halten. Gemeinsam mit Kardoc und Davidudl machten sie sich auf den Weg zu den leidgeprüften Händlern, die von der Ankunft der Gefährten noch nichts wußten. Kardoc und Davidudl kauften nur ein paar Kleinigkeiten, sie waren momentan gut ausgerüstet. Knepp und Knapp waren dafür im Kaufrausch. Sie kauften hauptsächlich Ramsch und unnötigen Tand. Nachdem Knapp sein ganzes Gold verpaßt hatte beschloß er seine Fähigkeiten als Dieb zu erproben. Der Händler bemerkte dies natürlich und wollte mit hochroten Kopf nach der Schloßwache rufen. Kardoc und Davidudl konnten ihn gerade noch beschwichtigen und nahmen Knapp im Würgegriff mit hinaus auf die Straße. Kardoc schilderte Knapp ausführlich wie viele und welche Gliedmaßen man einem Dieb abschnitt wenn er erwischt wurde.

Nachdem sie Knapp erfolgreich von der Diebeslaufbahn abgebracht hatten gingen sie alle in ihre Quartiere. Kardoc hatte, bevor sie gestern aufgebrochen waren, einen dünnen Faden an der Tür angebracht. Man konnte schließlich nicht wissen wer aller im Schloß herum schlich. Der Faden war unberührt. Trotzdem sah er sicherheitshalber in seinem Geheimfach nach. Es war alles drinnen. Die Orktarok Karten, zwei Orden für Abenteurer die er vor langer Zeit bei irgend einem Auftrag erhalten hatte. Der Auftraggeber hatte ihm damals statt einer Bezahlung die beiden Wertlosen Medaillen aufgeschwatzt. Neben einem Säckchen Gold hatten sich im Laufe der Zeit auch einige Edelsteine angesammelt. Einige davon kannte er nicht einmal, und wieviel sie Wert waren wußte er schon gar nicht.

Im Schloß gab es einen Goldschmied, der konnte den Wert der Steine sicher schätzen. Kardoc packte die Steine in einen Beutel und betrat wenig später die Werkstatt des Goldschmieds. Der Mensch schaute mit hochgezogenen Augenbrauen auf den funkelnden Haufen den Kardoc vor ihm auschüttete. Er nahm einen Stein nach dem anderen und ging damit zum Fenster. Kardoc wartete geduldig bis der Mann alle Steine im Gegenlicht geprüft hatte. Der Goldschmied setzte sich wieder in seine Werkbank und sortierte die Steine. Dann nannte er dem Zwerg sein Angebot für die Steine. Zweitausend Quillar für die Rubine, fünftausend für die Diamanten, viertausend für die Smaragde,...

Kardoc hatte keine Ahnung, daß er seit Jahren ein derartiges Vermögen mit sich herumgeschleppte. Er war reich!

Unglaublich reich sogar, das Säckchen Edelsteine brachte alles in allem Vierzigtausend Quillar. Kardoc wurde plötzlich heiß. Er versuchte nicht einmal mehr mit dem Goldschmied zu handeln, vielleicht hatte er sich ja zu seinen Gunsten geirrt. Der Goldschmied holte eine handliche Truhe hervor und wog einige große Goldstücke auf seiner Waage ab. Vierzigtausend Quillar trug kein Zweibeiner in kleinen Münzen mit sich herum. Das Zählen hätte viel zu lange gedauert. Kurz danach schleppte Kardoc die kleine Truhe in seine Kammer und starrte auf den glänzenden Inhalt. Seine Drachenschuppenrüstung war damit auf einen Schlag finanziert und es blieb sogar noch was übrig. Er verstaute die dreißigtausend Quillar für die Rüstung in einem eigenen Sack und versteckte seinen Schatz im Geheimfach. Eigentlich sollte er ja dem Reichtum entsagen, aber die Rüstung war eben nicht billig und mit dieser Drachenschuppenrüstung konnte er sicher besser gegen die Feinde Brilantes kämpfen.

Seine Überlegungen wurden jäh unterbrochen als es an der Tür klopfte. Knepp stand draußen. Moram hatte in der Kapelle etwas zu verlautbaren. Als sie dort ankamen waren bereits alle versammelt. Knepp und Kardoc betraten als letzte den Nebenraum der Whuosakapelle. Moram erzählte von den neuesten Ergebnissen seiner Nachforschungen über die Runensteine. Vor dreitausend Jahren mußte ungefähr das Gleiche passiert sein wie in diesen Tagen. Irgendeine Böse Macht hatte einen Weg nach Mystia gefunden. Damals traten zwölf Helden gegen dieses Böse an und besiegten es. Wie sie das angestellt hatten wußte Moram noch nicht. Nach ihrem Sieg verschlossen sie einen Riß im Gefüge der Welt auf magische Weise, mit zwölf Siegeln. Die Runensteine wurden damals rund um den Riß plaziert und die Zwölf sprachen nacheinander einen langen und komplizierten Zauberspruch. Die Silben die Ibraha in den Kammern des Julenio gefunden hatten waren ein Teil dieses Zauberspruches. Aber es waren alle zwölf Silben und Runensteine nötig um die Lücke wieder zu schließen. Leider gab es in den Büchern der Schloßbibliothek keine Hinweise wo sich die Runensteine befanden. Der einzige brauchbare Hinweis bezog sich auf einen weisen Mann in den Jindiggi Sümpfen der vielleicht mehr über die zwölf Helden wissen konnte.

Moram sah fragend in die Runde der Gefährten. Davidudl meinte: "Da sollten wir wohl dem Weisen einen Besuch abstatten, oder?"

Moram zeigte den Gefährten auf einer Landkarte wo sich das Haus des Weisen ungefähr befand. Die Suche würde sicher nicht einfach werden, die Sümpfe wurden von den Zweibeinern gemieden, angeblich hausten dort seltsame Kreaturen. Deshalb gab es auch keine genauen Karten vom Sumpfgebiet. Auf Morams Karte waren nur die wichtigsten Flußläufe eingezeichnet. Moram gab ihnen sicherheitshalber noch ein Empfehlungschreiben mit; bei weisen alten Männern konnte man nie wissen in welcher geistigen Verfassung sie gerade waren.

Die Gefährten verließen Moram und besprachen wer von ihnen auf die Reise gehen sollte. Der Auftrag schien nicht ganz ungefährlich zu sein deshalb blieben Knepp und Knapp fürs erste in Schloß Brilante. Sie sollten sich in der Zwischenzeit im Kampf üben, es gab hier die besten Lehrmeister des ganzen Königreiches.

Ibraha kam ebenfalls nicht mit. Sie wollte eine Weile alleine sein. Der Tod ihres Gefährten Osak hatte sie vielleicht doch tiefer berührt als es sie es zeigen wollte. Eduardo war zu seinem Turm geflogen. Also blieben nur Anaid, Davidudl und Kardoc für die Reise zum Weisen in den Sümpfen.

Sie gingen alle gemeinsam in die Stadt in den "Goldenen Turm" und genehmigten sich noch ein gemeinsames Mahl. Nach einer guten Stunde verließen sie die Gastwirtschaft. Draußen vor der Tür trennen sich ihre Wege. Knepp und Knapp gingen in ihre Quartiere. Ibraha hatte ihren Ranzen bereits mit, sie ging zum Schloßtor hinaus und winkte noch einmal zurück. Anaid, Davidudl und Kardoc entfernten sich als letzte vom "Goldenen Turm" zu ihren Flugdrachen. Wenig später flogen sie in Richtung Osak. Dort wollten sie die Flugdrachen zurücklassen, in die Sümpfe mußten sie ohnehin zu Fuß. Nach einigen Tagen erreichten sie die Stadt Osak. Die Flugdrache gaben sie wieder in die Obhut der Tempelpriester. Nach einer kurzen Rast marschierten sie zu Fuß nach Ryla weiter wo sie drei Tage später ankamen. Von Ryla war es nur noch zwei Tagesmärsche zum Mangalo Fluß der direkt in die Jindiggi Sümpfe floß.

Vor einigen Wochen waren sie schon einmal hier, um Nirmaras Karawane zu beschützen. Kardoc fragte sich ob die Karawane wohl schon am Ziel war? Man hatte bis jetzt keine Nachricht von Prinz Andrus erhalten.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Ryla marschierten sie mit frischen Proviant versorgt auf der alten Handelsstraße. Bei der alten steinernen Brücke angelangt, gingen sie Flußabwärts weiter. Nach einem halben Tagesmarsch am Flußufer des Mangalo erreichten sie ein kleines Fischerdorf. Die Einwohner des Dorfes waren recht freundlich und boten ihnen sogar geräucherte Fische für unterwegs an. Keiner der Fischer war jedoch bereit sie in die Sümpfe zu führen. Die seichten Gewässer des Sumpfs wimmelten nur so vor Krokodilen, und außerdem hauste dort angeblich eine seltsame Rasse von Echsenmännern. Die Sümpfe zu betreten war nach den Erzählungen der Fischer reiner Selbstmord.

Nach langen Verhandlungen verkaufte ihnen ein Fischer wenigstens sein altes Boot. Der Mann verlangte einen Wucherpreis, weil er auf dem Standpunkt stand, daß die drei Wahnsinnigen sowieso nie wieder Geld brauchen würden. Er meinte trocken, ob ihre Goldbeutel bei ihm in der Hütte lagen oder irgendwo im Sumpf versanken war doch schließlich egal.

Derart von den Dorfbewohnern ermutigt bestiegen sie den halbvermoderten Kahn und ließen sich von der Strömung Flußabwärts treiben. Das Segel bestand fast nur aus Löchern, aber vom Segeln verstand ohnehin keiner der Drei etwas. Sie brauchten nur das Ruder zu halten und darauf achten, daß ihr Boot nicht strandete. In der Abenddämmerung legten sie an einer flachen Sandbank an und entfachten ein kleines Lagerfeuer. Sie hielten sogar abwechselnd Wache, die seltsamen glugsenden

Geräusche im Fluß waren irgendwie unheimlich. Die Nacht verging ruhig ohne daß sie mit irgendwelchen Flußgeistern Bekanntschaft gemacht hatten. Am frühen Morgen stießen sie das Boot wieder in den Fluß und ließen sich weiter treiben.

Gegen Abend näherten sie sich dem Randgebiet der Sümpfe. Das Flußufer war dicht mit großblättrigen Bäumen bewachsen, Wurzeln standen wie knochige Finger ins Wasser. Immer wieder streiften ihr Boot durch hängende Äste riesiger Trauerweiden. Der Mangalo floß träge durch das sumpfige Gebiet und ihr Boot trieb gemächlich dahin.. Es war erst Abenddämmerung, aber die hohen Bäume nahmen rasch das letzte Tageslicht. Sie steuerten das Boot zwischen die Wurzeln eines großen Baums. Auf seinen breiten Ästen hatten sie genügend Platz um sich ein Nachtlager einzurichten. Anaid übernahm die erste Wache.

Die Geräusche des Sumpfes klangen fremd und bedrohlich. Dauernd klatschte irgendetwas ins Wasser, hin und wieder kreischten fremdartige Tiere. Das Laub der Bäume raschelte, obwohl es völlig windstill war. Anaid fühlte ganz deutlich, daß sie beobachtet wurden. Sie starrte angestrengt in die Dunkelheit. Der Mond Whuosa durchbrach nur an wenigen Stellen das dichte Blattwerk. Nach einigen Stunden anstrengender Wache weckte sie Davidudl. Der Krieger setzte sich mit gezogenen Schwert auf den breiten Ast und fühlte sich äußerst unbehaglich. Die Geräusche des Sumpfs gingen ihm auf die Nerven. Einmal sprang er auf weil sich irgend etwas auf einem nahen Ast bewegt hatte. Es verschwand aber sofort wieder. Falls hier wirklich Echsenmänner herumschlichen waren sie sehr geschickt, Davidudl sah nicht die kleinste Schuppe von ihnen. Kardoc hatte die letzte Wache und es erging ihm ebenso. Es hörte sich zwar ständig so an als ob irgendwer um sie herumschlich, zu sehen war aber niemand.

