KAPITEL 9

Die Suche

König Marco und der ehrwürdige Moram empfingen die Gefährten in der Bibliothek. Als die vom Reisestaub gezeichneten Gestalten eintraten schaute ein Diener entsetzt auf die Ratten zu ihren Füßen und zu der Fledermaus, die über Siro Eduardos Kopf flatterte. Aber da der König auf das Ungeziefer nicht reagierte hielt er lieber den Mund.

Moram machte sich Notizen während die Gefährten erzählten. Er hatte vor, ein Buch über die zwölf legendären Helden zu schreiben. Dieses uralte Wissen sollte nicht noch einmal verloren gehen. Nachdem die Gefährten ausführlich von ihren Erlebnisse berichtet hatten ergriff der König das Wort. Von den Nataspriester oder von Überfällen der Orks gab es keine neuen Meldungen; die fanatische Sekte hatte aber sicher nicht aufgegeben. König Marco rechnete jeden Tag mit einem Boten der wieder irgendeine Greueltat zu berichten wußte. Seit dem Überfall auf Schloß Gelea war neben der Schloßwache nun ständig eine kampfbereite Truppe von vierhundert Kriegern auf Schloß Brilante stationiert. Bei einem überraschenden Angriff mußte diese Truppe das Schloß halten, bis eine Armee aufgestellt war. Von Prinz Andrus gab es nach wie vor keine Nachricht, die Arbeitskolonne war anscheinend noch nicht am Ziel angelangt

Moram legte seine Feder beiseite und rollte das Pergament, auf dem er geschrieben hatte zusammen. Er wirkte müde und abgespannt. Seit Tagen suchte er in der Bibliothek nach Hinweisen über die zwölf legendären Helden. Außer ein paar vagen Andeutungen hatte er aber noch nichts gefunden. Die meisten Werke waren sehr allgemein gehaltene Lobeshymnen auf ihre heroischen Taten. Ein konkreter Hinweis ließ sich aus diesen Schriften aber nicht herauslesen. Moram hatte jedoch noch eine ganze Reihe ungelesener Schriften vor sich und er hoffte, daß in irgend einem Buch doch noch brauchbare Hinweise zu finden waren. Die beiden Wirkstätten, die der Weise im Sumpf verraten hatte, klangen jedenfalls äußerst vielversprechend. Moram schlug vor als erstes den Berg im Elfenwald aufzusuchen, vielleicht wußten die Elfen mehr über diesen geheimnisvollen Tempel. Es erschien durchaus möglich, daß die Elfen noch überliefertes Wissen über die Maya hatten. Ein paar Tausend Jahre waren für Elfen keine unvorstellbare Zeitspanne. Ein Elf konnte immerhin um die Zweihundert Jahre alt werden.

Moram hatte neben seiner Suche nach den legendären Helden, ein paar neue Zaubersprüche für Anaid und Kardoc vorbereitet. Die beiden waren in ihren bisher gelernten Sprüchen schon einigermaßen geübt. Magisches Licht konnten sie schon ohne größere Anstrengung zaubern, aber dies war auch der leichteste Spruch. Alle anderen, wie zum Beispiel Untote vertreiben oder eine magische Schutzaura herbeizaubern gelangen ihnen nicht jedesmal und kosteten noch dazu viel Kraft. Doch sie übten sich gezwungenermaßen bei jedem Kampf und ihre Heilungssprüche, gegen kleinere Verletzungen, wollte niemand mehr missen. Die neuen Zaubersprüche waren noch etwas schwieriger, aber dafür sehr nützlich. Ein Lähmungsspruch zum Beispiel, der für einige Herzschläge einen Gegner lähmen konnte, war sicher hervorragend zu gebrauchen. Anaid und Kardoc studierten eingehend die magischen Silben auf dem Pergament das sie von Moram erhalten hatten und machten sogleich eine Abschrift davon.

Es war inzwischen finster geworden. Moram machte sich seufzend auf den Weg in die Bibliothek, der König zog sich in seine Gemächer zurück und die Gefährten gingen ebenfalls in ihre Kammern. Spät in der Nacht sah man vom Schloßhof aus Kerzenlicht in Kardocs Zimmer. Manchmal zuckte blaues Licht aus dem Fenster, - wenn er sich beim Üben verzauberte. Spät in der Nacht klopfte es an Kardocs Tür. Knapp stand draußen und hatte einige Papierrollen unter dem Arm geklemmt. Er wollte Kardoc etwas zeigen das er sich heute Abend ausgedacht hatte. Wenig später saßen beide Zwerge beim schwachen Kerzenlicht über den Tisch gebeugt und zeichneten, für nicht - Zwerge scheinbar wirre, Konstruktionen auf daß Pergament. Bis in die frühen Morgenstunden brauchten sie um zu einem zufrieden stellenden Ergebnis zu kommen. Im Morgengrauen rollten sie ihre Papiere zusammen und meinten: "Genau so muß es funktionieren!"

Was sie in dieser Nacht ausgeheckt hatten hielten sie vor den Anderen aber zunächst geheim. Sie legten sich zufrieden nieder und wollten noch ein paar Stunden schlafen, doch daraus wurde nichts. Ihre Gefährten rissen sie erbarmungslos aus dem Schlaf und wenig später flogen alle mit frischen Proviant versorgt los. Zur Mittagszeit des nächsten Tages erreichten sie das wiederaufgebaute Dorf Omul, Anaids Heimatdorf. Bis auf ein paar verkohlte Baumstümpfe war vom Orküberfall nichts mehr zu entdecken. Die neuen Holzhütten lagen jetzt etwas höher in den Bäumen und waren nur über Leitern und Seile zu erreichen. Als die Gefährten auf die Dorflichtung landeten wurden sie freudig begrüßt. Von allen Seiten kletterten Elfen die Bäumen hinab und umringten die Flugdrachen und ihre Reiter. Wenig später kamen die Dorfältesten auf den Platz und die neugierige Menge machte respektvoll Platz. Die ganze Versammlung setzte sich auf den weichen Waldboden und die Gefährten berichteten die neuesten Neuigkeiten. Anaid stellte ihre neuen Begleiter, die Zwerge Knepp, Knapp und den Magier Siro Eduardo vor. Einer der Alten fragte nach dem Verbleib Osaks. Nach kurzem Schweigen sagte Kardoc: "Er ist tot. Er starb im Kampf für Mystia."

Das grauenhafte Blutbad im Turm schwebte wieder vor ihren Augen. Er und seine beiden Schwerter ruhten nun in einem kleinen Steinhügel bei Schloß Gelea. Er war vielleicht der Verwegenste von ihnen gewesen, wenn er auch ein oder zwei kleine Schwächen hatte. Seine Vorliebe für glänzende Dinge war im Grunde aber nicht so schlimm, viel Wertvolles hatten sie ohnehin nie besessen. Seine zweite Schwäche kam auch nur selten zum Ausbruch. So wie vor einiger Zeit hier auf dieser Waldlichtung. Jeder konnte sich noch an die Stelle, am Rand der Lichtung erinnern, wo er vor einigen Wochen am Morgen des Festes besinnungslos zwischen den

Bänken lag, schwer vom Bier gezeichnet.

Knepp und Knapp unterbrachen das betretene Schweigen und erzählten von ihren Heldentaten im Sumpf. Sie übertrieben dabei maßlos. Knepp schwang dabei seine Axt in der Linken. Anaid hatte seinen rechten Arm gut versorgt und mit Kräutern behandelt, er spürte nur ein leichtes ziehen der absterbenden Nervenenden. Knepp hatt sich entschlossen doch die Kriegerlaufbahn einzuschlagen. Immerhin würde er als einarmiger Held noch viel berühmter als sein Zwillingsbruder mit seinen zwei Armen. Die Elfen sahen etwas mitleidig auf den verstümmelten Zwerg, dieses sture Verhalten war ihnen unverständlich. Ein Elf hätte diese Amputation als Omen verstanden sich von der kriegerischen Laufbahn abzuwenden um in geistigen Künsten tätig zu werden. Aber so etwas konnte man von einem Zwerg schließlich nicht verlangen.

Anaid brachte während des Gesprächs einige Male, so ganz nebenbei den Tempel der Maya zur Sprache. Die Alten Elfen reagierten aber überhaupt nicht darauf und schwiegen sich zu diesem Thema aus. Das konnte nur bedeuteten, daß sie tatsächlich mehr darüber wußten. Erst als Eduardo direkt fragte ob sie ihnen den Weg zum Tempel zeigen könnten gingen die Elfen mit den Gefährten etwas abseits und sprach eindringlich auf sie ein: "Dieser Tempel von dem ihr dauernd redet existiert nicht. Versteht ihr? Es gibt keinen Tempel! Falls euch irgendwer eine Geschichte über die Heldin Maya erzählt hat, so ist das nichts weiter als eine Legende. Im ganzen Elfenwald hat es nie einen Tempel der Maya gegeben. Das einzige was ihr mit eurem Gerede über Maya erreicht ist, daß ihr Fremde in den Elfenwald lockt die dann überall nach einem Tempel suchen den es nicht gibt. Die Orks haben uns schon gereicht, wir brauchen keine Fremden mehr im Wald."

Sie wußten etwas, das stand eindeutig fest. Aber sie mußten noch irgendwie überredet werden ihr Geheimnis preiszugeben. Die Gefährten erklärten ihnen nochmals eindringlich warum sie den Tempel finden mußten. Die Runensteine waren unbedingt nötig um das Dimensionstor wieder zu schließen. Die Elfen blieben aber weiterhin stur. Sie gaben ihnen nur zu verstehen, daß es verboten war irgendwelche Geheimnisse über die Maya preiszugeben. Ein strenges Elfengesetz regelte diese geheime Wissen. Die Gefährten gaben aber keine Ruhe, sie löcherten die Alten Elfen bis diese endlich nachgaben. Anaid durchbrach endgültig das Schweigen als sie sagte: "Also jetzt hört mal. Wir müssen schließlich die Welt retten. Und nun soll unsere Mission hier scheitern, nur wegen so einem alten Brauch."

Die Alten tuschelten eine Weile aufgeregt miteinander, dann trat einer vor und sprach: "Also gut, ihr sollt in das Geheimnis eingeweiht werden. Vielleicht ist es ein Fehler, aber wir wollen nicht, daß es die Schuld einiger halsstarriger Elfen ist, daß die Welt zugrunde geht."

Der weißhaarige Elf sprach gedämpft weiter: "Im Berg Rivak gibt es eine Höhle die der legendären Elfe Maya geweiht ist. Sie war eine der Zwölf, die das Böse einst besiegten. Die Höhle ist die heiligste und geheimste Stätte des ganzen Elfenvolkes. Nur wenige sind würdig ihre unreinen Füße auf die geweihten Steine zu setzen. Wir werden euch hinführen, doch eines möchte ich gleich klarstellen. Die einzige, die in die Höhle darf bist du!"

Er zeigte auf Anaid.

Das war mehr als sie erwartet hatten. Anaid konnte die Runentafel auch alleine herausholen, falls sie überhaupt dort drinnen war. Man beschloß sofort aufzubrechen. Drei der Dorfältesten kamen mit um darauf zu achten, daß in ihrem Allerheiligsten nichts Unrechtes geschah. Wenig später flogen sie, von den alten Elfen geleiten über den Elfenwald. Die Flugdrachen trugen die leichtgewichtigen Elfen mühelos mit.

Einige Stunden später sprangen sie auf einer Lichtung von den Tieren und standen vor einer Felswand am Fuße des Berges Rivak. Die alten Elfen schickten sie ein Stück zurück in den Wald, die Höhle war durch eine Steinwand magisch verschlossen und das Öffnungsritual mußte unbedingt geheim bleiben. Nachdem die Gefährten zwischen den Gebüschen verschwunden waren, hörten sie ein dumpfes Grollen. Gleich darauf erschien ein Elf und führte sie zur Felswand. Dort war ein großer Durchgang im Felsen entstanden. Dahinter hatte man eine weiträumige Höhle in Form einer halben Kuppel in das helle Gestein geschlagen. Es mußte Jahrzehnte gedauert haben bis die Höhle aus dem Fels gemeißelt war. Außer Anaid mußten alle in gebührenden Abstand vor der Höhle stehenbleiben. Der Elf verbeugte sich tief und stellte sich mit gesenkten Haupt an die Seitenwand. Er winkte Anaid weiter: "Benimm dich und übe Demut. Dies ist Maya, die Edelste aus der Rasse der Elfen."

Das Sonnenlicht wurde vom hellen Gestein reflektiert und bestrahlte die halbrunde Halle in zarten Pastellfarben. An den Wänden standen verschiedene Reliquien auf Steinsockeln aufgereiht. Ein abgebrochener Pfeil, eine Kette mit bunten Steinen, eine alte Sandale die, nach der Inschrift auf dem Sockel darunter, angeblich Maya getragen hatte. In der Mitte der runden Wand war überlebensgroß, ein Bildnis Mayas eingemeißelt.

Langsam ging Anaid durch die Halle und betrachtete die Reliquien. Ein besonders auffälliges Stück betrachtete sie näher. Es war ein beweglicher Handspiegel, der so gründlich verschliffen war, daß man überhaupt nichts darin erkennen konnte. Falls ihn Maya einmal benutzt hatte, dann sicher nicht um sich selbst zu betrachten. Anaid ging weiter die Reihe der Reliquien ab. Es war kein Runenstein dabei. Die Elfe untersuchte unauffällig die Wände des Tempel. Ohne Erfolg, der Tempel war ein Fehlschlag. Nicht den kleinsten Hinweis auf einen Runenstein gab es hier.

