Septera

Das "GROSSE LICHT" verdrängte langsam die Finsternis, während sie sich aus den nahen Finsterbohnenfeldern erhob. Die Felder hatten ihre zartrote Färbung entfaltet, welche die nahe Ernte ankündigte. Ein junger Falke zog unermüdlich seine Kreise, getragen durch Septeras zarte Brise, um in den frühen Stunden des Tages Beute zuschlagen. Das ferne Zwergengebirge glänzte im sanften Licht des Morgens. Der Kardocsee kräuselte sich leicht, nur vereinzelte kreisförmige Wellen zeugten von der Existenz der Fische. Einzelne Blätter der Bäume hatten begonnen eine goldgelbe Färbung anzunehmen, um das Ende des Sommers zu verkünden. Gräser, getrocknet und zu grossen Ballen gebunden, standen auf den Feldern. Sie würden in den kalten Winternächten ein vorzügliches Futter für das Vieh ergeben und die Hütten der Zweibeiner wärmen. Rehe und andere Waldbewohner zogen sich mit Anbruch des Tages in seinen Schutz zurück.

MARIA NEIN! Erich fuhr schweißgebadet aus seinem Lager hoch. Sein Herz raste, seine Hände ballten sich zu Fäusten, seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und sein Körper spannte sich zum Angriff. Er suchte den Gegner um den sinnlosen Tod zu vergelten. Doch dann wich der Alptraum der Realität und sein Körper erschlaffte, nur um einen Augenblick später in Weinkrämpfen zu erbeben. Das Wissen, das jener Alptraum Nacht für Nacht seine Vergangenheit wiedergab, hatte ihn, im Laufe der Jahre, in einen alten und verbitterten Mann verwandelt.

Früher war er ein fröhlicher und zufriedener Zweibeiner, der dem harten und Kräfte raubenden Leben eines Leibeigenenbauern viel positives abgewinnen konnte. Seine Familie war sein Schatz, seine Stütze, seine Hoffnung und seine Zukunft. Sie war der Mittelpunkt seines Lebens. Er hatte fünf Kinder: Georg, Ewald, Walter, Margarete und Magdalena. Sie füllten sein Herz mit Liebe und Zuneigung. Jedoch Maria, das lieblichste und warmherzigste Wesen das er kannte, durfte er seine Frau nennen. Als sie von der Scheune stürzte und dadurch lebensgefährlich verletzt wurde, mußte er zusätzlich zu seiner Feldarbeit, zwei Jahre Nachts in einer Spelunke arbeiten um die Schulden, die er für die Heilung machen mußte, zu begleichen . Dabei verlor er sein linkes Bein als er, wie an solchen Orten üblich, in eine Schlägerei geriet. Ein Oger hatte ihm das Bein zertrümmert. Dennoch arbeitete er unermüdlich weiter und betreute Maria bis zu ihrer Genesung.

Er verließ seine Hütte. Hütte war zu viel gesagt, es war ein aus Brettern, Blättern und Tuch zusammen geflickter Verschlag, der einem eingestürztem Holzstapel glich. Um sich zu erfrischen schleppte er sich zum nahe gelegenem Kardocsee. Er lies sich nieder und wusch sich. Das kühle Naß verscheuchte langsam die trüben Gedanken und der Strom der Tränen lies nach. Aus dem Beutel holt er etwas altbackenes Brot und Dörrfleisch hervor. Er würgte das karge Mahl lustlos hinunter, schöpfte mit der hohlen Hand etwas Wasser und trank. Er blickte zu den Finsterbohnenfeldern und dann wußte er, heute ist der erste der Septera. Der Tag an dem alles endete.

Während er aufstand schnürte er seinen Beutel. Seine Kleidung war aus groben Stoff und hatte mehr Löcher als der Paistwald Bäume. Die fleckige Hose und das speckige Wams schlotterten um seinen dürren Körper. Der weite Umhang hing schlaff von seinen Schultern. Der schlappe Hut verbarg nur teilweise den kargen Haarwuchs. Er blickte zu seiner Behausung, schloß die Augen und seufzte. Was war nur aus ihm geworden, ein Bettler. Er verscheuchte seine trüben Gedanken und machte sich auf den Weg. Er wollte zu seinem verlassenen Gehöft.