Endlich graute der Morgen. Das Boot lag noch vertäut zwischen den großen Wurzeln. Wahrscheinlich waren heute Nacht nur wilde Tier um sie herum geschlichen.

Langsam trieb das Boot weiter. Manchmal wußten sie nicht einmal mehr ob sie überhaupt noch im richtigen Flußlauf waren. Die Vegetation wurden stellenweise so dicht, daß sie mit den Rudern zwischen den Wurzeln manövrieren mußten. Dann kamen wieder öde Gegenden wo höchstens ein wenig Sumpfgras und verfaulte Baumstämme aus dem dunklen Wasser ragten. Nachdem sie einen ganzen Tag durch trübes, bräunliches Wasser gerudert waren erreichten sie wieder schneller fließender Gewässer. Der Flußlauf war wieder halbwegs erkennbar und sie fanden sogar eine feste Stelle am Ufer wo sie ihr Nachtlager aufschlagen konnten. Sie waren noch immer im oberen Bereich der Sümpfe. Nach zwei weiteren Tagen mußten sie ungefähr in der Mitte der Jindiggi Sümpfe sein. Dort sollte dann irgendwo der Weise hausen.

Es wurde wieder Nacht und Davidudl übernahm diesmal die erste Wache. Neben dem kleinen Lagerfeuer, nahe beim Wasser, lagen Anaid und Kardoc. Davidudl starrte angestrengt in den dunklen Sumpfwald. Überall raschelte es verdächtig. Hin und wieder schnellte ein Blatt in die Höhe, als ob ein Tier im Dickicht herumsprang. Davidudl hörte Wasser platschen, und danach ein schleifendes Geräusch hinter sich. Blitzschnell drehte er sich um.

Ein riesiger Echsenmann!

Er kroch in der Dunkelheit aus dem Wasser über den Boden zu Anaid und Kardoc. Davidudl sprang mit einem Satz über das Lagerfeuer und stellte sich zwischen seine Gefährten und dem Echsenmann der leicht doppelt so groß war wie er. Warum stand der Kerl nicht auf? Als der Echsenmann seinen riesigen zähnebespickten Rachen öffnete vermutete Davidudl, daß es vielleicht eins dieser Krokodile war. Er hatte bisher weder Echsenmänner noch Krokodil gesehen, aber dies hier sah eher wie ein Krokodil aus. Das Tier stand auf vier kurzen Beinen, wenige Schritte vor Davidudl, und schwenkte seinen riesigen Kopf hin und her. Das Maul klappte immer wieder mit einem häßlichen Geräusch zu. Davidudl stieß Kardoc mit dem Fuß an. Der Zwerg war sofort wach und weckte Anaid. Das Krokodil griff unvermutet an.

Mit einem Tempo, daß ihm kaum zu zutrauen war rannte es mit seinen kurzen Beinen direkt auf Davidudl zu. Er konnte gerade noch zur Seite springen und schlug sein Schwert auf den Rücken des Tieres. Die Klinge prallte wirkungslos vom Schuppenpanzer ab. Sofort drehte sich das Tier um und versuchte nach Davidudl zu schnappen. Er stolperte einige Schritte zurück und suchte nach einer verwundbaren Stelle. Im Schein des Lagerfeuers erkannte Davidudl daß die Bauchseite des Krokodils etwas heller war; vielleicht war es dort verwundbar.

Das Tier stürmte wieder los, Davidudl blieb ungerührt stehen. Kardoc schlug von der Seite mit seiner Axt zu. Das Biest reagierte nicht einmal, sondern rannte unbeirrt mit erhobenen Kopf und geöffneten Maul auf Davidudl zu. Im letzten Moment sprang er auf die Seite und stach mit dem Schwert vorne unterhalb des Mauls in die weichere Haut des Krokodils. Es blieb wie vom Blitz getroffen stehen und sackte zusammen. Nach ein paar Zuckungen rührte es sich nicht mehr. Davidudl hatte sein erstes Krokodil erlegt. Dem erstaunten Zwerg sagte er schlicht: "Also gar so gefährlich sind diese Krokodile auch wieder nicht."

Davidudl zog seinen Dolch und nahm sich einige Trophäen von seinem Fang. Die krallenbewehrte Pranke und eine Handvoll Zähne verschwanden in seinen Ranzen. Kardoc nahm sich ebenfalls einige Zähne aus dem Maul. Irgendwann wollte er sich eine hübsche Halskette daraus machen; die gelblichen, krummen Krokodilszähne sahen sicher eindrucksvoll auf dem grauen Kettenhemd aus. Anaid meinte zu Davidudl er solle nur darauf achten daß die Pranke nicht im Ranzen zu faulen

begann. Seine Speeramseln, die er in der Höhle im Orkgebirge erbeutet hatte und noch immer mit sich herumschleppte, rochen jedenfalls schon etwas eigenartig.

Die Gefährten suchten sich einen geeigneten Baum für ihr Lager, am Boden war es eindeutig zu gefährlich. Den Rest der Nacht verbrachten sie ungestört in der riesigen Astgabel eines Baumes. Das Boot lag am nächsten Morgen unverändert am Strand. Sie stiegen wieder ein und ruderten in die Mitte des Flusses. Nach einer Weile erreichten sie eine Gabelung des Flusses. In der Mitte stand auf einer kleinen Insel ein riesiger weißer Baum. Anaid schaute verwirrt auf die Äste des Baums.Er

sprach zu ihr! In ihrem Kopf hörte sie eine Stimme: "Oh welch ein Zufall, eine Elfe! Ach, wie lange ist`s her, daß ich mit einem eurer Gattung gesprochen habe? Komm doch einen Moment her und laß uns einen kleinen Schwatz halten."

Seine Äste schienen zu winken. Anaid war sich nicht ganz sicher ob sie der Baum in eine Falle locken wollte. Die Insel rückte immer näher. Kardoc war auf den eigenartigen Baum ebenfalls aufmerksam geworden und steuerte auf die Insel zu. Anaid erzählte ihnen rasch, daß der Baum zu ihr gesprochen hatte. Nachdem Anaid dem ungläubig dreinschauenden Zwerg und Davidudl beteuert hatte, daß sie nicht wirr im Kopf war beschlossen sie den Baum näher zu untersuchen und landeten auf der kleinen Insel.

Sie standen in zehn Schritt Entfernung und beobachteten die wiegenden Äste. Es wehte nicht das leiseste Lüftchen, die Äste wurden anscheinend vom Baum selbst bewegt. Er begann wieder zu sprechen und diesmal verstanden es alle. Dem Baum war anscheinend nur Langweilig, er erkundigte sich nach dem wertem Befinden der Reisenden.

Anaid stellte sich und ihre Gefährten vor. Der Baum neigte sich ein wenig nach vorn und behauptete er sei der Baum des Lebens. Niemand hatte je etwas vom Baum des Lebens gehört also fragte Anaid was er hier im Sumpf den ganzen Tag so treibe. Der Baum lehnte sich etwas zurück und stützte ein paar seiner Äste hinter sich am Boden ab während er sprach: "Eigentlich nichts mehr. Es sind schlimme Zeiten angebrochen, wie ihr vielleicht schon bemerkt habt. Dieser häßliche rote Mond der seit einiger Zeit jede Nacht am Himmel steht, hat garantiert etwas damit zu tun. Die Dinge verändern sich durch ihn. Früher war es hier wirklich wunderbar. Ich habe mit meinen Freunden Tage und Nächte durchgeplaudert. Oh, wir hatten viel Spaß, besonders die Trauerweiden sind ein lustiges Volk kann ich euch sagen. Aber das hat sich alles aufgehört. Heute gibt es nur noch Schweigen. Die meisten Bäume haben sich in sich selbst zurückgezogen und sprechen mit niemanden mehr. Einige sind sogar aggressiv geworden, sie haben sich selbst entwurzelt und laufen herum. Sie greifen alles an was sich ihnen in den Weg stellt. Was sind das nur für Zeiten? Wer hätte je gedacht, daß eines Tages Bäume herumlaufen und mit ihren Ästen wild um sich schlagen? Es bleibt nur zu hoffen, daß sich irgendwer findet der dem Bösen Einhalt gebietet."

Der Baum beugte sich wieder etwas vor und deutet mit einem Ast auf die Gefährten: "Aber nun genug von mir. Was hat euch in diese ungastliche Gegend verschlagen?"

Davidudl beugte sich zu Kardoc und flüsterte: "Ich möchte wissen wo der seinen Mund hat, die Stimme muß doch irgendwo raus kommen."

Anaid fand überhaupt nichts dabei mit einem Baum zu reden, im Gegenteil, dies hier bestätigte nur den Glauben der Elfen, daß jede Pflanze genauso ein Lebewesen war wie jedes andere, nur daß es eben in der Erde verwurzelt war. Anaid erklärte dem Baum den Grund ihres Hierseins: "Wir versuchen das Dimensionstor auf der Insel Mystika, aus dem diese böse Macht kommt, wieder zu schließen. Dazu brauchen wir aber zwölf verschollene Runensteine. Der Weise im Sumpf weiß angeblich etwas über diese Steine."

Kardoc hatte nun ebenfalls akzeptiert daß Bäume sprechen und fragte: "Du weißt nicht zufällig wo dieser Weise wohnt?"

Der Baum seufzte: "Ach ja der Weise! Ich habe ihn habe erst kürzlich mit ihm gesprochen, vor fünf oder sechs Jahren glaube ich. Wenn er inzwischen nicht umgezogen ist kann ich euch den Weg beschreiben."

Der Baum zeichnete in die weiche Erde zwischen seinen Wurzeln einen Plan auf der sie zumindest in die Nähe des Weisen Mannes führen sollte. Anaid zeichnete die Wege auf ein Stück Papier ab. Nachdem sie fertig war fragte sie den Baum weiter aus: "Wieso nennst du dich eigentlich Baum des Lebens?"

Der Baum antwortete: "Also das ist eine ganz eigene Geschichte. Ich bin nämlich so ziemlich der einzige Baum meiner Gattung auf dieser Weltscheibe; glaube ich zumindest. Mein Saft kann alle möglichen Dinge zum Leben erwecken. Selbst lebloses Material reagiert auf meinen Saft. Man kann aber nie genau sagen was mit den erweckten Gegenständen passieren wird. Wenn ihr wollt könnt ihr eine kleine Probe mitnehmen. Wie ich euch Zweibeiner kenne habt ihr sicher irgend etwas Scharfes dabei. Ihr dürft einen kleinen Schnitt in meine Rinde machen und etwas Saft abzapfen. Aber ja nicht zu tief schneiden, ich möchte nachher nicht mit so einer häßlichen, verharzten Narbe da stehen."

Anaid ritze ganz vorsichtig die Rinde an und fing die milchigen Tropfen in einer leere Phiole. Nachdem das Gefäß voll war drückte sie Rinde fest zusammen, so daß der Baum zu bluten aufhörte. Nun hatte auch Davidudl eine Frage: "Sag, sprechen eigentlich alle Pflanzen? Bis jetzt hat noch keine mit mir geredet!"