Als Anaid wieder hinausgehen wollte blendete sie etwas. Der seltsame Spiegel reflektierte die einstrahlende Sonne. Anaid überlegte aus welchem Grund er wohl so komisch geschliffen war. Sie ging noch einmal zu der Reliquie und nahm sie vom Sockel. Der Spiegel fokussierte das Licht wenn man ihn im Richtigen Winkel hielt. Anaid schaute zum hell erleuchteten Ausgang der Höhle. Dort draußen funktionierte er sicher noch besser. Während sie zum Höhlenausgang ging drehte und kippte sie den Spiegel ununterbrochen. Der alte Elf an der Höhlenwand blickte auf und sah mit Entsetzen wie Anaid den Spiegel in alle Richtungen verdrehte und zum Ausgang ging: "Was machst du da, du entweihst den Tempel..."

Während der Elf näherkam drehte Anaid den Spiegel im Sonnenlicht. Das Licht sammelte sich im Glas des Spiegels. Ein heller Lichtstrahl zeigte in die Höhle. In dem Moment als der alte Elf ihr den Spiegel wegnehmen und wieder an seine Platz legen wollte fand Anaid die richtige Stelle. - Das Bildnis der Maya! Als der Lichtstrahl über den Stein streifte löste sich das Relief vollständig auf. Das Bildnis der Maya war verschwunden.

Der alte Elf war leichenblaß. Die geheiligte Höhle, - für alle Zeiten geschändet. Während der Alte fassungslos da stand ging Anaid zu dem Durchgang den sie geschaffen hatte. Nachdem sie einige Schritte hineingegangen war kam sie plötzlich wieder herausgelaufen und rief: "Komm mit! Schnell, ich hab etwas entdeckt."

Sie nahm den Elfen bei der Hand und zog ihn durch den kurzen Gang. Sie hatte den wahren Tempel der Maya freigelegt. Der Raum war hell ausgeleuchtet; das Licht wurde vom hellen Gestein reflektiert und drang bis hier herein. In der Mitte einer Domartigen Halle stand sie selbst, - Maya. Drei Stufen führten zu einer lebensgroßen Statue aus weißen Marmor, oder ähnlichem Gestein. Maya trug eine kurze Toga und hochgeschnürte Sandalen. Unter einem kunstvoll gemeißelten Helm flossen lange, gewellte Haare über ihre Schultern. In einer Hand hielt sie eine lange Lanze. Die Augen der Statue standen offen. Anaid ging langsam näher, sie fühlte sich beobachtet. Der alte Elf war noch immer fassungslos: "Ich muß die anderen holen, das müssen sie sehen!"

Wenig später standen alle in der großen Halle. Unter diesen außerordentlichen Umständen wurde sogar den Zwergen und Menschen, die draußen gewartet hatten, der Zutritt erlaubt. Kardoc kam irgendetwas an der Statue bekannt vor, er konnte aber nicht feststellen was es war. Aufmerksam betrachtete er die steinerne Elfe und versuchte sich zu erinnern. Er war sich völlig sicher diese Statue schon einmal gesehen zu haben.

Während der Zwerg grübelte und die anderen über die kunstvollen Steinmetzarbeiten der Tempelhalle staunten ging Anaid langsam auf das Podest zu. Sie verhielt wenige Schritte vor der Statue und war sich jetzt völlig sicher, daß sie von Maya beobachtet wurde. Langsam schritt Anaid die drei Stufen hinauf. Plötzlich ging ein Ruck durch den weißen Stein und Maya bewegte sich. Der steinerne Körper machte eine geschmeidige Drehung und wandte sich zu Anaid, die wie angewurzelt stehen geblieben war. Maya hielt die Lanze mit dem stumpfen Ende auf Anaid gerichtet und verharrte in dieser Stellung wieder.

Zögernd ging die Elfe näher und ergriff den Schaft der Lanze. Als ihre Hand das kühle Metall fest umschloß ließ Maya los. Anaid wendete sich ratlos zu den anderen, was sollte sie mit der Lanze? Sie hatte keine Ahnung von Lanzen. Aber Maya gab ihr diese Waffe sicher nicht grundlos, auch wenn sie momentan damit noch nichts anfangen konnte. Sie wog die Lanze in der Hand und ging rückwärts wieder vom Podest. Maya stand wieder in ihrer ursprünglichen Haltung, nur jene Hand in der sie die Lanze gehalten hatte, lag jetzt an ihrer Hüfte.

Die Lanze war sicher eine legendäre Waffe die irgendeine Besonderheit hatte. Vielleicht wußte Moram etwas darüber, solche sagenhaften Waffen füllten ja oft ganze Geschichtsbände. Anaid zeigte ihr Geschenk den alten, weisen Elfen. Sie wußten sofort was es mit der Lanze auf sich hatte. Ein Omen! Die Maya gab ihr mit der Lanze, gleichzeitig einen Auftrag; anders konnte es nicht sein. Ein heiliger Auftrag der von nun an ihr einziges Streben sein sollte. Ein Aufgabe dem sie ihr Leben weihen mußte. Die Maya hatte in ihrer unendlichen Güte diese Elfe auserkoren um die Lanze in die Welt zu tragen. Wozu diese Lanze in die Welt getragen werden mußte blieb zwar völlig schleierhaft aber niemand durfte an der großen Maya zweifeln...

Knepp unterbrach die schicksalsträchtigen Worte der Elfen völlig unpassend: "Vielleicht wollte sie die Lanze einfach nicht mehr halten, das Ding sieht ganz schön schwer aus."

Knapp lenkte die erbosten Elfen von Knepps ehrfurchtslosem Gefasel ab. Er stand an der seitlichen Höhlenwand und rief: "Hier ist eine versteckte Tür, und... ich krieg sie nicht auf!"

Gemeinsam mit Kardoc öffnete er die Geheimtür. Dahinter lag ein Raum mit verstaubten Schriftrollen und Steintafeln. Viele der Schriften waren bereits verblaßt und unleserlich. Während Anaid und Kardoc die Schriften zu entziffern versuchten, stöberte Davidudl in einer Kiste und holte ein Stoffbündel heraus. Nachdem er mehrere Lagen des Stoffes auseinandergefaltet hatte, hielt er den Runenstein der Maya und das dazugehörige Pergament in Händen. Der zweite Stein war gefunden. Moram würde hocherfreut sein, daß die Suche nach den Artefakten so schnell voran ging.

Aus dem Raum führte ein Gang noch tiefer in den Berg hinein. Dorthin drang aber kein Licht mehr. Kardoc sprach den Lichtspruch. Das Gestein war nur grob und ungleichmäßig behauen. Es sah aus als ob der Gang erst zur Hälfte fertig gestellt war. Nach etwa hundert Schritten standen sie wieder vor einer Tür. Das dicke steinerne Tor hätte jedem Erdbeben stangehalten, es war halb geöffnet und der Schüssel steckte im Schloß. Davidudl drückte das Tor auf. Dahinter wurde der Gang etwas breiter. Der Grundriß einer größeren Kammer war bereits erkennbar, die Seitenwände gingen aber noch schräg nach oben. Am anderen Ende hatte man ein kurzes Stück Gang weitergegraben. In den Ecken lagen Werkzeuge und ein paar vermoderte Gewänder. Es sah hier aus, als ob die Arbeit aus irgendwelchen Gründen urplötzlich eingestellt worden war. Kardoc sah sich um und meinte das hier einmal Zwerge gearbeitet hatten. Warum sie hier ihre Arbeit vorzeitig abgebrochen hatten würde wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Vielleicht hatten sie nach der Fertigstellung des Tempels einfach weitergegraben, nur so zum Spaß. Während sie in den Sachen stöberten hörten sie eigenartige Geräusche aus dem Gang. - Gegrunze, wie von Orks.

Einen Augenblick später stürmten sie auch schon durch die Tür. Die alten Elfen drückten sich an die Wand und machten den Kriegern Platz. Der kleine Raum war binnen kürzester Zeit völlig überfüllt, es gab kaum Platz zum ausholen. Die Elfen retteten sich auf den Gang und rannten so schnell sie konnten in den Tempel zurück. Die Magier konnten ihre Sprüche hier drinnen kaum anwenden, bei einem Feuerball währen sie selbst verbrannt. Davidudl ließ sein Schwert in der Scheide und stach beidhändig mit seinen vergifteten Speeramselschnäbeln um sich. Kardoc rief den anderen zu sie sollten sich in die Nähe der Tür kämpfen. Als sie in einer geschlossenen Reihe, mit dem Rücken zur Tür standen, rief der Zwerg: "Raus jetzt!"

Die Orks reagierten äußerst träge auf diese Finte und sahen verwundert wie vor ihnen die Steintür zuschlug. In der Dunkelheit hasteten sie zur Tür, diese war aber schon abgeschlossen. Am Rückweg in den Tempel wurden Spekulationen über das Schicksal der Orks aufgestellt. Knapp war überzeugt, daß die Orks zu ruhelosen Geister wurden und wenn in einigen hundert oder tausend Jahren eine Gruppe verwegener Abenteurer diese Tür öffnet, mußten sie sicher gegen die Geister der Orks kämpfen.

Im Tempel der Maya warteten die alten Elfen. Sie vermuteten, daß die Orks die ganze Zeit den Eingang beobachtet hatten und als sie alle hineingegengen waren schlichen sie einfach nach. Aber diese Tempelschänder war glücklicherweise das Handwerk gelegt worden.

Die Sonne ging langsam unter und das Licht im Tempel wurde schwächer. Die Zweibeiner verließen die legendäre Heldin Maya und suchten draußen einen geeigneten Lagerplatz für die Nacht. Die drei Elfen verschlossen die Felswand und setzten sich zum Feuer das inzwischen auf der Lichtung entfacht worden war. Kardoc fiel plötzlich ein was ihm an der Mayastatue so bekannt erschienen war. Es war der weiße marmorähnliche Stein aus dem sie gemeißelt war. Genau den selben Stein hatte er schon einmal gesehen, im Zwergengebirge. Der weiße Drache, an dem der dunkle Lord gescheitert war, bestand sicher aus dem gleichen Material.

Es war inzwischen dunkel geworden. Der Schein des Lagerfeuers flackerte an den Felswänden und die Gefährten richteten sich ein Nachtlager ein. Wachen wurden eingeteilt; es konnten immer noch Orks in der Gegend herumstreunen. Eduardo hatte die erste Wache. Die Lanze der Maya lag neben Anaid am Boden und glühte beinahe im Licht des Mondes. Es war irgendetwas besonderes, vielleicht sogar etwas magisches, an der Waffe. Wer weiß welch großen Taten Maya einst damit vollbrachte. Kardoc setzte sich zu Eduardo ans Feuer und erzählte ihm, daß sie schon einmal mit so einer lebendes Statue aus weißem Gestein zu tun hatten, damals im Zwergengebirge. Der große Drache war auch, wie Maya, urplötzlich zum Leben erwacht. Kardoc war sich ziemlich sicher daß dieses weiße Gestein in keiner Mine und in keinem Steinbruch abgebaut wurde. Steine konnten sich nur unter magischen Bedingungen so eigenartig verhalten. Eduardo war ebenfalls dieser Meinung und nahm sich vor, wenn er das nächste mal in seinem Turm war, nach Schriften über solches Gestein zu suchen.

Kardoc betrachtete seine Hände mit denen er beim Zaubern die magischen Silben unterstrich und fragte: "Meinst du daß ich eines Tages solch einen Zauber beherrschen könnte?"

Eduardo lachte kurz auf und antwortete: "Ha, ich glaube von solchen Sprüchen sind wir beide weit entfernt. Ich könnte nicht einmal sagen welche Richtung der Magie dazu fähig währe. Ich müßte dieses rätselhafte Material praktisch aus dem Nichts hervorzaubern und du müßtest die Struktur des Steins so verändern daß... Ach was, da kommen wir in hundert Jahren nicht drauf. Dieser Spruch wurde sicher von einer ganzen Horde Magier ausgetüftelt."

Kardoc zauberte nun schon eine ganze Weile. Er hatte aber nie verstanden warum es eigentlich zwei Arten der Magie gab und sprach Eduardo, der bei weitem mehr studiert hatte als er, darauf an. Glücklicherweise waren keine Orks mehr in der Nähe, denn die beiden waren nach kurzem so ins Gespräch vertieft, daß sie nicht einmal eine vorbeitrampelnde Ochsenherde bemerkt hätte. Eduardo hatte in Alten Schriften gelesen, daß es eine Zeit gab wo beide magischen Strömungen noch vereint waren. Als die Drachen noch über die Welt herrschten gab es nur eine, allumfassende Magie. Die Drachenmagie. Sie war sehr mächtig; zu mächtig sogar. Whuosa hatte den Drachen die Fähigkeit und die Verantwortung gegeben über die Welt zu wachen. Die Drachen erwiesen sich aber als zu schwach, einige von ihnen verfielen der Macht und begannen sie für eigennützige Zwecke, oder noch schlimmer gegen andere Rassen, wie zum Beispiel die aufkeimenden Zweibeiner auszunutzen. Einige Drachen führten, von bösen Mächten geleitet, Kriege gegen die Welt. Andere Drachen verteidigten sie wiederum. Doch diese Kriege führten am Ende zu nichts, keine der beiden Seiten war endgültig zu bezwingen. Unter diesen ewigen Konfrontationen von Gut und Böse litt Mystia fürchterlich, denn die Drachenmagie war in der Tat mächtig. Whuosa beendete schließlich eigenhändig den Streit und nahm den Drachen den Großteil ihrer magischen Fähigkeiten. Die Drachen waren untereinander zerstritten und hatten ihre Magie völlig oder bis auf ein paar kümmerliche Reste verloren. Einige wurden überhaupt in Tiere zurückverwandelt, wie die blauen Riesendrachen zum Beispiel, und durften nur mehr einen einzigen Zauberspruch behalten. Die blauen Drachen sind sich gar nicht bewußt, daß ihr Feueratem in Wirklichkeit eine schwache Version ihres ehemaligen Feuerballspruchs ist. Ein Rest dieser Magie wirkte sich auch bei einer Rüstung aus Drachenschuppen aus. Sie paßt sich in einem gewissen Rahmen jeder Körperform an. Am Ende der großen Drachenkriege stand es sehr schlecht um die Magie, es gab sie praktisch nicht mehr. Nach Whuosas Wille sollten nun die Zweibeiner als nächstes die Verantwortung über die Weltscheibe übernehmen. Von den Zweibeinern taten sich besonders die Gnome hervor, wenn es darum ging Lösungen für die Probleme der Welt zu finden. Sie konstruierten bald die skurrilsten Maschinen und Apparate, zum Wohle der Welt. Whuosa fand aber immer weniger Gefallen an diesem Werk, ihm erschien die Magie doch als das geeignetere Mittel um der Welt nützlich zu sein. Wenn die Gnome in dem Tempo weiter erfinden würden, brauchten die Zweibeiner in absehbarer Zeit überhaupt keine Weltscheibe mehr, sondern bauten sich am Ende ihre eigenen Weltscheiben, ließen Mystia Mystia sein und machten sich durch die Dimensionen davon. Und das konnte schließlich auch nicht der Sinn einer Welt sein.