Der schmale Pfad, den er durch das dichte Gestrüpp folgte, war früher ein Transportweg für Erze vom Zwergengebirge nach Burg Caster. Als im zweiten großen Zwergenaufstand die Schmelzen bei Caster vernichtet wurden, übernahm die junge Stadt Osak ihre Aufgaben und der Pfad geriet in Vergessenheit. Die Natur hatte ihn teilweise zurück erobert. Die dornigen Gewächse durchdrangen seine Kleidung und gruben sich in seinen Körper. Steine bohrten sich durch den dünnsohligen Stiefel. Die Narbe auf der linken Schulter begann zu schmerzen.

Nach drei Stunden des mühseligen Marsches wurde der Pfad langsam breiter und das Gestrüpp wurde lichter. Es war nun Mittag und er beschloß zu rasten. Er lies sich auf einem mit Moos bewachsenem Baumstumpf nieder, zog den Stiefel aus und rieb sich die wunden Stellen seines Körpers. Aß ein paar der Dörrfrüchte die er mit sich trug, betrachtete die vertraute Landschaft und wußte sein Gehöft ist nah. Er schloß die Augen.

Schreie dringen ihn sein Ohr. Es sind die Kinder. Er stolpert den Weg hoch. Die Scheune brennt. Der Qualm nimmt ihn die Luft. Nichts als Rauch und Feuer. Die Kinder stehen mitten im Feuer. Er nimmt ein Decke. Ein Schatten kommt auf ihn zu. Etwas trifft seinen Kopf. Dunkelheit!

Der Mund verzog sich zu einem stummen Schrei und in den geöffneten Augen stand das nackte Entsetzen. Er verbarg den Kopf in seien Händen, zwischen seinen Fingern quollen Tränen hervor. Er stöhnte auf und erbebte. Nach einiger Zeit hob er seinen Kopf, trocknete das Gesicht und fühlte sich, wie so oft in den letzten Jahren, hilflos und einsam. Warum mußte er immer daran erinnert werden? Er stand auf und setzte seinen Weg fort.

Das "GROSSE LICHT" versank bereits hinter dem Zwergengebirge, als er sein verlassenes Gehöft erreichte. Es war einst ein Ort der Freude und des Glück’s. Die Felder brachten reiche Ernte, die Bäume trugen köstliche Früchte, der Brunnen voll kühlem Naß, die Vögel sangen fröhliche Lieder und die Blumen zeigten ihre schönsten Farben. Die Kinder spielten mit dem Vieh und Fohlen sprangen vergnügt durch die Wiesen. Doch nun war es ein Ort des Todes. Das Anwesen war in ein unwirkliches Licht getaucht und die verfallen Gebäude warfen lange düstere Schatten. Die verdorrten und geknickten Bäume fochten einen stillen Kampf mit dem Tod. Die Felder versanken im Unkraut. An Stelle des Vogelgesanges herrschte eine unnatür- liche Stille.

Leise, so als ob das geringste Geräusch eine Katastrophe auslösen könnte, näherte er sich dem düsteren Stall. Das Feuer hatte vor ihm Halt gemacht und doch waren seine Bretter schwarz vom Rauch. Vorsichtig öffnete er spaltbreit das Tor und horchte in die Dunkelheit. Kein Ton drang an sein Ohr. Selbst die Ratten schienen diesen Ort zu meiden. Er zwängte sich durch den Spalt, suchte die Kerze, fand sie auf dem Fenstersims und zündete sie an. Durch das schwache flackernde Licht wirkte dieser Ort noch unwirklicher. Zaghaft durchsuchte er dann Stall, da er aber nichts verdächtiges finden konnte, beschloß er sich ein wenig von dem Marsch zu erholen. Er löschte die Kerze und schloß die Augen.