"Eigentlich sprechen schon alle Pflanzen. Obwohl,... ich möchte ja niemanden diskriminieren.."

Der Baum sprach plötzlich sehr vertraulich und leise: "Ich finde ja dieses Sumpfgras erzählt nur dummes Zeug. Ich persönlich unterhalte mich nicht mit diesen... diesen... Gräsern."

Sein Tonfall wurde wieder normal: "Wenn du bis jetzt noch niemanden von uns sprechen gehört hast, dann liegt es daran, daß wir Pflanzen und ihr Zweibeiner irgendwie nicht die selben Themen haben. Also ich kann mir nicht vorstellen was an diesem ewigen Herumreisen so aufregend sein soll. Du solltest einmal spüren wie unglaublich interessant es ist, den Boden mit den Wurzeln zu untersuchen, diese Suche nach vorbeiwandernder Nahrung ist ein großartiges Gefühl, und erst ein Regen, also ich erinnere mich da an einen Platzregen vor ungefähr... Aber ich glaube ich langweile euch nur mit diesen Geschichten"

Der Baum streckte seine Äste auf eine Seite des Flußes: "Wenn ihr diese Richtung einschlagt und immer auf dem gleichen Flußlauf bleibt müßtet ihr zum Weisen gelangen. Und nehmt euch vor den wandernden Bäumen in acht. Die lassen nicht mit sich spaßen."

Der Baum flüsterte wieder: "Ich sollte das ja eigentlich nicht sagen,... aber sie haben gewissen Respekt vor... vor... Feuer, wenn ihr wißt was ich meine!"

Das Wort "Feuer" bereitete ihm als Baum verständlicherweise Schwierigkeiten. Die Gefährten bedankten sich für den Saft des Lebens und bestiegen wieder das Boot. Sie lenkten es in die angegeben Richtung und bald verschwand der Baum des Lebens hinter den Windungen des Flusses.

Anaid nahm das Stück Papier auf dem sie den Weg zum Weisen aufgezeichnet hatte und Kardocs Landkarte. Sie dirigierte den Zwerg, der am Steuerruder saß und Davidudl ruderte wenn es notwendig war. Zwei Tage folgten sie dem beschriebenen Weg, dann stießen sie auf etwas Außergewöhnliches. Eine Brücke!

Quer über den Fluß spannte sich eine Hängebrücke aus Rundhölzern und Lianen. Kardoc steuerte das Boot ans Ufer und sie sprangen an Land. Von der Brücke führte ein Pfad in den Sumpf, der Weg schien halbwegs fest und sicher zu sein. Leise schlichen sie den Weg entlang. Im weichen Boden fanden sie Fußabdrücke von den Wesen die normalerweise auf diesem Pfad gingen. Drei große Zehen vorne, und eine hinten; mit Krallen! Das waren garantiert die Echsenmenschen.

Sie gingen fast den ganzen Tag den Weg entlang ohne irgendwen zu treffen. Plötzlich in einem kleinen Wäldchen erlebten sie eine böse Überraschung. Sie waren umzingelt. Zwanzig aggressive und entwurzelte Bäume standen rundherum. Sie schlugen wild mit den Ästen aneinander und bewegten sich langsam auf die drei Gefährten zu. Davidudl und Kardoc zogen ihre Waffen, sie machten sich bereit Kleinholz aus den durchgedrehten Bäumen zu machen. Anaid versuchte aber lieber den Rat des Lebensbaumes zu befolgen und entzündete rasch eine Fackel.

Es funktionierte tatsächlich, die Bäume wichen vor dem Feuer zurück. Davidudl und Kardoc nahmen sich ebenfalls Fackeln. Sie standen Rücken an Rücken und schwangen die Fackeln hin und her. Die Bäume wichen zwar etwas zurück, aber machten keine Anstalten zu verschwinden. Davidudl stieß seine Fackel blitzartig vor und zündete einem der Bäume einen Ast an. Das Wirkte! Der Baum lief auf seinen Wurzeln ins Dickicht und kam nicht mehr wieder. Nach kurzer Zeit hatten alle Bäume, leicht angesengt, die Flucht ergriffen.

Die Gefährten beschlossen gleich hier an dieser frisch entstandenen Lichtung ihr Nachtlager auf zu schlagen. Auf einem Baum wollten sie lieber nicht schlafen. Statt dessen zogen sie einen Ring aus ein paar Lagerfeuern um sich und teilten sich die Nachtwache. Die ganze Nacht ließ sich kein Baum blicken.

Am nächsten Morgen gingen sie mit brennenden Fackeln in der Hand weiter. Der Pfad führte immer tiefer in den Sumpf, manchmal verschwand er in sumpfigen Löchern und sie mußten sich über unbefestigtes Gelände vorwärts tasten. Als sie sich ihren Weg durch ein dichtes Gebüsch bahnten standen sie auf einmal mitten in einem Krokodilnest.

Fünf der großen Tiere griffen sie gleichzeitig an. Kardoc und Anaid versuchten ebenfalls Davidudls Technik anzuwenden, doch ohne ein ordentliches Schwert war hier nicht viel auszurichten. Während die beiden versuchten den messerscharfen Zähnen der Krokodile zu entkommen erledigte Davidudl geradezu elegant eines nach dem anderen. Es war fast schon wie ein Spiel, er ließ die Krokodile ganz dicht an sich herankommen und brachte dann im letzten Moment seinen tödlichen Stich an. Davidudl tötete alle fünf ganz alleine.

In der nächsten Nacht war sich Anaid völlig sicher, daß sie die ganze Zeit über schon verfolgt und beobachtet wurden. Zwischen den Blätter schien hell der Mond. Im Gebüsch vor ihr blitzten plötzlich zwei Augen. Als sie aufsprang rannte eine menschenähnliche Gestalt davon. Sie wagte aber nicht die Verfolgung aufzunehmen, im dichten Sumpfwald war sie dem Echsenmenschen mit Sicherheit unterlegen.

Anaid schärfte Davidudl ein, als sie abgelöst wurde, auf keinen Fall einzunicken. In dieser Nacht ließ sich jedoch niemand mehr blicken. Am nächsten Morgen gingen sie den Pfad weiter; vom Weg den ihnen der Baum des Lebens beschrieben hatte waren sie längst abgekommen. Sie hatten sich hoffnungslos im Sumpf verlaufen. Gegen Mittag entdeckte Anaid etwas in den Bäumen. Durch das hier etwas lichtere Blattwerk sahen sie etwa zweihundert Schritt Entfernung, gut versteckt Behausungen in den Bäumen. Die Baumhütten waren mit großen Blättern getarnt und kaum zu erkennen. Der Pfad führte mitten unter diese Bäume. Sie sahen sich angespannt um, nichts regte sich. Langsam schlichen sie weiter. Ehe sie die Bäume erreichten sprangen plötzlich sechs echsenähnliche Wesen aus dem Unterholz. Sie schwangen Knüppel und Lanzen mit Steinspitzen. Vor dem Schwert Davidudls und Kardocs Kampfstab wichen sie erschrocken zurück. Das glänzende Metall war ihnen offensichtlich unheimlich. Die Echsenmänner gingen aufrecht und hatten ungefähr die Größe und Gestalt eines Menschen. Ihr Kopf glich jedoch mehr einer Eidechse und anstelle der Haut hatten sie dunkelgrüne Schuppen. Mit ihren primitiven Waffen schlichen sie nervös, in geduckter Haltung um die Gefährten. Manche hatten lederne Umhänge über ihrer schuppigen Haut. Sie gaben unverständliche, zischende Laute von sich. Ein Echsenmann, anscheinend der Anführer, faste als erster genügend Mut und gab einen schrillen Laut von sich. Dann stürzte er sich, die stählernen Waffen ignorierend, auf die Gefährten. Die anderen folgten ihm Augenblicklich. Anaid benutzte ihr Kurzschwert um sich die Angreifer vom Leibe zu halten. Die Waffen der Echsenmänner zerbrachen nach wenigen Schlägen gegen den Stahl der Gefährten. Immer wieder mußten die Angreifer waffenlos zurückweichen, von hinten kamen dafür neu bewaffnete Echsenmänner nach. Auch die Gefährten hatten einige Probleme mit der wiederstandsfähigen Schuppenhaut. Nach ein paar leichten Verletzungen ließen sich die Echsenmänner immer ablösen. Davidudl fand das äußerst unehrenhaft.

Die drei standen mit den Rücken zueinander und wehrten alle Angreifer ab. Die Echsenmänner ließen aber nicht locker, bis ein großer Echsenmann auf dem Pfad erschien und durchdringend kreischte. Er war anscheinend was irgendwas Besonderes, nach seiner auffälligen Erscheinung zu schließen. Er war mit federgeschmückten Umhang aus verschiedenfärbigen Leder gekleidet und stolzierte furchtlos auf die Gefährten zu. Die Echsenmänner griffen nicht mehr an und wichen ehrfurchtsvoll auf die Seite. Davidudl zeigte mit dem Schwert auf ihn und meinte: "Die bunte Eidechse ist wahrscheinlich ihr Häuptling!"

Er war es tatsächlich. Die Gefährten verstanden jedoch von seinem Gekreische überhaupt nichts. Nachdem beide Seiten erfolglos ein Gespräch versuchten einigte man sich auf Zeichensprache und einfachen Zeichnungen im weichen Boden. Der Echsenhäuptling zeichnete einen Weg und drei Gestalten auf, dann kreischte er die drei auffordernd an. Er wollte wissen was die drei Eindringlinge hier in ihrem Dorf wollten. Der Versuch ihm zu erklären einen weisen Mann im Sumpf zu suchen scheiterte vollständig. Nachdem die Drei ganze Gemälde erfolglos in den Boden gezeichnet hatten gaben sie auf und erklärten, indem sie pantomimisch Spaziergänger darstellten, daß sie nur auf der Durchreise waren.

Der Echsenhäuptling schaute mißtrauisch, zumindest sah es so aus als ob eine Eidechse mißtrauisch schaute. Er deutete auf ihre Waffen und kreischte wieder irgend etwas. Die Gefährten zeigten auf die Echsenmänner die sie überfallen hatten und hielten ihre Waffen schützend vor sich. Der Häuptling hatte anscheinend verstanden, daß sie sich nur verteidigt hatten und ging zu den Echsenmännern. Nachdem er einigen von ihnen einen kurzen Holzstock um die Köpfe schlug und dabei fürchterlich kreischte, kam er wieder zurück. Mit einer eindeutigen Geste seiner Krallenhand gab er ihnen zu verstehen, daß sie mit kommen sollten und ging voran.

Nachdem einem kurzen Fußmarsch erreichten sie den Dorfplatz, genau unter den Baumhäusern die Anaid entdeckt hatte. In der Mitte brannte ein Lagerfeuer. Vor dem Feuer stand ein noch bunterer Echsenmann als der Häuptling und er hatte obendrein noch ein halbes Krokodil über den Kopf gestülpt. Sein Echsengesicht schaute aus dem Zahnlosen Rachen des Tieres und musterte die drei Gefährten. Dann begann er fürchterlich zu kreischen und hüpfte auf die Gefährten zu als ob er in der heißen Esse eines Schmiedes stehen würde. Einige Male tanzte er um die Drei herum und fuchtelte dabei mit einem Stab an dessen Ende Federn, bunte Steine und viele andere eigenartige Sachen hingen. Nach ein paar Runden war er anscheinend fertig und nickte dem Häuptling zu.