Whuosa verlieh den Zweibeinern wieder einen Teil der einstigen Drachenmagie. Es war die Fähigkeit die Strömungen der Natur zu erkennen und zu lenken. Die Magie der Kleriker war wieder vorhanden. Als besonders fähig erwiesen sich Elfen und Menschen in dieser Kunst und sie gingen wirklich sorgsam und weise mit dieser Macht um. Die Gnome interessierte dieses Heilen und Leute gesundbeten überhaupt nicht. Da explodierte nichts, es gab keine Rauchwolken, nicht einmal ein kleines Feuer ließ sich mit Magie herbeizaubern. Sie überließen den anderen Zweibeiner die Magie, erfanden munter weiter und verfeinerten ihre Techniken immer mehr. Whuosa aber kannte seine Zweibeiner. Er wußte genau, daß sie von Natur aus stinkfaul waren. Ihm war bewußt, daß sie diese Maschinen nur bauten um sich selbst, und zahlenden Kunden, das Leben zu erleichtern. Deshalb entschied er auch den zweiten Teil der Drachenmagie wieder in die Welt zu bringen, und zwar den Gnomen. Wenn sie entdecken würden, daß mit Magie all das was sie mit ihren aufwendigen Maschinen zu erstreben versuchten ebenfalls zu schaffen war, und zwar bequem, im Sitzen durch ein paar richtig ausgesprochene Silben, würden die Maschinen in kürzester Zeit ausgedient haben. Whuosa sollte recht behalten, die Gnome wurden nach kurzer Zeit die fähigsten Magier der Feuermagie. Whuosa stellte aber von Beginn an sicher, daß kein Zweibeiner die Möglichkeit hatte beide Magiearten in sich zu vereinen. Bei der Strömungsmagie mußte sich der Magier der Umgebung öffnen um die natürlichen oder auch unnatürlichen Schwingungen zu erkennen und zu beeinflussen. Für die Feuermagier hatte sich Whuosa etwas anderes ausgedacht. Er ließ in der Mitte Mystias von Zwergen und Drachen gemeinsam einen Turm bauen der bis zum Ende der Luftkuppel reichte. Über diesen Turm bezogen die Feuermagier ihre Macht. Diese Magie funktionierte grundsätzlich anders als die Strömungsmagie. Jeder der zauberte mußte er sich vor der Welt verschließen und sich auf eine einzige Schwingung konzentrieren; auf die Schwingung die vom Turm ausging. Es war aber nicht unbedingt notwendig von der Existenz des Turms zu wissen. Die magische Kraft war überall vorhanden und für talentierte Zweibeiner nutzbar. Mit den richtigen magischen Silben waren nun sehr eindrucksvolle und spektakuläre Zaubersprüche möglich, genauso wie es die Gnome liebten. Ab dieser Zeit entwickelte sich alles zur vollsten Zufriedenheit Whuosas. Bis zu jenem Moment als eine fremde Macht, so wie in diesen Tagen, nach Mystia griff. Kardoc sah nachdenklich zum hellen Mond und sagte: "Er muß doch unglaublich mächtig sein,

wieso läßt er uns eigentlich die Welt retten. Whuosa könnte sicher mit einem Streich alle Armeen des Bösen hinwegfegen."

Eduardo deutete zum roten Mond, der wieder etwas größer geworden war und Whuosa gegenüberstand: "Das könnte er sicher. Aber ich glaube er hat dort oben einen anderen Kampf zu bestehen. Und ich glaube ich möchte lieber nicht dort oben sein wenn die Zwei aufeinander treffen. Wir Zweibeiner sind wahrscheinlich nur ein schwacher Schatten von ihm, hier unten auf dieser Weltscheibe."

Kardoc nickte: "Hmm... Es ist nur schade, daß es keine Drachenmagie mehr gibt, gegen diese verfluchten Nataspriester währe sie nämlich äußerst nützlich."

Eduardo schwieg einen Moment, dann erwiderte er: "Nun, vielleicht gäbe es eine Möglichkeit. Ich habe lange darüber nachgedacht..."

Kardoc blickte interessiert auf den Magier, aber Eduardo wollte dieses Thema nicht mehr weiter behandeln und fügte rasch hinzu: "Aber es ist noch viel zu früh um darüber zu sprechen, es ist wahrscheinlich nur ein Hirngespinst von mir."

Der Zwerg war zu müde um Eduardo jetzt noch über seine Einfälle auszufragen, obwohl er sich sicher war mit seiner zwergischen Hartnäckigkeit und vielen, vielen Fragen bald sein Geheimnis zu kennen. Kardoc meinte spaßhalber: "Ach, dann wirst du also demnächst ein Drachenmagier? Mit Schuppen, Drachenschwingen und allem drum und dran?

Eduardo lachte.

Der Zwerg legte sich zum Feuer, wo die anderen schon längst schliefen. Während Eduardo wieder die Umgebung beobachtete gingen ihm verschiedene Dinge durch den Kopf. Die vereinigte Magie, mit der ungeahnte Dinge möglich waren, die Drachen und diese Lanze der Maya. Irgendwie kam im das alles bekannt vor. Er hatte plötzlich ein Deja-vu Erlebnis. Er hatte so etwas schon einmal erlebt, die guten Drachen und sagenhafte Lanze wurden schon einmal verzweifelt gesucht, das war bei irgendwelchen Kriegen oder so...

Es war wieder weg. Die Bilder verblaßten und Eduardo konnte sich an nichts mehr erinnern. Wahrscheinlich hatte er nur irgendwann einmal eine Geschichte über Drachen und Lanzen gelesen. Die Gefährten wechselten sich beim Wachen ab und die Nacht verlief ruhig. Kein Ork ließ sich

blicken. Am Morgen flogen sie mit den drei Elfen nach Omul zurück und setzten sie in der Nähe es Dorfes ab. Sie selbst flogen gleich weiter nach Brilante, Moram mußte unbedingt die Lanze sehen. Eduardo flog zu seinem mysteriösen Turm um nach dem Rechten zu sehen. Seit er diesen seltsamen Traum hatte, in dem der Turm von fremden Kriegern überfallen wurde, wagte er nicht zu lange fernzubleiben.

Am nächsten Tag landete die übrigen Gefährten in Brilante und erstattete Moram Bericht. Die Lanze hielt er für eine äußerst wichtige Waffe im Kampf gegen das Böse. Wenn Maya persönlich dieses Artefakt überreichte mußte es einen bestimmten Grund dafür geben. Moram verwahrte die Lanze einstweilen in der Kapelle, bis er herausgefunden hatte was es mit ihr für eine Bewandtnis hatte.

Die Gefährten ruhten sich einen Tag im Schloß aus. Knepp ließ sich von Anaid frische Heilkräuter auflegen die sie von den Elfen mitgenommen hatte. Die Wunde heilte ausgezeichnet und er hatte keine Schmerzen. Manchmal hatte er jedoch das Gefühl sein Hand wäre wieder da, so als ob sie plötzlich nachgewachsen wäre. Wenn er dann hinschaute sank seine Stimmung. Es würde noch eine ganze Weile brauchen bis er sich an den Anblick des Handlosen Armes gewöhnt hatte.

Am nächsten Tag flogen sie schon wieder ab, zur Insel Icelot. Vorher hatten sie sich entsprechend ausgerüstet. Die Insel Icelot war ewig von Schnee und Eis bedeckt. Mit ihrer normalen Kleidung wären sie dort binnen weniger Stunden erfroren. Aber bei den Händlern von Brilante gab es alles für solche Temperaturen zu kaufen. In den den grünen Ebenen rund um das Schloß hatte zwar niemand Verwendung für dicke Pelzstiefel, Jacken und Hauben, doch die Händler führten hier wirklich fast jede Ware die es in Mystia gab. Man konnte schließlich nicht wissen welche Kaufgelüste einen reichen Adligen plötzlich überfielen.

Mit dicken pelzigen Bündeln am Rücken flogen sie mehrere Tage zum oberen Ende von Mystia. Nach den steilen Klippen des Plateaus von Talmus mußten sie einige Stunden über offenes Meer fliegen. Sie hatten sich vorher schon ihre Pelze über die Rüstung angezogen. In der klirrenden Kälte verzichtete sogar Davidudl auf seinen Helm und setzte sich die Pelzhaube auf. Die Luft wurde immer kälter und bald sahen sie in der Ferne einen weißen Strich im blauen Meer. Die Insel war bis auf zwei kleine Gebirge flach. Icelot war kaum besiedelt. Es gab nur das Fischerdorf Alamen an der Küste. Die einzigen nennenswerten Pflanzen die hier überleben konnten waren Eistannen. Von den Flugdrachen aus sahen die Gefährten ein paar Wölfe zwischen den dunklen Bäumen. Sie streiften immer in größeren Rudel durch die Wälder und waren angeblich sehr angriffslustig.

Ihre Flugdrachen in Küstennähe haltend, suchten die Gefährten nach dem Fischerdorf. Das eintönige Weiß wurde an einigen wenigen Stellen von Wäldern unterbrochen, von einem Fischerdorf war aber keine Spur zu sehen. Nach einer Weile entdeckte Anaid aber doch etwas. Vor ihnen standen Gesteinsbrocken aus dem Schnee des flachen Küstenstreifens. Die Flugdrachen landeten und versanken bis zu den Bäuchen im Schnee. Anaids und Ibrahas Gewicht trug die Schneedecke auf jeden Fall. Die anderen mußten etwas vorsichtig gehen um nicht einzusinken. Nur Knapp hatte erhebliche Schwierigkeiten im Schnee. Als er vom Drachen sprang versank er erst einmal bis zum Gürtel. Nachdem er erfolglos den Schnee durchwühlt hatte und statt vorwärts zu kommen nur immer tiefer im Schnee versank, gab er es auf und robbte er auf allen Vieren über die Schneedecke.

Die Felsbrocken entpuppten sich als die Überreste des Fischerdorfs. Es mußte von den Einwohnern vor längerer Zeit aufgegeben worden sein. Ein einziges Gebäude war noch intakt, eine große Halle in der früher die Fische getrocknet wurde. An der Decke hingen an langen Querstangen noch ein paar gefrorene Fischreste. Die Halle bot einen Idealen Unterschlupf für die Flugdrachenrachen. Die Gefährten führten ihre Tiere hinein; ein oder zwei Tage konnten sie es leicht hier aushalten, vor Schneestürmen und Wölfen geschützt. Anaid führte ihren Drachen noch nicht ins Gebäude, sie wollte zu den Bergen fliegen und sehen ob sie die Höhle aus der Luft entdecken konnte.

Das Gebirge war nicht sehr hoch aber sehr zerklüftet. Anaid flog an den Felswänden entlang und suchte nach der Höhle die ihnen der Weise aus dem Sumpf beschrieben hatte. Sie beobachte die Felsen mit zusammengekniffenen Lidern, das eintönige Weiß brannte ihr bereits in den Augen. Endlich fand sie den beschriebenen Einschnitt im Felsen. Der schmale Spalt war stockdunkel und führte anscheinend sehr tief in den Berg hinein. Mit ihrem Flugdrachen konnte sie dort aber unmöglich landen, das Tier hätte sich leicht an den spitzen Graten verletzten können. Anaid flog einige Male dicht an der Stelle vorbei. Sie war sich sicher, daß eine Höhle am Ende des dunklen Spalts weiterführte. Sie flog zurück und berichtete von ihrer Entdeckung.

Nachdem Anaid ihren Flugdrachen versorgt hatte machten sie sich auf den Weg. Das Wetter war an diesem Tag für hiesige Verhältnisse sehr mild, die umgehängten Fell wurden ihnen fast zu warm. Knapp schwitze sogar. Er hatte am schwersten von allen zu tragen, - nämlich sich selbst. Sie gingen im seichten Schnee, zwischen hohen Schneewächten und kamen zügig voran. Das Gebirge rückte langsam näher. Wenn niemand schlappmachte konnten sie in wenigen Stunden am Fuß der Berge angelangt sein.

Den Bergen war ein schmaler Waldstreifen vorgelagert. Die zähen Eistannen hatten sich in einer flachen Senke angesiedelt und den Schnee etwas zurückgedrängt. Unter den großen Bäumen gab es sogar schneefreie Stellen. Die ausladenden Äste wirkten wie ein großes rundes Dach. Die Triebe der unteren Äste waren an vielen Stellen abgefressen, irgend ein Wild lebte anscheinend hier in den Wäldern. Knepp entdeckte hinter einem dicken Eistannenstamm eins dieser Wildtiere. Er deutete den anderen leise zu sein und zeigte auf die Stelle. Das Tier lag am Boden, nur der Hinterteil schaute hinter einem Baumstamm hervor. Es sah einem Hirsch zum verwechseln ähnlich. Das weiße Fell war eine ausgezeichnete Tarnung in dieser Gegend. Das Tier zuckte eigenartig herum, manchmal wurde der ganze Körper durchgeschüttelt. Sie schlichen leise näher um das Tier nicht zu vertreiben. Ein naher Baumstamm bot genügend Deckung für alle. Sie drängten sich um den Stamm, jeder wollte einen Blick auf den weißen Hirsch werfen bevor er ihre Witterung aufnahm.