 

ORKS! Er hat den Schatten erkannt. Wo sind die Kinder? Wie lange war er bewußtlos? Er sieht den abgebrannten Stall und ruft die Namen der Kinder. Er kann nicht aufstehen. Er ist gefesselt. Er blickt sich um. Neben ihm die Kinder! Tot!

Er erwachte und unterdrückte das Zittern das seinen Körper ergriff. Er rieb sich die brennenden Augen und versuchte sich zu entspannen, es gelang ihm jedoch kaum. Ein Geräusch! Er erstarrte völlig. Langsam öffnete er die Augen, blickte sich um, konnte aber in der Dunkelheit nichts erkennen. Er schloß abermals die Augen um sich auf sein Gehör zu konzentrieren. Wieder ein Geräusch, so als ob irgend etwas sich einen Weg durch das Gestrüpp bahnte! Leise, jegliches Geräusch vermeidend, erhob er sich aus dem verrottetem Stroh und schlich zur Tür. Geduckt spähte er nach draußen in die Dämmerung. Dort, ein Schatten am Haupthaus. Der Schatten erinnerte an einen Menschen nur etwas größer und breitschultriger. Der Körper war übersät mit schwarzbraunen Haaren. Der Kopf war breit und das Gesicht hatte die Hauer und die Nase eines Wildschweines.

 

ORKS! Sie haben Maria! Er versucht sich zu befreien. Er ist hilflos. Sie schänden Maria! Alle sieben! Einer stößt ihr den Säbel durch die Brust! MARIA NEIN!

Er schlich gebückt und halb wahnsinnig durch das dürre Gras Richtung Haupthaus. Der Ork war vor einem Fenster stehen geblieben und blickte nun in das Innere. Erich hatte sich hinter dem Brunnen in Deckung gebracht, so das er den Ork ungehindert beobachten konnte. Die Narbe auf der linken Schulter blutete. Der Gestank des fauligen Wassers, die Nähe des Orks und die pochenden Schmerzen ihn seiner Schulter raubten ihn fast das Bewusstsein. Der Ork kletterte in das Haus.

 

Ihre Klauen zerreissen ihren Körper! Sie kommen zu mir!

Sein Kopf schien zu platzen als er den Dolch aus dem Beutel nahm. Er blickte zum Fenster, der Ork blieb verschwunden. Mit aller Kraft stemmte er sich hoch und schleppte sich weiter. Langsam näherte er sich dem Fenster.

 

Einer hebt den Säbel!

Die zwei kurze Schritte, die ihm noch vom Fenster trennten, schienen ihn unüberwindbar. Nur die Liebe zu seiner Familie hielt ihn auf den Beinen.

 

Der Säbel saust herab!

Der Ork tauchte hinter dem Fenster auf. Einen Schritt brauchte er noch zum Ziel. Er zielte auf die linke Schulter der Kreatur und stieß zu.

 

Die Schulter!

Die Kreatur stürzt kopfüber zu Boden. Er klettert durch das Fenster und zündet seine Kerze an. Er rollt die Kreatur auf den Rücken. Die Fratze hat er nie vergessen. Nach all den Jahren kann er endlich seine Schuld begleichen. Er holt aus seinem Beutel einige Kräuter und einen Zaubertrank, und beginnt die Schulter zu versorgen. Die Narbe auf der Schulter schließt sich. Sie beginnt zu verblassen und nach einigen Sekunden ist sie völlig verschwunden. Er flößt der Kreatur etwas von dem Zaubertrank ein und sie beginnt sich zu regenerieren. Die Kreatur beginnt nach einiger Zeit jung und kraftvoll zu wirken. "Ich kann nicht alles ungeschehen machen, jedoch dies soll dir die Kraft für ein neues Leben geben" . Er hebt den Säbel zum Gruß, verzieht sein Schweinegesicht zu einem Lächeln und verläßt Erich. Ein junger Falke zieht unermüdlich seine Kreise, getragen durch Septeras zarte Brise, um in den frühen Stunden des Tages Beute zu schlagen.

 

© Eduard Hürner

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