Der Häuptling bot ihnen Platz am Feuer an. Gleich darauf ließ er ein kleines Festmahl für seine Gäste bringen. Zwei Echsenmänner brachten einen kurzen ausgehöhlten Baumstamm. Davidudl schaute hinein, es schwamm etwas undefinierbares darinnen und es roch erbärmlich. Anaid konnte den Gestank kaum ertragen. In der grauen, warmen Suppe schwamm irgend etwas das auf jeden Fall schon lange tot war; schon sehr, sehr lange tot war.

Kardoc lehnte den großen Holzlöffel, der ihm gereicht wurde dankend ab und simulierte starke Bauchschmerzen. Zum Glück bestand der Häuptling nicht darauf, daß sie mit aßen, es war aber schon schlimm genug mit an sehen zu müssen wie sich die Echsenmänner gemeinsam um den Trog versammelten und ihn bis zum Grund auslöffelten. Als sie fertig waren begann der Häuptling wieder ein Gespräch in Form von Bodenzeichnungen. Er wollte immer noch wissen was die Drei hier zu suchen hatten. Anaid zeichnete wieder erfolglos den Boden voll. Erst als sie ein kleines Buch aus ihrem Ranzen nahm und lesend auf eine gezeichnete Hütte zeigte meldete sich jener Echsenmann der vorhin so wild um sie gehüpft war. Aus seinen Gebärden und Zeichnungen schlossen die Gefährten, daß er den Weisen tatsächlich kannte. Anaid versuchte ihm zu erklären, daß sie einen Führer bräuchten. Der Echsenmann nickte und erhob sich.

Es hieß vorerst Abschied nehmen von den Eidechsen. Kardoc kramte in seinem Ranzen, irgend ein kleines Geschenk für den Häuptling mußte sich doch finden lassen. Nach kurzer Suche hatte er etwas geeignetes gefunden. Drei bunte Glasmurmeln von ganz Unten, aus seinem Ranzen, schienen ihm ein geeignetes Präsent zu sein. Er wußte nicht einmal mehr wo er sie her hatte. Kardoc überreichte sie dem Häuptling. Dieser wiederum verlor völlig die Fassung als er die drei Glasmurmeln sah. Andächtig hielt er die drei Murmeln in seinen Pranken und zischelte leise. Ein Echsenmann brachte eine Holzschale und der Häuptling ließ die Murmeln ehrfurchtsvoll hineingleiten. Dann winkte er zwei Echsenmänner herbei und kreischte sie an. Die zwei verschwanden wieder und der Häuptling hielt eine Ansprache. Wahrscheinlich eine Dankesrede. Wenig später kamen die zwei Echsenmänner mit einer Kiste zurück. Darin türmten sich Gold, wertvolle Geschmeide und Juwelen. Die Echsenmänner hatten einen unvorstellbar wertvollen Schatz und keine Ahnung davon. Der Häuptling wühlte eine Weile darin herum, warf ein paar Schmuckstücke und Goldmünzen achtlos beiseite. Endlich hatte er etwas passendes gefunden. Eine unglaublich dicke goldene Statue; ein sitzender Mann, in Tücher gehüllt und die Hände wie zu einem Gebet zusammengefaltet. Feierlich überreichte er die Figur seinen Gästen. Sie war massiv und ziemlich schwer.

Ihr Führer wurde bereits ungeduldig. Er deutete auf die Sonne und ging ein paar Schritte voraus in den Sumpf. Er wollte anscheinend vor der Dunkelheit wieder zurück sein. Die Gefährten verabschiedeten sich und folgten dem vorauseilenden Echsenmann. Ihr Führer ging mit sicheren Schritten durch den Sumpf. Er wußte genau wo man hinsteigen durfte und wo nicht. Den Pfad hatten sie längst verlassen. Ohne den Führer hätten sie hier nie wieder herausgefunden.

Nach ein paar Stunden waren sie am Ziel angelangt. Auf einem kleinen Hügel stand eine Hütte. Ringsum lagen große Steine, gerade soweit auseinander, daß man durchgehen konnte aber keine Krokodile durch paßten. Es war fast wie eine Insel im Sumpf. Vor der Hütte wuchs sogar normales Gras und ein paar Blumen. Der Echsenmann zeigte auf die Hütte und machte sich sogleich auf den Rückweg. Er hatte es anscheinend sehr eilig.

Die Gefährten zwängten sich zwischen den Steinen durch und gingen zur Tür. Es war nichts zu hören oder zu sehen. Hoffentlich war der Weise überhaupt da. Auf ihr Klopfen reagierte niemand. Sie öffneten vorsichtig die Tür. Im Dunkel der Hütte sahen sie eine Gestalt an einem Tisch. Anaid räusperte sich leise. Plötzlich kam Leben in die Gestalt, sie erhob sich und ging auf die drei zu: "Was,... wo,... wo kommt ihr den so plötzlich her? Ich habe gerade über etwas nachgedacht,... über was habe ich eigentlich nachgedacht?"

Der Weise war sehr gelehrt, immer in Gedanken vertieft und dementsprechend verwirrt. Das ihn plötzlich gleich drei Leute besuchten brachte ihn kurzfristig aus der Fassung. Aber er erholte sich rasch von diesem Schreck und bot ihnen Platz an seinem Tisch an. Er starrte eine Weile geistesabwesend in ihre Gesichter dann fiel ihm etwas ein: "Wartet einmal ich habe da was, es muß hier irgendwo sein, wo hab ich es bloß zuletzt gesehen? Ah da sind sie ja!"

Er stöberte in den Regalen an der Rückwand der Hütte und kam mit einer Tonschüssel zurück. Er deutete in die Schüssel: "Greift ruhig zu, ich hol mir irgendwann wieder frisches Obst."

Was in der Schüssel lag konnte man beim besten Willen nicht mehr feststellen. Wenn es tatsächlich ehemaliges Obst war, und so alt wie es aussah, konnte man es höchstens noch lutschen. Die Gefährten lehnten dankend ab und erzählten, daß sie gerade bei den Echsenmännern zum Essen eingeladen waren. Der Weise schüttelte sich und meinte: "Ihr werdet von ihrem Sumpfeintopf doch am Ende nichts gekostet haben?"

Anaid überging die Frage und überreichte ihm das Schreiben Morams. Der Weise studierte die Zeilen und lehnte sich danach nachdenklich zurück: "Moram,... aber ja Moram! Jetzt erinnere ich mich, ich habe mir damals schon gedacht, daß es der Junge einmal zu etwas bringen würde. Ich hatte damals genug vom Jindiggi Sumpf und befand mich auf einer kleinen Rundreise durch Mystia."

Kardoc sah den Weisen verwundert an: "Wieso nennt ihr Moram "Junge", wenn ich euch so ansehe würde ich meinen Moram ist schon etwas älter als ihr."

Davidudl setzte gleich nach: "Wie lange seid ihr eigentlich schon Weise?"

Der Alte zuckte mit den Schultern: "Keine Ahnung, ich hab irgendwann zu zählen aufgehört."

Dann beugte er sich vor und fragte interessiert: "Sind tatsächlich schon wieder ein paar Jahre vergangen? Ich habe lange nichts mehr von der Welt gehört. Erzählt doch einmal was es neues gibt."

Anaid und Kardoc erzählten. Dem Weisen fehlten die letzten fünfzig Jahre und es würde sicher den ganzen Nachmittag in Anspruch nehmen sein Wissen wieder auf den neuesten Stand zu bringen. Von der Vergangenheit wußte er aber ziemlich viel. Die zwölf legendären Helden waren ihm jedenfalls ein Begriff. Von der Heldin Dezeber kannte er eine versteckte Höhle auf der Insel Icelot. Dort, am äußersten Ende von Mystia, in eisiger Kälte, befand sich ihre ehemalige Wirkstätte. Der Heldin Maya war im Elfenwald ein Tempel geweiht. Der Weise zeigte ihnen auf Kardocs Karte wo genau sich diese Stätten befanden. Dann erzählte er ihnen Geschichten über die zwölf legendären Helden, über seine Philosophie, über den Sinn und Unsinn des Lebens...

Davidudls Augenlider drückten schwer nach unten. Er erhob sich und beschloß, während die anderen redeten, ein paar Krokodile zu jagen. Während Anaid, Kardoc und der Weise hochgeistigen Dingen nachgingen, hörten sie von Zeit zu Zeit, weit entfernt das Fauchen der Krokodile und Davidudls Kampfgeschrei. Kurz vor der Dunkelheit kam er wieder zurück. Müde, mit ein paar kleinen Verletzungen, aber glücklich. Er hatte sich selten so austoben dürfen. Er liebte Krokodile. In seinen Ranzen war noch eine beachtliche Anzahl Zähne dazugekommen. Er hatte außerdem eine ganz neue Kampftechnik bei den Krokodilen erprobt. Mit einer Hand führte er das Schwert, in der anderen Hand hielt er eine vergiftete Speeramsel und stach immer wieder unvermutet damit zu. Kardoc hatte dem Weisen die goldene Statue der Echsenmänner gezeigt. Auch darüber wußte der Weise eine Geschichte. Vor langer Zeit gab es eine längst vergessene Kultur deren Überreste hier in den Sümpfen zu finden waren. Als diese Zweibeiner lebten gab es hier noch keinen Sumpf, das Land war fruchtbar und reich an Bodenschätzen. Es war eine Hochkultur mit unglaublichen Schätzen. Irgendwann ging diese Kultur aber im Sumpf unter. Warum, konnte niemand mehr sagen. Ein Tempel dieser Zweibeiner existierte noch, sogar hier ganz in der Nähe. Seine Tore waren aber fest verschlossen, niemand war bisher eingedrungen. Während der Weise erzählte spielte sich Kardoc mit der goldenen Statue. Er drehte und wendete sie in seinen Händen. Plötzlich spürte er am Boden eine winzige Erhebung. Der Knopf war so perfekt eingelassen, daß man ihn nicht sehen konnte, sonder nur ganz leicht spürte. Kardoc nahm einen Dolch und drückte mit der Spitze ganz vorsichtig auf die Erhebung. Ein leises Knacken war zu hören; die ganze Bodenplatte ließ sich abnehmen.

Ein goldener Schlüssel fiel klirrend auf den Tisch. Die Gefährten sahen sich verwundert an; wo sollte dieser Schlüssel passen? Der Weise nahm ihn und betrachtete ihn genauer: "Das könnte der Schlüssel zum Tempel sein, die Ornamente gleichen denen an den Tempelmauern."

Ein kleiner Abstecher zum verlassenen Tempel konnte bestimmt nicht Schaden. Auf ein oder zwei Tage kam es sicher nicht an und vielleicht fanden sie neben massenhaften Schätzen auch Hinweise auf die zwölf verschollenen Helden.

Sie Übernachteten beim Weisen und machten sich zeitig in der Frühe auf den Weg. Der Alte beschrieb ihnen den Pfad zum Tempel. Es war nicht allzuweit dorthin. Die Gefährten verabschiedeten sich mit Dankesworten für seine Auskünfte und das Nachtlager und machten sich auf den Weg zum Tempel. Nach einer Weile erreichten sie die beschriebene Stelle. Hinter dichten Gebüschen und hohen Bäumen fanden sie die Steinquader des Tempels. Der Urwald hatte das pyramidenförmige Gebäude schon halb überwuchert. Die Wurzeln hatten an verschiedenen Stellen Risse in die Steinquader gesprengt, aber die Grundmauern sahen aber noch sehr massiv aus.