Der Hirsch nahm keine Witterung auf; er konnte gar keine Witterung mehr aufnehmen. Ein hellgrauer Wolf steckte bis zum Kragen in seinem Bauch und riß soeben die Eingeweide heraus. Die Gefährten und der Wolf erblickten sich gleichzeitig. Während die Zweibeiner so rasch als möglich ihre Waffen unter den Fellumhängen hervor holten, hob der Wolf seinen Kopf und heulte einmal laut und durchdringend.

Sechs weitere graue Leiber hoben sich rund herum aus dem Schnee. Die Wölfe hatten sie anscheinend schon die ganze Zeit beobachtet. Den Stamm im Rücken, hielten die Zweibeiner ihre Waffen abwehrbereit vor sich. Davidudl war erregt. Seine Hand schloß sich fest um den Schwertgriff. So große Wölfe hatte er bis jetzt noch nicht gesehen. Er machte sich ernsthafte Sorgen wegen der Wölfe. Er befürchtete die Tiere könnten sich am Ende schon satt gefressen haben und davon laufen.

Die Wölfe liefen geduckt vor dem Baum herum und beobachteten die Zweibeiner. Davidudl hielt es nicht länger aus, er stürzte sich mit Gebrüll auf die Wölfe. Die Tiere waren sehr flink und wichen seinen Schwertstreichen aus. Sie versuchten den Krieger einzukreisen, doch nun griffen auch die anderen Zweibeiner ein. Die dicken Fellumhängen schränkten ihre Bewegungsfreiheit aber stark ein; ihre Waffen streiften die Wölfe höchstens. Die Wölfe wiederum bissen vergeblich in diese aufrechtgehenden Fellungetüme. Die Rüstungen unter den Fellen war für sie nicht zu durchdringen.

Ibraha und Anaid hatten sich am Baum in Sicherheit gebracht und beobachteten das Spektakel von oben. Davidudl hatte wieder diese lächerlichen, toten Speeramseln aus seinem Ranzen geholt und lief damit einem Wolf hinterher. Knapp war überhaupt das größte Problem für die Wölfe es gab kaum eine Stelle an der riesigen Kugel wo ihre Zähne Halt fanden. Nach einigen leichten Verletzungen und ein paar ausgebissenen Zähnen hatten die Wölfe genug. Nach einem Aufjaulen des Leitwolfes flüchteten sie und überließen ihren weißen Hirsch den Zweibeinern. Davidudl sah enttäuscht den Wölfen nach die mit wenigen Sätzen zwischen den Bäumen verschwanden. Es war zwar nur ein kurzer Kampf gewesen aber genau nach seinem Geschmack. Ein bißchen zu wenig Wölfe vielleicht, aber man konnte von den Tieren schließlich nicht verlangen, daß sie sich reihenweise abschlachten ließen. Es waren eben nur Tiere.

Anaid und Ibraha kletterten wieder vom Baum und sie setzten den Marsch zum Gebirge fort. Der Wald ging ohne Unterbrechung direkt ins Gebirge über. Anaid sah etwas oberhalb den Einschnitt im Felsen. Der Aufstieg war nicht allzu schwierig, denn das Gebirge war hier noch sehr flach, die meiste Zeit gingen sie über leicht ansteigende Felsplatten die der Wind vom Schnee freigeweht hatte. Der Spalt im Gebirge war bald erreicht. Die Wände wurden immer steiler und der Schnee immer weniger. Nur an ein paar Stellen hatte der Wind hohe Schneewände zusammengeblasen, doch diese konnten leicht umgangen werden.

Es wurde immer dunkler. In den enger werdenden Spalt fiel kaum noch Licht. Ihre Schritte hallten auf schneefreiem Stein. Am Ende des Gebirgseinschnitts öffnete sich tatsächlich eine finstere Höhle. Anaid zauberte Licht und ging um sich blickend in die düstere Öffnung voran. Die Höhle war nahezu rund und etwa fünf Schritte hoch. Sie schien natürlich Ursprungs zu sein, die Wände waren unregelmäßig und wild zerklüftet. Es war still, nur ihre Stiefel waren zu hören. Zeitweilig rückten die Wände so eng zusammen, daß sie kaum noch durch paßten. Ibraha hatte aber bald berechtigte Zweifel am natürlichen Ursprung der Höhle, der Boden war nämlich vom Eingang weg glatt und eben geblieben. Außerdem spürte sie eine schwache magische Aura. Sie gingen von Ibraha gewarnt vorsichtig weiter. In einem etwas breiteren Höhlenabschnitt wurden sie unvermutet überfallen. Aus mehreren Felsspalten an den Seiten krochen plötzlich armdicke Würmer. Wie übergroße weiße Maden wanden sie sich aus dem Fels und griffen sofort an. Die Gefährten kannten diese Monster bereits, sie konnten im schlimmsten Fall sogar giftig sein. Anaid brachte sich durch einen Sprung nach vorn in Sicherheit und legte den ersten Pfeil in die Sehne. Kardoc ging ganz hinten und sprach ebenfalls seinen Lichtspruch damit sie keinen Wurm übersahen. Davidudl zerstückelte bereits den ersten Wurm. Knepp und Knapp schlugen wild auf das Ungeziefer ein. Ibraha verteidigte sich erfolgreich mit magischen Blitzen. Jeder Einschlag hinterließ ein tiefes rauchendes Loch in den schleimigen Körpern. Die Würmer bewegten sich, vielleicht wegen der Kälte, äußerst langsam und konnten den Gefährten kaum etwas anhaben. Bald lagen nur noch schlaffe weiße Kadaver herum.

Sie gingen vorsichtig weiter und beobachteten jetzt genauestens die Höhlenwände. Es ließ sich aber kein Wurm mehr blicken. Die Höhle führte in leichten Windungen immer tiefer in den Berg. Nach mehreren hundert Schritten standen sie in einem großen Felsendom. Sie sahen nur ein Stück der Wand links und rechts, das magische Licht leuchtete die riesige Halle bei weitem nicht aus. Ihre Bewegungen und Geräusche verursachten Dutzende Echos. Davidudl konnte einfach nicht wiederstehen und rief laut: "JUUHUUU!"

Das Echo war gewaltig. Es hörte sich an als ob hunderte Stimmen gleichzeitig antworteten. Nachdem die unzähligen Echos seines "Juhuu" verklungen war, hörten sie eine Stimme antworten: "Ja, bitte?"

Erstaunt sahen sie sich um, das magische Licht reichte aber nicht bis an die Ränder des Felsendoms. Das Echo der Antwort hallte noch immer und es war unmöglich festzustellen woher die Stimme kam. Anaid rief etwas leiser: "Ist hier jemand?"

Während Anaids Worte verhallten kam die leicht verärgerte Antwort: "Ja sicher ist hier jemand! Oder glaubt ihr ich bin die Stimme aus dem Nichts?"

Ein eigenartiges Geräusch folgte diesen Worten, es klang als ob jemand mit großen Lederfetzen durch die Luft schlug. Das Geräusch kam rasch näher und nach wenigen Momenten tauchte aus der Finsternis ein Drache auf. Er war etwa so groß wie ein Flugdrache und völlig weiß. Als er bei den Gefährten landete bemerkten sie, daß er ein dichtes weißes Fell hatte. Er verhielt sich überhaupt nicht wie ein normaler Drache. Als erstes setzte er sich auf sein Hinterteil und streckte die Beine von sich. Seine drei Klauen bewegten sich unablässig auf und ab. Den langen Schwanz mit dem typischen Pfeilspitzenende legte er zu einer Rolle zusammen. Die Flügel waren etwas gefaltet und schlugen leicht hin und her; anscheinend hielt er damit sein Gleichgewicht. Mit verschränkten Armen sah er forsch auf die Zweibeiner herab und fragte. "Und, was soll dieses Geplärr hier?"

Die Gefährten waren etwas verwirrt und stammelten Anfangs nur das übliche zusammenhanglose Zeug. Aber nachdem sich die Verwirrung etwas gelegt hatte fragte Ibraha: "Du bist doch ein magischer Drache, oder?"

Die magische Aura, die sie gespürt hatte, ging eindeutig von dem weißen Drache aus. Er bestätigte ihren Verdacht. Vor vielen Jahrhunderten war er von einem Magier erschaffen worden und lebte seit dem hier in dieser Höhle. Der Besuch der Zweibeiner war etwas höchst außergewöhnliches. Seit ewigen Zeiten hatte sich niemand mehr in diese abgeschiedene Höhle verirrt.

Anaid klärte ihn über ihre Suche nach der Heldin Deceber auf und fragte ob er etwas über einen Tempel oder Ähnliches wisse. Der Drache runzelte seine lange flache Stirn und drückte sich um eine klare Antwort herum. Er wollte offensichtlich nichts über Deceber verraten. Der Drache schien aber recht gesprächig zu sein und wurde von den Gefährten in eine belanglose Plauderei verwickelt um sein Vertrauen zu gewinnen. So erfuhren sie nach und nach mehr über ihn. Was er hier zu tun hatte wußte er anscheinend selbst nicht mehr so genau. Auf jeden Fall hatte er den Auftrag darauf zu achten wer sich in die Höhle verirrte. Die schleimigen Würmer krochen seit ein paar Jahren hier herum aber sie störten ihn nicht weiters. Sie wagten sich nicht in seine Nähe und das war auch wesentlich gesünder für die Würmer. Er machte eine abfällige Geste und stieß eine mächtige magische Eiskugel aus seinem Maul die irgendwo in der Dunkelheit an der Wand zerschellte. Ansonsten flog er hin und wieder hinaus in die Eistannenwälder und jagte Wölfe. Er mußte obwohl er magischen Ursprungs war, trotzdem fressen. Manchmal erschreckte er auch zum Spaß die Einwohner der Insel, aber die hatten zu seinem Leidwesen vor ein paar Jahren die Insel verlassen.

Die Gefährten unterhielten ihn anschließend eine Weile mit ihren unglaublichen Geschichten über die sich der Drache köstlich amüsierte. Schließlich versuchten sie ein zweites Mal etwas über die Heldin Deceber zu erfahren. Nach einigem Zögern rückte der Drache schließlich mit seinem Wissen heraus: "Also gut, weiter hinten in dieser Höhle gibt es einen Gang der zu irgendwelchen geheimen Kammern führt. Ich glaube Deceber hat dort irgend etwas hinterlassen. Ich kann mich aber nicht mehr genau erinnern, es ist schon so viele Jahrhunderte her..."

Er faßte sich mit den Klauen seiner Pranke nachdenklich an sein längliches Unterkiefer: "Aber ich kann euch da nicht so einfach hineinlassen, wenn ich mich recht entsinne soll ich aufpassen, daß niemand die Gänge da hinten betritt. Andererseits seid ihr mir recht sympathisch, ich glaube nicht, daß ihr etwas Böses im Sinn habt."

Er rang mit sich selbst: "Was machen wir da nur... ?"

Knapp hatte einen Vorschlag: "Wir gehen raus und bringen dir ein paar Wölfe. Wir könnten sie sogar über einem Feuer zubereiten und mit unserem Proviant garnieren."

Der Drache winkte ab und meinte: "Nein, nein. Ich weiß was besseres. - Ein Rätsel!"

Er schaute zufrieden auf die Gefährten: "Ja, ja. Ein kleines, leichtes Rätsel ist eine wunderbare

Lösung. Ihr dürft in die geheimen Gänge und ich habe eine hervorragende Ausrede falls irgendwer fragt warum ich euch durchgelassen habe. Dann sage ich nämlich ihr habt mich überlistet."

Der Drache erhob sich: "Ich werde mich jetzt zurückziehen und mir etwas geeignetes ausdenken. Ihr könnt es euch inzwischen hier gemütlich machen. Ruht euch aus, vor den Würmern braucht ihr euch nicht zu fürchten, die wagen sich hier nicht herein. Ihr solltet vielleicht sogar ein wenig schlafen um ausgeruht zu sein. Wenn ich mich recht entsinne warten dort hinten ein paar Proben auf euch."

Der Drache wendete sich ab und flog in die Dunkelheit. Sein flatterndes Geräusch wurde immer leiser. Die Gefährten beschlossen seinen Rat zu befolgen und richteten sich, so gut es ging, ein Lager her. In der Höhle war es nicht sehr kalt und in ihre warmen Fellumhängen eingewickelt konnten sie ohne Weiteres ein paar Stunden schlafen.

Alle lagen bereits auf ihren Fellen. Die letzten Seufzer hallten noch ein leise in der riesigen Höhle. Das magische Licht von Anaid und Kardoc ließ langsam nach. Plötzlich sprang Ibraha auf und rief: "Was ist los? Wo bist du?"

Verwunderte Blicke waren auf sie gerichtet.

Ibraha wirbelte herum als ob sie jemand suchen würde. Sie lauschte angestrengt, die anderen hörten aber keinen Laut. Ibraha betastete ihren Kopf und sah die Gefährten an: "Eduardo ist da,... ich meine er ist nicht wirklich da, er ist nur in meinem Kopf da, ich höre ihn sprechen. Er sitzt im Turm und irgendetwas ist geschehen, wartet..."