Langsam umrundeten sie den Tempel auf der Suche nach dem Tor. Die Mauer war sicher Zehn Schritte hoch und etwas schräg zum Tempelinneren geneigt. Darüber begann die nächste Mauer, abgesetzt durch einen breiten Weg rund um den Tempel. Insgesamt gab es vier Abstufungen. Die oberste Stufe war aber völlig zusammengebrochen und die Trümmer lagen am sumpfigen Boden rund um den Tempel verstreut. Immer wieder mußten die Gefährten über riesige, von Meisterhand gemeißelte, Gesteinsbrocken klettern. Zwischen einigen hohen Bäumen fanden sie schließlich das Eingangstor. Nach seiner Größe zu schließen mußte es das Haupttor sein. Es hatte zur Verwunderung der Gefährten aber kein Schloß. Anaid fand an der seitlichen Mauer eine kleine Öffnung in die der Schlüssel aus der Satue passen konnte.

Er paßte tatsächlich. Nachdem Kardoc den Schlüssel gedreht hatte kam Leben in die uralten Mauern. Im Inneren knirschte und rumpelte es. Der Schlüssel hatte irgend einen gewaltigen Mechanismus in Gang gesetzt. Ein schweres Ächzen erklang vom Tor, langsam und quitschend öffneten sich die beiden steinernen Torflügel und schlugen dumpf an die Mauern. Staub flimmerte im Sonnenlicht. Die Gefährten traten durch das geöffnete Tor in eine große domartige Halle. An den Wänden waren kunstvolle Reliefs gemeißelt worden. Das Deckengewölbe wurde von goldverzierten Säulen getragen, und in der Mitte sahen sie das genaue Abbild ihrer kleinen goldenen Statue; ebenfalls in Gold aber um ein Hunderfaches größer. Der Koloß reichte fast bis zur Decke. Er war sicher eine uralte Gottheit, aber leider viel zu groß um ihn mitzunehmen. Auf der Suche nach etwas handlicheren Schätzen untersuchten die Drei die Halle genauer. Es gab zwei Nebenräume die früher wahrscheinlich von Priestern verwendet wurden. Außer einigen halbzerfallenen Roben und wertlosen Ritualgegenstände fand sich aber nichts darinnen. Ganz hinten in der Halle entdeckte Davidudl einen finsteren Gang. Anaid sprach einen Lichtspruch und ging voran. Nach wenigen Schritten gelangten sie in eine höchst merkwürdige Kammer. Der Raum hatte einen quadratischen Grundriß von sechs Schritt und war ebenso hoch. An den Wänden befanden sich ein paar kreisrunde Öffnungen. In einigen war es feucht, und dunkle Flechten wuchsen an den Rändern. An einer Wand befanden sich große Metallhebel und Räder deren Achsen in der Wand montiert waren und zweifellos irgend etwas in Gang setzten. An zwei Wänden führten Türen weiter, eine davon stand offen und dahinter lag die genaue Kopie dieses Raums mit genau den selben Hebeln, Räder und Rohren in der Wand. Ganz oben unter der Decke jedes Raums hatten die Erbauer dieser seltsamen Hallen ein Loch in die Mauer geschlagen das anscheinend jeweils in die Räume hinter den Türen führte. Die Türen waren außerordentlich stabil ausgeführt und aus einem unbekannten Metall das nicht die kleinste Spur von Rost zeigte. Die Türen hatten kein normales Schloß sondern wurden durch ein großes Rad in der Mitte verriegelt.

Kardocs kundige Hände untersuchten bereits die Hebel und Räder dieser antiken Anlage. Er lief zwischen den beiden Räumen hin und her, drückte einige Hebel hinunter und legte sein Ohr an die Wand um den Mechanismus zu entschlüsseln. Nachdem Kardoc an einem Rad gedreht hatte rauschten in einem der Nebenräume plötzlich gewaltige Wassermassen. Durch den Mauerdurchbruch unterhalb der Decke hörte man eine Weile deutlich das Wasser einströmen. Es hörte jedoch auf bevor es überlief. Der Raum hinter der schweren Metalltür mußte jetzt fast bis unter die Decke mit Wasser gefüllt sein. Der Zwerg rannte wieder geschäftig hin und her, drückte verschiedene Hebel und kurz darauf floß das Wasser aus dem Nebenraum wieder ab. Während dessen klackte und knarrte es in den Wänden rundherum. Hier war eine hochkomplizierte Mechanik in Gang gekommen. Kardoc drehte wieder an den Rädern und legte die Hebel in ihre Ausgangsposition. Aus einem Rohr an der Wand drangen eigenartige Geräusche, es klang als ob sich irgendwo weit entfernt ein Becken mit Wasser füllen würde. Dann wurde es wieder still. Davidudl wurde langsam ungeduldig und fragte den Zwerg: "Was ist jetzt? Kennst du dich endlich aus?"

Kardoc hatte die Anlage noch lange nicht durchschaut, es war ein kompliziertes Schleusensystem das weit in das Gemäuer reichte und wer weiß was auslöste. Er würde wahrscheinlich noch Tage brauchen um herauszufinden wie man trockenen Fußes durch die Kammern gelangte. Statt sich noch weiter mit der antiken Anlage zu beschäftigen beschlossen sie durch den Durchbruch unter der Decke zu kriechen. Anaid band ihr Seil an Kardocs Kampfstab und warf ihn durch die Öffnung. Nach dem dritten Versuch hatte sich der Stab verkeilt und Anaid kletterte hinauf. Kardoc und Davidudl folgten ihr. Die Mauer war breit genug und bot allen Platz. Auf der anderen Seite blickten sie ungefähr auf den gleichen Raum wie der, aus dem sie gekommen waren. Anaid verkeilte den Stab wieder und kletterte als erste hinunter. Davidudl versuchte, kaum unten angelangt, die Tür zu öffnen. Zuerst mit dem Rad und dann, nachdem sich das Rad keinen Fingerbreit bewegen ließ, mit Gewalt. Ohne Erfolg, die massive Tür gab nur ein dumpfes Geräusch von sich. Die Hebel und Räder an der Wand waren für Kardoc genau so undurchschaubar wie auf der anderen Seite der Mauer.

Anaid hatte inzwischen eine Geheimtür entdeckt die sich sofort und leicht öffnen ließ. Ehe die Tür aufschwenken konnte wurde sie von der anderen Seite regelrecht aufgestoßen. Anaid wurde zurückgestoßen und aus der dunklen Öffnung traten mehrere, in Bandagen und Fetzen gewickelte Mumien. Sie hatten Helme und fremdartige Rüstungen über ihrem einbalsamierten Körpern angelegt. Noch bevor die Gefährten reagieren konnten griffen sie an. Aus ihren Augen schossen blaue Blitze die mit der Wucht eines Kriegshammers einschlugen. Davidudl faßte sich als erster wieder und ging zum Gegenangriff über. Die Blitze warfen ihn zwar ein paar mal zu Boden aber nach kurzem hatte er der Ersten Mumie die Bandagen aufgeschnitten. Das morsche Fleisch darunter zerfiel nach ein oder zwei Schwertstreichen. Anaid hatte sich ein Schutzschild gezaubert, die Blitze der Mumien hätte sie sonst zermalmt. Sie teilte ihrerseits magische Blitze aus und zerfetzte damit die Mumien. Kardoc kämpfte mit seiner Axt, aber meistens kugelte er von blauen Blitzen getrieben irgendwo durch den Raum. Die Mumien machten ihnen schwer zu schaffen; immer wieder kamen neue Angreifer aus der Geheimtür. Davidudl stand wie ein Fels, ständig von blauen Blitzen getroffen, mitten im Raum und schlug mit seinem Langschwert um sich. Kardoc und Anaid versuchten so viele Mumien als möglich abzudrängen oder gleich bei der Geheimtür nieder zu machen. Endlich ließ sich kein Untoter mehr blicken. Von den Mumien war nur Staub übrig geblieben. Die drei setzten sich keuchend auf den Boden. Kardoc hatte einmal seinen Zauberspruch gegen Untote versucht; ohne jede Wirkung. Die Mumien waren alle in die gleiche Rüstung gekleidet, fast wie eine Leibgarde. Wahrscheinlich bewachten sie irgend etwas äußerst Wertvolles.

Nach einer Ruhepause erhoben sie sich wieder und traten durch die Geheimtür. Kardoc erneuerte Anaids Lichtspruch der während des Kampfes schwächer geworden war. Der Gang führte ein Stück geradeaus in eine kleine Kammer. Von dort zweigten zwei Türen ab, die jeweils nach einem kurzen Gang wieder an einer Holztür endeten. Das Schloß war aber leicht zu knacken stellte Kardoc fest. Ehe er sein Sperrzeug auspacken konnte hörten sie hinter der Tür scharrende Geräusche und Knochengeklapper. Sie kannten diese Geräusche. Hinter der Tür lauerten mehrere Skelette, und Mumien höchstwahrscheinlich auch.

Sie waren momentan nicht in der Lage noch so einen Kampf durchzustehen und ließen die Tür vorerst geschlossen; niemand konnte wissen wie viele Bestien dahinter lauerten. Aber andererseits konnte gleich hinter den Untoten der Schatz des Tempels liegen. Natürlich wollte sich keiner selbst bereichern, alle Schätze kamen doch schlußendlich nur ihrem Kampf für Mystia zugute.

Sie gingen zur zweiten Tür und lauschten. Die Kammer schien ebenfalls mit Untoten überfüllt zu sein. Es konnte Tage dauern bis sie diese Horde, die den Schatz bewachten, überwältigt hatten. Sie waren einfach zu wenige. Wenn die anderen nur hier wären, könnte man die Angelegenheit sicher in kurzer Zeit erledigen. Aber die Gefährten waren momentan unerreichbar, stellte Anaid seufzend fest.

Sie gingen in die kleine Kammer zurück und beratschlagten was zu tun sei. Das Vernünftigste war sicher einstweilen die Schätze, Schätze sein zu lassen und Moram von Icelot und dem Tempel der Maya zu berichten. Inzwischen konnte dieser Tempel aber ausgeraubt werden, warf Davidudl ein. Kardoc war ebenfalls nicht erbaut von dem Gedanken mit leeren Händen wieder abzureisen und meinte: "Vielleicht haben die Echsenmänner einen Nachschlüssel und schenken ihn wieder her, leichtfertig wie sie sind."

Ihre Diskussion wurde von einem kratzenden Geräusch unterbrochen. Anaid sah sich um und ging zu einer Wand der Kammer. Sie lauschte kurz und zeigte auf die Wand: "Da drinnen ist etwas, eine Ratte vielleicht."

Das Kratzen hörte nicht auf. Es klang als ob etwas durch die Steine hindurch wollte. Kardoc packte seinen Schiedehammer aus und klopfte gegen die Wand; sie war eindeutig hohl. Er klopfte den Mörtel aus den Fugen; die Wand bestand aus normalen Backsteinen. Nach kurzem hatte er einen Stein aus der Wand gelöst. Das Kratzen hatte aufgehört, aus dem finsteren Loch war nichts mehr zu hören. Kardoc löste einen zweiten Stein heraus und gerade als er seinen Kopf hineinstecken wollte kam ein Skelett heraus. Kein menschliches Skelett.

Auf der Kante der aufgebrochenen Mauer stand ein kleines Vogelskelett und drehte den Kopf in alle Richtungen. Das Tier hatte in der Mauer irgendwie auf magische Weise überlebt. Anaid hielt ihre Hand vorsichtig hin und sagte: "Na, was bist den du für einer?"