Sie lauschte wieder der Stimme in ihrem Kopf. Eduardo hatte es irgendwie geschafft telephatischen Kontakt mit ihr aufzunehmen und rief um Hilfe. Er war im Turm gefangen. Irgendwer hatte die magische Schutzbarriere durchbrochen und war in den Turm eingedrungen. Eduardos Stimme wurde immer leiser und undeutlicher, der Kontakt riß schließlich ganz ab. Ibraha wartete noch eine Weile doch er meldete sich nicht mehr. Eduardo war in höchster Gefahr, es gab kein Zögern und langes Überlegen. Sie packten ihre Sachen zusammen und machten sich auf den Rückweg. Einige Male riefen sie erfolglos nach dem Drachen um ihm ihre vorzeitige Abreise zu erklären. Er rührte sich aber nicht. Wahrscheinlich war er in ein Rätsel vertieft. Egal, das Rätsel konnten sie später auch noch lösen. Eduardo brauchte jetzt dringend ihre Hilfe. Mit eiligen Schritten gingen sie aus der Höhle zurück zum Fischerdorf. Bergab kamen sie wesentlich schneller voran und erreichten noch vor Einbruch der Dunkelheit die Fischhalle wo ihre Flugdrachen unversehrt warteten. Der Flug würde mehrere Tage dauern und die Gefährten machten sich sofort auf den Weg. Es war nur zu hoffen, daß Eduardo nichts passiert war. Sie erst vor kurzer Zeit einen Gefährten verloren.

Eduardo meldete sich in den folgenden drei Tagen nicht mehr. Die Gefährten trieben die Flugdrachen durch die Luft und erreichten, von wenigen Stunden Rast unterbrochen, am Morgen des dritten Tages die Insel im Kardocsee. Eduardo hatte Ibraha genau beschrieben wo der Turm lag, denn dieser war unsichtbar und nur unter bestimmten Voraussetzungen zu sehen. Das Tor war zwar magisch versiegelt, aber Eduardo meinte die Eindringlinge hätten es sowieso aufgebrochen, daher dürfte es keine Schwierigkeiten bereiten in den Turm hinein zu kommen.

Ibraha flog voran und landete in der Nähe eines kleinen Wäldchens. Vom Turm war, wie von Eduardo richtig beschrieben, keine Spur zu sehen. Die Flugdrachen machten sich, kaum ihrer Reitern entledigt, über die reiche Vegetation des kleinen Waldes her. Die Magierin ging zu verschiedenen Felsen und zählte dabei ihre Schritte. Schließlich stand sie neben einem Gebüsch und rief: "Hier ist es!"

Die anderen schauten ungläubig. Hier war nichts. Obwohl, - der Boden vor Ibraha sah im Umkreis von fünfzig Schritten sehr flach aus, ohne Sträucher oder Steine. So als ob jemand alles weggeräumt hätte.

Sie machten sich kampfbereit. Wenn wirklich wer in den Turm eingedrungen war wurden sie vielleicht schon die ganze Zeit beobachtet. Ibraha sah in die Runde und fragte: "Seid ihr bereit?"

Alle nickten. Als Ibraha ihre Hand ausstreckte um die unsichtbare Tür zu öffnen wurde sie unterbrochen. Kardoc zeigte nach oben und rief: "Da, seht mal nach oben!"

Ein Drache näherte sich, - ein Flugdrache. Der Reiter war weithin sichtbar. Die Sonne spiegelte in unzähligen Reflexen auf seiner goldenen Rüstung. Es gab nur einen der so glänzen konnte. Prinz Andrus erschien. Frisch poliert. Er sprang höchst elegant von seinem Drachen. Eduardo hatte ihm ebenfalls eine Nachricht zukommen lassen. Keine telephatische wie bei Ibraha, sondern durch einen kleinen Freund.

Skiria, der Skelettvogel, flog um Andrus herum. Er hatte ihm die Nachricht überbracht. Skiria hatte den Flugdrachen aus Osak zur Karawane geführt. Für Andrus gab es ebenfalls kein Zögern, er hatte sich sofort auf den Weg gemacht nachdem ihm Skiria die schlimme Nachricht überbracht hatte. Die Karawane war ohnehin bald am Ziel und die Priesterin Nirmara wurde, selbst für Andrus, etwas zu anstrengend. Nachdem ihm die anderen in aller Kürze ihre bisherigen Erlebnisse erzählt hatten fragte Ibraha nochmals: "Bereit?"

Alle nickten. Sie griff nach vorne und tastete in der Luft herum. Plötzlich hielt sie etwas unsichtbares in der Hand und drückte es hinunter. Sie gab dem unsichtbaren Ding einen Stoß. Mitten im steinigen Boden sah man durch einen nicht vorhandenen Torbogen ins Innere eines Gebäudes. Es stürzten keine Angreifer in Scharen heraus. Vorerst blieb alles ruhig. Ibraha ging langsam voraus ins Innere des Turms. Drinnen sah es ganz normal aus, alles war sichtbar. Sie ging hinein und sah sich um. Es war eine halbrunde, aus riesigen Steinblöcken gemauerten Halle. An der rechten Wand, neben dem Tor, befand sich eine kleine Holztür. Geradeaus, genau gegenüber dem Eingangstor, eine breite Mauer mit zwei Türen. Daneben jeweils ein großes in Stein gemeißeltes Gesicht. Von irgendwelchen Eindringlingen war keine Spur zu entdecken.

Leise und vorsichtig schlichen alle in die Halle und untersuchten die Steinwände. Nichts regte sich. Es mußte aber wer eingedrungen sein, denn das magische Siegel am Eingangstor war von irgendwem gebrochen worden, sonst hätten sie die Tür nicht so einfach öffnen können. Knepp untersuchte mit seiner linken Hand das Schloß der kleinen Tür neben dem Eingangstor. Er hatte vor auch beim knacken versperrten Schlössern ein einarmiger Held zu werden. Es war tatsächlich versperrt und damit höchst verdächtig, die Eindringlinge konnten sich dahinter versteckt haben. Knapp hatte inzwischen etwas völlig anderes entdeckt. Als er eine der beiden Türen an der Mittelmauer berührte, kam Leben in die beiden Steingesichter. Eines begann zu sprechen: "Ich kann dir meine Tür nur wärmstens empfehlen, hinter meiner Tür liegt nämlich die Treppe zum Turm."

Darauf das andere Steingesicht zu Knapp gewendet: "Du wirst doch diesem verlogenen Steinmaul kein Wort glauben. Oder? Ich weiß genau, daß hinter seiner Tür die Treppe zum Keller des Irrsinns liegt. Keiner ist dort jemals lebend herausgekommen. Die einzige Treppe die zum Turm führt liegt seit Anbeginn aller Zeiten hinter meiner Tür."

Das andere Steingesicht widersprach aufs Heftigste: "Das ist doch wohl die Höhe! Diese Unterstellung werdet ihr doch nicht ernsthaft glauben. Seht euch nur sein gemeines Grinsen an, der will euch doch nur hinter seine Schwelle locken. Ich habe genau gehört wie der letzte Zweibeiner, der durch seine Tür ging, sofort panisch zu schreien begann. Aber es war zu spät, dieser miese Pförtner da drüben schlug die Tür zu und ließ den armen Kerl nicht mehr heraus."

Knapp blickte unschlüssig zwischen den Steingesichtern hin und her die ununterbrochen weiterplapperten: "Ich sage die Wahrheit, immer schon..." - "Lügner, Lügner! Du bist ein Massenmörder, unzählige arme Narren sind über deine Schwelle..." - "Und warum jammern jede Nacht hinter deiner Tür die gequälten Geister der..." - "Halte dich ja zurück, du... du... sonst komm ich rüber und..." - "Na dann komm doch, ich wollte dir sowieso schon immer dein dämliches Maul..."

Die beiden Gesichter beflegelten sich auf gröbste Weise und redeten dazwischen auf die Gefährten ein doch über - "ihre" - Schwelle zu gehen. Sie flehten, bitteten, drohten und erfanden die unglaublichsten Geschichten über die jeweils andere Tür. Der Turm war nicht nur durch magische Siegel gesichert. Es gab viele Etagen und jede hatte verschiedene Schutzmechanismen. Eduardo hatte Ibraha davon erzählt, aber er konnte die telephatische Verbindung nicht lang genug aufrecht erhalten um eine Komplettlösung der Turmrätsel mitzuteilen. Die beiden Steingesichter allerdings schienen irgendwie nicht so richtig in diesen alten und legendären Turm zu passen. Jedenfalls hatte Eduardo nichts von zwei fluchenden Gesichtern erwähnt. Hinter einer der beiden Türen befand sich ohne Zweifel der Aufgang zum Turm. Wenn man den beiden Gesichtern geschickte Fragen stellte, mußte früher oder später einer der beiden einen Fehler machen und verraten ob sie die Wahrheit sprach oder nicht. Aber bevor man sich mit dieser hochgeistigen Arbeit auseinandersetzte war noch die kleine Tür neben dem Haupttor zu erkunden.

Die Gefährten machten sich kampfbereit. Knepp werkte eine Weile mit seinem Sperrhacken herum und schaffte es tatsächlich das Schloß fast lautlos auf zu sperren. Nach dem leisen Klicken im Schloß stellte er sich seitlich neben die Tür und ließ sie aufschwingen. Nichts. Nur etwas Staub wirbelte im Tageslicht auf. Davidudl steckte seinen Kopf durch die Tür. War dort hinten in der Ecke nicht doch etwas? Ganz hinten, im halbdunklen des fensterlosen Raums stand eine alte Rüstung. In der Rüstung steckte anscheinend wer drinnen, denn die Gestalt wendete plötzlich den Kopf zur geöffneten Tür. Davidudl ging langsam hinein und zog sein Schwert. Der Ritter bewegte sich nicht. Er sah verrostet aus, als ob er schon mehrere hundert Jahre hier gestanden hätte. Davidudl vollführte eine Drohgebärde mit seinem Schwert, doch der Ritter reagierte nicht im Geringsten darauf. Erst als Davidudl zu sprechen begann bewegte er sich: "Geh gefälligst raus von hier, in die Halle."

Völlig ansatzlos setzte sich der Ritter in Bewegung und ging wie befohlen in die Halle, wo er in der Mitte wieder stehenblieb. Er sah wirklich sehr alt aus, die Rüstung war an manchen Stellen vom Rost schon völlig geschwärzt. Leider konnte man sein Gesicht nicht sehen, er trug einen prächtigen Vollvisierhelm mit zwei aufrecht stehenden Vogelschwingen. Der Ritter wurde umringt und von allen Seiten betrachtet. Es war nicht zu erwarten, daß unter dem Helm ein Zweibeiner steckte, der Ritter war sicher magischen Ursprungs. Vielleicht ein ehemaliger Wächter den man in der Kammer vergessen hatte. Ibraha sprach ihn an: "Wer bist du?"

Der Ritter wendete wie eine Marionette seinen Kopf zu Ibraha und schwieg. Die anderen versuchten ihn nun ebenfalls auszufragen und redeten wirr durcheinander auf ihn ein. Immer wenn einer der Umstehenden zu sprechen begann drehte er seinen Kopf in die Richtung der Stimme und schien kurze Zeit auf irgend etwas zu warten. Sobald irgendwer anderer lauter sprach wendete er sich dort hin und wartete wieder eine Weile.

Es schien hoffnungslos. Er wartete vielleicht auf irgendeine Parole die niemand wissen konnte. Auf keine ihrer Fragen gab er eine Antwort. Kardoc wendete sich als erster von dem seltsamen Ritter ab und meinte: "Das ist wahrscheinlich der Hausdepp, oder so was ähnliches."

Kaum hatte sich Kardoc abgewendet, wurde die rechte Tür bei den Steingesichtern aufgerissen. Das Steingesicht nneben der anderen, geschlossenen Tür blickte abfällig auf eine Horde Orks die aus der Tür stürmten. Diese Hornochsen hatten hiermit das Rätsel verraten welches die richtige Tür war.

Die Gefährten hielten ihre Waffen noch immer bereit und wenige Momente später war ein wilder Kampf entbrannt. Es waren an die zehn Orks. Davidudl, Andrus und die Zwerge schirmten sofort Anaid und Ibraha ab. Kardoc ließ seinen "Knochenschinder" in weiten Bögen durch die Luft schnellen. Die Axt drang ohne viel Mühen durch die genieteten Lederrüstungen der Orks. Davidudls Tempelschwert bewährte sich ebenfalls hervorragend. Die Klinge lag vorzüglich in der Hand und ließ sich mühelos führen. Andrus focht geradezu verwegen mit seinem Langschwert, wenn er auch etwas seltener als Davidudl traf. Aber auf jeden Fall kämpfte er viel schöner. Die unbeholfenen Schläge der Orks mit ihren breiten Krummsäbeln konnten Davidudl nicht in Bedrängnis bringen. Knapp hatte in Brilante tatsächlich etwas gelernt und schlug sich auch recht wacker. Und Knepp hielt sich auch recht gut obwohl seine Axtschläge mit der Linken noch etwas unsicher schienen. Die Orks erhielten aber überraschend Verstärkung. Aus der offenen Tür sprangen plötzlich vier weitere menschliche Krieger die bei weitem besser mit der Waffe umgingen als die Orks. Nun mußten auch Ibraha eingreifen und schickte den Angreifern magische Blitze aus ihren Fingerspitzen entgegen.

Während alle rundherum kämpften stand der verrostete Ritten ungerührt in der Mitte der Halle und schien noch immer auf irgend etwas zu warten. Ein Ork versuchte vergeblich seine Rüstung zu beschädigen. Der Ritter schwankte nur ganz leicht, ansonsten schien ihn der Krummsäbel nicht weiter zu stören. Kardoc bedrängte zwei Orks gleichzeitig. Die beiden anderen Zwerge hatten einen Krieger verletzt und nahmen ihn in die Zange. Andrus beschäftigte zwei Orks und Anaid schoß bei jeder Gelegenheit ihre Pfeile auf die Gegner was meistens tödlich endete. Davidudl sah, daß ihnen der Sieg gewiß war und holte wieder seinen vergifteten Speeramselschnabel aus dem Ranzen. Über die Köpfe der beiden Zwerge Knepp und Knapp stach er mit dem hochwirksamen Giftschnabel zu. Die Angreifer kämpften wie besessen bis zum Schluß. Selbst mit schweren Verletzungen dachten sie nicht ans Aufgeben oder Flüchten.

Das Gift zeigte bald seine verheerend Wirkung, die letzten Krieger und Orks brachen kraftlos zusammen und starben binnen weniger Augenblicke am Speeramselgift. Die Leichen wurden sorgfältig untersucht. Außer ein paar Goldmünzen hatten sie aber nichts Wertvolles dabei. Ibraha meinte, daß keiner dieser Toten in der Lage gewesen war die magischen Siegel zu brechen. Im Turm mußte noch irgendwer sein der bei weitem mächtiger war. Dies hier war nur eine kleine Vorhut, weiter oben würden sicher magisch begabte Feinde lauern. Knepp stieß den verrosteten Ritter mit dem Fuß an und sagte vorwurfsvoll: "Du hättest uns ruhig helfen können, schließlich ist es ja dein Turm, oder etwa nicht?"

Der Ritter schaute auf den Zwerg hinab und gab keine Antwort. Nach ein paar Augenblicken sah er wieder geradeaus. Die Gefährten waren sich jetzt sicher, daß unter dem Helm nur ein hohler Kopf steckte, das Gehirn hatte man bei seiner Erschaffung garantiert vergessen.

Ein leises Quiken lenkte sie vom Hausdepp ab. Eine Ratte lief über den Steinboden und schoß gemeinsam mit Ibrahas Ratte Quiksie um die Beine der Magierin. Nach einigen Fehlgriffen erwischte Ibraha die Ratte. Das Tier verhielt sich ruhig auf Ibrahas Hand; es kannte diese Zweibeinerin. Es war Eduardos Ratte Equinus und sie hatte einen kleinen Zettel umgebunden. Ibraha rollte das Papier hastig auf und las vor. Eduardo hatte ihnen eine Nachricht zukommen lassen, er schrieb in Stichworten auf dem winzigen Papier: Er war momentan in seiner Kammer ganz oben im Turm gefangen. Die Eindringlinge waren schon im Turm als er hier ankam, er hatte keine Möglichkeit zur Verteidigung gehabt. Die Eindringlinge gehörten der Natas Sekte an und sie hatten verschiedene Dinge im Turm etwas manipuliert. Das einzige was Eduardo mit Sicherheit wußte war, daß der "Raum der Prüfungen" pervertiert wurde. Der Ritter in der kleinen Kammer neben dem Eingang sollte den Gefährten helfen den Turm hinaufzusteigen, er hieß Borodil der Impezil und trug einige nützliche Dinge für die Gefährten mit sich herum. Alles was man Borodil befiehlt versucht er auszuführen. Aber Bitte - nur einen Befehl auf einmal. Das Wort "einen" in dieser Zeile des Textes war unterstrichen. Er war einer der letzte Impezils, die anderen waren bei der Verteidigung des Turms gestorben. Die Impezils waren mutierte Nachfahren der Zwerge die an diesem Turm mitgearbeitet hatten. Zwerge konnten sich überhaupt ziemlich ungefährdet im Turm bewegen. Knepp, Knapp und Kardoc sahen sich fragend an. Dieser hochgewachsene Ritter sollte verwandt mit ihnen sein? Unmöglich, das war sicher nur ein Irrtum. Eduardo war vielleicht schon gefoltert worden und durch die Schmerzen dem Wahnsinn verfallen. Die Sache mit dem Bau des Turms an dem angeblich Zwerge gearbeitet hatten konnte natürlich durchaus stimmen. Die drei Zwerge waren nach einem kurzen Blick auf die riesigen Steinblöcke sogar überzeugt, daß solche Meisterarbeit nur von Zwergensteinmetzen stammen konnte.

Während die Zwerge mit den anderen darüber stritten wer nun die besseren Steinmetze hatte überflog Ibraha den Rest des Textes. Ziemlich am Ende des Papiers schrieb Eduardo noch von einem "Helm des Janarum" der in Verbindung mit einem Zauberspruch zum Teleportieren geeignet war. Eduardos letzte Zeile lautete: Möge Whuosa mit euch sein!

Der Brief war das erste Lebenszeichen von Eduardo seit Ibraha mit ihm Kontakt hatte. Es blieb nur zu hoffen, daß er noch lebte. Ihr Weg war vorgezeichnet. Die Tür aus der die Orks gekommen waren mußte die Richtige sein. Anaid probierte aus ob der Impezil wirklich etwas Verstand hatte und baute sich vor ihm auf: "Borodil, komm mit."

Anaid wendete sich zur Tür und Borodil schöpfte aus den unergründlichen Tiefen seiner Intelligenz. Nach wenigen Augenblicken des Begreifens folgte er tatsächlich der Elfe. Die anderen folgten ihm und hofften, daß er doch ein paar Fähigkeiten mehr hatte als irgendwem nachzugehen. Hinter der Tür führte eine breite, steile Wendeltreppe nach oben. Obwohl sie an keinem Fenster vorbeikamen war es trotzdem hell, wahrscheinlich verfügte der Turm über magisches Dauerlicht. Die Treppe wendelte sich schier endlos in die Höhe. Nach unzähligen Stufen und leichten Schmerzen in den Oberschenkeln standen sie vor einer Tür. Auf einem geschwungenen steinernen Band darüber standen die Worte: "Raum der Prüfung"

Dieser Raum war nach Eduardos Worten angeblich pervertiert; was auch immer darunter zu verstehen war. "Raum der Prüfung" klang eigentlich nicht so schlimm. Anaid, Ibraha und vor allem Andrus waren sehr gebildet und konnten sicher alle Fragen beantworten. Hier waren anscheinend nicht Muskeln, sondern zur Abwechslung einmal Gehirn gefragt.

Langsam öffneten sie die Tür. Der große quadratische Raum dahinter war in der Mitte geteilt. Ein fünf Schritt breiter Spalt zog sich quer von einer Wand zur anderen. Auf der gegenüberliegenden Seite war eine Tür zu sehen die ohne Zweifel weiter hinauf führte. Der breite Graben war vielleicht für Anaid zu überwinden, die anderen wären aber mit Sicherheit in die dunkle Tiefe gestürzt. Davidudl beugte sich etwas vor und sah in den Abgrund. Es war eigentlich gar keine Dunkelheit im herkömmlichen Sinne. Es schien als sein in dem Graben einfach Nichts, wirklich absolut Nichts. Nicht einmal Licht.

Als Davidudl vom Abgrund zurückwich flammte es plötzlich Rot aus der Schwärze und nach wenigen Momenten hatte sich der Graben mit brodelnder Lava gefüllt. Es war keine Hitze zu spüren, - eindeutig magische Lava. Im selben Augenblick materialisierte auf der gegenüberliegenden Seite eine durchscheinende Gestalt in dunkelblauer Robe. Auf seinem Kopf saß ein zerknitterter Spitzhut wie ihn die Magier in Märchenbücher tragen. Er hatte auch die obligaten silbernen Monde und Sterne darauf. Auf eine Bewegung seiner Hand erschien eine bunt schillernde Brücke über den Lavastrom. Zufrieden betrachtete er das Bauwerk und setzte probehalber einen Fuß darauf. Er stieg hindurch; die Brücke war nur eine Illusion.

Der magische Magier sah zu den Zweibeinern auf der anderen Seite und winkte sie mit folgenden Worten herbei: "Nun denn, wer möchte als erster zur Prüfung kommen? Derjenige möge vortreten."

Damit hatten sie nicht gerechnet. Jeder mußte sich anscheinend der Prüfung stellen. Es entstand eine hitzige Diskussion wer als erster gehen sollte. Andrus, Ibraha und Anaid schieden von vornherein aus. Wenn sie mit ihrem Wissen brillierten setzten sie das Prüfungsniveau am Ende so hoch an, daß die anderen nicht einmal mehr die Fragen verstanden. Nach längerem Abwägen beschloß man Davidudl vorzuschicken. Wenn sich der Magier auf sein Bildungsniveau einstellte, dürften die anderen keine Schwierigkeiten mehr haben.

Davidudl ging vor, zur magischen Brücke und bangte der ersten Frage entgegen. Die Prüfung lief aber anders ab als erwartet. Der Magier kratzte sich am geisterhaften Kinn und sagte zu Davidudl: "Jetzt werden wir einmal Prüfen ob du überhaupt würdig bist diesen Graben zu überqueren. Du mußt ein kleines Opfer darbringen, etwas unbedeutendes, kleines nur. Wie zum Beispiel,... zum Beispiel deine vergifteten Speeramselschnäbel. Wirf sie in die Lava."

Davidudl war entsetzt, sein wunderschönes und nützliches Andenken aus dem Orkgebirge einfach wegwerfen? Er überlegte, ob er dem Magier vielleicht etwas anderes unbedeutendes, kleines anbieten konnte. Sein Ranzen war voll mit unbedeutenden kleinen Sachen. Wieso wollte er gerade seine Speeramselschnäbel? Von hinten hörte er bereits Gemurmel: "Na los, wirf sie endlich weg. Die stinken doch ohnehin schon erbärmlich."

Davidudl sah wie der Magier auffordernden in die Lava deutet. Dieser unsympathische Geist bestand allen ernstes darauf, daß er sein Speeramseln wegwarf. Davidudl gab sich einen Ruck, es schien keinen anderen Weg über die Brücke zu führen. Schweren Herzens trennte er sich von den liebgewonnenen Tieren und sah betrübt wie die Kadaver kurz in der Lava aufflammten. Nachdem der letzte Vogel verglüht war, nahm die Brücke festere Form an. Das bunte Schillern wandelte sich in grauen Stein. Gleichzeitig fühlte er wie ihn eine Kraft durchströmte, die Rüstung erschien ihm mit einem Mal etwas leichter. Es war als ob er plötzlich etwas Stärker geworden währe. Davidudl berührte vorsichtig mit der Fußspitze den Rand der Brücke. Sie hielt. Mit wenigen schnellen Schritten war er drüben angelangt. Kaum hatte er die Brücke verlassen verwandelte sie sich wieder in die schillernde Farben einer Illusionsbrücke.

Kardoc trat als nächster vor, er hatte genug unnützen Ballast in seinem Ranzen. Der einzig wertvolle Gegenstand war sein "Knochenschinder", aber den wollte er sich keinesfalls wegnehmen lassen. Erwartungsvoll schaute der Zwerg auf den geisterhaften Magier. Nach längerem Grübeln machte dieser eine Handbewegung durch die Luft und vor der Brücke erschien ein durchscheinendes, zartes Feenwesen, etwa halb so groß wie der Zwerg. Kardoc wich etwas zurück. Das sah höchst verdächtig aus. Die Fee schwebte mit raschen Schlägen ihrer kaum sichtbaren Flügel eine Stück über den Boden und betrachtete neugierig den Zwerg. Irgendwer hatte Kardoc einmal erzählt, daß eine Fee immer drei Wünsche erfüllte. Aber das konnte hier doch nicht zutreffen. Oder doch? Vielleicht eine Probe wie viele Geschenke er tragen konnte? Unmöglich, das roch viel zu sehr nach einer Falle. Der Magier auf der anderen Seite zeigte auf die Fee und sagte: "Berühre sie!"

Sehr verdächtig! Wozu sollte er eine Fee berühren. Wahrscheinlich konnte er sie ohnehin nicht berühren, genau so wie die Illusionsbrücke. Zögernd ging Kardoc wieder näher um die Fee zu betrachten. Das Wesen sah lieblich und zart aus, wie eine Fee eben. Der Magier forderte ihn nochmals auf: "Los berühre sie schon!"

Kardoc dachte angestrengt nach was der Magier damit bezwecken wollte. Wenn die Fee nicht über irgendwelche spezielle magischen Fähigkeiten verfügte konnte sie ihm nichts anhaben. Im Gegenteil, wenn er sie zu grob angriff, könnte sie sogar Schaden erleiden. Es war nicht im geringsten ersichtlich was das für eine Prüfung sein sollte. Kardoc gab das Grübeln auf, er würde doch nicht dahinter kommen wieso er jetzt diese Fee angreifen sollte. Vorsichtig und langsam streckte er seine Hand aus. Kaum hatte er die Fee berührt löste sie sich in einem Funkenregen auf. Der Zwerg stand für kurze Zeit mitten in einem kleinem Feuerwerk. Danach legte sich ein durchsichtiger Schein um ihn. Er war von einer blassen rosaroten Aura umgeben und wirkte auf die anderen irgendwie zerbrechlich, zart und lieblich, wie eine Fee. Der Magier grinste und die Brücke nahm feste Form an. Kardoc ging anmutig hinüber. Kein Zwerg auf dieser Welt war jemals so graziös gegangen. Er stellte sich neben Davidudl und dieser machte unwillkürlich einen Schritt zur Seite. Kardoc sah fragend zu ihm hinauf: "Stimmt was nicht?"

Davidudl wußte selbst nicht so recht was an dem Zwerg verändert war. Es war diese eigenartige Aura um ihn. Sie gab dem Zwerg irgend etwas feenhaftes. Er sagte: "Nun ja, du bist,... wie soll ich sagen? Irgendwie... anders."

Kardoc war der festen Meinung die Prüfung hervorragend bestanden zu haben, er merkte überhaupt nichts von seiner Veränderung. Wozu er die Fee berühren sollte wußte er immer noch nicht aber das spielte ja keine Rolle mehr, er war jedensfalls über die Brücke gegangen.