Ihre Hand zuckte aber gleich wieder zurück als der Vogel klar und deutlich zu sprechen begann: "Ich bin Skiria, geweihter Vogel aus dem Garten des goldenen Tempels."

Dieser Sumpf hatte es wirklich in sich. Zuerst sprechende Bäume, dann Echsenmänner und nun ein skelettierter Vogel der sich ganz zwanglos vorstellte. Skiria schlug ein paar mal mit den Flügelknochen und setzte dann elegant zu einem kleinen Rundflug in der Kammer an. Der kleine Vogel landete aber im Sturzflug am Boden, sein Knochengerüst blieb jedoch auf wundersame Weise heil. Kardoc hob Skiria wieder auf und stellte ihn auf die Mauer. Der Vogel war erschüttert, er konnte nicht mehr fliegen, ein armer Krüppel. Einst war er ein buntgefiederter, prächtiger Tempelvogel gewesen. Die Zweibeiner hatten ihn bewundert und verehrt. Er durfte sich überall im Tempel frei bewegen und kannte jeden Winkel. Und nun das. Davidudl fragte ihn nach den sagenhaften Schätzen. Von sagenhaften Schätze hatte Skiria aber noch nichts gehört. Zu seiner Zeit gab es hier keine großartigen Schätze, zumindest hatte er nie welche gesehen.

Anaid hatte eine großartige Idee während der Vogel aus seiner Vergangenheit erzählte. Dieser Skiria war unglaublich intelligent. Für ihn war es sicher keine Schwierigkeit ihren Gefährten eine Nachricht zu übermittel. Blieb nur das Problem mit seinen Flügeln. Kardoc arbeitete aber bereits an diesem Problem. Er hatte aus seinem Ranzen einen dünnen, weichen Lederfetzen geholt mit dem normalerweise Stahl poliert wurde. Er Schnitt mit seinem Dolch zwei Stücke ab und forderte Skiria auf, die Flügel auszubreiten.

Nach einer Weile stand Skiria mit nagelneuer Flügelbespannung auf der Mauer und versuchte zu fliegen. Es klappte. Das Leder war mit einem dünnen Faden und unzähligen Stichen an seinen

Knochen befestigt. Er sah jetzt mehr einer Fledermaus als einem Vogel ähnlich, aber das störte ihn weniger. Er konnte jetzt endlich wieder Fliegen.

Nachdem Skiria eine Weile übermütig umhergeflattert war trug ihm Anaid ihre Bitte vor. Skiria war sofort einverstanden. Kardoc zeigte ihm auf der Karte wo er die Gefährten finden konnte. Anaid zeichnete inzwischen ihre Position in den Sümpfen auf ein Stück Papier. Die Stufenpyramide war von oben sicher leichter zu entdecken als von hier unten, und mit einer Landkarte konnte es keine Schwierigkeit sein den Tempel zu finden. Außerdem war Skiria ja auch mit und konnte ihnen den Weg zeigen.

Wenig später flatterte Skiria beim großen Haupttor hinaus in den strahlenden Sonnenschein und verschwand zwischen dem üppigen Grün des Sumpfwaldes. Fünf Tage vergingen und jeder suchte sich eine Beschäftigung um die Zeit zu vertreiben. Anaid übte sich im Bogenschießen und erkundete die nähere Umgebung. Während dieser Tage ging sie auch einigemale zum Haus des Weisen, doch es war jedesmal verlassen. Wahrscheinlich war er irgendwo hin meditieren gegangen.

Kardoc nutzte die Gelegenheit und studierte inzwischen Schriftzeichen und Runen. Eines Tages konnte vielleicht noch ein richtig gebildeter Zwerg aus ihm werden. Davidudl nutzte ebenfalls die Gelegenheit und übte sich in seiner neuen Leidenschaft; der Krokodiljagd mit dem Speeramselschnabel.

Am sechsten Tag kamen sie, - Alle!

Ein Schwarm Flugdrachen landetet auf einer kleinen Lichtung vor dem Tempel. Die beiden Zwerge Knepp und Knapp, Ibraha und Siro Eduardo begrüßten freudig ihre Gefährten. Skiria saß auf Eduardos Schulter, es war sein Lieblingsplatz und Eduardo fand es gäbe ihm als Magier eine persönliche Note. Zu seinen Füßen lief Equinus, die Ratte von Eduardo. Unter Ibrahas Robe schaute ebenfalls eine kleine Ratte hervor. Das Tier war ihr zugelaufen als sie alleine unterwegs war. Seitdem lief ihr das Tier überall hin nach. Ibraha nannte sie Quiksie. Magier zogen anscheinend solches Kleingetier irgendwie an.

Anaid erklärte den Neuankömmlingen rasch den Plan den sie in den letzten Tagen ausgearbeitet hatten. Er war sehr übersichtlich und einfach gehalten; Davidudl hatte die vier wesentlich Stufen ausgearbeitet: Hineingehen, Untote zusammenschlagen, Schätze nehmen, und dann - Abflug! Dieser ausgeklügelte Plan fand allgemeine Zustimmung. Kurz danach kletterten sie schon durch die Schleusen in die kleine Kammer. Als sie sich der Tür näherten rumorte es wieder dahinter. Die Untoten warteten noch immer. Anaid und Kardoc belegten sich selbst und die Anderen mit magischen Schildern, Ibraha legte über jeden einen Gewandtheitszauber; dadurch konnten sie doppelt so schnell agieren wie normal. Kardoc versuchte zusätzlich einen Spruch der das Kampfgeschick anheben sollte. Derartig gewappnet, vor Kraft und Energie strotzend öffneten sie die Holztür.

Das magische Licht Anaids durchflutete den Raum. Vor ihnen lag eine mittelgroße Halle die voll von Mumien und Skeletten war. Und diese schleppten sich bereits langsam auf die Eindringlinge zu. Die ganze Horde war anscheinend nur wegen ihnen von den Toten auferstanden. Die ehemaligen Priester dieses Tempels mußten irgend einen Fluch über den ganzen Tempel gelegt haben. Die Gefährten verteilten sich an der Tür. Davidudl und die drei Zwerge stellten sich etwas weiter vorne auf und dahinter begannen Anaid und die beiden Magier bereits anzugreifen. Über die Köpfe der Zwerge zischten Feuerbälle, Eiskugeln, Blitze und Pfeile. Die meisten Untoten erreichten die vordere Linie nicht und zerfielen schon vorher zu Staub. Davidudl und die Zwerge drangen immer weiter vor und schickten einen nach dem anderen zur wohlverdienten Ruhe. Ihre Schutzzauber waren nicht umsonst gewesen, die Mumien konnten zwar keine magischen Blitze schleudern, aber sie waren äußerst zäh. Aus einem Nebengang drängten sich unablässig weitere Untote herein. In der Halle war eine regelrechte Schlacht entstanden.

Nach langem Ringen hatten die Gefährten endlich den Saal erobert. Nur noch vereinzelt kamen Untote aus den Nebengängen. Davidudl hatte gegen Ende des Kampfes wieder seine Speeramsel gezückt und damit auf die Mumien eingestochen, was sich aber als völlig wirkungslos erwies. Knepp und Knapp waren völlig fertig, sie ließen sich auf den Boden fallen und stöhnten nur noch. Eduardo und Ibraha waren mit ihrer magischen Kraft auch ziemlich am Ende. Anaid hatte längst alle Pfeile verschlossen und ihre magische Kraft verbraucht. Kardoc beobachtete schwer keuchend auf sein Axt gestützt die drei Eingänge die in den Saal führten. Davidudl behauptete er sei jetzt erst richtig warm geworden und fände es furchtbar Schade, daß alles schon vorbei war. Sein hochroter Kopf und die zitternde Schwerthand zeigten aber, daß auch er nicht mehr sehr lange durchgehalten hätte.

Es kamen keine Untoten mehr nach; vorerst zumindest. Um kein unnötiges Risiko einzugehen nahmen sie alle die Tränke aus den Kammern des Julenio zu sich. Die Kämpfer den Lebenstrank der ihre Körperkräfte sofort wieder herstellte, und die Magier den Manatrank. Die dunkle Flüssigkeit hatte angenehmerweise überhaupt keine Nebenwirkungen.

Von den magischen Tränken aufgefrischt untersuchten sie die Gänge. Zwei davon führten in große Grabkammern aus denen die Untoten gekommen waren. Der dritte Gang war durch eine massive Eisentür versperrt. Dies konnte nur die Schatzkammer sein. Die Tür hatte aber ein ziemlich kompliziertes Schloß. Kardoc mühte sich, durch die unqualifizierten Bemerkungen der beiden anderen Zwerge gestört, eine Weile damit ab. Schließlich klackte der Mechanismus und der Riegel gab die Tür frei. Sie konnten die Juwelen, das Gold und die anderen Schätze fast schon riechen. Im engen Gang schwoll das geflüsterte Murmeln immer mehr an: "Los jetzt mach schon auf,... geh endlich weiter,... Laßt mich nach vorne, ich seh doch überhaupt nichts."

Kardoc drückte die Tür vorsichtig auf und die Schatzsucher erlebten wieder einmal eine herbe Enttäuschung. Diese schwachsinnige Armee der Untoten hatte eine uralte Waffenkammer bewacht in der der Rost seit Jahrhunderten am Werk war. Ehemals hölzerne Ständer lagen verfault und zerbrochen am Boden. Dazwischen, mit braunen Rostblasen übersäte Hellebarden und Lanzen und Schwerter die nur mehr zur Hälfte vorhanden waren. Bei einige Waffen konnte man überhaupt nicht mehr erkennen was sie einmal waren.

Bevor sie die Waffenkammer enttäuscht verließen entdeckte Anaid doch noch etwas. An einer Wand hing ein dunkler Unscheinbarer Bogen und ein Köcher voller Pfeile. Der Bogen war weder aus Holz noch aus Metall und in einmaligen Zustand. Anaid wog ihn prüfend in der Hand und machte einen Probeschuß. Der Bogen hatte eine gewaltige Zugkraft, er ließ sich aber dennoch leicht spannen. Der Bogen war zwar nicht gerade der Schatz den sie erwartet hatte, aber sie war dennoch sehr zufrieden damit. So einen Bogen gab es bestimmt kein Zweites mal auf dieser Welt. Kardoc hatte ebenfalls etwas gefunden; eine Streitaxt, genau passend in seiner Größe. Das matt schimmernde Metall hatte nicht einmal den Anflug von Rost, die Schneide war scharf wie das Messer eines Barbiers. Sie war etwas schwerer als seine alte Axt, lag aber viel besser in der Hand. Davidudl zog ein Langschwert aus einer verrotteten Scheide. Es war aus dem selben Metall wie die Axt und ohne jeden Rost. Davidudl schwang die Klinge hin und her, sie war wunderbar austariert, hatte genau die richtige Länge und das richtige Gewicht. Ein Meisterstück. Es war nur schade, daß sie die Waffen nicht gleich ausprobieren konnten.

Für die Magier und die beiden neuen Zwerge war hier nichts zu finden. Kardoc vermachte Knapp zum Trost seine alte Streitaxt, die dem Zwerg aber fast zu schwer war. Mit einiger Übung würde Knapp aber sicher bald mit dieser Waffe umgehen können.

Aus der Waffenkammer führte noch ein zweiter Ausgang. Die kleine Holztür hatte ein Sichtfenster das mit einer Schiebetür verschlossen war. Eduardo warf einen Blick durch und sagte dann zu den neubewaffneten Kämpfern: "Da drinnen könnt ihr ausprobieren was die Waffen wert sind."