Andrus war der nächste. Er stellte sich vor den Graben und erwartete seine Prüfung. Der Magier wischte mit einer Handbewegung die Brücke weg. Nachdem die Illusion verschwunden war füllte sich der Graben mit ekelhaften, dunklen Schlamm. Andrus trat sofort einen Schritt zurück. Das war keine Prüfung sondern ein schlechter Scherz. Er sah zum Magier hinüber und dieser winkte ihn tatsächlich herüber. Andrus schüttelte verneinend den Kopf, niemand konnte verlangen, daß er hier hineinstieg. Es wurde aber gar nicht verlangt, daß er in diesen Schlamm mit seinen Füßen berührte. Im Gegenteil der Magier wollte noch viel mehr. Er winkte nochmals und sagte: "Spring!"

Ein Schlammbad! Unmöglich. Der Alte mußte verrückt sein. Niemals würde sich Prinz Andrus zu so etwas herablassen. Nur weil sich ein geisteskranker Geistermagier einbildete ihn hier vor allen demütigen zu müssen? Niemals! Andrus stellte sich mit verschränkten Armen vor dem Graben und forderte mit allem Nachdruck eine Brücke. Der Magier lockte ihn wieder: "Du solltest jetzt springen!"

Andrus darauf: "Kommt überhaupt nicht in Frage. Ich bestehe auf eine Brücke. Mit Brüstung übrigens, wegen eventueller Schlammspritzer."

So ging es einige Male hin und her. Andrus blieb unnachgiebig, er wollte eine Brücke, so wie die anderen auch. Schließlich gab der Magier auf. Mit enttäuschter Mine zauberte er die steinerne Brücke herbei und sagte: "Wärst du nur gesprungen. Nun ist es zu spät, du hast etwas verpaßt. Es hätte dir sicher gefallen."

Andrus beachtete das Gerede gar nicht und ging zufrieden über die Brücke. Es konnte nichts auf der Welt geben was so ein ekeliges Schlammbad rechtfertigte. Er stellte sich zu den anderen und sah zur nächsten Kandidatin hinüber. Anaid stand bereits vor dem, inzwischen wieder leeren Graben, und erwartete ihre Prüfung. Der Magier war anscheinend noch etwas verstimmt über Prinz Andrus Starrköpfigkeit. Er ging einige Schritte vor dem Graben auf und ab. Eigentlich ging er gar nicht sondern schwebte mit seinen Füßen über den Boden. Dann verhielt er plötzlich und sah zu Anaid herüber: "Aha! Eine Elfe und recht passable Bogenschützin. Da haben wir was ganz besonderes vorbereitet."

Er zauberte wieder die steinerne Brücke herbei. Gleich darauf erschien aber eine gelbe durchscheinende Wand davor. Der Magier zeigte auf die gelbliche Wand und sprach wieder: "Dies ist, wie man unschwer erkennen kann, einen magische Wand. Sie nimmt auf magische Weise Einfluß auf eine deiner Fähigkeiten. Und zwar auf deine Treffsicherheit beim Bogenschießen. Wenn du nun durch diese Wand gehst, werden dir ein paar Jahre Erfahrung im Bogenschießen

abgezogen."

Der Magier schaute zufrieden auf Anaid und fügte hinzu: "Phänomenaler Effekt. Nicht wahr?"

Anaid hatte inzwischen den Verdacht, daß den Magier irgend ein Leiden im Kopf plagte. Sie konnte nicht glauben, daß dieser gelbe Vorhang an ihrer Bogenkunst etwas verändern konnte und ging ohne lange zu Zögern durch. Es war wie ein gelber Lichtstrahl, weiter nichts. Anaid stellte sich neben Davidudl und zog einen Pfeil aus dem Köcher. Sie legte ihn probeweise in die Sehne. Doch! Eine leichte Veränderung war schon zu spüren. Sie glaubte etwas besser zielen zu können. Der komische Magier hatte die Wand vielleicht verkehrt herum aufgestellt und ihre Fähigkeit war besser statt schlechter geworden. Oder es war nur Einbildung? Sie steckte den Pfeil zufrieden wieder in den Köcher, schlechter war sie jedenfalls nicht geworden. Ibraha war die Nächste. Sie ging bereits auf die gelben Wand zu. Der Magier deutete ihr aber stehen zu bleiben und sagte: "Einen Moment noch, du bist Magierin. Da muß ich noch rasch etwas umbauen, sonst funktioniert es nicht richtig."

Nach ein paar kreisenden Bewegungen seiner Arme wurde die gelbe Wand blau. Er schaute etwas mißtrauisch auf sein Werk und meinte: "Also, wie ich schon sagte, dies ist eine magische Wand und so weiter und... ähh,... also deine magische Fähigkeit wird geschwächt und so weiter... wie bei der Elfe vorhin und so..."

Er drehte sich etwas seitlich und rief zu Anaid die hinter ihm stand: "Das stimmt doch, oder? Deine Bogenkunst ist doch schlechter geworden? Ein klein wenig zumindest, oder etwa nicht?"

Anaid sah Ibraha an und tippte mit dem Zeigefinger auf ihre Schläfe während sie sagte: "Aber ja doch, ich kann die Pfeile kaum noch halten. Und... "

Sie wendete sich Augenzwinkernd an Davidudl und sagte so laut, daß es der Magier auf jeden Fall hören mußte: "Wo ist bei einem Pfeil eigentlich vorne und hinten?"

Ibraha ging ebenfalls durch die Wand und es passierte nichts aufregendes. Von einer Verschlechterung ihrer Fähigkeit spürte sie jedenfalls nichts, eher das Gegenteil war der Fall. Der Magier blickte verdrossen auf die Wand und ließ sie samt der Brücke verschwinden bevor Knepp und Knapp darüber gehen konnten. Irgendwie erschien er aus dem Konzept gebracht. Er grübelte eine Weile nach, es wollte ihm aber nichts Passendes einfallen. Schließlich sagte er ungeduldig: "Also ihr seid doch angeblich Zwillingsbrüder und so..."

Nach einer kurzen Denkpause winkte er seitlich mit beiden Händen zu den zwei Zwergen hinüber: "Dann umarmt euch jetzt brüderlich und herzlich, damit wir die Sache hinter uns haben."

Knepp und Knapp maßen sich gegenseitig. Knepp drehte sich als erster wieder zum Magier und sagte mit erhobenen Zeigefinger: "Mein Bester ihr verlangt Unmögliches. Seht euch doch nur seinen Umfang an. Da wären mindestens noch drei Zwerge nötig um ihn zu umarmen."

Knapp pflichtete ihm bei: "Sehr richtig. Außerdem würde ich diese Witzfigur bei einer herzlichen Umarmung unweigerlich zerquetschen."

Knepp: "Ha, zerquetschen? Sehr lustig! Das einzige was du zerquetschen kannst sind gekochte Kartoffel."

Knapp: "Du bist doch ein Hungerleider. Sieht man gleich. Du solltest dir vielleicht ein Schild umhängen wo draufsteht: Ich bin KEIN Untoter! Ein Kleriker könnte dich leicht verwechseln..."

Knepp: "Ja, ja! Du hast es nötig, du hast mir ja immer alles weggefressen..."

Knapp: "Ach so? Und wer wollte nie aufessen? Wer hat sich immer für deine Essensreste opfern dürfen, damit die Amme nicht merkte, wenn du wieder nicht fertig gegessen hast?"

Der Magier stand mit verschränkten Armen am anderen Ende des Grabens und wippte nervös mit seinem geisterhaften Fuß auf und ab. Er zauberte die Brücke wieder herbei und sprach durch die Zähne, mit einem eigenartig, gefährlich wirkenden Unterton: "Könntet ihr Zwei so freundlich sein und über die Brücke gehen. Einfach nur hinüber gehen,... einfach so! Versteht ihr? Immer einen Fuß vor den anderen und so... Und dort hinten ist dann übrigens die Tür!"

Knepp und Knapp folgten ohne Widerworte und standen gleich darauf bei den Anderen. Jetzt blieb nur noch Borodil übrig der von Beginn an teilnahmslos dagestanden hatte. Ehe einer der Gefährten etwas sagen konnte sprach ihn der Magier an. Er wußte anscheinend wie man einem Impezil Anweisungen gab. Mit einem kurzen Fingerzeig auf die Brücke sagte er: "Borodil! Da herüber! Jetzt!"

Drei eindeutige Aussagen die Borodil wenig später in die Tat umsetzte. Nachdem Borodil die Brücke passiert hatte löste sich die Selbe in Nichts auf. Im Graben gähnte ebenfalls wieder das blanke Nichts. Der Magier strafte die Zweibeiner mit einem letzten verächtlichen Blick und löste sich in dünne Nebelschwaden auf. Das war die seltsamste Prüfung die sie je erlebt hatten. Davidudl war der festen Meinung, daß er Stärker geworden war. Anaid und Ibraha glaubten auch, daß ihre Fähigkeiten verbessert worden waren. Andrus, Knepp und Knapp hielten das alles für Unsinn. Sie hatten beim Überschreiten der Brücke überhaupt nichts gespürt. Um Kardoc lag noch immer die blassrosa Aura von der er selbst nichts merkte. Für die Anderen hatte er aber etwas feenhaftes an sich das überhaupt nicht zu seinem Zwergenaussehen paßte. Wahrscheinlich war es genau dieser Kontrast der alle so verwirrte. Einerseits die grobe und gedrungene Gestalt in Rüstung und mit Bart, andererseits eine Aura die ihn irgendwie durchscheinend, zart, etwas unscharf und in den Bewegungen graziös erscheinen ließ. Eine unmögliche Mischung.

Als sie durch die Tür zum nächsten Stockwerk gingen wurde Andrus ein Opfer seiner guten Erziehung. Er ging vor Kardoc und drehte sich gerade um als der Zwerg dazu ansetzte die Türschwelle zu überschreiten. Sie war immerhin fast eine Handbreite hoch! Andrus hatte solche Situationen bei Hofe schon oft erlebt, wenn er zum Beispiel im Schloßpark in Damenbegleitung Spazieren ging. Reflexartig hielt er ihm die Hand entgegen und sagte: "Darf ich helfen!"

Kardoc murrte irgend etwas und stieg ganz alleine über die Türschwelle.

Hinter der Tür erwartete sie wieder eine lange Treppe. Nach endlosen Windungen standen sie wieder vor einer Tür. Sie setzten sich einen Moment auf den Stufen nieder. Die Füße schmerzten nun schon unangenehm. Sie waren sicher schon viele hundert Schritte über dem Erdboden. Kein normales Bauwerk konnte so hoch sein. Leider gab es nirgends Fenster um in die schwindelerregende Tiefen zu schauen. Kardoc untersuchte das Schloß an der Tür. Es war unversperrt. Diesmal war auch keine Inschrift über dem Torbogen. Er öffnete langsam die Tür. Sie quietschte fürchterlich. Wahrscheinlich wurde sie nicht sehr oft benutzt. Aus einem kurzen Gang dahinter strömte kalte Luft an den Gefährten vorbei und die Treppe hinunter. Ihr Atem begann sogar etwas zu dampfen. Vorsichtig schlichen sie weiter. Der kurze Gang endete in einem großen Raum ohne jeglicher Ausstattung. Nur in der gegenüberliegenden Wand sahen sie eine Nische. Dort hätte man eine Tür vermuten können, aber aus dieser Halle führte dem ersten Anschein nach kein Weg mehr. In einer Ecke entdeckten sie doch etwas. Es hatte sah aus wie ein von Eis und Rauhreif überzogener Baumstamm der sich kaum von der eisverkrusteten Wänden abhob. Der Stamm bewegte sich und breitete zwei Arme aus. Das Wesen trat einen Schritt aus seiner Ecke hervor und schüttelte sich. Es hatte ungefähr die Statur eines Ogers und ein zottiges weißes Fell. Es wartete einige Augenblicke und stellte sich dann in die Mitte des Raums. Als alle von der Treppe in den Gang gegangen waren schlug plötzlich die Tür hinter ihnen zu und verschwand. Gefangen!

Kardoc rannte sofort seitlich und versuchte sich in eine günstige Angriffsposition zu bringen. Für die anderen wirkte dieses Manöver allerdings etwas anders. Kardoc hüpfte mit langen grazilen Sprüngen auf Zehenspitzen zur seitlichen Wand und kam dort angekommen nach einer halben Drehung anmutig zum Stillstand. Irgendwer rief begeistert "Bravo" zu dieser Tanzeinlage. Dem Eisoger schien dieses feenhafte Auftreten auch sehr zu gefallen zu haben. Er wendete sich Kardoc zu und stampfte ihm mit schwerem Schritt entgegen. Die anderen Zweibeiner interessierten ihn überhaupt nicht mehr. Kardoc zauberte sich rasch ein magisches Schild, glücklicherweise gelang der Zauberspruch auch auf Anhieb denn der erste Fausthieb der eisigen Pranke sauste bereits auf ihn nieder. Der Zwerg konnte noch knapp ausweichen und wurde nur gestreift. Die Eisogerfaust schlug aber sogleich wieder zu. Kardoc hüpfte auf die Seite und spürte gerade noch den eisigen Luftzug. Dann rannte der Zwerg. Immer im Kreis und immer vom Oger verfolgt der ihn unbedingt zermalmen wollte. Dabei sollten Zwerge in diesem Turm angeblich sicher sein. Eduardo war sicher vor Schmerzen dem Wahnsinn nahe, sonst würde er nicht solchen Schwachsinn schreiben.

Kardocs Gefährten waren begeistert. So etwas hatten sie noch nie gesehen. Andrus überlegte sogar ob man dieses Schauspiel nicht bei Hofe mit geeigneten Akteuren nachahmen konnte. Kardoc tänzelte dem Eisoger rund um die Halle voran. Immer wieder zeigte er verwegene Pirouetten oder rollte sich über den Boden um gleich danach graziös auf die Beine zu kommen. Der Eisoger ging wild um sich schlagend hinter ihm her und verfehlte sein Ziel meistens nur knapp. Es war ein aufregender Anblick.