Davidudl schaute ebenfalls durch das kleine Guckloch. In einer kleinen Halle standen zwanzig klapprige Skelett teilnahmslos herum. Wenige Momente später war er auch schon drinnen. Kardoc rannte ihm nach und schwang sein Axt. Die Knochen der Skelette splitterten wie morsche Äste unter Davidudls neuem Langschwert. Nach kurzer Zeit hatten die beiden nur mehr zerbrochene Gebeine vor sich liegen. Kardoc war begeistert von der Axt und nannte sie anläßlich dieses Gemetzels "Knochenschinder".

Während die beiden mit den Skeletten beschäftigt waren hatte Knepp eine geheime Treppe entdeckt. Gemeinsam schoben sie den schweren Verschlußstein beiseite und holten Davidudl und Kardoc. Hier ging es anscheinend zu den Räumlichkeiten zu denen normale Tempelbesucher keinen Zutritt hatten. Die Treppe führte in eine langgestreckte Halle. Nach der Anstieg der Treppe zu urteilen befanden sie sich jetzt im nächsten Geschoß des Tempels. Die Wände waren mit steinerne Reliefs geschmückt, die Szenen aus dem Tempelalltag zeigten. Auf jedem Bild war Wasser Mittelpunkt der Handlung. Anscheinend dienten die Priester irgend einem längst vergessenen Wassergott. Am Ende der Halle fanden sie eine große doppelflügelige Tür. Die Zwerge suchten erfolglos nach Fallen, obwohl sie hier ganz in der Nähe einen komplizierten Mechanismus vermuteten. Nachdem Davidudl die schwere Tür aufgedrückt hatte sahen sie den Verdacht der Zwerge bestätigt; ihre Nasen hatten nicht gelogen. Gleich hinter der Tür befand sich eine kreisrunde Bodenplatte von ungefähr drei Schritt Durchmesser und dahinter ein etwa vierzig Schritt langer, schmaler Gang. Auf halbem Weg zweigte eine Tür links ab und ganz am Ende des Gangs konnte man noch schemenhaft ein riesiges Loch in der Wand erkennen. Knapp untersuchte eingehend die Bodenplatte, konnte aber nicht feststellen was mit ihr ausgelöst wurde. Knepp und Kardoc meinten, daß vermutlich der ganze Gang davon betroffen war. Auf alle Fälle würde sich ganz schön was tun wenn die Bodenplatte bewegt wurde, stellte Kardoc fest.

Anaid sprang mit einem Satz über die Platte und untersuchte den Gang dahinter. Die Tür in der Mitte war fest verschlossen und ließ sich kein Stück bewegen. Das kreisrunde Loch am Ende führte in einer geschwungenen Biegung nach oben und war Innen völlig glatt. Ansonsten fand Anaid nichts außergewöhnliches und kehrte unverrichteter Dinge wieder zurück. Es blieb nichts anderes übrig als auf die Platte zu steigen und abzuwarten was passieren würde. Die Gefährten versammelten sich vor der Tür und Kardoc ging vorsichtig in die Mitte der Bodenplatte. Nach wenigen Momenten senkte sich die Platte langsam hinab und gleich darauf schlugen die beiden Türflügel vor den Gesichtern der verwunderten Gefährten zu. Durch die geschlossene Tür hörte man ein lauter werdendes dumpfes Poltern, als ob ein Berg einstürzen würde. Der Boden unter ihren Füßen vibrierte und aus den Mauerritzen rieselte Staub; sie hatten wahrhaft etwas Gewaltiges in Gang gesetzt. Das Gepolter endete abrupt und wurde durch ein fürchterliches Knirschen abgelöst das klang, als würden große Steinblöcke aneinander gerieben. Dazu hörte man irgendwo Wassermassen rauschen. Langsam wurden die Geräusche leiser; ein letztes metallenes Klicken beendete das Getöse. Die beiden Torflügel schwangen wieder auf und Kardoc taumelte etwas blaß aber gesund aus dem Gang.

Nachdem er sich etwas erholt hatte erzählte er was hinter dem Tor vorgegangen war. Als sich die Bodenplatte gesenkt hatte und die Tür zuschlug begann sich der Gang auf der ganze Länge zu neigen. Hinten war er etwa einen Schritt höher als vorn bei der Tür, wo Kardoc noch immer auf der absinkenden Bodenplatte stand. Die Tür in der Mitte schwang auf, und aus dem Loch ganz hinten rollte eine steinerne Kugel auf ihn zu, welche die ganze Breite des Gang einnahm. Er kletterte von der immer weiter absinkende Platte wieder herauf und drückte sich in die Ecke an die geschlossene Tür. Die Kugel rollte immer schneller auf ihn zu. Die Bodenplatte war inzwischen soweit hinabgesunken, daß darunter ein runder Gang sichtbar wurde der waagrecht weiterführte. Zum Glück war Kardoc von der Platte gestiegen den die Kugel rollte immer näher, fiel schließlich in das Loch und verschwand im Gang. Wenn er dort unten gestanden hätte, währe er platt wie ein Pergament gequetscht worden. Während die Kugel irgendwo im Gemäuer weiterrollte schloß sich die Tür in der Mitte des Gangs und der Gang kippte wieder in waagrechte Position. Danach hätten ihn fast noch die aufschwingenden Türflügeln zerquetscht.

Eines war jedenfalls ganz gewiß; Kardoc konnte mit seinen kurzen Beinen die Tür niemals erreichen. Eine Elfe hatte hier weitaus bessere Erfolgsaussichten. Anaid sprang nochmals über die Bodenplatte und untersuchte die Tür in der Mitte, sie war aber nach wie vor fest verschlossen. Es gab nur eine Möglichkeit in den Raum dahinter zu gelangen; nämlich die wenigen Augenblicke wenn die Steinkugel den Gang hinabrollte. Anaid wollte den Versuch wagen, sie war die einzige die es vielleicht schaffen konnte vor der Kugel bei der Tür zu sein. Sie legte ihren Ranzen, den Köcher und den Bogen ab und stieg auf die Platte. Die Türflügel schlossen sich und das Gepolter begann von neuem. Ihre Gefährten blickten gespannt auf die Tür. Sie hörten deutlich wie die Kugel durch das Loch vor der Tür fiel. Durch die Erschütterung rieselte wieder Staub von den Wänden. Endlich ging die Tür wieder auf. Anaid war außer Atem und schüttelte den Kopf; sie hatte es nicht geschafft. Die Kugel war zu schnell gewesen und sie mußte wieder zurücklaufen. Aber sie wollte es nach einer kurzen Verschnaufpause noch einmal Versuchen. Wenn sie nur ein wenig schneller lief konnte sie vor der Kugel bei der Tür sein.

Der zweite Versuch mißlang ebenfalls; nur um Haaresbreite hatte sie die Tür verpaßt. Noch dazu war sie am Rückweg fast gestolpert und von der Kugel überrollt worden. Mit Geschwindigkeit alleine war das Problem anscheinend nicht zu lösen. Nach einer längeren erfolglosen Diskussion hatte Anaid schließlich doch eine Idee und wollte noch einen Versuch wagen. Sie stieg wieder auf die Platte und rannte der heranrollenden Kugel entgegen. Die Kugel kam immer näher und näher, wenige Schritte vor der Tür warf sie sich zu Boden und drückte sich in die Ecke des Ganges. Die Kugel war so groß, daß in den Ecken gerade genug Platz für die Elfe blieb und sie kam mit ein paar blauen Flecken davon. Danach sprang sie auf und erreichte mühelos die Tür bevor die Kugel ins Loch fiel.

Hinter der Tür lag ein großer langgestreckter Raum. Gleich neben dem Eingang befand sich ein Hebel und Anaid drückte ihn ohne viel nachzudenken. Die Kugel rumpelte einen Augenblick später in das Loch, aber die Tür blieb offen; es war der richtige Hebel gewesen. Die Bodenplatte war nun ebenfalls ausgeschalten und die Anderen konnten Gefahrlos nachkommen. Als Kardoc durch die Tür trat und Anaid den Ranzen und ihre Waffen gab, schlug er sich gegen die Stirn und rief: "Ich hab`s, jetzt weiß ich wie`s geht!"

Als er die verwunderten Blicke sah erklärte er ihnen wie man völlig Gefahrlos durch diesen Gang gekommen wäre. Einer hätte nur über die Bodenplatte springen und zur Tür gehen müssen. Danach währe ein zweiter auf die Bodenplatte gestiegen und der Vordere hätte bequem durch die Tür gehen können, lange bevor die Kugel dort war. Anaid meinte mit hochgezogenen Augenbrauen: "Gut daß dir das jetzt erst einfällt; wo mich die Kugel beinahe zerquetscht hat."