Kardoc rannte bereits zum dritten Mal an der gaffenden Menge vorbei und rief erbost: "TUT ENDLICH WAS!"

Die Gefährten rissen sich von diesem Schauspiel nur widerwillig los und überlegten wie sie ihm am wirkungsvollsten helfen könnten. Anaid schoß ein paar Pfeile ab, aber die störten den Eisoger anscheinend überhaupt nicht. Ibraha fand auf Anhieb das richtige Mittel gegen ihn; - Feuerbälle! Nach einigen Treffern hüpfte der Eisoger nur mehr auf einem Fuß durch die Halle und wenig später lag nur mehr ein formloser Schneeklumpen am Boden. Gleichzeitig öffnete sich das Gemäuer in der Mauernische; dahinter wurde eine Tür sichtbar. Diese Etage schien hiermit erledigt zu sein. Sie verließen rasch die eiskalte Halle und drängten sich durch die kleine Tür. Dahinter lagen wieder Stufen die weiter nach oben führten. Es wurde langsam ermüdend. Sie sahen stöhnend auf die steile Wendeltreppe. Einige wollten bereits eine Rast einlegen. Man beschloß noch dieses eine Stockwerk zu bezwingen und dann eine längere Pause einzulegen. Sie mußten unbedingt etwas ausruhen, denn wenn sie alle am Ende ihrer Kräfte oben ankamen konnten sie Eduardo kaum helfen. Der beschwerlichen Aufstieg und wurden aber nach ein paar Stufen wieder unterbrochen. Ibraha versuchte eine Ratte zu fangen die vor ihr auf und ab lief. Es war wieder Eduardos Ratte Equinus. Das Tier hatte sich ganz unten im Turm gemeinsam mit Ibrahas Ratte Quiksie in der Mauer verkrochen, als die Gefährten den Weg durch die Tür nach oben genommen hatten. Wahrscheinlich gab es in den schmalen Ritzen des Mauerwerks einen rascheren Weg nach oben. Nun waren beide wieder da. Equinus hatte einen Zettel umgehängt. Eduardo schrieb darauf in winzigen Buchstaben: "Equinus ist zurückgekehrt, ohne meiner Nachricht. Dies kann nur bedeuten ihr seid da! Das gibt mir wieder Hoffnung. Ich hoffe, daß Equinus ein zweites Mal zu euch findet. Mir ist noch etwas eingefallen, daß ich euch in meiner ersten Nachricht nicht mitgeteilt habe. Den Helm des Janarum muß einer von euch aufsetzten und dabei den Spruch aufsagen, sonst funktioniert der Teleportzauber nicht. Ihr müßt den Helm unbedingt an euch nehmen. Er ist ein magisches Artefakt und darf nicht in die falschen Hände fallen. Der Träger des Helms und alle jene die diese Person berühren werden teleportiert. Der Zielort des Teleports muß bekannt sein oder zumindest sichtbar. Der Zauber wirkt aber nur für zwölf Stunden; nach dieser Frist kehren alle wieder an den Ursprungsort zurück. Um den Zauber auszulösen sprecht folgende Formel..."

Die nächste Zeile ließ Ibraha aus, da die magischen Silben ohnehin niemand verstanden hätte. Sie wendete das Blatt und las weiter: "Der Helm wird euch zwar nicht zu mir bringen, aber ihr könnt wenigstens rasch flüchten falls es zu gefährlich wird. Ich bin noch immer eingesperrt und..."

An dieser Stelle hörte der Text abrupt auf. Vielleicht wurde er von irgendwem überrascht und konnte die Nachricht noch schnell der Ratte umbinden.

Der Helm! Eduardo hatte vergessen zu schreiben wo dieser Helm sein sollte. Ibraha suchte die erste Nachricht die sie von Eduardo erhalten hatten, dort stand etwas über den Helm geschrieben. Die Magierin durchwühlte ihren Ranzen und die Taschen ihrer Robe. Das kleine Pergament war aber verschwunden. Sie hatte es wahrscheinlich irgendwo unterwegs verloren. Bisher hatten sie noch keinen Helm gefunden. Vielleicht war er etwas weiter oben im Turm versteckt. Man mußte jetzt jeden Raum genauestens durchsuchen. Sie setzten ihren Weg fort, diesmal war der Aufstieg aber bei weitem nicht so lange. Nach ein paar Windungen der steinernen Treppe traten sie durch ein offenes Portal in eine kleine Halle. Das Deckengewölbe war aufwendiger gearbeitet als in den Räumen vorher. An den Seiten gingen die Steinernen Bögen des Deckengewölbes in verzierten Säulen über und an den Wänden dazwischen waren kleine Reliefs in den Stein gemeißelt. Auf einer Seite führte durch ein Portal die Treppe weiter nach oben. Und durch ein breites Fenster fiel helles Sonnenlicht in den Raum. Dieser Raum war genau der richtige für eine kurze Rast.

Die Gefährten drängten sich zum Fenster. Es war ein offener Steinbogen, ohne Glasscheibe. Ein paar kleine Wolken zogen etwas unterhalb des Fensters vorbei. Der Ausblick war einzigartig. Man sah bis weit über den Kardocsee ins Land Richtung Elfenwald. Sogar diesen viele Tagesreisen entfernten Wald konnte man von hier als schmalen dunkelgrünen Streifen sehen. Die Brüstung war sehr breit und man sah nicht auf die Insel selbst hinunter. Bei diesem Anblick wäre ihnen aber höchstwahrscheinlich nur schwindlig geworden. In solche Höhen waren sie selbst mit den Flugdrachen noch nicht aufgestiegen. In der dunstigen Luft vermischten sich irgendwo, weit entfernt Himmel und Erde. Anaid glaubte sogar das Wasser des Meeres leicht schimmern zu sehen.

Knepp war auf etwas anderes aufmerksam geworden. Er zeigte auf eine dünne Rauchwolke am Ufer des Kardocsees. Ein winziges Gebäude, den Umrissen nach eine Burg, brannte dort lichterloh. Und auf den Wiesen und Weiden vor der Burg wurde anscheinend gekämpft. Kleine Punkte, kaum größer als Mücken, bewegten sich auf dem Schlachtfeld hin und her. Davidudl sah sehnsüchtig zu der belagerten Burg und meinte: "Wenn wir den Helm schon hätten könnten wir dem armen Burgherrn zu Hilfe eilen und die Schlacht für ihn gewinnen."

Kardoc und Knapp untersuchten inzwischen schon die Wände. Sie mußten ihre Suche nach einer Weile aber erfolglos abbrechen, hier war garantiert kein Helm versteckt. Wenn Eduardo doch nur gesagt hätte wo dieser Helm versteckt war. Ibraha las noch einmal die Zeilen auf dem winzigen Pergament, vielleicht hatte sie etwas übersehen. Nichts! Kein Hinweis wo der Helm sein könnte. Oder vielleicht doch? Eduardo schrieb nämlich sie sollten den Helm des Janarum "nehmen". Einfach nur nehmen. Das müßte doch bedeuten, daß sie ihn die ganze Zeit schon mit sich trugen. Ibraha schaute in die Runde. Davidudl, Andrus und die Zwerge trugen zwar Helme aber die hatten sie schon längere Zeit. Sie sahen auch dementsprechend aus. Außer Prinz Andrus Helm waren alle mit Beulen und Kratzern übersät. Anaid hatte ihren alten Helm auf einem Lederriemen am Rücken hängen. Sie trug ihn äußerst selten, nur wenn ein Nahkampf unumgänglich war setzte sie ihn rasch auf. Ibraha selbst trug keinen Helm.

Ihr Blick fiel auf Borodil der wie immer regungslos irgendwo in der Nähe der Gefährten herumstand und auf seinen nächsten Auftrag wartete. Er ging jetzt sogar schon aus eigenen Antrieb mit. Anscheinend prägte er sich oft wiederholte Befehle ein und wendete sie in Eigeninitiative an. Borodil trug einen alten Vollvisierhelm mit schmalen Sehschlitzen. Er schien aus Eisen zu sein, hatte aber einen eigenartigen matten Glanz und war vom Rost verschont geblieben. An den Seiten standen zwei Vogelschwingen aus Metall aufrecht in die Höhe und gaben dem Helm etwas imposantes. An den Seiten der Kopfschale waren Verzierungen eingraviert. Zumindest sah es von weitem wie Verzierungen aus. Ibraha ging näher und betrachtete sich den Helm genauer. Es schien als ob außer dem verschlungenen Muster noch etwas anderes auf dem Helm eingraviert war. Uralte Schriftzeichen, umrahmt von gravierten Ornamenten. Die Schrift war schwer zu entziffern, an manchen Stellen wußte Ibraha nicht ob die Gravierungen noch Buchstaben, oder schon Teil des Rahmens waren. Außerdem war der Helm ungefähr einen Schritt von Ibraha entfernt, hoch oben auf Borodils Kopf. Ibraha mußte den Helm in Händen halten um die Zeichen besser lesen zu können. Sie sagte den anderen sicherheitshalber was sie vor hatte, denn niemand hatte bisher gesehen was sich unter dem Helm verbarg.

Alle wichen etwas zurück, Borodil stand alleine in der Mitte der Halle. Ibraha sagte: "Borodil! Nimm deinen Helm ab und gib ihn mir."

Der Ritter reagierte einige Augenblicke später. Zuerst sah er sich um wer hier gesprochen hatte. Er fixierte Ibraha und hob mit beiden Händen seinen Helm vom Kopf.

Es war nicht das, was sich die Gefährten erwartet hatten. Statt einem entstellten Monster, einem Dämon, oder überhaupt einer Gesichtslosen magischen Masse kam etwas anderes zum Vorschein. Borodil hatte helle glatte Haut, sein Kopf sah entfernt einem Würfel ähnlich. Das Unterkiefer stand etwas vor, dadurch wirkte die Unterlippe wulstig. Die Nase war plattgedrückt und die fliehende Stirn sah aus wie ein kleines Vordach über den tief liegenden Augenhöhlen. Bartwuchs hatte er keinen nur auf dem Haupt standen ihm schwarze, kurzgeschorene Haare zu Berge. Mit seinen beiden kleinen eng beieinander liegenden Augen blickte treuherzig er auf Ibraha. Borodil sah eigentlich genau so aus wie er war. Nämlich - dämlich. Er ging auf die Magierin zu, beugte sich hinunter und reichte ihr dem Helm. Dabei zog er die Mundwinkel etwas in die Höhe. Borodil konnte lächeln! Ein freundlicher Impezil. Oder er war einfach nur glücklich, daß er einen Auftrag erhalten und erfolgreich ausgeführt hatte. Die Gefährten versuchten ihn wieder anzusprechen. Sie bedrängten ihn alle gleichzeitig mit ihren Fragen, wer er sein, wie lange er schon in der Kammer eingesperrt war, warum ihm kein Bart wuchs, ob er etwas zu essen mochte und so weiter. Alle Fragen blieben unbeantwortet. Borodil war der geborene Diener. Die Vielzahl der Fragen verwirrte ihn offensichtlich, er blickte hin und her und wechselte dabei ständig sein Minenspiel das von enttäuscht über ratlos bis zu jenem glücklichen Lächeln reichte das er Ibraha geschenkt hatte als er ihren Auftrag erfolgreich beendet hatte. Borodil war einfach nicht dafür geschaffen irgendwelche Auskünfte zu geben. Wahrscheinlich konnte er überhaupt nicht sprechen.

Davidudl blickte wieder aus dem Fenster, die Schlacht tobte noch immer rund um die Burg. Ibraha las inzwischen die Inschrift am Helm. Es war tatsächlich der legendäre Helm des Janarum. Jetzt mußte nur noch ein passender Kopf für den Helm gefunden werden. Eigentlich kamen nur Andrus oder Davidudl in Frage. Aber Andrus verwehrte sich mit Nachdruck dagegen. Es war geradezu undenkbar dieses uralte verwitterte Stück gegen seinen glanzvoll schimmernden Helm einzutauschen. Davidudl probiere ihn und er paßte wie angegossen. Der Krieger beschloß den Helm des Janarum aus einem bestimmten Grund gleich aufzubehalten und gab seinen alten Helm Borodil. Davidudl wollte unbedingt zu dieser Schlacht. Er appellierte an das Gewissen seiner Gefährten, denn die armen Kerle dort draußen brauchten nämlich dringend die Hilfe seines Schwertes, erklärte er ihnen. Mit vereinten Kräften konnten sie sicher die Schlacht gewinnen und nach zwölf Stunden wurden sie ja ohnehin wieder zurück teleportiert.

Er brauchte keine langen Reden zu halten, alle waren neugierig was dort draußen vor sich ging. Sie stellten sich rund um Davidudl und legten die Hände auf ihn. Auch Borodils Hand wurde auf den Krieger gelegt. Ibraha las den Zauberspruch vor und Davidudl sprach die Sätze nach: "Die Zwölfet des Tages, die Zwölfet des Mondes, die Zwölfet des Jahres, die Zwölfet der Zwölf, des Tores der Dunkelheit. Drum gebet ihr Zwölf die Zwölfet des Tages zu handeln im Guten. Whuosa!"

Davidudl war am Ende, ein weiteres Mal hätte er die Zahl Zwölf nicht mehr aussprechen können. Während er den Zauberspruch aufgesagt hatte war sein Blick auf einen ganz bestimmten Punkt draußen bei der belagerten Burg konzentriert gewesen. Rund um die Gefährten begann die Luft plötzlich eigenartig zu flimmern und wenige Momente später verschwand die Umgebung völlig. Sie sahen nur mehr milchigen Nebel.

© Andreas Bartl

Zurück zur Bibliothek