Ein knirschendes Geräusch aus dem Halbdunkel der Halle ließ alle aufhorchen. Zwei mannshohe dunkle Statuen waren zum Leben erwacht und stampften mit gezückten Schwertern näher. Sie kamen aber nicht sehr weit. Anscheinend waren die Jahrhunderte doch nicht Spurlos an ihnen vorübergegangen und hatten ihre steinerne Körper etwas morsch werden lassen. Jedenfalls zerbröselten sie nach einigen Blitzen und Feuerbällen der Magier, lange bevor sie den Gefährten zu nahe kommen konnten. Außer diesen beiden letzten Wächtern war niemand mehr in der Halle. Die Gefährten gingen langsam in der Mitte vorwärts. Zu beiden Seiten befanden sich durchgehende steinerne Bänke. An den Wänden prangten wieder kunstvolle Steinmetzarbeiten bei denen das Wasser im Mittelpunkt stand. Eine dieser steinernen Kunstwerke fiel den kundigen Augen der Zwerge auf, irgend etwas stimmte hier nicht. Das Relief zeigte eine idyllische Landschaft in der eine scheinbar endlose Reihe Personen durch einen Torbogen zu einem brunnenähnlichen Gebilde pilgerten. Die Zwerge untersuchten das Bild und hatten wenig später einen versteckten Knopf entdeckt. Nachdem sie ihn ohne Erfolg nach Fallen untersucht hatten drückte Knapp darauf. Es knirschte und rumpelte, der Torbogen auf dem Relief öffnete sich und gab einen Durchgang zu einer kleinen Kammer frei. Abgestandene Luft schlug ihnen entgegen. Irgend etwas glimmte rot im Inneren. Vorsichtig stiegen sie durch den Torbogen in die Kammer und besahen sich im magischen Licht ihre Entdeckung. Der Raum maß etwa acht mal acht Schritt und war bis auf eine eigenartige Konstruktion in der Mitte völlig leer. Das rote Glimmen stammte von einem gewaltigen Rubin der in der Mitte des Raumes auf einer kurzen Säule lag. Die Säule stand etwas erhaben auf einem Podest. Von der Decke ragte ebenfall eine Säule herunter die etwa drei Handbreit vor dem Rubin endete. Knepp traten beinahe die Tränen in die Augen als er der Edelstein erblickte. Er ging mit verklärtem Blick langsam nach vorn. Als er das Podest betrat senkte sich dieses ein wenig und irgendwo oberhalb begann etwas leise zu surren, so als ob ein Rad rotieren würde. Er hielt kurz an, es passierte aber nichts weiter. Seine Gefährten redeten eindringlich auf ihn ein er solle den Rubin nicht anfassen. Kardoc roch geradezu eine Falle. Knepp hörte sie zwar rufen, aber seine ganzen Sinne waren auf den hübschen roten Edelstein gerichtet. Ehe es jemand verhindern konnte versuchte er den Rubin zu nehmen. Er faßte blitzschnell auf die Säule um den Stein herunter zu reißen, stellte aber fest, daß dieser mit der Säule verbunden war und sich keinen Fingerbreit bewegen ließ. Im nächsten Augenblick, während er sich noch wunderte warum der Stein fest saß, spürte er ein leichtes Stechen in der Hand und zog sie schnell zurück. Knepp brauchte einige Momente bis er begriff was soeben passiert war. Er drehte sich um und schaute verwundert auf den Stummel wo einmal seine Hand war und dann auf die entsetzten Gesichter seiner Gefährten. Aus der oberen Säule war ein rotierendes Rohr geschnellt und hatte ihm die Hand fein säuberlich abgetrennt. Er stand völlig unter Schock und spürte noch nichts, die Wunde begann aber bereits langsam zu bluten. Anaid faßte sich als Erste und lief zu ihm. Sie band den Stumpf ab und versuchte die Blutung zu stillen. Es gab im Moment nur eine Möglichkeit die Wunde rasch zu veröden: Ibraha mußte den Stumpf mit einem Feuerball behandeln. Während Knepp gehalten wurde zielte sie dicht an der Verletzung vorbei. Es stank nach verbrannten Fleisch und Knepp wand sich vor Schmerzen. Die Wunde blutete aber kaum mehr. Anaid packte aus ihrem Ranzen Heilkräuter, legte sie auf das geschwärzte Fleisch und wickelte ein Tuch herum. Die Kräuter hatten eine betäubende Wirkung und Knepps Schmerzen ließen wenig später nach. Er stand noch immer unter Schock und wollte nun unbedingt seine Hand suchen. Bevor er sich aber noch mehr an der Falle verletzten konnte schleiften ihn die Anderen aus dem Raum. Draußen begriff Knepp langsam was ihm passiert war. Er hatte seine rechte Hand unwiederbringlich verloren, seine Karriere als Krieger war hiermit beendet. Für mechanische Dinge wie Schlösser und ähnliches war er auch nicht mehr zu gebrauchen. Das Schicksal eines hungernden Bettlers, der vor den Stadttoren herumlungert, zeichnete sich vor seinen Augen ab. Knepp ließ sich seine Stimmung zwar nicht anmerken aber die Anderen wußten, daß er am Boden zerstört war. Ihre Rücksicht ging sogar soweit, daß sie auf Sticheleien wegen seiner Ungeschicklichkeit verzichteten. Sie versuchten ihn sogar abzulenken und begannen die Halle weiter zu untersuchen. Knepp konnte aber kein so rechtes Interesse mehr aufbringen, die Schätze des Tempels waren ihm Momentan egal. Seine Gedanken kreisten nur um seine Hand während er den Anderen hinterher trottete.

Am Ende der Halle, von Säulen eingegrenzt, ragte ein Wasserspeier aus der Wand. Es mußte einmal ein halber Fisch gewesen der da scheinbar aus der Wand sprang. Sein Kopf und Teile der Mauer rundherum lagen in einem runden Becken darunter und verstopfte den Abfluß. Im Schein des magischen Lichts funkelte am Boden des Beckens ein wenig Wasser. Über dem Wasserspeier stand in alter Runenschrift: "Wasser des Lebens." Darunter befand sich eine Steintafel auf der ebenfalls Runen eingeritzt waren. Eduardo versuchte die Schrift zu übersetzten; es war irgendein Rezept für ein Ritual der Elis - Tempelpriester.

Die Anderen, bis auf Knepp der seinen Stummel anstarrte, untersuchten inzwischen gründlich die Halle und den Gang. Außer ein paar losen Steinen, die sich wahrscheinlich durch die dauernden Erschütterungen der rollenden Kugel gelöst hatten, fanden sie aber nichts. Ibraha entdeckte draußen in der ersten Halle eine weitere Inschrift über dem Eingang. "Tempel des Elis" stand dort geschrieben. Dieser mysteriöse Elis war sicher irgendeine alte Gottheit von der niemand mehr etwas wußte. Während Eduardo sich noch immer mit den Runen auf der Steintafel abmühte machten sich die Anderen bereits auf den Rückweg. Die sagenhaften Schätze waren also wirklich nur eine Sage; hier gab es nichts mehr zu holen. Ganz umsonst waren sie aber doch nicht hier gewesen, immerhin hatten sie die wertvollen Waffen gefunden. Es blieb ihnen nichts weiter übrig als ohne Reichtümer abzureisen. Knapp rief nach Eduardo der noch immer die Inschrift studierte: "Eduardo komm jetzt, wir fliegen nach Brilante. Die Runen kannst du ein anderes mal auch noch entziffern."

Doch Eduardo ließ sich nicht beirren, er hatte den hochinteressanten Text fast übersetzt. Die Runen erzählten von den gewaltigen Reichtümern des Gottes "Elis" und seinen Priestern, die den Schatz verwalten und vermehren sollten. Elis persönlich bewachte angeblich den Schatz, hier im Tempel. Die einzigen die Zugang zu den Reichtümern hatten, waren die Priester. Sie mußten dazu Elis den Trunk des Lebens darbieten. Wenn Elis ihnen wohl gewogen war ließ er sie danach zu seinem Eigentum.

Sie waren völlig ratlos, jeden Winkel der beiden Stockwerke war genauestens nach Geheimtüren und Fächern durchsucht worden; hier gab es keinen Schatz. Eduardo war mit seiner Übersetzung endlich fertig. Das Rezept auf der Tafel war der "Trunk des Lebens". Man brauchte dazu "Wasser des Lebens" und den "Saft des Lebens". Als Eduardo vom "Saft des Lebens" sprach, rief Anaid: "Ich habe ihn, - den Saft des Lebens! Eine ganze Phiole voll!"

Eduardo nahm eine leere Phiole aus seinem Ranzen und füllte sie mit dem Wasser aus dem Becken an; es war ohne Zweifel das "Wasser des Lebens". Die Herstellung des Trankes war denkbar einfach, die beiden Zutaten mußten nur kurz, und unter ständigem Rühren aufgekocht werden. Eduardo steckte die Phiole ein und ging eilig voran. Wenig später standen alle um ein kleines Feuer in der großen Eingangshalle des Tempels. In Ibrahas Kupferkessel köchelte das Wasser des Lebens und Eduardo schüttete ein paar Tropfen vom Saft des Lebens hinein. Die Flüssigkeit begann sofort aufzuwallen und der Trunk des Lebens war fertig. Eduardo füllte ihn noch heiß in eine leere Phiole und sah sich fragend um: "Wem füllen wir das jetzt ein?"

Eine Elis Statue mußte gefunden werden, diese würde sie dann zum Schatz führen. Eine Elisstatue war aber niemand aufgefallen, es gab hier eigentlich überhaupt keine Statuen, außer den beiden steinernen Wächter im zweiten Geschoß des Tempels, die sich aber vor kurzem in einen Schutthaufen verwandelt hatten. Es blieb nichts anderes übrig als nocheinmal überall nachzusehen. Als sie sich zum Gehen wenden wollten schrie Eduardo: "Bleibt hier, ich habe die Statue gefunden!"

Er zeigte auf den goldenen Koloß. Kardoc sah an den Fettwülsten hoch und meinte: "Wenn der zum Leben erwacht möchte ich lieber nicht hier sein."

Doch Eduardo war nicht mehr zu halten, mit einer Geschicklichkeit die ihm niemand zugetraut hätte kletterte er an den goldenen Wülsten hoch. Knapp unter dem Doppelkinn holte er die Phiole hervor und zog sich mit einer Hand an der Ohrmuschel hoch. Mit der freien Hand träufelte er die Flüssigkeit in den leicht geöffneten Mund der Statue.

Der Trank wirkte sofort und der Koloß erwachte tatsächlich zum Leben. Eduardo verlor den Halt, stürzte herunter und landete mit ein paar Prellungen beim Sockel. Davidudl half ihm auf die Beine, Ibraha packte eiligst ihren Kupferkessel zusammen. Der Koloß dehnte und streckte sich, er stützte die fetten Hände auf die Knie und erhob sich langsam und ächzend. Kaum war sein gewaltiger Hinterteil ein Stück vom Sockel entfernt wurde der Schatz sichtbar. Das Wort "Schatz" schien irgendwie unpassend. Unter dem Sockel befand sich ein Vermögen von dem alle Fürsten Mystias miteinander nur Träumen konnten. In einer rechteckigen Wanne von fünf mal sieben Schritten glänzte alles was teuer und selten war. Sie hätten darin baden können.

Der Koloß erhob sich langsam weiter und der Spalt war jetzt so groß, daß sie hinein kriechen konnten. Satt dem erhofften Reichtum bahnte sich aber etwas anderes an. - Eine mittlere Katastrophe. Bei jeder kleinsten Bewegung des Kolosses bebte der Tempel bis in die Grundfesten, und die uralten Mauern waren alt und baufällig. Anfangs rieselte nur etwas Staub aus den Ritzen, aber nun lösten sich bereits faustgroße Brocken aus der Decke. An der Seite stürzte eine Säule krachend zu Boden. Die Gefährten rannten. Und keinen Moment zu früh wie sie gleich darauf feststellen konnten. Wo sie eben noch gestanden waren zerbarst ein großer Stein aus dem Deckengewölbe. Ein Torflügel des Haupttores wurde aus den Angeln gerissen und stürzte nach außen auf den sumpfigen Boden. Sie rannten darüber hinweg und stolperten ein Stück in den Wald. Am Boden zerstört beobachteten sie den endgültigen Zusamenbruch des Elis Tempels. Ein staubiger Schuttberg war alles was von dem alten Gebäude übrig blieb. Und ganz unten, unter riesigen Steinblöcken begraben, lag der größte Schatz dieser Welt; wahrscheinlich für alle Zeiten unerreichbar.

Die Gefährten überwanden den Schock aber bald, sie sollten ja ohnehin in Bescheidenheit Leben. Außerdem könnten sie zu einem späteren Zeitpunkt mit Minenarbeitern aus dem Zwergengebirge zurückkehren. Mit Hilfe der Zwerge konnte man sicher in wenigen Jahren einen Stollen zum Sockel der Statue graben und die Schätze bergen.- Für die Armen und Bedürftigen natürlich.

Die Flugdrachen standen etwas abseits auf der Lichtung. Während sie hingingen erkundigte sich Kardoc nach Eduardos Turm. Eduardo deutete auf seine Schulter wo Skiria saß: "Er hat mich von dort geholt. Es war alles in Ordnung. Irgendwer war zwar auf der Insel, doch in den Turm konnten sie nicht eindringen."

Eduardo hatte den Turm wieder versiegelt und danach die beiden Zwerge und Ibraha von Brilante abgeholt. Glücklicherweise hatten sie daran gedacht auch die Flugdrachen von Anaid, Davidudl und Kardoc aus Brilante mit in die Sümpfe zu nehmen.

Wenig später trugen die Flugdrachen ihre Reiter mit kräftigen Flügelschlägen über die Baumkronen und flogen Richtung Brilante davon. Skiria, der winzige Vogel, flog hinter dem Konvoi nach und bestaunte die gleichmäßigen Flügelschläge der Flugdrachen. Ein majestätischer Anblick!

Nur Knapps Flugdrache fiel aus der Reihe, er mußte fast doppelt so oft die Flügel auf und ab bewegen um nicht abzustürzen.

© Andreas Bartl

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